19/2003

INHALT

Spitalseelsorge

Dasein und Mitgehen aus der Mitte heraus auf die Mitte hin

von Rudolf Albisser

 

Noch 1975 waren alle katholischen Spitalseelsorger Priester. Sie hatten ihre eindeutige Funktion im Spital: Ihre Aufgabe war es, Patienten zu besuchen, sie zu segnen und ihnen, besonders den Sterbenden, die Sakramente zu spenden. Sie haben den Menschen im Spital viel Gutes und Heilsames getan. Zugleich aber standen sie unter einem starken inneren Druck: Einen Patienten bloss zu besuchen, ohne mit ihm zu beten, oder gar einen Menschen sterben zu lassen, ohne ihn «versehen» zu haben, empfanden sie als Versagen. Diesen moralischen und religiösen Druck spürten oft auch die Patienten. Der gesellschaftliche Wandel, die so genannte Säkularisierung veränderte das Spital als Institution grundlegend. Spitalseelsorger und ­ in den kommenden Jahren -zu-nehmend ­ auch Spitalseelsorgerinnen suchten nach einem neuen Selbstverständnis. Das Bild der Kirche als wanderndes Volk Gottes, wie es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert hatte, legte es nahe, Seel-sorge als Mitgehen auf einem Weg, als Begleitung zu verstehen. In ökumenischer Zusammenarbeit wurde in dieser Zeit eine spezifische Form der Ausbildung für die Spitalseelsorge entwickelt, das Clinical Pastoral Training (CPT)<1>. Dieses wurde aus den Vereinigten Staaten übernommen und für europäische Verhältnisse adaptiert. Es lehnte sich stark an die prozess-orientierte Psycho-therapie an, insbesondere jene von Carl R. Rogers. Für die Seelsorgelehre wurde der -Begriff «Pastoral-psychologie»<2> geprägt. Isidor Baumgartner hat diese Entwicklung 1990 in einer gelungenen Gesamtschau dargestellt anhand der Emmaus-geschichte in Lk 24.<3>

Mehr als Begleiten

In der neuen humanwissenschaftlich orientierten Pastoralpsychologie stellte sich immer wieder die Frage nach dem Proprium der Seelsorge. Mit seinem Buch Mehr als Begleiten sucht Erhard Weiher eine Antwort.<4> Er geht davon aus, dass das Bild des Begleitens eigentlich allen professionell Helfenden gemeinsam ist. Eine helfende, heilende Beziehung lebt immer in den drei menschlichen Grundfunktionen Fühlen, Denken, Handeln und geschieht im «Dreipass» von Begleiten, Symbolisieren, Begehen. Auch der Arzt baut zunächst eine Vertrauensbeziehung zu dem kranken Menschen auf, nimmt alle Symptome wahr und beobachtet den Verlauf der Erkrankung (begleiten), er deutet seine Wahrnehmungen in Form einer Diagnose (symbolisieren) und entwirft dann eine Therapie (begehen). Wie die andern helfenden Berufe begleitet die Seelsorge den kranken und verwundeten Menschen durch einfühlende Anteilnahme.
Das Proprium der Seelsorge liegt nach Weiher darin, dass sie im Gespräch mit dem Kranken jene Symbole sucht, in denen sich ihm der Sinn seines -Lebens ausdrückt oder andeutet. Diese persönlichen Symbole stellt die Seelsorge in den grossen Horizont der Menschheitstraditionen, indem sie sie in Verbindung bringt mit den allgemeinmenschlichen auch -religiösen Symbolen (symbolisieren). Wo dies möglich ist, wird diese Symbolik durch rituelles Handeln -gegenwärtig gesetzt. Dieses Ritual kann spontan geschaffen oder in Form eines Segens oder Sakramentes der religiösen Tradition entnommen werden (begehen). So kann eine Seelsorgerin mit einem alten Mann sprechen über seine Erlebnisse beim Wandern in den Bergen. Gemeinsam können sie nachdenken über die Texte der Bibel, in denen der Berg als Ort der Begegnung mit Gott erwähnt wird. Vielleicht schenkt sie ihm einen schönen Stein, den sie einmal in den Bergen gefunden hat. Dieser Stein ist dann mehr als ein Souvenir; er weist auf Den hin, zu dem wir im Gebet sagen: Herr, Du mein Fels (Ps 18,3).
Im «Dreipass» umkreist die Seelsorgerin/der Seelsorger mit dem Kranken die Mitte des Mensch-seins, den letzten Sinn, das heilige Geheimnis, auch da, wo dies nicht explizit ausgesprochen wird. Denn Seelsorgerinnen und Seelsorger repräsentieren diesen Bereich schon immer durch ihre Rolle; sie sind als Personen das Symbol des Letztgültigen, des Gött-lichen. Weihers Sicht der Seelsorge kommt von der katholischen Tradition her<5> und gibt gerade den katholischen Seelsorgenden einen Ansatz, das Spezifische ihres Dienstes zu formulieren in der Vielfalt der helfenden und spirituellen Angebote.

