14/2003 | |
INHALT | |
Theologie |
Der katholische Glaube ist nirgendwo so sehr in seinem Element wie in
der Feier der Sakramente, vor allem der Eucharistie. Sie ist die Quelle
und der Höhepunkt des kirchlichen Lebens. Diese Zentralstellung hat
auch zur Konsequenz, das sich das heute stark voranschreitende Verdunsten
des Glaubensbewusstseins vor allem auf die Sakramente auswirkt. Bereits
vor einiger Zeit hat Kardinal Godfried Danneels, der Erzbischof von Mecheln-Brüssel,
mit Recht gemahnt, dass wir heute im Begriff sind, die Sakramente zu verlieren.
Dies gilt in besonderer Weise von der Eucharistie, dem Herz der Kirche.
Auf meinen Pastoralbesuchen musste ich auch feststellen, dass es praktizierende
Gläubige gibt, die im Grunde die Gegenwart des auferstandenen Christus
in der Eucharistie nicht interessiert. Sie wünschen sich vielmehr eine
gemeinsame Mahlfeier, und zwar nicht nur mit anderen christlichen Kirchen,
sondern auch mit anderen nichtchristlichen Religionen.
Solche verhängnisvolle Entwicklungen werden neuerdings auch theologisch
zu untermauern versucht. Dies trifft vor allem auf den Grazer Neutestamentler
Peter Trummer zu, der in seinem Buch «...dass alle eins sind!»<1> im Untertitel «Neue Zugänge
zu Eucharistie und Abendmahl» verspricht, im Grunde aber den ganzen
katholischen Glauben an die Eucharistie in Frage stellt und jedes biblische
Fundament der katholischen Lehre von der besonderen eucharistischen Gegenwart
des Auferstandenen bestreitet. Für ihn ist die Feier der Eucharistie
«nichts anderes als eine Weiterführung des Wortgottesdienstes.
Dabei hat der Einsetzungsbericht keine andere Qualität und Wertigkeit
als jeder andere Satz oder Wörter in der Bibel» (177). Folglich
steht auch nicht der Einsetzungsbericht in der Mitte der Eucharistie, sondern
das Vaterunser: «Das Beten des Vaterunsers ist noch immer das Vornehmste,
das Christen/Christinnen miteinander tun können, auch und gerade im
Sinne der Eucharistie» (175).
Im Blick auf das Vaterunser legt Trummer denn auch unumwunden offen, was
er anstrebt: «Wenn Jesus so knapp und bündig zu beten lehrte,
dann sollte es trotz allem nicht zu schwierig sein, gemeinsam Eucharistie
zu feiern, auch wenn kein Ðordnungsgemässerð (ordinierter)
Priester zur Verfügung steht. Die Gemeinden selbst können ohnehin
schon auf mehr Vorerfahrungen zurückgreifen, als ihnen meist bewusst
ist. Sie haben in der Praxis der an den Gottesdienst anschliessenden Agapen
bereits das Wesentliche getan, nämlich miteinander im Namen des Herrn
gegessen und getrunken. Nur haben sie den tatsächlichen Wert ihres
Tuns bisher nicht genügend erkannt, weil sie es gegenüber dem
offiziellen amtspriesterlichen Teil abwerteten» (S. 175).
Damit ist offensichtlich, dass es Trummer nicht etwa um die Wiederentdeckung
der Agapefeier geht, sondern dass er alle neutestamentlichen Erzählungen
über Brotbrechen, selbst die wunderbaren Speisungen im Leben Jesu (die
freilich gemäss Trummers Dogma eines säkularistischen Wirklichkeitsverständnisses
nicht von Jesus gewirkt, sondern allein soziale Wunder sind), als eucharistisches
Handeln bezeichnet und sogar im Blick auf die Erzählung über die
Schifffahrt des gefangenen Paulus nach Rom von einer «grenzüberschreitenden
Eucharistie» (nämlich mit Heiden) schreibt, «wie sie Paulus
im Seesturm feiert» (60). Alle Mahlberichte im Neuen Testament werden
mit dem Vorzeichen einer «allgemeinen Dankbarkeit» gelesen und
damit als Eucharistie ausgegeben. Von daher macht sich Trummer stark für
«das eigenständige eucharistische Handeln der Gläubigen»,
im Blick darauf es nur eine geringe Rolle spielen könne, «ob
die offizielle Theologie in Zweifel darüber gerät, ob sie von
einem neuen Sakrament des Brotbrechens oder lieber von einer Sakramentalien-Eucharistie
sprechen soll» (S. 172).
