12/2003 | |
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Spitalseelsorge |
Ich bin überzeugt: nicht nur im kleinen, überschaubaren Bezirksspital, nicht nur im Pflege- und Altersheim, sondern auch im modernen, technisierten, hoch komplexen Zentrumsspital unserer Gesellschaft ist ein qualifiziertes Angebot von Seelsorge heute und in Zukunft wichtig, erwünscht und im eigentlichen Sinn des Worts not-wendig. Sieben Gründe dafür möchte ich im Folgenden aus theologischer Sicht skizzieren.
Gleich zum Voraus dies: Das medizinische System unserer Gesellschaft
würde auch funktionieren ohne Seelsorge. Die modernen medizinischen
Institutionen haben geschichtlich gesehen zwar Wurzeln im christlichen Gedanken
der Nächstenliebe und Barmherzigkeit und sind aus kirchlichen Werken
herausgewachsen. Sie haben sich aber zünftig emanzipiert, ihre Dienste
und therapeutischen Methoden auf eigene, säkulare Beine gestellt und
ein hohes Mass an Wirksamkeit entwickelt, das ohne Bezug auf Gott oder transzendente
Kräfte auskommt.
Seelsorge ist im modernen Spital eigentlich strukturell bedeutungslos, ja
überflüssig. Trotzdem gibt es sie immer noch. Gewiss: die Kirchen
haben Anstrengungen unternommen, ihre Angebote der Seelsorge zu verbessern.
Aber auch auf Seiten von Spitalleitungen und Pflegediensten ist heute vermehrt
die Bereitschaft erkennbar, Seelsorge bewusst in ein Gesamtkonzept therapeutischer
Dienste einzubeziehen und zum Teil auch mit zu finanzieren. Ich interpretiere
dies so: Dort, wo diese Bereitschaft erkennbar ist, scheint sich das Bewusstsein
durchzusetzen: Funktion ist nicht alles. Menschen werden menschlich gerade
auch durch das, was scheinbar überflüssig ist und im technischen
Betrieb auf den ersten Blick einsparbar scheint. Inhalt und Qualität
dieses «Mehrwerts» ist allerdings nicht ganz leicht umschreibbar.
Der Mensch, das zeigt nicht zuletzt die Psychosomatik, ist eine komplexe
Ganzheit. Gesundheit und Wohlbefinden haben somatische, psychische, soziale
und spirituell-geistliche Dimensionen. Durch Krankheit und Verletzung wird
der Mensch in seiner Ganzheit in Frage gestellt. Nicht nur somatisch gehen
Prozesse in die Irre. Orientierungsmuster zerbrechen, die der Psyche Halt
geben. Beziehungen werden bis an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit strapaziert.
Nicht zuletzt wird das angeknackt, was der bekannte Gesundheitsforscher
A. Antonovsky den Kohärenzsinn nennt: letzte Werte und Sinndeutungen
eines Menschen, die dem Ganzen seines Lebens einen Zusammenhalt geben.
Seelsorge ist aus einem ganzheitlichen therapeutischen Konzept, das den
Menschen in dieser Vielschichtigkeit im Blick hat, nicht wegzudenken. Sie
schafft auf ihre Weise Raum, damit Menschen benennen können, was schmerzt.
Sie trägt dazu bei, dass gefährdete Beziehungen gestärkt
werden. Sie hat im Besonderen auch im Blick, wie Menschen dabei unterstützt
werden können, ihren Kohärenzsinn zu erhalten oder durch tiefe
Krisen wiederzugewinnen. Sie bringt dazu Erfahrungen aus dem Fundus einer
Jahrtausende alten Tradition und eines der ältesten therapeutischen
Berufe unserer Gesellschaft ein. Der Mensch das ist ihr Ausgangspunkt
steht in seiner somatisch-psychisch-sozial-spirituellen Ganzheit vor
Gott. Wenn er leidet, leidet er in allen diesen Dimensionen. Wenn er heil
und gesund werden soll, ist keine auszuschliessen. Seelsorge ist aus einem
ganzheitlich orientierten Gesundheitswesen deshalb nicht wegzudenken, weil
sie im Verbund mit anderen ein besonderes Gespür hat für
diese Ganzheit und Menschen gerade dort Zeit, Raum und Sprache bietet, wo
letzte Fragen im Spiel sind.