Ökumenische Zusammenarbeit

Ursprünglich gehörten die Spitalpfarrer der in ihrer Region vorherrschenden Konfession an.<6> Heute gibt es in der Schweiz an allen grösseren Spitälern Spitalseelsorgerinnen und -seelsorger der evangelisch-refor-mierten und der römisch-katholischen Landeskirchen. Das ist insofern sinnvoll, als sich trotz Entkirchlichung und multikultureller Gesellschaft auch jetzt noch die Mehrheit der Patientinnen und Patienten einer der beiden Kirchen zugehörig erklären.
Bis vor wenigen Jahren war es auch selbstverständlich, dass die Seelsorger und Seelsorgerinnen die Patienten ihrer eigenen Konfession besuchten. In neuerer Zeit wurde jedoch in mehreren Spitälern der deutschen und der französischsprachigen Schweiz ein neues Modell eingeführt: Jede Station wird nur von einer Seelsorge-Person, einer reformierten oder einer katholischen betreut. Wenn Patienten oder Patientinnen die Seelsorge ihrer eigenen Konfession oder Re-ligion wünschen, wird ihnen dieser Kontakt vermittelt. In verschiedenen Spitälern wird die Einführung dieses Modells diskutiert.<7>
Da die institutionelle Bindung an eine Kirche oder Konfession für viele Menschen unserer Zeit an Bedeutung verloren hat, scheint dieses neue Modell nahe liegend. Auch Mitarbeitende des Spitals, Ärzte und Pflegende sagen oft, es wäre für sie einfacher, wenn eine Person für die Seelsorge zuständig wäre, wie dies beim Sozialdienst, der Diätberatung usw. der Fall ist.
Die Einführung dieses beim ersten Hinsehen bestechenden und modern wirkenden Modells muss sorgfältig überlegt werden. Oberstes Ziel bleibt die optimale seelsorgerliche Betreuung der Patienten, -besonders der Schwächsten unter ihnen. Die Begleitung durch die Seelsorge der eigenen Konfession kann dem an Leib und Leben bedrohten Menschen in der fremden Welt des Spitals ein Gefühl der Beheimatung geben, besonders in einem weit entfernt liegenden Zentrumsspital. Das Modell «nichtkonfessioneller Seelsorge» stellt sehr hohe Anforderungen an die Teammitglieder bezüglich ökumenischer Offenheit, Toleranz und Sensibilität der je andern Konfession. Denn es hängt vom Fingerspitzengefühl des einzelnen Seelsorgers ab, ob er es spürt, wenn ein Patient die Seelsorge durch die eigene Konfession bevorzugen würde. Selten wird der kranke Mensch von sich aus sagen, er möchte vom Seelsorger der eigenen Konfession begleitet werden; er möchte ja nicht als traditionalistisch und intolerant erscheinen, noch möchte er, dass der ihn besuchende Seelsorger der andern Konfession seinen Wunsch als Ablehnung empfindet.<8>
Gemäss meinen Beobachtungen wird die Einführung «nichtkonfessioneller Seelsorge» mehrheitlich von reformierter Seite gewünscht. Die Mehrheit der katholischen Seelsorgenden ist zurückhaltend. Sie befürchten, das Spezifische ihrer Tradition, insbesondere die heilsame Kraft der Symbole und Sakramente, könnte durch diese «Fusionierung» für die Patienten verloren gehen. Das Modell «nichtkonfessioneller Seel----sorge» widerspricht auch der zurzeit gültigen Rechts-grundlage der Spitalseelsorge. <9> Bevor es weiter pragmatisch eingeführt wird, muss es gründlich diskutiert und mit den -zuständigen kirchlichen und staatlichen Stellen abgesprochen werden. Die Rechts-grundlage müsste dann entsprechend geändert -werden.

Seelsorge und «spirituelles Heilen»

Während die Kirchen als Institutionen an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren, sind Spiritualität und Religion für viele gerade in helfenden Berufen sehr aktuell.<10> Die Frage nach dem Einfluss geistiger Kräfte auf die Heilung von Krankheiten beschäftigt die medizinische Wissenschaft<11>, die Theologie<12> und die Öffentlichkeit<13>. Seelsorge hat heilende Wirkung; sie gehört in den Bereich des spirituellen Heilens. Sie muss heute danach streben, sich durch ein klares Profil in der Öffentlichkeit verständlich zu machen. Es muss geklärt werden, was unter «Heilung» und was unter «spirituell» zu verstehen ist. Die jahrtausende-alte Tradition der Kirchen in seelsorgerlicher und geistlicher Begleitung von Menschen hat heute und in Zukunft den Menschen Wesentliches zu geben. Solide klinische Grundausbildung der Seelsorgerinnen und Seelsorger, optimale Qualitätssicherung und eine gründliche humanwissenschaftliche und theologische Reflexion, auch auf universitärer Ebene, sind Voraussetzungen dafür, dass dies geschieht.


