16-17/2003 | |
INHALT | |
Theologie |
Der Römerbrief ist etwa im Winter 56/57 n. Chr. im Korinth entstanden. Paulus schreibt kurz vor seiner Reise nach Jerusalem zur Übergabe der Kollekte aus den Völkern an die Heiligen Roms. Er will die Christen Roms zur Unterstützung für sein grosses Missionsprojekt nach Spanien gewinnen und gleichzeitig Vorbehalte von jüdischer und teils judenchristlicher Seite gegen ihn entkräften. Paulus hat sich diese besonders wegen der beschneidungsfreien Missionspraxis unter den Völkern und der teilweisen Ausserkraftsetzung des Gesetzes für die Glaubenden aus den Völkern zu Gegnern gemacht.
Nach Anschrift (1,17), Danksagung und Fürbitte für die
Adressaten (1,817) folgt der erste grosse Hauptteil des Briefes, der
die rettende Wirkung des Evangeliums für Juden und Heiden aussergewöhnlich
breit entfaltet (1,1811,36). Er besteht aus drei Unterteilen: Teil
A handelt von der Verlorenheit der Menschen als Sünder ohne das Evangelium
(1,183,20). Teil B entfaltet die Heilswirklichkeit in Christus (3,218,39).
Die Sünder haben die Gerechtigkeit Gottes verloren; diese wird aber
allen geschenkt, die an das sühnende Sterben Jesu Christi glauben.
Teil C behandelt das Problem des nicht an Christus glaubenden Israel (9,111,36),
worauf wir nachher näher eingehen werden.<1>
In einem zweiten und kürzeren Hauptteil stellt Paulus Mahnungen für
das christliche Leben zusammen (12,115,13). Darauf folgt ein umfangreicher
Briefschluss (15,1416,27).<2>
Die drei Israelkapitel sind durch zwei Texte gerahmt, in denen Paulus
aus innerster Anteilnahme die Fragestellung eröffnet und beschliesst.
Beide Texte enden mit einer feierlichen Doxologie Gottes. 9,15 eröffnet
Paulus beinahe mit einem Schwur vor Gott und bringt Trauer und tiefen Schmerz
zum Ausdruck, dass seine Geschwister aus Israel von Christus getrennt sind.
Paulus nennt dann uneingeschränkt rühmend insgesamt acht Auszeichnungen
der Israeliten: die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse,
die Gesetzgebung, den Gottesdienst, die Verheissungen, die Väter und
den Messias dem Fleisch nach. Diese acht Auszeichnungen kennzeichnen Israel
als von Gott geliebt und erwählt; sie unterscheiden das Volk Gottes
grundlegend von allen anderen Völkern, denen sich Gott nicht in dieser
Weise zugewendet hat.
11,3336 beschliesst Paulus die drei Kapitel mit einem Lobpreis über
die unerforschlichen Wege Gottes, wobei auf zwei Ausrufe (V.33) drei Fragen
(V.34f.) und eine Doxologie (V.36) folgen<3>.
Gottes Handeln an Israel und den Völkern ist unergründlich, aber
es ist Paulus als Geheimnis von Gott erschlossen worden. Gott hat beide
in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich beider zu erbarmen und auf diesem
Weg die Heilsgeschichte zu vollenden und in Gott münden zu lassen:
«Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist alles, ihm (ist) die
Ehre in Ewigkeit. Amen.»
Zwischen diesem Anfangs- und Endpunkt von Röm 911 entfaltet sich
die Denkbewegung der Argumentation des Apostels in etwa in Entsprechung
zur Kapiteleinteilung aus dem 13. Jh.<4>.
