13/2003

INHALT

Theologie

Ijob - Ein Mensch ringt mit Gott

von Walter Bühlmann

 

Im Sommersemester 1987 hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einer öffentlichen Vortragsreihe zum Thema «Wie böse ist das Böse?» an der Theologischen Hochschule in Chur eine Vorlesung mit dem Titel: «Warum gerade ich? Deutungen des Bösen und des Leids im Buch Ijob» zu halten.<1>
Schon damals hat mich die Frage nach dem Sinn des Leidens interessiert; ich musste aber dabei feststellen, dass es auf diese Frage letztlich keine Antwort gibt. Auch in der Bibel gibt es solche Antworten nicht. Wohl gibt es Leiden, die wir Menschen beenden können und die wir im Namen Gottes und im Namen der leidenden Menschen beenden müssen. Und es gibt nicht wenige Leiden, die von Menschen bewirkt sind und deshalb von Menschen beendet werden können und müssen. Aber es gibt auch Leiden, die wir nicht beenden können. Für solche Leiden finden wir auch in der Bibel keine Antworten, die man wie die Patentlösungen einer gestellten Aufgabe übernehmen könnte.
Das Buch Ijob hat mir damals geholfen, aus direkter Hand etwas über einen leidenden Menschen zu erfahren. Die «rebellischen» Reden Ijobs sind Artikulation des Leidens, das mit ungeheurer Vehemenz aus ihm herausbricht. Die Formung der Worte, Sätze und Abschnitte, in denen Ijob redet, ist nicht die Sprache des Katechismus oder der Dogmatik, sondern Klage und Anklage. Für den Dichter dieses biblischen Buches gibt es nicht den Gedanken des Leides oder gedachtes Leid; es gibt für ihn nur wirkliches, erlittenes Leid, das in der Reaktion des Menschen auf dieses Leid vorhanden ist: ein Schrei oder ein Sichaussprechen des Leids. Das ist die Klage. Was einer über das Leid denkt, ist demgegenüber unwichtig. Was sich einer über das Problem des Leidens ergrübelt, ändert faktisch nichts.
Wenn man genau hinsieht, entstehen meistens die Gedanken über das Leid nicht in der Arena des Leides, sondern auf den Tribünen. In der Arena aber wird gelitten, wird vielleicht geklagt und geschrieen. Aber es wird nicht über das Leid reflektiert. In der Arena des Leids ist das Leben kein Problem, sondern Wirklichkeit. Um die Wirklichkeit dieses Leides geht es im Ijobbuch. Sein Ort ist die Arena, nicht die Tribüne.<2>
Damals habe ich nie geahnt, dass ich persönlich auch einmal einer existenziellen Bewährung ausgesetzt würde.<3> Es waren die Schicksalsschläge in meiner Familie: Vor 5 Jahren, als ich meinen 60. Geburtstag feiern wollte, wurde meine an einem Hirntumor erkrankte Schwägerin operiert; ein Jahr später, am Anfang eines geplanten Studienaufenthaltes in Jerusalem, wurde mir selber Lymphknotenkrebs diagnostiziert. Schliesslich erkrankte auch mein Cousin unheilbar an Krebs. Das alles war für mich zu viel, und ich begann zu zweifeln und nach dem Warum zu fragen: «Warum gerade ich, warum gerade wir drei?» Diese zunächst auf mich und auf meine Angehörigen bezogene Frage begann ich auszuweiten: «Warum werden viele Menschen von heimtückischen Krankheiten befallen? Warum gibt es so viel Leiden in der Welt?»<4>

