35/2003 | |
INHALT | |
Theologie |
Der interessante Beitrag über die Religionswissenschaft von Prof.
Richard Friedli, Universität Freiburg,<1>
vertritt eine entschiedene Auffassung von Religionswissenschaften, die auf
breite Resonanz stösst. In drei konzentrischen Kreisen zeigt er, wie
die Religionswissenschaft in Europa, in der Schweiz und an der Universität
Freiburg einen Paradigmenwechsel vollzieht. Die Religionswissenschaft sei
ein wichtiges Segment der Sozial- und Kommunikationswissenschaften, sie
eröffne viele Berufsaussichten und entspreche einem grossen Interesse
an Religion, das sich überall manifestiere.
Eine Partnerin der Religionswissenschaften kommt dabei aber auffälligerweise
nicht vor: die Theologie. Dieses Fehlen der Theologie in der Standortbestimmung
der Religionswissenschaften signalisiert ein in seiner Bedeutung und in
seinen Auswirkungen nicht zu unterschätzendes Problem. Die Studierenden
der Religionswissenschaft, so Professor Friedli, zeigten ein breites Interesse
an Christentumskunde. Das Christentum hat aber gerade in der Theologie eine
überaus reiche Reflexion über sich selbst entwickelt, weshalb
eine solche Lücke im Beitrag von R. Friedli verwundert. Ähnliches
gilt für die Religionen des Islam, des Judentums, des Hinduismus usw.,
die ebenfalls eine tiefe und breite theologische Reflexion über sich
selber hervorgebracht haben.
Ist die Religionswissenschaft aber gut beraten, wenn sie die Kunde dieser
Religionen so betreibt, dass sie von der Theologie dieser Religionen abstrahiert,
sich also im Wesentlichen darauf beschränkt, die soziale und politische
Bedeutung der religiösen Traditionen zu untersuchen, wie R. Friedli
die neueren Entwicklungen charakterisiert? Selbstverständlich ist gelebte
Religion mehr als Theologie, aber es wäre eine schwere Fehleinschätzung,
die theologische Reflexion der Religionen selbst ignorieren zu wollen.
Wenn eine Theologische Fakultät und Religionswissenschaft in derselben Universität nebeneinander wohnen, würde es der Idee der Universität selbst widersprechen, wenn diese Disziplinen beziehungslos nebeneinander herliefen, um je für sich «Christentumskunde» zu lehren und zu erforschen. Zum Glück ist das in Freiburg auch nicht der Fall. Theologische Fakultät und Religionswissenschaft kooperieren auf diesem Gebiet. Überdies ist ein Teil der Religionswissenschaft in der Theologischen Fakultät beheimatet (vertreten durch Prof. Anand Nayak aus Indien, der unter anderem durch seine Herkunft direkten Zugang zu den heiligen Schriften des Hinduismus in Sanskrit hat und damit eine wertvolle Kompetenz in die Religionswissenschaft einbringt). Die Theologische Fakultät mit ihrem differenzierten Fächerkanon beteiligt sich ebenfalls seit mehreren Jahren an dem Lehrangebot Christentumskunde, wie es in der Religionswissenschaft in der Philosophischen Fakultät gelehrt wird.
Die Zusammenarbeit von Theologie und Religionswissenschaft in Christentumskunde erscheint als natürlich und sachgemäss. Aber wie steht es mit den nichtchristlichen Religionen? Sind diese nicht der eigentliche Kompetenzbereich der Religionswissenschaften, während sich christliche Theologie da auf fremdem Gebiet bewegen würde? Es liegt im Begriff der Religionswissenschaft, gerade wenn sie als «Religionswissenschaft» im Singular gebraucht wird, dass Religion ein Phänomen ist, das sich in der bunten Vielfalt der Religionen durchhält. Anders wäre sinnlos, von «der Religionswissenschaft» zu sprechen. Von daher ist es klar, dass die Reflexion einer gegebenen Religion, die wir Theologie nennen, viel zum Verständnis des Phänomens Religion beitragen kann. Wieder wäre es eine unwissenschaftliche Selbstbeschränkung, wenn die Religionswissenschaften für ihre Forschungen auf die theologischen Ressourcen verzichteten. Zu Erscheinungen wie Mystik, religiöse Gesellschaftsformen, Riten, Ikonographie, Gebet, Weltbilder, Wallfahrten usw. haben die theologischen Disziplinen (Exegese, Kirchengeschichte, Liturgiewissenschaft, Dogmatik usw.) mit ihrer jahrhundertealten Dokumentation und Reflexion Gewichtiges beizutragen. Diese Beiträge gelten zuerst selbstverständlich für die eigene spezifische Religion, der die Theologie zugehört, aber in Analogie erhellen sie ebenso das Phänomen Religion überhaupt und helfen der Religionswissenschaft zugleich, vordergründige oder gar fehlgeleitete Urteile zu vermeiden.