Die Kapitel 9, 10 und 11 beginnen nämlich jeweils mit einer analogen
persönlichen Stellungnahme (9,1f.; 10,1f.; 11,1) und enden mit Schriftzitaten
(9,33; 10,1821; 11,34f.). Ausserdem wird am Beginn des Kapitels jeweils
die inhaltliche These gleichsam überschriftsartig angegeben. Sie lautet
für Kapitel 9: «Es ist nicht so, dass Gottes Wort hinfällig
geworden ist» (9,6); für Kapitel 10: «Denn Ziel (télos)<5> des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit
für jeden, der glaubt» (10,4); für Kapitel 11: «Hat
Gott sein Volk verstossen? ... Nicht verstossen hat Gott sein Volk, das
er vorauserkannt hat» (11,1a.2).<6>
«Perspektivisch sind die drei Kapitel so zugeordnet: Röm 9 argumentiert
mit Blick auf die Vergangenheit Israels, die Anfänge des Volkes ...,
Röm 10 schaut auf die erfolglose Begegnung Israels mit dem Evangelium
in der Gegenwart ... Röm 11 schliesslich erörtert die Frage nach
der Zukunft des Gottesvolks. Dabei denken Kapitel 9 und 11 ganz aus der
Perspektive Gottes, des in Freiheit erwählenden (9) bzw. des in Zukunft
sich erbarmenden Gottes (11), wohingegen in Kapitel 10 das Sich-Versagen
der Menschen, das heisst der Ungehorsam Israels, den Blickwinkel bestimmt.
Vor allem ist das Mittelstück, Röm 10, christologisch orientiert
..., wohingegen Röm 9 und 11 theozentrisch argumentieren.»<7>
An drei Stellen spricht Paulus von den Vorzügen Israels. Zuerst,
Röm 911 weit vorgelagert und darauf verweisend in 3,1f. Zuvor
hat Paulus den Wert der Beschneidung im Blick auf Glaubende aus den Völkern
relativiert (2,2529).<8> Nun stellt
er selbst die Frage, was denn der Nutzen der Beschneidung sei (3,1) und
antwortet 3,2 mit «gross in jeder Hinsicht». Er wertet die Beschneidung
im Licht des AT ohne weitere Erläuterung als Bundeszeichen, wobei dem
Bundespartner Israel die Worte Gottes anvertraut wurden. Israel ist der
menschliche Partner Gottes, dem Gott sein Wort als Erschliessung, Erbe und
Auftrag anvertraut hat. Gemeint sind mit den Worten Gottes «sowohl
die Verheissungen des AT, mit denen Gott seine Treue engagiert, wie auch
die Weisungen des Gesetzes ..., die die Treue der Israeliten beanspruchen»<9>.
Die zweite Stelle mit einer breiten Aufzählung der Vorzüge Israels
ist 9,4f.<10> Die bereits genannten Vorzüge
des Gottesvolkes können hier nur ganz kurz erläutert werden: die
Sohnschaft verweist auf die besondere Gottesbeziehung Israels seit dem Exodusgeschehen
(Ex 4,22; Dtn 14,1; Hos 11,1); die Herrlichkeit weist auf das Zeichen der
Gegenwart Gottes in ihrer Mitte (Ex 16,10 u.ö.); die Bundesschlüsse
lassen an die Zusicherungen Gottes von Land und Wachstum an die Väter
des Volkes denken (Sir 44,20ff.; 2 Makk 8,15; Weish 18,22); die Gesetzgebung
meint wohl primär den Sinaibund mit seinem Israel verpflichtenden Charakter;
der Gottesdienst beinhaltet den Kult, der auch im Buch Ex angeordnet wird
(ab Kapitel 25); die Verheissungen umfassen alle endzeitlich ausgerichteten
Zusagen des AT; zu den Vätern zählen Abraham, Isaak und Jakob;
der Messias geht seiner leiblichen Abkunft nach aus dem Geschlecht Davids
(1,3) und somit aus Israel hervor.
An der dritten Stelle 11,1724 vergleicht Paulus Israel mit einem edlen
Ölbaum, der als Pflanzung Gottes zu werten ist (vgl. Hos 14,6f.; Jer
11,16f.). Der Ölbaumvergleich steht gleichsam unter der Überschrift:
«Wenn die Wurzel heilig ist, dann sind es auch die Zweige» (11,16).