Anmerkungen

1 Das Clinical Pastoral Training (CPT), heute in den USA Clinical Pastoral Education, in Deutschland Klinische Seelsorge-Ausbildung (KSA), geht auf den reformierten Psychiatrieseelsorger Anton Boisen zurück, der 1975 erstmals Theologiestudenten als Pflegepraktikanten in die Klinik einsetzte und mit ihnen Krankheitsgeschichten psychisch kranker Menschen studierte. Zur Geschichte des CPT in den ersten Jahrzehnten s. D. Stollberg, Therapeutische Seelsorge, München 1969. Einen kurzen weitergeführten Überblick gibt C. Vallotton, La Formation Pastorale à l'Écoute et à la Communication ou petite «histoire de vie» du Clinical Pastoral Training, in: Études Théologiques et Religieuses 74 (1999) 3, pp. 395­413. Einen weiterführenden Überblick gibt: Ulrike Büchs, Eine Skizze der Seelsorgekonzepte, in: Zürcher Spitalgeschichte, Bd. 3, hrsg. v. Regierungsrat des Kantons Zürich, Zürich 1.1.2000, S. 607­610.

2 In der Bundesrepublik Deutschland entstand in den 70er Jahren die Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie.

3 Isidor Baumgartner, Pastoralpsychologie. Einführung in die Praxis heilender Seelsorge. Düsseldorf (Patmos) 1990.

4 Erhard Weiher, Mehr als Begleiten. Ein neues Profil für die Seelsorge im Raum von Medizin und Pflege, Mainz (Grünewald) 1999.

5 Vgl. die Rezension von W.s Buch aus evangelischer Sicht von Hans Duesberg in: Wege zum Menschen 52. Jg. (2000) S. 373f.

6 Erst 1980 wurde in Luzern ein vollamtlicher evangelischer Seelsorger angestellt, am Universitätsspital Zürich erst 1996 ein katholischer; s. Zürcher Spitalgeschichte (Hrsg. vom Regierungsrat des Kantons Zürich, 1.1.2000) Bd. 3, S. 601f.

7 Auch in andern Ländern ist diese Art «ökumenische Seelsorge» eingeführt. Vgl. Seelsorgeteam am Klinikum Grosshadern, München, Seelsorge im Klinikum Grosshadern ­ Selbstverständnis und Konzept (verabschiedet am 5.4.2000), in: Wege zum Menschen, 53. Jg. (2001) Heft 7, S. 401 (2 b: ökumenische Zusammenarbeit).

8 Diese Problematik stellt sich heute auch im Zusammenhang der «grossen Ökumene»: Spitalseelsorgende begleiten auf Wunsch Menschen anderer Religionen, auch Religions- und Konfessionslose, und vermitteln Kontakte mit der Seelsorge der betreffenden religiösen Gemeinschaft. Wie diese Aufgabe verwirklicht werden kann, ist in den einzelnen Spitälern unterschiedlich geregelt.

9 Vgl. A. Loretan/R. Albisser, in: SKZ 170 (2002) Nr. 37, S. 509­511, und R. Pahud de Mortanges, in: SKZ 170 (2002) Nr. 40, S. 563­565.

10 Unter dem Titel «Couch oder Kirche? Psychotherapie und Religion ­ zwei mögliche Wege auf der Suche nach Sinn?» befassten sich die 8. Basler Psychotherapietage im Mai 2001 mit diesem Thema. Vgl. www.perspectiva.ch

11 S. Jakob Bösch, Spirituelles Heilen und Schulmedizin ­ eine Wissenschaft am Neuanfang, Bern (Lokwort-Verlag) 2002. Ders., Wissenschaftliche Grundlagen des geistig-energetischen Heilens, in: PRAXIS ­ Schweizerische Rundschau für Medizin. Teil 1: Nr. 21 (2002) S. 511­515, Teil 2: Nr. 22 (2002) S. 533­538. Auch: www.jakobboesch.ch und: http://www4.ncbi.nlm.nih.gov./entrez/query.fcgi z.B. Stichwort «prayer».

12 Vgl. Brigitte Fuchs (Hrsg.), Hilft der Glaube? Heilung auf dem Schnittpunkt zwischen Theologie und Medizin, Freiburg 2000.

13 Vgl. SonntagsBlick Magazin Nr. 26, 30.6.2002. «Komm, heilender Geist! Wenn Spritzen und Pillen nicht mehr helfen, überwinden Schulmediziner ihre Scheu vor Geistheilern und Handauflegern.» In diesem Bericht kommt auch Walter Hollenweger zu Wort, der sich seit langem für die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion des Themas «spiritual healing» einsetzt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003