48/2003

INHALT

Spitalseelsorge

Kann Seelsorge gesundheitsfördernd sein?

von Edgar Widmer

 

Von Alters her suchte man in der Religion Heil und Heilung. Die antiken Aeskulap-Tempel rund um das Mittelmeer boten im Orakel Verbindung mit den Göttern; in ihrem Angebot waren aber auch echte Heilmethoden, wie Diätvorschriften, Hydrotherapie, Chirurgie und Hinweise auf Heilpflanzen und gesunden Lebenswandel. Auch die zehn Gebote Moses sind nicht einfach Verbote, sondern weitgehend Richtlinien für das gesunde Entfalten des Einzelnen wie auch für das Gedeihen der menschlichen Gemeinschaft insgesamt. Ebenso ist das Wirken Jesu nicht allein auf das Jenseits ausgerichtet. Auch das irdische Wohl der Menschen ist sein Anliegen. Lahme lässt er gehen, Blinden schenkt er das Augenlicht. Clemens von Alexandrien bezeichnet Christus um 215 als den Heiler schlechthin. Er nennt ihn Medicus Mundi, nicht nur der Wunderheilungen wegen, sondern auch deshalb, weil seine Predigt von der Versöhnung, von der Nächstenliebe und der Solidarität heilende Wirkung hat.
Die Kirche hat diese Predigt zwar weitergegeben, aber schon die ersten Bischöfe errichteten neben den Basiliken auch Hospize für die tätige Hilfe an Bedürftige und Kranke. Die Klöster retteten beim Untergang des römischen Imperiums die antike Heilkunde; und zwar, wie wir im «Arzneibuch» vom Kloster Lorsch aus dem 9. Jahrhundert nachlesen können, haben sie das antike Wissen, trotz Verurteilung des Heidentums, aus Erbarmen mit den Kranken überliefert.
In der Zeit der Kreuzzüge ins Heilige Land und in den Jahrhunderten der Reconquista in Spanien gab es nicht nur Krieg, sondern auch Phasen des kulturellen Austausches mit regen Kontakten zu arabischen Gelehrten. Ihre Wissenschaften wollte Friedrich II. in seinem Reich bekannt machen und gründete um 1225 die erste Medizinschule in Salerno. Die später entstandenen Universitäten mit ihren Medizinschulen blieben bis zur Französischen Revolution meist der Kirche unterstellt. Doch auch in den nachfolgenden Zeiten der Säkularisation blieb der Dienst an den Kranken noch weitgehend Aufgabe kirchlicher Institutionen. Laut Statistik gibt es heute noch weltweit rund 5200 katholische Spitäler, 12200 Hospize und 17500 Gesundheitszentren (Armenapotheken, Dispensarien, Ambulanzen). Das Ausmass dieser Diakonie ist gewaltig.

«Gesundheit für Alle»