Es ist der edle Anfang der Väter und Mütter des Volkes Gottes,
welcher die Heiligkeit der ganzen Pflanzung sicherstellt. Im Blick auf den
Unglauben sind zwar einzelne Zweige aus dem Baum entfernt und andere eingesetzt
worden. Zu denken ist hier an Juden, welche sich der Christusbotschaft verweigert
und an Heidenchristen, welche sich ihr im Glauben geöffnet haben. Dennoch
dürfen die glaubenden Heidenchristen nicht in Verachtung auf sich verweigernde
Juden herabsehen, denn sie sind selbst gefährdet und werden von der
edlen Wurzel des Ölbaums getragen. Und wenn die Heidenchristen als
wilde Zweige in den edlen Ölbaum eingepropft werden können, dann
erst recht die edlen Zweige.
Kapitel 11 setzt mit der besorgten Frage ein, ob Gott sein Volk etwa
verstossen habe, was von Paulus entschieden zurückgewiesen wird. Gott
hat sein Volk nicht verstossen, Paulus selbst ist lebendiger Beweis dafür,
da auch er ein Israelit ist. Aber das an den Messias glaubende Israel ist
auf einen Rest zusammengeschrumpft, wie das zur Zeit Elijas schon ähnlich
der Fall war. So fasst Paulus 11,7 zusammen: «Was nun? Was Israel
erstrebt hat, dies hat es nicht erreicht, die Auswahl (der erwählte
Rest) aber hat es erreicht, die übrigen aber wurden verstockt.»
Hier nimmt Paulus eine bereits alttestamentliche Vorstellung auf, um den
Unglauben der Mehrheit Israels gegenüber der christlichen Verkündigung
zu erklären. Gott hat das Herz der nicht Glaubenden hart gemacht und
verstockt, damit sie nicht zur Annahme und zur Bejahung des Messias finden.
Er hat ihnen Augen und Ohren verschlossen, damit sie nicht zur Erkenntnis
des Christus finden. Die Vorstellung von der Verstockung Israels ist im
NT über Paulus hinaus belegt und wahrscheinlich nicht von Paulus selbst
eingeführt worden. Auch einzelne Evangelien und die Apg kennen sie,
und dort wird sie mit einem Zitat aus Jes 6,9f. begründet (vgl. so
Mt 13,1315; Joh 12,3740; Apg 28,2528). Auch an unserer Stelle
im Röm begründet Paulus die Verstockungsaussage mit der Schrift;
11,810 beruft er sich aber nur indirekt auf Jes 6,9f., das er in ein
Mischzitat aus Dtn 29,3 und Jes 29,10 einbaut<11>,
sowie auf Ps 68,23f. (LXX).
Die Verstockungsaussage ist aber schon im AT nicht als Akt der Willkür
Gottes zu verstehen, der Menschen auf diese Weise ewig verdamme. Vielmehr
heisst es Ps 81,1215: «Doch mein Volk hat nicht auf meine Stimme
gehört ... Da überliess ich sie ihrem verstockten Herzen ... Ach
dass doch mein Volk auf mich hörte ... Wie bald würde ich seine
Feinde beugen». Verstockung ist «als eine Reaktion Gottes auf
hartnäckige Sünde (zu verstehen), die darin besteht, dem Sünder
zeitweilig seinen Beistand zu entziehen und ihn sich selbst zu überlassen,
um ihn durch diesen Leidensdruck für eine Umkehr zu öffnen»<12>.
Im Röm ist mit der Verstockung Israels ausserdem die ganz und gar positive
Auswirkung verbunden, dass durch die Abweisung des Evangeliums dieses seinen
Weg über die Völker finden kann. Das Heil der Christusverkündigung
erreicht so in der Mission die Völker, und Paulus verspricht sich auf
diesem Weg, dass wenigstens einige aus Israel dadurch in Eifersucht gereizt
und zum Glauben finden werden (11,11.14). Die Nichtglaubenden aus Israel
sind also nicht gestrauchelt, um zu Fall zu kommen, sondern durch ihren
Fall ist den Völkern das Heil widerfahren: «Wenn aber ihr Fall
Reichtum der Welt und ihre Niederlage Reichtum der Völker, um wie viel
mehr ihre Vollzahl» (11,12). Mit dieser Aussage blickt Paulus bereits
über die negative Seite der Verstockung Israels hinaus hin zur Annahme
Israels, was für alle Leben aus den Toten bedeutet (11,15).