Gewiss richten Religionswissenschaften und (christliche) Theologie verschiedene
Blicke auf die Religion bzw. die Religionen. Manche meinen vielleicht, es
fehle der theologischen Perspektive an Objektivität. Tatsache ist jedoch,
dass Theologie schon lange in fruchtbarer Weise mit anderen Wissenschaften
zusammenarbeitet. Man denke an die Kirchengeschichte, deren theologische
Perspektive sie nicht daran hindert, alle historischen Disziplinen beizuziehen,
die für Geschichtsforschung notwendig sind. Dasselbe gilt für
die biblischen Wissenschaften, die orientalische, judaistische und klassische
altertumswissenschaftliche Fächer miteinbeziehen. Die Beispiele liessen
sich leicht für wohl fast alle theologischen Fächer vermehren.
Man darf in aller gebotenen Bescheidenheit sagen, dass sich diese Zusammenarbeit
in beide Richtungen befruchtend bewährt hat. In profanen Disziplinen
werden theologische Arbeiten zitiert, die Beiträge zu ihrem Forschungsgebiet
erbringen, und umgekehrt, weil die betreffenden Forscher gerade in
einer vom Christentum und von einer bald 2000-jährigen christlichen
Glaubenspraxis und Kultur, wie sie die unsere darstellt im Gesamt
gesehen unmöglich auf die Theologie verzichten kann. Dieses Zusammenwirken
gilt für die Religionswissenschaft und die Theologie selbstverständlich
ebenso.
Es muss hinzugefügt werden, dass die christliche (wie übrigens
auch die buddhistische, jüdische usw.) Theologie der Religionen eine
wichtige Rolle für das Zusammenleben der Christen bzw. Buddhisten,
Juden usw. mit Gläubigen anderer Religionen spielt. Denn die Konzeption,
die sich eine Religion von andern Religionen macht, bestimmt die Bedingungen
einer friedlichen oder einer feindseligen Religionsbegegnung. Auch in dieser
Hinsicht ist die Theologie für die Religionssoziologie unentbehrlich.
Wenn R. Friedli einen «neuen und unverkirchlichten» Zugang zum
Christentum heute für adäquat hält und darin eine Chance
der Religionswissenschaft sieht, so ist gleichzeitig auf die Grenzen eines
solchen Zugangs zu verweisen. Denn der damit verbundenen Aussenperspektive,
der durchaus an manchen Stellen eine grössere Objektivität eignen
kann, bleiben wesentliche Verstehenshorizonte verschlossen. Wer deshalb
die christliche Theologie, teils unter dem Druck gegenwärtiger gesellschaftlicher
und auch kirchlicher Entwicklungen, ins Abseits drängt und durch die
Religionswissenschaft ersetzen will, wie es heute mitunter in der hochschulpolitischen
Diskussion anklingt, aber auch in mehreren Kantonen bereits im schulischen
Unterricht geschieht, verkennt die Notwendigkeit, ebenfalls aus der Mitte
des Christentums heraus diese Religion verstehen und deuten zu wollen.
Abgesehen von den negativen Konsequenzen für die Praxis des christlichen
Glaubens, die wir an dieser Stelle ausser Acht lassen, würde dies einen
ungeheuren kulturellen, ethischen und allgemein humanen Verlust für
Gesellschaft und Wissenschaft bedeuten.
Die grosse Mehrheit der Studierenden der Religionswissenschaften an der
Universität Freiburg belegen diese Disziplin als Nebenfach, sei es
in der Philosophischen, sei des in der Theologischen Fakultät. Beides
ist möglich. Die überwiegende Mehrheit der Theologiestudierenden
in Freiburg (mehr als 400) belegen Theologie im Vollstudium oder im Hauptfach,
rund 150 weitere studieren Theologie als Nebenfach. Es ist klar, dass sich
die beiden Fächer gut ergänzen, Theologie als Nebenfach für
Religionswissenschaftsstudierende oder Religionswissenschaft im Nebenfach
für Theologiestudierende.
Die Theologische Fakultät arbeitet augenblicklich im Zusammenhang mit
der Einführung des «Bologna»-Modells einen theologisch-religionswissenschaftlichen
Studiengang aus, und die Zusammenarbeit mit der Religionswissenschaft in
der Philosophischen Fakultät soll vertieft werden. In dieser Synergie
zwischen Religionswissenschaften und Theologie und nicht in der Ausgrenzung
oder gar im gegenseitigen Negieren liegt wohl die fruchtbarste Zukunft für
beide Seiten.