1. Ijob ­ ein von Krankheit geschlagener Mensch<5>

In dieser schweren und dunklen Zeit begann ich viel über meine Krankheit nachzudenken. Aber ich stiess immer wieder an Grenzen. Mir wurde allmählich bewusst, dass ich auf Menschen hören musste, die ihr eigenes Leiden angenommen oder andern Menschen geholfen haben, ihr Leiden anzunehmen. Deshalb griff ich zur Bibel. In ihr begegnet uns das Zeugnis von Menschen, die an ihrem Leiden gelitten haben und dennoch nicht daran zerbrochen sind. Wenn ich es wagte, im Angesicht leidender Menschen ohne Heuchelei von Sinn und von Gott zu reden, dann nur, weil es eben ungezählte Ungenannte gegeben hat, die Gott auch in der Nacht ihres Leidens noch angerufen und darin Lebenskraft und Hoffnung im Sterben gefunden haben.
Zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen nahm ich das Buch Ijob, also jenes alttestamentliche Buch, in dem sich die Leidensgeschichte eines ganzen Volkes niedergeschlagen hat. Es konnte mir helfen, die eigentlichen Anfragen, die das Leid an mich stellte, zu erfassen und vor allem die glaubende Praxis zu finden, in der Leiden angenommen werden kann.

Das Ringen um die Frage nach dem Sinn des Leidens

Ijob sitzt, nachdem er Familie, Hab und Gut verloren hat, elend auf einem Aschenhaufen, kratzt sich eigenhändig mit einer Scherbe den Aussatz ab, weint, klagt, schreit laut heraus, seine Unschuld beteuernd und stellt Gott klagend und anklagend die Warum-Frage. Warum muss ich so leiden? Wäre ich doch besser gar nicht erst geboren!
Das Ijob-Buch hat eine längere Entstehungsgeschichte, in der sich das Ringen um die Frage nach dem Sinn des Leidens widerspiegelt. Es sind mehrere Antworten, die im Ijob-Buch auf die Frage nach dem Leid versucht und zum Teil verworfen werden. Zu beachten ist, dass weder die Position der Freunde noch Ijobs hartnäckige Reden die Botschaft des Buches ausmachen. Auch die Gottesrede allein ist nicht die volle Botschaft. Diese liegt vielmehr im dramatischen, vielfältigen Ringen unterschiedlicher Menschen. Dass dabei so verschiedene Antworten versucht werden, mag zugleich als literarisches Kunstmittel zum Ausdruck bringen, dass es eine schlechthin unüberbietbare menschliche Antwort auf die Frage des Leids nie geben wird.<6>
Allerdings hat mich im Ijobbuch immer wieder überrascht, wie Ijob nach seinem hartnäckigen Ringen während den Auseinandersetzungen mit seinen Freunden im Kapitel 40 seinen Rechtsstandpunkt aufgibt und in einem bedingungslosen Vertrauen Gott gegenüber antwortet: «Siehe, ich bin zu gering. Was kann ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund» (40,4).


Skarabäus aus dem antiken Akko (1600­1500 v. Chr.) «Herr der Wildziegen» (Keel/Schroer, Schöpfung, Abb. 161).

Es wundert mich, wie ein schwer geprüfter kranker Mensch, der vorher erfolgreich gegen seine theologischen Freunde, die dem Leiden einen tieferen Sinn geben möchten, rebelliert, so rasch Gott gegenüber einlenkt und sich als ein Mensch mit Unverstand bezeichnet. Gerade diese plötzliche Kehrtwendung hat viele Theologen und Denker unsicher gemacht. Unter dem Einfluss des Psychologen C. G. Jung und des Philosophen E. Bloch ist die Antwort Gottes in neuerer Zeit zunehmend stärker nicht nur als irrevelant, sondern geradezu als unmoralisch disqualifiziert worden. Gott erscheine in diesem Abschnitt wie ein allmächtiger Herrscher, der seinen Spott treibe über Ijobs existenzielle Fragen. Es scheine, dass Ijob von einem despotischen, ja dämonischen Gott zum Narren gehalten und zu bedingungsloser, aber völlig uneinsichtiger Kapitulation gedrängt werde. Auf den ersten Blick möchte man Ernst Bloch Recht geben, der sarkastisch meint: «Jahwe antwortet auf moralische Fragen mit physikalischen, mit einem Schlag aus unermesslich finster-weisem Kosmos gegen beschränkten Untertanenverstand.»<7>

