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Spitalseelsorge |
Von Alters her suchte man in der Religion Heil und Heilung. Die antiken
Aeskulap-Tempel rund um das Mittelmeer boten im Orakel Verbindung mit den
Göttern; in ihrem Angebot waren aber auch echte Heilmethoden, wie Diätvorschriften,
Hydrotherapie, Chirurgie und Hinweise auf Heilpflanzen und gesunden Lebenswandel.
Auch die zehn Gebote Moses sind nicht einfach Verbote, sondern weitgehend
Richtlinien für das gesunde Entfalten des Einzelnen wie auch für
das Gedeihen der menschlichen Gemeinschaft insgesamt. Ebenso ist das Wirken
Jesu nicht allein auf das Jenseits ausgerichtet. Auch das irdische Wohl
der Menschen ist sein Anliegen. Lahme lässt er gehen, Blinden schenkt
er das Augenlicht. Clemens von Alexandrien bezeichnet Christus um 215 als
den Heiler schlechthin. Er nennt ihn Medicus Mundi, nicht nur der Wunderheilungen
wegen, sondern auch deshalb, weil seine Predigt von der Versöhnung,
von der Nächstenliebe und der Solidarität heilende Wirkung hat.
Die Kirche hat diese Predigt zwar weitergegeben, aber schon die ersten Bischöfe
errichteten neben den Basiliken auch Hospize für die tätige Hilfe
an Bedürftige und Kranke. Die Klöster retteten beim Untergang
des römischen Imperiums die antike Heilkunde; und zwar, wie wir im
«Arzneibuch» vom Kloster Lorsch aus dem 9. Jahrhundert nachlesen
können, haben sie das antike Wissen, trotz Verurteilung des Heidentums,
aus Erbarmen mit den Kranken überliefert.
In der Zeit der Kreuzzüge ins Heilige Land und in den Jahrhunderten
der Reconquista in Spanien gab es nicht nur Krieg, sondern auch Phasen des
kulturellen Austausches mit regen Kontakten zu arabischen Gelehrten. Ihre
Wissenschaften wollte Friedrich II. in seinem Reich bekannt machen und gründete
um 1225 die erste Medizinschule in Salerno. Die später entstandenen
Universitäten mit ihren Medizinschulen blieben bis zur Französischen
Revolution meist der Kirche unterstellt. Doch auch in den nachfolgenden
Zeiten der Säkularisation blieb der Dienst an den Kranken noch weitgehend
Aufgabe kirchlicher Institutionen. Laut Statistik gibt es heute noch weltweit
rund 5200 katholische Spitäler, 12200 Hospize und 17500 Gesundheitszentren
(Armenapotheken, Dispensarien, Ambulanzen). Das Ausmass dieser Diakonie
ist gewaltig.
Dieser Dienst war bis vor wenigen Jahrzehnten praktisch nur auf die Krankheit
ausgerichtet. Im Einführungstext zu einem Symposium über «Theologie
und Medizin», welches im April 2003 in Luzern durchgeführt wurde,
lesen wir noch den Satz: «Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern
die Kranken». Analog können wir uns fragen, ob die klinische
Seelsorge sich auf Kranke beschränken soll, auf das Begleiten auf den
Tod hin, auf Krankensalbung und Sinngebung für das Leiden.
Nicht nur in Kirchenkreisen, auch Fachleuten in der Welt der Medizin ist
ein wichtiger Paradigmenwechsel entgangen. Schon mit den sozialen Umwälzungen
zur Zeit der Industrialisierung und heute wieder mit dem Auseinanderdriften
von Arm und Reich infolge der Globalisierung erkennt man, dass Krankheit
nicht nur mit Medizin bekämpft werden kann. Kampf gegen Armut und Unwissenheit
ist ebenso wichtig geworden, sowohl lokal wie weltweit.
Das ist der Grund weshalb die WHO im Jahre 1978 mit ihrer revolutionären
Alma Ata Deklaration Armut als Hauptursache für Krankheiten erklärt
und als Gegenmassnahme das Konzept der Basisgesundheitsdienste, der «Primary
Health Care», definiert hat. Das Recht auf Gesundheit als Teil der
im Jahre 1948 proklamierten Menschenrechte wurde dabei erneut bestärkt
mit dem Slogan: «Gesundheit für Alle» als Vision und als
Programm.
Cor Unum, der päpstliche Rat für die Koordination kirchlicher
Entwicklungsarbeit, stellte 1983 die Frage in den Raum, ob es eine Pastoral
der Gesundheit gebe: Damit wurde die Diskussion über das Ausmass der
üblichen Krankenseelsorge eröffnet. Als zum selben Zeitpunkt in
der 36. World Health Assembly, der Vollversammlung der Weltgesundheitsorganisation,
auf Anregung islamischer Länder die Frage diskutiert wurde, ob in Gesundheitsdiensten
eine spirituelle Dimension gefördert oder gefordert werden solle, weil
diese nebst dem physischen, psychischen und sozialen Wohlbefinden für
die Gesundheit von Bedeutung sei, hatte die Kirche ihren Auftritt verpasst,
weil vom Heiligen Stuhl her keine Stellungnahme vorbereitet war.