Der zu besprechende Text Röm 11,2527 lautet:
V.25 «Denn ich möchte euch nicht in Unkenntnis lassen, Geschwister,
über dieses Geheimnis, damit ihr euch nicht selbst als klug haltet:
Verstockung ist teilweise Israel widerfahren, bis die Vollzahl der Völker
eingeht.
V.26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es
wird kommen aus Zion der Retter, und wird die Gottlosigkeit aus Jakob entfernen.
V.27 Und dies (ist) für sie mein Bund, wenn ich ihre Sünden wegnehme.»
Paulus spricht die Adressaten an und verweist sie auf ein Geheimnis.
«Damit ist wie 1 Kor 15,51 ... eine göttliche Offenbarung über
Ereignisse der Endzeit gemeint, wie sie Propheten und apokalyptischen Sehern
vorweg zuteil wird (vgl. Dtn 2,18f. ...).»<13>
Die Paulus gewährte Offenbarung Gottes wird V.25b.26a umfasst haben.
Danach ist die Zeit der Verstockung über einen Teil Israels begrenzt,
bis die volle Zahl (ple-ro-ma) der Völker eingeht. Mit der Vollzahl
dürfte die von Gott festgesetzte Zahl der Glaubenden aus den Völkern
gemeint sein, die vor dem Ende in der Mission gerettet werden soll. Wenn
diese nur Gott bekannte Vollzahl der Völker eingegangen ist (zu ergänzen
ist wohl: «in das Reich Gottes»<14>
oder «in das Heil»), dann wird auch ganz Israel gerettet werden.
Mit ganz Israel werden die nicht an den Messias Jesus glaubenden Juden und
die Judenchristen gemeint sein<15>, die
beim endzeitlichen Kommen des Messias Jesus gerettet werden. Eben dies erläutert
Paulus noch mit einem alttestamentlichen Mischzitat aus Jes 59,20f.; 27,9
in V.26b.27: Der endzeitliche Retter wird aus dem himmlischen Jerusalem
(vgl. Gal 4,26) kommen und alle Gottlosigkeiten aus Jakob = Israel entfernen.
Dies wird der von Gott gewährte Bund sein, der die Wegnahme aller Sünden
des Gottesvolkes beinhaltet.<16>
Ist durch die endzeitliche Rettung ganz Israels beim Kommen des Parusie-Christus
ein Sonderweg angezeigt, nach dem Israel nicht auf dem üblichen Weg
der Annahme der Verkündigung des Messias Jesus im Glauben gerettet
wird? Soll für Israel die Rechtfertigung des Sünders aus Glauben
an Jesus Christus anstatt aus Werken nicht gelten? Man wird dies gegen viele
bejahen können<17>, wenn man die Sonderstellung
Israels als Volk Gottes und die endzeitliche Rettung bei der Wiederkunft
Christi bedenkt. Bei der Parusie wird Christus umgeben von Engeln und im
Glanz der Herrlichkeit Gottes erscheinen, womit alle irdisch-menschlichen
Zweideutigkeiten aufgehoben sind und Israel seinen Messias uneingeschränkt
bejahend annehmen kann. Israel wird von Gott in Erwählung und Erbarmen
ein Sonderweg der Annahme des Messias gewährt, damit es seinen und
aller Glaubenden Retter ungeteilt bejahen und in das Reich Gottes eingehen
kann.
Nur kurz soll noch auf drei Stellen in wahrscheinlich früheren Briefen
des Paulus (1 Thess, 2 Kor, Gal) über Israel hingewiesen werden. In
dieser Weise wird das Ringen des Apostels mit dieser Fragestellung etwas
deutlicher und die Stellungnahme im Röm gewinnt an Profil.<18> Der 1 Thess ist nach vielen Fachleuten der
erste uns erhaltene Brief des Paulus und etwa um 50 n. Chr. in Korinth entstanden.