Menschen möchten wieder gesund werden. So wollen Medizin, Pflege, Sozialarbeit und die vielen anderen Dienste, die im Spital angesiedelt sind, nicht nur Krankheit bekämpfen, Wunden pflegen, Organe reparieren. Sie dienen der Wiederherstellung der Gesundheit. Gesundheit, so hat der Theologe Karl Barth dies einmal formuliert, ist Kraft zum Menschsein, ein Geschenk Gottes. Seelsorge ist deshalb ein wichtiger Teil eines therapeutischen Angebots, weil sie auf ihre Weise diese Kraft zum Menschsein fördert. Die psychologische Forschung des letzten Jahrzehnts zeigt zunehmend deutlich, dass die Religiosität eines Menschen ein heilendes Potential enthält. Ein Spital, das diesen Aspekt ausblendet, blendet zum Nachteil leidender Menschen (und wohl auch zum eigenen Nachteil) eine wichtige «Kraft zum Menschsein» aus. Seelsorge fördert diese religiöse Kraft zum Menschsein. Sie schafft ihr im Gespräch Raum. Sie hilft, verkrustete Vorurteile und Missverständnisse abzutragen, unter denen diese Kraft manchmal begraben ist. Sie nährt sie mit liebevollen Gesten, durch Symbole und Texte aus Bibel und kirchlicher Tradition, in Eucharistie und Gebet. Sie bezieht sich dabei immer neu auf den biblischen Gott des Lebens, der will, dass Menschen die Fülle des Lebens haben (Joh 10,10).
Spitäler und ihre Dienste sind auf ein zentrales Betriebsziel ausgerichtet: auf die Wiederherstellung der Gesundheit, möglichst zielsicher, effektiv, kostensparend. In einem solchen Unternehmen droht das ausgeblendet zu werden, was diesem Ziel nicht entspricht: Scheitern, Ausweglosigkeiten, letzte unüberwindliche Grenzen. Menschen werden im Spital aber nicht immer gesund. Jeder sechsundzwanzigste, der in ein Spital eintritt, wird dort sterben. Knapp zwei Drittel der Menschen werden im letzten Abschnitt ihres Lebens in Krankenhäusern betreut. Auch in diesem Zusammenhang wird Seelsorge wichtig. Sie setzt im Spitalalltag nicht nur Zeichen eines Gottes, der Gesundheit als Kraft zum Menschsein will. Sie setzt auch Zeichen eines Gottes, der die Zerbrechlichkeit dieser Kraft kennt, der Menschen in all ihren Ratlosigkeiten, in ihrem Versagen und Scheitern annimmt, der für sie da ist, auch wenn ihnen der Atem ausgeht. Gott ist Mensch geworden und hat am Kreuz menschliches Leid auf sich genommen. Diese unergründbare Nähe Gottes im Leiden sucht Seelsorge durch hartnäckige und geduldige Zuwendung auch dort im Spital noch spürbar zu machen, wo die Zeiger und Apparate stillstehen.
Seelsorge hält so ein Bewusstsein für die Schattenseiten und Grenzen medizinischer Anstrengungen wach. Sie ist deshalb manchmal leicht ärgerlich, sperrig, im Spitalbetrieb schwer einzuordnen. Sie ist eine Art lebendige Erinnerung an die Grenzen des Machbaren. Spitäler, die dieses sperrige Element bewusst in ihr Konzept einbauen, zeichnen sich aus: Sie wissen offenbar um ihre Schattenseiten, kennen Grenzen, verabsolutieren sich letztlich nicht selber. Das kann Menschen in dieser Spitalwelt nur zugute kommen. Und es ist im Sinne des biblischen Gottes, der dort seinen Protest anmeldet, wo Menschliches verabsolutiert wird.