Adrian Schenker ist Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.
1 Religionswissenschaft im Übergang, in: SKZ vom 19. Juni, 25/2003, S. 473476.
Das Verhältnis zwischen Theologie und Religionswissenschaft ist
nicht nur aus wissenschaftsorganisatorischen Gründen schwierig: in
unseren Universitäten ist die Theologie mit Fakultäten, die Religionswissenschaft
mit Lehrstühlen vertreten. Mehr noch spielen wissenschaftstheoretische
Gründe eine Rolle: Theologie wie Religionswissenschaft arbeiten auf
denselben Gebieten und beschäftigen sich mit zum Teil gleichen Fragestellungen.
Während die Theologie als «fides quaerens intellectum»
gleichsam die Wissenschaft vom Christentum ist, dem die Forschenden angehören,
ist Religionswissenschaft die Wissenschaft von Religion und Religionen,
denen die Forschenden begegnen und die sie empirisch, historisch und systematisch
erforschen. So sind diese beiden Zugänge zu Religion wohl zu unterscheiden;
zum Nutzen beider sollten sie aber nicht in eine Beziehungslosigkeit geraten.
Der theologische wie der religionswissenschaftliche Zugang umfasst mehrere
wissenschaftliche Disziplinen. Einigen religionswissenschaftlichen Disziplinen
begegnen heute auch Theologinnen und Theologen in der Ausbildung wie in
der Praxis, wenn sie sich beispielsweise mit religionspsychologischen oder
religionssoziologischen Fragestellungen befassen. Auf einen Überblick
über das ganze Feld religionswissenschaftlicher Forschung, der Studierenden
der Religionswissenschaft als Einführung dienen will und zudem Theologinnen
und Theologen zur Horizonterweiterung dienen kann, soll hier deshalb empfehlend
hingewiesen werden. Für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt
verfasst hat ihn Klaus Hock, Professor für «Religionsgeschichte
Religion und Gesellschaft» an der Universität Rostock und
Verfasser islamwissenschaftlicher Bücher.<1>
Aufgebaut ist diese Einführung geradezu klassisch. Nach einleitenden
Kapiteln das eine skizziert den Inhalt des Buches und das andere führt
in die Diskussion des Religionsbegriffs ein stellt Klaus Hock die
verschiedenen methodischen Zugänge dar. Er beginnt mit dem historischen
Zugang, der den Theologinnen und Theologen nicht unvertraut ist, bedient
er sich doch der historisch-kritischen Methoden, wie sie auch in den historischen
Disziplinen der Theologie üblich sind. Anschliessend werden systematische
und phänomenologische Zugänge vorgestellt, womit auf mancherlei
Weise versucht wird, Religion(en) zu verstehen und zu interpretieren; das
ausgesprochen hermeneutische Interesse dieser Ansätze macht sie strittig.
Die religionssoziologischen und religionsethnologischen Zugänge gehen
der Beziehung zwischen Religion(en) und Gesellschaft(en) nach. Aus Gründen
der Arbeitsteilung konzentriert sich die Religionssoziologie auf die Religionen
in komplexen, modernen Gesellschaften und die Religionsethnologie auf die
Religionen vornehmlich schriftloser Kulturen; Klaus Hock stellt sie denn
auch in zwei Kapiteln vor. Das nächste Kapitel handelt von religionspsychologischen
Zugängen, denen es so zerstritten sie im einzelnen auch sind
um die Erhellung der Beziehungen zwischen Religion(en) und dem menschlichen
Subjekt geht.
Im anschliessenden Kapitel werden «weitere» und das heisst neuere
Zugänge zu den Religionen kurz vorgestellt: Religionsgeographie, Religionsästhetik
und Religionsökonomie Disziplinen mithin, «deren künftige
Stellung innerhalb der Religionswissenschaft bei weitem noch nicht geklärt
ist».
Zwei weitere Kapitel sind dem Verhältnis der Religionswissenschaft
zu benachbarten Disziplinen gewidmet: einerseits zur Philosophie, genauer:
zur Religionsphilosophie (mit ihrer Religionsbegründung wie Religionskritik)
und anderseits zur Theologie.<2>
1 Klaus Hock, Einführung in die Religionswissenschaft, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002, 211 Seiten; entgegen dem Selbstverständnis der Religionswissenschaft ist diese Einführung mit der Umschlagbeschriftung den Einführungen in die theologischen Disziplinen zugeordnet.
2 Die abschliessenden Kapitel handeln von der Wissenschafts- und Forschungsorganisation; eine gut strukturierte und nicht überlange Bibliographie sowie ein Register runden diese Einführung in die Religionswissenschaft ab.