Er enthält in 2,1416 die schärfste paulinische Attacke gegen
die Juden. Sie steht so sehr in Spannung zu den positiven Aussagen über
Israel im Röm, dass nicht wenige Fachleute die Stelle Paulus absprechen
wollen und an einen sekundären Einschub von anderer Hand denken. Diese
Hypothese ist nicht nötig. Paulus nimmt hier aus urchristlicher, frühjüdischer
und heidnischer Überlieferung alles auf, was an pauschaler Polemik
gegen die Juden formuliert worden ist. Er tut dies, weil Juden ihn und seine
Mitarbeiter an der Verkündigung des Evangeliums bei den Völkern
hindern und so deren Heil gefährden. Er sieht Gottes Zorngericht schon
über sein Volk hereinbrechen, das sich der Heilsverkündigung des
Messias Jesus verweigert.<19>
Im späteren 2 Kor, entstanden etwa um 55/56, profiliert Paulus seinen
Verkündigungsdienst in 3,418 im Gegenüber zu Mose und dem
alten Bund. Er hebt die Herrlichkeit, Freiheit und Geistgewirktheit seines
Dienstes hervor, der an Glanz und Grösse den Dienst des alten Bundes
überstrahlt. Die Glieder des alten Bundes sind verstockt und können
das Heil in Christus nicht verstehen, weil sie sich ihm nicht zuwenden und
sich von seinem Geist nicht zur Herrlichkeit Gottes auf seinem Antlitz führen
lassen.
Hier findet sich zwar die Verstockungsaussage, und der alte Bund verblasst
im Vergleich mit dem neuen. Aber dennoch gibt der Exodus und das Sinaigeschehen
die Folie, auf deren Hintergrund der neue Bund dargestellt wird. Israel
wird nicht verworfen, es kann sich noch bekehren, das Zorngericht Gottes
waltet nicht bereits über ihm. Gegenüber der Aussage in 1 Thess
2,1416 ist dies durchaus eine positive Entwicklung.
Am Ende des vielleicht etwa um 56 n. Chr. entstandenen Gal schreibt Paulus
dann einen Satz, dessen Verständnis sehr umstritten ist, der meines
Erachtens aber einen neuen Horizont in seinem Israelverständnis eröffnet.
Gal 6,16 lautet: «Und alle, die sich an diese Richtschnur halten werden
(vgl. V.15), Friede über sie, und Erbarmen auch über das Israel
Gottes!» Paulus hat zuvor den Frieden den Glaubenden zugesprochen
(1,3) und seine Gegner indirekt davon ausgenommen. Er weiss, dass der Friede
Heilsgut Israels ist, wie es gerade zwei Psalmen abschliessend formulieren:
«Frieden über Israel» (Ps 125,5; 128,6). Während Paulus
seine judaisierenden Gegner vom Frieden Gottes ausnimmt, spricht er dem
Israel Gottes, dem Gottesvolk des Sinaibundes, das Erbarmen zu. Paulus zeichnet
damit Israel am Ende des Gal unerwartet positiv aus, «womit er den
Grundzug des Röm bereits präludiert»<20>.
Die Aussagen über das Israel Gottes beziehen jedoch nur wenige Ausleger
in dieser Weise auf das Gottesvolk Israel.<21>
Die meisten Ausleger verstehen «das Israel Gottes» als Ehrentitel
der christlichen Gemeinde insgesamt. Aber erst Justin hat um 160 n. Chr.