Die Gottesreden

Nun hat der in Freiburg lehrende Alttestamentler Prof. O. Keel versucht, energisch nachzuweisen, dass die Gottesreden (Kap. 38­41) die existentiellen Fragen des leidenden Ijobs aufnehmen und beantworten.<8>
Es ist nicht leicht, die Plausibilität der Gottesreden bei einer ersten Lektüre unmittelbar zu erkennen, weil sie durchtränkt sind von Bildern und Ideen des israelitischen Weltbildes, das wiederum Teil des altorientalischen Weltbildes ist. Nach Keel antwortet die erste Gottesrede auf die in Kap. 3 formulierten Vorwürfe Ijobs. Angesichts des ungerechten Leidens stellt Ijob die Frage, warum Gott eine so chaotische Welt überhaupt im Dasein erhalte, in der so viel Elend herrsche (3,20f.). Auf diese Fragen geht Gott in den Gottesreden (38­41) ein. Im ersten Teil der ersten Gottesrede (38,1­38) antwortet er mit ausführlichen Verweisen auf sein kosmisches Schöpferhandeln, das nach altorientalischem Verständnis die Ordnungen gründet und täglich erhält, innerhalb derer menschliches Leben überhaupt erst möglich wird.


Skaraboid aus Bet Schemesch (um 1000 v. Chr. ). Der «Herr der Tiere» hält zwei Strausse ­ ein für Palästina typisches Motiv: Gott hat im Griff, was Menschen chaotisch erscheint (Keel/Schroer, Schöpfung, Abb. 162).