Erst im Jahre 1985, mit dem Motu Proprio «Dolentium Hominum»,
schuf Papst Johannes Paul II. den spezifischen «Päpstlichen Rat
für die Gesundheitspastoral».
In der Konferenz: «Kirche und Gesundheit in der Welt, Erwartungen
und Hoffnungen an der Schwelle zum neuen Jahrtausend» vom Jahre 1997
unterstreicht der Papst die Bedeutung des WHO-Programms: «Health for
All». Er ruft die internationalen katholischen Gesundheitsorganisationen
dazu auf, sich dem Programm der WHO anzuschliessen. Jede Bischofskonferenz
sollte ein eigenes Departement einrichten, das sich mit Gesundheit befasst,
und in den Diözesen sollten professionelle Gesundheitsräte geschaffen
werden. Aufgabe der Kirche sei es, die Menschenwürde und den Wert menschlichen
Lebens zu verteidigen. Der päpstliche Rat selbst erarbeitet für
die im Gesundheitswesen Verantwortlichen ethische und moralische Richtlinien
und versucht, die Arbeit der internationalen Vereinigungen katholischer
Ärzte, Apotheker und Pflegenden zu koordinieren. Noch sind im Rat die
gut 250000 Ordensfrauen, die weltweit im Gesundheitswesen tätig sind,
untervertreten. Was das sozioökonomische Gefälle zwischen Nord
und Süd anbelangt und die damit verbundenen Folgen für die Gesundheit,
spielt der Rat als Anwalt der Armen eine wichtige Rolle. Pastoral der Gesundheit
bedeutet weiterhin, sich einzusetzen für die Grundbedürfnisse
der Menschen, die Gesetze und Normen so mitzugestalten, dass jeder Mensch
eine ausgewogene Ernährung erhält, dass er Zugang zu sauberem
Wasser bekommt, dass er sich angemessen kleiden kann, dass er eine gesunde
Unterkunft erhält, dass man mit ihm respektvoll umgeht, dass er ein
Mitspracherecht hat und dass er sich mitmenschlich aufgehoben fühlen
kann. All dies ebenso wichtige Vorbedingungen für Gesundheit wie die
eigentlichen Gesundheitsdienste.
Die Wende von der Krankheit hin zu Promotion von Gesundheit besagt, dass
mit Vorbeugemassnahmen und mit bewusster Übernahme von Verantwortung
für Gesundheit durch den Einzelnen wie durch die Gesellschaft mehr
Krankheiten und Leid vermieden werden können, als wenn man sich nur
mit Krankheit beschäftigt. Es bedeutet, dass durch Einflussnahme auf
die Politik mehr Gerechtigkeit in der Verteilung der Gesundheitsdienste
erreicht werden kann. Es besagt, dass die richtigen Prioritäten in
der Gesundheitspolitik getroffen werden können. Es bedeutet, dass die
Qualität der Dienste gefördert wird und die vorhandenen Mittel
effizienter eingesetzt werden. Es bedeutet auch, dass der Umgang mit Krankheit
und Gebrechen von der Gesellschaft neu überdacht wird, und schliesslich
bedeutet es Diskussion über Werte und Respekt vor Grenzen menschlichen
Bemühens.
Gesundheitspromotion erfordert auch Förderung von Demokratie, «Good
Governance», Zivilinitiative und ständige Revision von Haltungen.
Der ökonomische Wert von Gesundheit ist enorm, 15% der Werktätigen
arbeiten im Gesundheitsbereich. 12% des Bruttosozialproduktes werden für
Gesundheit verbraucht. Unglaublich grosse Eigeninteressen kommen ins Spiel.
Es ist dabei im Auge zu behalten, was der frühere Kardinal von Chicago,
Joseph Bernardin, im Jahre 1995 in seiner Rede: «Making the Case for
Not for Profit Healthcare» an der Harvard Business School festgehalten
hat: «Gesundheit ist ein Gut, bei dem man dafür sorgen muss,
dass es nicht zur reinen Handelsware verkommt». Sollte die Frage auf
uns zukommen, «wer darf in den Genuss von Leistungen kommen, wenn
es nicht mehr für alle reicht?», dann werden schwierige ethische
Fragen zu lösen sein. Es wäre besser, auch dafür zu sorgen,
dass Rationierungen gar nicht erst diskutiert werden müssen.
Der Paradigmenwechsel von der Krankheit hin zur Gesundheitsförderung
ist eingetreten. Ob und in welcher Form der Wechsel von der Krankenseelsorge
hin zur Pastoral der Gesundheit erfolgen muss oder kann, ist noch eine offene
Frage.
Edgar Widmer, Dr. phil., Dr. med., Chirurg FMH, engagierte sich seit 1962 neben seiner früheren Tätigkeit als Chirurg und Spitalleiter in der ärztlichen Mission.