Dieser Dienst war bis vor wenigen Jahrzehnten praktisch nur auf die Krankheit ausgerichtet. Im Einführungstext zu einem Symposium über «Theologie und Medizin», welches im April 2003 in Luzern durchgeführt wurde, lesen wir noch den Satz: «Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken». Analog können wir uns fragen, ob die klinische Seelsorge sich auf Kranke beschränken soll, auf das Begleiten auf den Tod hin, auf Krankensalbung und Sinngebung für das Leiden.
Nicht nur in Kirchenkreisen, auch Fachleuten in der Welt der Medizin ist ein wichtiger Paradigmenwechsel entgangen. Schon mit den sozialen Umwälzungen zur Zeit der Industrialisierung und heute wieder mit dem Auseinanderdriften von Arm und Reich infolge der Globalisierung erkennt man, dass Krankheit nicht nur mit Medizin bekämpft werden kann. Kampf gegen Armut und Unwissenheit ist ebenso wichtig geworden, sowohl lokal wie weltweit.
Das ist der Grund weshalb die WHO im Jahre 1978 mit ihrer revolutionären Alma Ata Deklaration Armut als Hauptursache für Krankheiten erklärt und als Gegenmassnahme das Konzept der Basisgesundheitsdienste, der «Primary Health Care», definiert hat. Das Recht auf Gesundheit als Teil der im Jahre 1948 proklamierten Menschenrechte wurde dabei erneut bestärkt mit dem Slogan: «Gesundheit für Alle» als Vision und als Programm.
Cor Unum, der päpstliche Rat für die Koordination kirchlicher Entwicklungsarbeit, stellte 1983 die Frage in den Raum, ob es eine Pastoral der Gesundheit gebe: Damit wurde die Diskussion über das Ausmass der üblichen Krankenseelsorge eröffnet. Als zum selben Zeitpunkt in der 36. World Health Assembly, der Vollversammlung der Weltgesundheitsorganisation, auf Anregung islamischer Länder die Frage diskutiert wurde, ob in Gesundheitsdiensten eine spirituelle Dimension gefördert oder gefordert werden solle, weil diese nebst dem physischen, psychischen und sozialen Wohlbefinden für die Gesundheit von Bedeutung sei, hatte die Kirche ihren Auftritt verpasst, weil vom Heiligen Stuhl her keine Stellungnahme vorbereitet war.
Erst im Jahre 1985, mit dem Motu Proprio «Dolentium Hominum», schuf Papst Johannes Paul II. den spezifischen «Päpstlichen Rat für die Gesundheitspastoral».
In der Konferenz: «Kirche und Gesundheit in der Welt, Erwartungen und Hoffnungen an der Schwelle zum neuen Jahrtausend» vom Jahre 1997 unterstreicht der Papst die Bedeutung des WHO-Programms: «Health for All». Er ruft die internationalen katholischen Gesundheitsorganisationen dazu auf, sich dem Programm der WHO anzuschliessen. Jede Bischofskonferenz sollte ein eigenes Departement einrichten, das sich mit Gesundheit befasst, und in den Diözesen sollten professionelle Gesundheitsräte geschaffen werden. Aufgabe der Kirche sei es, die Menschenwürde und den Wert menschlichen Lebens zu verteidigen. Der päpstliche Rat selbst erarbeitet für die im Gesundheitswesen Verantwortlichen ethische und moralische Richtlinien und versucht, die Arbeit der internationalen Vereinigungen katholischer Ärzte, Apotheker und Pflegenden zu koordinieren. Noch sind im Rat die gut 250000 Ordensfrauen, die weltweit im Gesundheitswesen tätig sind, untervertreten. Was das sozioökonomische Gefälle zwischen Nord und Süd anbelangt und die damit verbundenen Folgen für die Gesundheit, spielt der Rat als Anwalt der Armen eine wichtige Rolle. Pastoral der Gesundheit bedeutet weiterhin, sich einzusetzen für die Grundbedürfnisse der Menschen, die Gesetze und Normen so mitzugestalten, dass jeder Mensch eine ausgewogene Ernährung erhält, dass er Zugang zu sauberem Wasser bekommt, dass er sich angemessen kleiden kann, dass er eine gesunde Unterkunft erhält, dass man mit ihm respektvoll umgeht, dass er ein Mitspracherecht hat und dass er sich mitmenschlich aufgehoben fühlen kann. All dies ebenso wichtige Vorbedingungen für Gesundheit wie die eigentlichen Gesundheitsdienste.
Die Wende von der Krankheit hin zu Promotion von Gesundheit besagt, dass mit Vorbeugemassnahmen und mit bewusster Übernahme von Verantwortung für Gesundheit durch den Einzelnen wie durch die Gesellschaft mehr Krankheiten und Leid vermieden werden können, als wenn man sich nur mit Krankheit beschäftigt. Es bedeutet, dass durch Einflussnahme auf die Politik mehr Gerechtigkeit in der Verteilung der Gesundheitsdienste erreicht werden kann. Es besagt, dass die richtigen Prioritäten in der Gesundheitspolitik getroffen werden können. Es bedeutet, dass die Qualität der Dienste gefördert wird und die vorhandenen Mittel effizienter eingesetzt werden. Es bedeutet auch, dass der Umgang mit Krankheit und Gebrechen von der Gesellschaft neu überdacht wird, und schliesslich bedeutet es Diskussion über Werte und Respekt vor Grenzen menschlichen Bemühens.
Gesundheitspromotion erfordert auch Förderung von Demokratie, «Good Governance», Zivilinitiative und ständige Revision von Haltungen.
Der ökonomische Wert von Gesundheit ist enorm, 15% der Werktätigen arbeiten im Gesundheitsbereich. 12% des Bruttosozialproduktes werden für Gesundheit verbraucht. Unglaublich grosse Eigeninteressen kommen ins Spiel. Es ist dabei im Auge zu behalten, was der frühere Kardinal von Chicago, Joseph Bernardin, im Jahre 1995 in seiner Rede: «Making the Case for Not for Profit Healthcare» an der Harvard Business School festgehalten hat: «Gesundheit ist ein Gut, bei dem man dafür sorgen muss, dass es nicht zur reinen Handelsware verkommt». Sollte die Frage auf uns zukommen, «wer darf in den Genuss von Leistungen kommen, wenn es nicht mehr für alle reicht?», dann werden schwierige ethische Fragen zu lösen sein. Es wäre besser, auch dafür zu sorgen, dass Rationierungen gar nicht erst diskutiert werden müssen.
Der Paradigmenwechsel von der Krankheit hin zur Gesundheitsförderung ist eingetreten. Ob und in welcher Form der Wechsel von der Krankenseelsorge hin zur Pastoral der Gesundheit erfolgen muss oder kann, ist noch eine offene Frage.

 

Edgar Widmer, Dr. phil., Dr. med., Chirurg FMH, engagierte sich seit 1962 neben seiner früheren Tätigkeit als Chirurg und Spitalleiter in der ärztlichen Mission.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003