Im 2. Teil der ersten Gottesrede (38,39­39,30) stellt Gott sich vor als Hirte einer zunächst rätselhaften Schar von zehn Tieren, die in Paaren einander zugeordnet sind. Keel hat nachgewiesen, dass all diese 10 Tiere (Löwe, Rabe, Steinbock, Hirsch, Wildesel, Wildstier, Strauss, Kriegspferd, Wanderfalke und Geier) im Alten Orient Vertreter der chaotischen Welt sind. Die Auswahl der Tiere ist bestimmt durch ein in der vorderasiatischen und israelitischen Kunst sehr verbreitetes Motiv, nämlich den so genannten «Herrn der Tiere». Diese numinose Gestalt packt links und rechts je ein Tier oder ein mythisches Wesen. Diese göttliche Macht, welche die Tiere beherrscht, ist wahrscheinlich für die dynamische Erhaltung der Weltordnung zuständig. Die Bildkunst Palästinas/Israels hat vor allem die Varianten «Herr der Wildziegen» und «Herr der Strausse» aufgegriffen (Abb. 1 und 2). So ähnlich übt Israels Gott über diese chaotische Welt seine Herrschaft aus. Gott zeigt sich als Herr auch dort, wo der Mensch in der Tierwelt der Steppe und des Bergwaldes nur feindliche, ihm schädliche, dämonische Bereiche sehen kann. Interessant ist, dass Ijob seine eigene elende Existenz und jene von ihm bedauerten Unterdrückten mit der von Wildeseln und Straussen vergleicht (24,5; 30,29). Das Bild vom «Herrn der Tiere» gibt zu, dass es in der Welt nicht an chaotischen Mächten fehlt, wie zum Beispiel das Verhalten des Straussenweibchens, das zwar schneller ist als Ross und Reiter, aber seine Eier dem Schicksal überlässt (39,13­18). Das Motiv «Herr der Tiere» öffnet die Welt auf eine geheimnisvolle, nicht eindeutig durchschaubare Ordnung hin, in der auch das, was dem Menschen als «Wildnis» erscheint, ihren Herrn und ihre Ordnung hat. «Der Mensch muss demgegenüber einsehen, dass er mit seinem Bedürfnis nach Ordnung und Vernunft nur ein kleiner Teil dieser Welt ist. Seine Leiden und Nöte sind winzige Vorkommnisse in einem gigantischen Universum. Nimmt er dies zur Kenntnis, muss er demütig einsehen, dass er sich oft in narzisstischer Weise zu wichtig nimmt».<9>
Die zweite Gottesrede (40,6­41,26) geht stärker auf die in Kap. 9, vor allem 9,24­26, geäusserten Vorwürfe ein, die Erde sei der Gewalt eines Verbrechers ausgeliefert.
Wie reagiert Gott gegenüber diesen aggressiven Worten Ijobs? In der zweiten Gottesrede (40,6­41,26) wird Ijob zugestanden, dass die Welt zum Teil von Verbrechern (40,9­14) bzw. chaotischen Mächten (40,15­41,26) beherrscht sei. Unter dem Bild des ägyptischen Gottes Horus, der gegen Nilpferd (hebr. Behemot) und Krokodil (hebr. Leviatan) kämpft, stellt sich JHWH aber in der Tradition des Chaoskampfes als derjenige vor, der als Einziger gegen diese Mächte kämpft und in der Lage ist, sie zu dominieren (Abb. 3). Nilpferd und Krokodil werden in der ägyptischen Kunst wohl aus magischen Gründen als winzig klein dargestellt. Eine Ausnahme macht das ägyptische Siegelamulett (12. Dyn., vor 1750 v. Chr.; vgl. Abb. 4). Ganz anders lässt das alte Israel es sich nicht nehmen, den Gegner als möglichst mächtig und gefährlich zu schildern. Dass ein Mensch seine Krankheit gelegentlich auch als eine bedrohliche Grösse empfindet, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.<10> Israels Gott ist also engagiert im Kampf gegen das Unrecht, die bösen Mächte. Zwar gibt er dem Chaos gewissermassen eigene Räume, Nischen im Kosmos, aber er kontrolliert die Chaosmächte und setzt ihnen Grenzen. Enttäuschend wäre diese Antwort nur, wenn Ijob von Gott erwartete, ein absoluter Kontrolleur der gesamten Ordnungen zu sein.
Israels Gott übernimmt die Aufgabe, die der Mensch nicht leisten kann: Er hält das Böse in Schach. Wenn aber Ijob dessen unfähig ist, dann soll er nicht Gott angreifen, der diese schwierige Aufgabe immer wieder neu angeht. Die Welt ist also nicht in der Hand eines Verbrechers.
Die Antwort Gottes auf die Sinnfrage eines Leidgeprüften mag auf den ersten Blick zynisch oder brutal erscheinen. Sie ist es aber nicht. Leid macht Angst und treibt den Menschen in die Enge. Aus dieser Sackgasse will Gott selbst Ijob herausführen, indem er ihm die Weite der Schöpfung erklärt. So lautet die Botschaft der Gottesreden: Schau dich um, Ijob, du bist nur ein Teil des Ganzen. Gott will Ijob mit seinen Problemen nicht klein machen, wie das bis heute häufig behauptet wird. Er nimmt den Leidenden sehr ernst, relativiert aber die Angriffe Ijobs, der die Schöpfungsordnung aus seiner eingeschränkten Sicht heraus in Frage gestellt hatte. «Die Botschaft der Gottesreden ist eigentlich eine den Menschen entlastende, weil er nicht Dreh- und Angelpunkt der ganzen Welt zu sein braucht, und damit ist sie eine wirklich tröstliche Botschaft. Die Beobachtung der Sorge Gottes für die Schöpfung soll Ijob Mut und Zuversicht geben.»<11>
Deshalb akzeptiert Ijob die Reden Gottes als echte Antwort auf seine Anfragen und Vorwürfe. Bereits in seiner ersten Reaktion (40,3­5) verspricht er, fortan zu schweigen. Er erkennt die Grösse der Schöpfung an, neben der er selbst sich als leicht, als wenig gewichtig, vorkommt: «Ich lege die Hand auf meinen Mund». In seiner abschliessenden Stellungnahme (42,1­6) wird noch stärker deutlich, dass Ijob nicht einfach überwältigt und überredet, sondern auch überzeugt wurde.
Ijob erkennt die Grenzen seines Menschseins. Diese Erfahrung eröffnet ihm einen neuen Weg zu und mit Gott. Ijob erfährt, dass Gott nicht die Welt von aussen betrachtet, nicht der ferne, unerreichbare und unbegreifliche Gott ist, sondern dass Gott (JHWH) jener ist, der die Fragen der Menschen ernst nimmt.
Das Buch Ijob machte mir während meiner schweren Krankheit Hoffnung. Es zeigte mir, dass Gott nicht weit weg vom Schauplatz des Leidens ist, auch meines Leidens. Auch wenn die Antwort nach dem «Warum?» letztlich unbeantwortet blieb, durfte ich trotzdem Gott vertrauen, denn seine Möglichkeiten sind nicht die meinigen. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen.