Die exegetische «Begründung» für diese unhaltbaren
Thesen findet Trummer in der Behauptung, Jesu Einsetzungsworte und damit
auch die eucharistischen Konsekrationsworte würden sich nur auf die
Gemeinde, nicht hingegen auf die eucharistischen Gaben beziehen: «Die
ursprüngliche jesuanische Deutung: Das ist mein Leib bezieht sich gar
nicht auf das Brot, sondern auf die Anwesenden, oder noch genauer auf deren
Tun. Ihr gemeinsames Essen wird von Jesus als der symbolische Aufbau seines
Leibes gedeutet» (137). Darüber, dass eine derart einseitige
Interpretation letztlich zu absurden exegetischen Konsequenzen führen
würde, gibt sich Trummer freilich keine Rechenschaft. Sein durch
und durch ideologisch gefärbtes Interesse ist die Ablehnung der
katholischen Lehre von der Realpräsenz: «Wenn die Metapher ÐLeib
Christið von den nachpaulinischen Schriften so sehr auf die Leibhaftigkeit
des Kirchenleibes insgesamt bezogen wird, dann bleibt daneben wenig bis
gar kein Platz für an Hostien festgemachte Wandlungsphantasien»
(S. 150). Diese Behauptung, dass es in der Eucharistie nur um das gemeinsame
Essen und in keiner Weise um eine Speise geht, durchzieht das ganze Buch
wie ein roter Faden.
Hier ist nicht der Ort, die Unhaltbarkeit dieser These detailliert zu begründen.
Dies hat in vorbildlicher Weise der ehemalige Wiener Neutestamentler Jacob
Kremer bereits getan. In einer exakten Überprüfung der Thesen
Trummers hat er eingehend und einleuchtend nachgewiesen, dass diese Thesen
exegetisch nicht aufrechterhalten werden können. Ich verweise gerne
auf diesen hilfreichen Aufsatz Kremers<2>.
Im Buch Trummers begegnet man freilich auch exegetischen und historischen
Beobachtungen und Feststellungen, die in sich wertvoll sind. Ebenso sind
es einzelne Thesen durchaus wert, dass sie in der exegetischen Diskussion
aufgenommen und bearbeitet werden.
Die Thesen Trummers sind freilich nicht nur exegetischer Natur, die von
der Fachwissenschaft weiter zu untersuchen sind. Trummer macht vielmehr
auch viele dogmatische und dogmengeschichtliche Behauptungen, die allerdings
der gesamten christlichen Tradition widersprechen. Diese wird von Trummer
in einer Hermeneutik des prinzipiellen Verdachts sehr selektiv und in pessimam
partem interpretiert, so dass leicht der Eindruck insinuiert werden kann,
es sei an der Zeit, sich von ihr zu verabschieden. Dieses mehr ideologische
als sachliche Verfahren wählt der Autor vor allem bei den katholischen
Lehren von der Realpräsenz Christi in der Eucharistie, von ihrem Opfercharakter
und von der Transsubstantiation.
Vor allem macht Trummer Front gegen die kirchliche Bindung der Eucharistie
an die Vorsteherschaft des Priesters: «Treten jedoch wirklich die
Menschen als vorrangig ins Bewusstsein und nicht die zu erhaltenden Strukturen,
ist keiner christlichen Gemeinschaft und Gemeinde das Recht und die Pflicht
zur Feier der Eucharistie länger abzusprechen. Dies gilt wie
in der frühen Kirche sogar unabhängig von jeder Amtsfrage.
Denn das kirchliche Amt ist nicht auf das zu verwandelnde Brot an sich ausgerichtet,
sondern auf die Gemeinschaft der Menschen. Und diese haben die Berufung
und Verpflichtung in sich, durch das Miteinander-Essen des Brotes zu Gliedern
am Leib Christi zu werden. Und für das Trinken des Bechers gilt dies
ebenso» (171). Auch wenn eingestanden werden muss, dass die heutige
Gestalt des priesterlichen Amtes nicht schon in allen Einzelzügen im
Neuen Testament vorfindbar ist, kann doch seine Verwurzelung im Neuen Testament
und vor allem in der frühkirchlichen Tradition nicht bestritten werden.
Das Buch Trummers aber ist geprägt von einer wenn auch in einzelnen
Punkten berechtigten, im Ganzen aber völlig verfehlten Polemik
gegen das priesterliche Weiheamt. Die auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil
betonte Unterscheidung zwischen dem gemeinsamen und dem besonderen Priestertum
wird deshalb als eine bloss «scholastische» Unterscheidung (S.
169) verabschiedet.