von der Kirche als wahres Israel gesprochen (dial 11,5; vgl. 100,4; 123,9),
bei Paulus und im NT ist dies noch nicht zu finden.<22>
Paulus hat in seiner Wertung Israels vom 1 Thess über den 2 Kor
und Gal bis hin zum Röm im Verlauf von etwa sieben Jahren einen grundlegenden
Wandel vollzogen.<23> Steht Israel im 1
Thess als Hinderer und Verfolger der christlichen Mission unter dem Gericht
Gottes, so findet es nach dem Röm trotz zeitweiliger Ablehnung des
Messias Jesus in Verstockung beim endzeitlichen Kommen des Christus Jesus
zum Heil. Zudem hat nun die zeitweilige Ablehnung des Messias Jesus in Verstockung
eine ganz positive Seite: Sie ermöglicht die Verkündigung des
Evangeliums bei den Völkern, damit auch die Heiden Heil und Leben der
Christusverkündigung erfahren. Paulus hat offensichtlich die positiven
Erfahrungen der Mission bei den Völkern neu gewertet und reflektiert
und ist so zu einer grundlegenden Neueinschätzung der Ablehnung der
Christusverkündigung durch die Mehrheit Israels gelangt. Die vorläufige
Verweigerung Israels hat den Sinn, Christus unter den Völkern zu verkündigen
und diesen das Leben zu eröffnen. Wenn die volle Zahl der Glaubenden
aus den Völkern erreicht wird, um die nur Gott allein weiss, dann wird
beim endzeitlichen Kommen des Messias Jesus auch Israel in Gottes Erbarmen
gerettet werden. Dabei wird Israel wegen seiner Bedeutung als von Gott einmalig
erwähltes und geliebtes Volk ein «Sonderweg» gewährt.
Es wird nicht durch die normale Annahme der Missionsverkündigung im
Glauben zum Heil finden. Der Parusiechristus wird sich dem Volk Gottes vielmehr
gesondert zuwenden und ihm in Vergebung die Sünden erlassen. In dieser
Weise wird das nicht an Christus glaubende Israel seinen Messias annehmen
und Gottes Erbarmen mit seinem Volk erfahren. Israel wird dann auch fähig
werden, die Wege der Christusverkündigung über die Völker
zu bejahen und die Aufnahme der Glaubenden aus den Völkern in das vollendete
Volk Gottes anzunehmen.
Als Christen aus den Völkern müssen wir uns die Wertung Israels
nach dem Röm zu eigen machen. Wir müssen die einmalige Berufung
und Wertschätzung Israels anerkennen. Die Rettung ganz Israels wird
Gott über den Sonderweg der Parusie des Messias Jesus für sein
Volk vollziehen. Bis dahin können sich zwar noch einige aus Israel
zu Christus bekehren (11,11.14). Aber dies ist nicht der normale Weg der
christlichen Mission. Diese hat sich vielmehr bis zur Parusie des Christus
Jesus auf die Völker zu beschränken. Und gerade die Bekehrung
der Menschen aus den Völkern wird der Beitrag der christlichen Mission
zur umfassenden Fülle des Gottesvolkes bei der Parusie des Christus
sein. Dann wird Israel seinen Messias uneingeschränkt annehmen, und
die Glaubenden aus den Völkern werden mit ganz Israel die Heilswege
Gottes mit seinem Volk preisen. Diese Zurückhaltung der christlichen
Mission gegenüber Israel scheint mir gerade im Rückblick auf eine
fast 2000-jährige Geschichte gescheiterter Mission angemessen zu sein.
Christen haben Juden nicht zu bekehren und noch weniger zu verfolgen. Der
Messias wird bei seinem endzeitlichen Kommen seinen Geschwistern aus Israel
das rettende Erbarmen Gottes zuwenden und mit ihnen den Bund Gottes vollenden,
der auch den Glaubenden aus den Völkern ewigen Frieden und Gemeinschaft
mit Gott gewährt.
Der an der Theologischen Fakultät Luzern promovierte Schweizer Theologe Peter Dschulnigg hat an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl für Neues Testament inne.
1 Vortrag vom 23. Februar 2003 in der Gemeinde Heilig Geist, Dortmund-Wellinghofen, um Anmerkungen erweitert.
2 Vgl. zu dieser Gliederung des Röm D. Zeller, Der Brief an die Römer, (RNT), Regensburg 1985, 8f.
3 Vgl. R. Pesch, Römerbrief, (NEB.NT 6), Würz burg 31994, 88.
4 Vgl. A. Wikenhauser/J. Schmid, Einleitung in das Neue Testament, Freiburg u.a. 61973, 73.
5 Vgl. zu diesem Verständnis M. Theobald, Der Römerbrief, (EdF 294), Darmstadt 2000, 215219; P. Dschulnigg, Rabbinische Gleichnisse und das Neue Testament. Die Gleichnisse der PesK im Vergleich mit den Gleichnissen Jesu und dem Neuen Testament, (JudChr 12), Bern u.a. 1988, 441.446f. Anm. 17.