2. Die Frage nach dem «Wozu?»

Wer von einem schweren Leiden getroffen wird, stellt sich gerne die quälende Frage: Warum ist das so, dass einer, der so gerne gelebt hätte, früh sterben muss, dass Menschen, die wir lieben, plötzlich schwer krank werden? Warum gibt es so viel Leiden in der Welt? Warum werden viele Menschen von heimtückischen Krankheiten überfallen? Wir suchen ratlos nach Antworten. Was haben wir falsch gemacht? Wir beginnen zu fragen, wer denn dafür die Schuld trage. Habe ich zu wenig Sorge getragen zu meiner Gesundheit?<12>
Allerdings nach langem Ringen und Fragen wurde mir bewusst: Wer nach dem «Warum?» fragt, der blickt nach rückwärts und wühlt in der Vergangenheit. Aus der Vergangenheit werden wir aber selten eine Antwort erhalten, die uns wirklich weiterführt. Das «Warum» vermag unseren Horizont kaum zu sprengen. Wir werden immer um die gleichen Probleme kreisen und darum weder uns noch den andern weiterhelfen.
Es ist deshalb gut, dass wir einen Blick auf Jesus werfen. Unsere Ratlosigkeit vor dem Leiden begegnet er dadurch, dass er uns lehrt, eine neue Frage zu stellen. Ich bin deshalb erleichtert, dass Jesus in der Geschichte von der Heilung des Blinden (Joh 9,1­7) diese Art des Suchens nach Gründen aus der Vergangenheit ablehnt.


Das Niederstechen der Krokodil- und das der Nilpferdfigur durch den König steht auf einem Relief in Edfu symmetrisch nebeneinander. Wie im Ijobbuch treten hier die beiden Tiere gemeinsam als Chaosmächte auf. Da sie das Böse symbolisieren und man mit der magischen Kraft des Bösen rechnete, sind sie ganz klein dargestellt worden (Keel, Gottesreden, Abb. 93).

Die erste Frage, die sich stellt, ist die: «Warum?». Warum gibt es Menschen, die von Geburt an blind sind? Warum gibt es Leiden auf der Welt? Nach dem damaligen Verständnis war es so, dass hinter jeder Krankheit, hinter jedem Leid Schuld zu vermuten war. Prompt fragen darum die Jünger ihren Meister: «Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?» Jesu Antwort ist zwar etwas rätselhaft, aber ­ wie ich meine ­ ungemein befreiend. Jesus sagt: «Weder er noch seine Eltern haben gesündigt», und weist mit seiner Antwort stattdessen in die Zukunft: «An ihm soll Gottes Wirken sichtbar werden.» Diese Antwort ist deshalb so befreiend, weil sie uns davon erlöst, immer nach dem «Warum?» zu fragen.
Jesus entlastet den Blindgeborenen von der Schuldfrage. Er bleibt stehen, er wendet sich dem Kranken zu und bestreicht seine blinden Augen mit Erde und Speichel. Aber das ist nur die eine Seite der Heilung, die andere ist der Weg, den der Blinde selber zurücklegen muss: Er muss selber zum Teich gehen und sich dort die Augen waschen. Erst auf dem Rückweg ist er geheilt. So wird Gottes Wirken sichtbar.
Jesus bietet dem Blindgeborenen und uns eine neue Welt an, eine Welt der Gemeinschaft und des Zutrauens. «Und als er zurückkam, konnte er sehen.» Nicht unsere Vergangenheit, nicht unsere Schuld und Sünde, nicht unsere Krankheit und unser Leiden stehen mehr im Vordergrund. Die Frage nach dem «Wozu?» öffnet unsere Sicht, sie sprengt unseren Horizont, weil unsere Zukunft doch letztlich in den Händen Gottes steht. Diese Sicht ist für mich in meiner Krankheit sehr wichtig geworden.


Skarabäus (vor 1750 v. Chr.). Der König erscheint im Papyrusboot. Das Nilpferd wendet in typischer Haltung den Kopf mit aufgerissenem Rachen zum Angreifer. Der heroische Kampf gegen das Nilpferd ist eine Aufgabe des Herrschers (Keel/Schroer, Schöpfung, Abb. 163).