Insgesamt ist das Urteil unumgänglich: Das Buch Trummers hält
sein Versprechen nicht. Es bietet gerade nicht «neue Zugänge
zu Eucharistie und Abendmahl», sondern ist eine totale Verabschiedung
der kirchlichen Lehre von der Eucharistie als Sakrament und des priesterlichen
Weiheamtes. Dies kann nicht widerspruchslos hingenommen werden. Denn die
Eucharistie der Kirche ist nicht irgendein Freudenmahl, das man mit Juden
und Buddhisten zusammen feiern könnte (denen Trummer übrigens
völlig unsensibel zumutet, mit uns Christen das Vaterunser in der von
ihm so genannten «Eucharistie» gemeinsam zu beten, wiewohl kein
Buddhist in der Lage sein dürfte, Gott als Vater zu bezeichnen). Die
Eucharistie ist vielmehr die sakramentale Feier der Gegenwart des auferstandenen
Christus bei seiner Kirche und braucht eben deshalb die liturgische Vorsteherschaft
des geweihten Priesters.
Wäre es angesichts der glaubensgefährlichen Thesen Trummers
für einen Bischof nicht besser, wenn er dieses Buch nicht beachten
und einfach wegschauen würde, zumal immer die grosse Gefahr besteht,
dass eine bischöfliche Stellungnahme zu einem Buch Interesse daran
weckt und dieses erst recht bekannt macht? Doch auf der anderen Seite gehört
zu den elementaren Aufgaben und Pflichten eines Bischofs gemäss der
ursprünglichen Bezeichnung «Episkopos» die Wachsamkeit
über die gesunde Lehre des Glaubens. Bei Infragstellungen des Glaubens
bei theologischen Autoren, die im Namen unserer Kirche lehren, können
und dürfen Episkopen nicht weg-schauen, sondern müssen hin-schauen
und handeln. Denn ein Bischof, der sich diesbezüglich nicht vorsieht,
wird nur noch das Nachsehen haben. Dies gilt zumal bei Thesen, die heute
auch unter Gläubigen und Seelsorgern und selbst Priestern verbreitet
sind, die sich dazu manchmal völlig kritiklos gerne auf
selbst gewählte theologische Autoritäten berufen.<3>
Wenn ich die heutige Glaubenskrise in unseren Breitengraden richtig interpretiere,
ist sie im Kern eine Krise des Glaubens an den auferstandenen Christus und
folglich auch der Eucharistie. Denn beides gehört unlösbar
zusammen: Ohne Ostern ist die Eucharistie nichts anderes mehr als ein permanentes
Requiem für den toten Jesus, nämlich Totenkult und damit ein weiterer
Ausdruck unserer Trauer über die Allmacht des Todes in der heutigen
Welt. Demgegenüber lebt der Glaube der Kirche von der Überzeugung,
dass das eigentliche Subjekt allen eucharistischen Handelns der auferstandene,
erhöhte und in Gestalt und Kraft seines Geistes bei seiner Gemeinde
und ihrer Feier der Eucharistie gegenwärtige Christus ist, in der er
in besonderer Weise durch den geweihten Priester handelt.
Angesichts der doppelten Krise des Christusglaubens und der Eucharistie
ergibt sich die besondere Verantwortung eines Bischofs, das Geheimnis Jesu
Christi und seiner Eucharistie als das Herz der Kirche gegen Angriffe aus
den eigenen Reihen zu schützen<4>
gemäss der mehr denn je aktuell gewordenen Ermahnung des Zweiten
Briefes an Timotheus: «Halte dich an die gesunde Lehre, die du von
mir gehört hast; nimm sie dir zum Vorbild, und bleibe beim Glauben
und bei der Liebe, die uns in Christus Jesus geschenkt ist. Bewahre das
dir anvertraute kostbare Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in
uns wohnt» (1,1314).
1 Düsseldorf 2001.
2 J. Kremer, Eucharistie und Abendmahl. Überprüfung einer Neuinterpretation an 1 Kor 11. 1734, in: Stimmen der Zeit 127 (2002) 767780.
3 Vgl. die diskussions- und fraglose Übernahme der unhaltbaren Thesen Trummers in der von Bernardin Heimgartner und Walter Ludin im Namen der Gruppe 7 der Tagsatzung 2001 veröffentlichten und an die Pfarrämter versandten Schrift «Mahlfeier in Gruppen».
4 Dass sich diese Not-Wendigkeit nicht nur in der römisch-katholischen Kirche aufdrängt, zeigt übrigens die vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland vorgelegte Schrift: Das Abendmahl. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Abendmahls in der evangelischen Kirche (Gütersloh 2003).