6 Vgl. zu diesem Abschnitt bes. Theobald, Römerbrief (siehe Anm. 5) 263f. Abweichend von diesem Vorschlag «lassen viele Kommentatoren das Mittelstück bereits mit 9,30 beginnen» (Theobald, Römerbrief 263).
7 Theobald, Römerbrief (siehe Anm. 5) 264.
8 Vgl. zur Beschneidung P. Dschulnigg, Art. Beschneidung, in: J. Hainz/A. Sand, Münchener Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (MThW), Düsseldorf 1997, 50f.
9 Zeller, Röm (siehe Anm. 2) 78.
10 Vgl. zu den folgenden Ausführungen Zeller, Röm (siehe Anm. 2) 173.
11 Vgl. Zeller, Röm (siehe Anm. 2) 192.
12 S. Schneider, Art. Verstockung, in: MThW 381f. (382).
13 Zeller, Röm (siehe Anm. 2) 197.
14 Nach J. Gnilka, Theologie des Neuen Testaments, (HThK.S 5), Freiburg u.a. 1994, 129 Anm. 55: «in das Gottesvolk».
15 Vgl. Theobald, Römerbrief (siehe Anm. 5) 270f. 280; Zeller (siehe Anm. 2), Röm 198.
16 Dabei ist an den neuen Bund (Jer 31,33f.) oder den Bund Gottes mit den Patriarchen zu denken (letzteres Theobald, Römerbrief [siehe Anm. 5] 281).
17 Einen solchen «Sonderweg» Israels lehnen z.B. ab: J. Becker, Paulus. Der Apostel der Völker, (UTB.W 2014), Tübingen 31998, 497502; G. Strecker, Theologie des Neuen Testaments, hrsg. v. F. W. Horn, (GLB), Berlin-New York 1996, 218222; U. Schnelle, Wandlungen im paulinischen Denken, (SBS 137), Stuttgart 1989, 8385.
Einen «Sonderweg» Israels dagegen bejahen: F. Mussner, «Ganz Israel wird gerettet werden» (Röm 11,26), in: Kairos 18 (1976) 241255 (247253); F. Mussner, Israels «Verstockung» und Rettung nach Röm 911, in: ders., Die Kraft der Wurzel, Freiburg u.a. 21989, 3954 (4854); Theobald, Römerbrief (siehe Anm. 5) 276282.18 Vgl. zu den folgenden drei Stellen mit teils anderer Wertung Schnelle, Wandlungen (siehe Anm. 17) 7780; J. Eckert, Das letzte Wort des Apostels Paulus über Israel (Röm 11,2532) eine Korrektur seiner bisherigen Verkündigung?, in: Schrift und Tradition (FS J. Ernst), hrsg. v. K. Backhaus u. F. G. Untergassmair, Paderborn u.a. 1996, 5784 (5965.6974).
19 Vgl. zu 1 Thess 2,1416 weiter P. Dschulnigg, Die Judenbeschimpfung im 1. Thessalonicherbrief und ihre Probleme, in: SKZ 160 (1992) 239244.
20 P. Dschulnigg, Art. Israel, in: MThW 210212 (210).
21 Vgl. so F. Mussner, Der Galaterbrief, (HThK 9), Freiburg u.a. 51988, 416f.; F. F. Bruce, The Epistle of Paul to the Galatians, (NIGTC), Exeter 1982, 275; fragend D. Lührmann, Der Brief an die Galater, (ZBK.NT 7), Zürich 21988, 102.
22 Vgl. P. Dschulnigg, Art. Israel, in: MThW 210212 (212); Mussner, Gal (siehe Anm. 21) 417.
23 Vgl. dazu Eckert, Wort (siehe Anm. 18) 83: «Der Bogen spannt sich von der Gerichtsprophetie in 1 Thess 2,1416 bis zur Heilsprophetie in Röm 11,25ff.»