Denn wenn ich nur auf die Vergangenheit und Gegenwart blicke, komme ich mir wie der Blindgeborene vor. Die Krankheit hat mir vieles durchkreuzt. Ich musste auf manches verzichten, das ich gerne getan hätte. Mein Körper war nicht mehr in der Lage, grosse Leistungen zu erbringen. So konnte ich lange Zeit nur noch geradeaus gehen. Das Aufwärtssteigen benötigte grosse Anstrengung. Ich musste die Zukunftspläne zurücknehmen. Ich konnte meinen Studienaufenthalt in Jerusalem nicht mehr weiterführen. Ich musste mich einschränken. Das tat weh, das machte mich einsam und traurig.
Doch nun wusste ich, dass Jesus mir eine neue Zukunft gibt. Ich durfte auf ein gutes Ende hoffen. Der Blick in die Zukunft gab mir ein neues Lebensgefühl. Ich lebte ein Leben, das Zukunft hat, weil Gott meine, unsere Zukunft ist. Ich lebte ein Leben auf Hoffnung hin, weil Gottes Macht sichtbar werden soll. Das ist das Geheimnis Jesu.
Es ist übrigens keine Frage: Durch das Leid wächst die Liebe unter uns Menschen. Wenn alle gesund wären und niemand die Hilfe des anderen brauchte, wären wir alle ärmer. Durch die liebevolle Zuwendung von Mensch zu Mensch werden wir menschlicher. Gerade unter den Leidenden geht es oft sehr menschlich zu. Das sagte eine Seelsorgerin in der Psychiatrie: «So viel Menschlichkeit, Mitgefühl, Anteilnahme wie hier habe ich nirgends erlebt.»
Das Leid kann Menschen reifer, erwachsener machen. Nicht wenige wachsen über sich hinaus. Wir staunen immer wieder, was Menschen aus Liebe zueinander alles aushalten. Manchmal ist es auch die Liebe zu Gott, die Menschen unglaublich stark macht. Wer glaubt, dass Gott bei ihm ist, dem werden oftmals übernatürliche Kräfte zuteil.
Die Erfahrung, dass das Leid gütiger und menschlicher macht, lässt sich nicht verallgemeinern. Sicher, es gibt Menschen, die an ihrer Krankheit verzweifeln und auch so sterben. Längst nicht jeder Kranke wächst über sich hinaus, manche gehen an ihrer Krankheit auch zugrunde. Wie viele Leidgeprüfte sind durch das Leid bitterer geworden, verbittert. Eine schwerwiegende Krankheit ist nun einmal eine grosse Erschütterung. Das Leben gerät äusserlich ganz aus der Bahn, gewohnte Tätigkeiten müssen aufgegeben und vieles muss umgestellt werden, von der Ernährung bis zum Tagesablauf. Nur wer in der Lage ist, das Leben neu zu sehen und einzuschätzen und vielleicht Gewichte neu zu verteilen, kann über diese schwere Krise hinwegkommen.
Aber im Allgemeinen gilt das Wort von André Gide: «Krankheiten sind Schlüssel, die uns gewisse Tore öffnen.» Kranke bekommen oftmals Einsichten, die Gesunden verschlossen bleiben. Kranken geht auf, dass eigentlich nichts selbstverständlich ist. Sehen, Hören, Essen, Schlucken, Atmen verstehen sich nicht von selbst. Das Wunder des Lebens erschliesst sich neu.
Wozu? Wofür? Was ist der Sinn meiner Krankheit? Andere können mir diese Frage nicht beantworten. Nur ich selbst kann meinem Leiden einen Sinn geben. Wer einen Sinn in seinem Leiden sieht, kann es eher annehmen und bewältigen als der Leidende, der es für sinnlos hält.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, einem Kranken den verborgenen Sinn seines Lebens verständlich zu machen oder seine Krankheit zu deuten. Solche Deutungen rufen meist nur Abwehr hervor. Vielmehr sollen wir durch unser Dasein dem Kranken helfen, sein Leiden zu bestehen.
Nicht selten geht uns der Sinn des Leidens erst im Nachhinein auf. Rückblickend erkennen wir, dass die Krankheit heilsam war. Der Rückfall war ein Fortschritt, hat uns weitergebracht. Das Unglück war eigentlich ein Glück. Im Nachhinein wundern wir uns manchmal, wozu das Schlechte gut war.
Hat alles in meinem Leben vielleicht doch einen verborgenen Sinn? Vieles ist scheinbar zufällig geschehen, aber so langsam entdecke ich den tieferen Sinn. Oder hat Max Frisch Recht, wenn er sagt, es sei immer das Fällige, das uns zufällt? Ich weiss es nicht, aber manchmal geht uns auf einmal ein Licht auf und plötzlich sehen wir alles mit anderen Augen.

3. Abschliessende Bemerkungen

Rückblickend darf ich feststellen, dass ich während der Krankheit eine tiefe Wandlung durchgemacht habe. Die äussere körperliche Verwandlung liess mich erschrecken, aber in der inneren seelischen Wandlung erahnte ich etwas von Gottes Wirken. Bis zu meiner Erkrankung erlebte ich mich als stark, und ich war es auch: körperlich gesund, voller Tatendrang und geistig von grosser Willensstärke. Ich hatte mein Leben stets selber bestimmt und auch gegen Widerstände mich durchgesetzt. Dann kam die Krankheit, die mich erbarmungslos schwächte, vor allem körperlich. Aber sie machte auch meine Seele weich. Ich lernte, zu meinen Gefühlen zu stehen, Trauer und Tränen zuzulassen. Bald spürte ich, dass gerade das Zulassen der Schwachheit mir eine grosse Würde gab und zu einer neuen Form von Stärke wurde. Es kam zum Gleichgewicht zwischen Stärke und Schwäche ­ menschlich. Krankheit kann eine Chance sein, den ungelebten Seiten im Leben Platz zu geben und das Leben so ins Gleichgewicht zu bringen. An einer Medienkonferenz vom 20. November 2002 äusserte sich die 23-jährige Studentin Sascha Lüthi, die im Sommer vom mutmasslichen Berner Frauenmörder Mischa Ebner niedergestochen worden war und noch bis im Januar 2003 in der Klinik Nottwil bleiben musste: «Ich habe gelernt, intensiver zu leben», sagte sie. Der wohl schönste und intensivste Moment der letzten Woche sei gewesen, als sie wieder auf ihren eigenen Beinen stehen konnte. «Ich weiss jetzt, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, gehen zu können», meinte sie. Trotz einigen Einschränkungen durch die Verletzung trauere sie nicht dem nach, «was jetzt nicht mehr funktioniert, sondern sie freue sich über das, was sie wieder tun könne».<13>

«Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.»

Dass dies auch mir gelang, verdanke ich meinen engsten Mitmenschen, die mir immer wieder Mut machten. Neben diesem guten Umfeld war auch ich immer bemüht, mich meinen körperlichen Grenzen anzupassen. Da mich die Krankheit erbarmungslos schwächte, musste ich einen langsameren Schritt einschlagen. Ich hielt auch während meiner Chemotherapie einzelne Vorlesungen an der Theologischen Fakultät. Ich war zwar jeweils nach zwei Stunden total erledigt. Aber bis zur nächsten Woche hatte ich wieder die nötige Kraft und Energie. Die Erfahrung, nicht mehr unter Stress und Druck zu sein, war für mich sehr heilsam. So konnte ich während dieser Zeit auch wissenschaftlich tätig sein. Ich habe an meinem überarbeiteten Werk «Wie Jesus lebte» weiter geschrieben und konnte das Buch noch während meiner Krankheit neu herausgeben.<14>
So gab mir die Krankheit die Möglichkeit, eine andere Seite meines Lebens kennen zu lernen. Es war kein Entweder-oder, sondern, wie es in einem Gebet heisst, die Unterscheidung, wann es Zeit ist für das eine, wann für das andere: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.»
Ja, eine Krankheit kann uns den Zugang öffnen zu einer neuen Ebene des Lebens, zur spirituellen Ebene, auf der wir die innere Stimme erkennen und auf sie hören, und so das Leben neu sehen und gestalten. Das zeigt das Beispiel einer kranken Frau. Sie fragte ihren Mann: «Muss ich alles ändern, nur weil ich Krebs habe?»<15> Beide fanden die Antwort: «Ändere die Dinge im Leben, die ohnehin geändert werden müssen.» Braucht es denn dazu wirklich erst diese ganz grossen Einschnitte im Leben? Das kann nicht sein! Unser Glaube will doch, dass wir aufwachen und umkehren und uns jetzt dem zuwenden, was wir brauchen, um ganz heil und gesund zu werden.
Wenn es so etwas gibt wie eine Botschaft meiner Krankheit, dann könnte sie lauten: «Wartet nicht, bis ihr krank werdet, um das zu tun, was euch wirklich wichtig ist im Leben. Wenn ihr einen Traum habt, eine Vision, dann fangt jetzt an, den ersten Schritt zu tun.»<16>
Wenn ich es mir recht überlege, gibt es wirklich keinen Grund, nicht heute schon damit zu beginnen.

 

Dr. Walter Bühlmann ist Lehr- und Forschungsbeauftragter für Bibelwissenschaft und Verkündigung an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 Diese Vortragsreihe ist später im Benziger Verlag Zürich erschienen: H. Halter (Hrsg.), Wie böse ist das Böse?, Zürich 1988.

2 Vgl. C. Westermann, Der Aufbau des Buches Hiob, Tübingen 1956, 27.

3 R. Weibel, Bestehen ­ nicht verstehen, in: SKZ 170 (2002) 182.

4 W. Bühlmann, Warum gerade ich? Biblische Meditationen eines Krebskranken. Mit Bildern von Maria Hafner, Freiburg (Schweiz) 2002.

5 Der folgende Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Vortrages «Leiden als Herausforderung und Weg ­ Referat eines Betroffenen», den ich am 26. November 2002 an der Philosophischen Akademie Luzern hielt.

6 Vgl. dazu ausführlich W. Bühlmann, Gott in einer kritischen Welt?, Luzern 1991, 186­200.

7 E. Bloch, Wegzeichen der Hoffnung. Eine Auswahl aus seinen Schriften, Herder Bücherei 300, Freiburg i.Br. 1967, 180f.

8 O. Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob. Eine Deutung von Ijob 38­41 vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildkunst, Göttingen 1978. Inzwischen ist diese Monografie auch mit den neueren Publikationen erweitert worden. Auf dem in der Studie aufgezeigten Ansatz basiert heute auch die feministische Exegese des Ijobbuches von Chr. Maier/S. Schroer, Das Buch Ijob, in: L. Schottroff/M. Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium. Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 192­207. Man vergleiche dazu: O. Keel/S. Schroer, Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen, Göttingen 2002, besonders S. 198­211. Vgl. auch Th. Staubli, Begleiter durch das Erste Testament, Düsseldorf 1997, 320­322.

9 Staubli, Begleiter 320f

10 Wenige Wochen vor der Diagnose meines Krebses hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ein schreckliches Ungeheuer suchte mich zu töten. Ich wehrte mich mit den Füssen. Als ich erwachte, stellte ich am rechten Fuss Verletzungen fest. Mein Hausarzt verordnete ein Computertomogramm meines Gehirns, weil er einen Hirntumor vermutete. Glücklicherweise war das Ergebnis negativ. Später, nach der Diagnose, meinte mein Arzt, dass dieser Traum bestimmt etwas mit meiner Krankheit zu tun hatte.

11 Keel/Schroer, Schöpfung 211.

12 In meinem Buch bin ich auf die so genannte «Warum-Frage» näher eingegangen (vgl. Bühlmann, Warum gerade ich? Meditationen 35­54).

13 Neue Luzerner Zeitung (Luzern, 21. November 2002, S. 44).

14 W. Bühlmann, Wie Jesus lebte. Palästina vor 2000 Jahren. Wohnen ­ Essen ­ Arbeiten ­ Reisen, Luzern 2001.

15 A. Römer, Zwischen Erde und Himmel. Spirituelle Wege zur inneren Quelle, Freiburg (Schweiz) 2001, 63­67.

16 Römer, Zwischen Erde und Himmel 67.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003