Spitalseelsorge zeichnet sich durch ihre Instrumentenlosigkeit aus. «Instrumente» der Seelsorge sind das offene Ohr, das weite Herz, die liebevolle Geste, das Gespür für Heruntergeschlucktes, die Beharrlichkeit der Begleitung auch dort, wo nichts (mehr) zu machen ist, der Glaube an einen Gott, der alles umgreift, was Menschen leidvoll ergreift. Sie kann wenig machen und nichts kurieren. Sie ist eine Art ohn-mächtige Sorge um das Wohl des ganzen Menschen. Gerade dadurch erinnert sie an eine gemeinsame Grundlage aller medizinischen, pflegerischen, sozialarbeiterischen Berufe: Zuwendung, elementare Sorge um das Wohlsein des ganzen Menschen, «cura», wie das lateinische Wort dafür heisst, «care» wie es unübersetzbar auf Englisch heisst. Die auseinander driftenden Dienste im Spital bedürfen einer solchen gemeinsamen Grundlage. In der Pflege war sie schon immer im Blick. Die Medizin zeigt ein zunehmendes Bewusstsein für ihre Bedeutung. Seelsorge erinnert gerade durch ihre Instrumentenlosigkeit an die heilende Bedeutung dieser Grundhaltung der Für-sorge. Man kann hier noch weiter fragen. Warum wenden sich Menschen anderen fürsorglich zu? Weil sie daran verdienen? Das kann nicht alles sein, wenn ich mir den Alltag des Spitals mit seinen hunderttausend sorgfältigen Handreichungen vorstelle. Da ist noch etwas anderes im Spiel. Vielleicht das: wir wissen alle, dass wir elementare menschliche Zuwendung brauchen, um Menschen sein zu können. Nächstenliebe mit Mass. So ist Fürsorge für den anderen auch Echo auf die Erfahrung von Fürsorge, die wir selber erfahren haben. Theologisch gesehen: «cura» von Menschen für Menschen ist Echo auf die «cura» Gottes für den Menschen.
Spitäler sind zunehmend multikulturelle Gebilde. In einer Informationsbroschüre
des Inselspitals in Bern lese ich: «Wir sind stolz darauf, Menschen
aus 67 Nationen zu beschäftigen.» Die Situation stellt sich auf
der Seite der Patientinnen und Patienten wenig anders dar. Menschen mit
unterschiedlichen kulturellen Orientierungen leben im Spital also oft auf
engstem Raum beieinander. Diese Unterschiede zeigen sich offen oder verdeckt
immer wieder: in Speisevorschriften, im unterschiedlichen Umgang mit der
Wahrheit am Krankenbett (vom Norden zum Süden ist zunehmend Verschwiegenheit
die Regel), in Riten, die im Umgang mit Toten zu befolgen sind (oder wären).
Solche kulturellen Unterschiede sind oft auch mit religiösen Vorstellungen
gekoppelt. Seelsorge kann auch hier in manchen Situationen eine aufklärende
und vermittelnde Funktion übernehmen. Christliche Seelsorgerinnen und
Seelsorger bleiben dabei in ihrer Tradition verwurzelt und lernen nochmals
neu, ihren Glauben in verständlicher Weise zu formulieren. Sie setzen
sich aber in einem weiteren Sinn auch dafür ein, dass die Religiosität
anderer respektiert wird. Das bedeutet: Offenheit für das Gespräch
mit der Muslima in Not; Verständnis im Gespräch mit dem todkranken
Esoteriker; Zusammenarbeit mit den Geistlichen anderer Religionen; das Entwickeln
einer interreligiösen Kultur der «cura»; Respekt vor der
unergründlichen Vielfalt Gottes.
Kirchen, die ein qualifiziertes Angebot der Seelsorge in Spitälern
aufrechterhalten, leisten unserer Gesellschaft einen unersetzlichen Dienst.
Allerdings gilt auch dies: Nicht nur das Spital hat Seelsorge nötig.
Auch die Kirchen haben die Herausforderungen einer Seelsorge nötig,
die sich im Spital behauptet. Dies ist sozusagen hors concours
ein achter Grund, weshalb Spitalseelsorge not-wendig ist. Spitalseelsorgerinnen
und -seelsorger entwickeln als kirchliche «Vorposten»
in einem säkularen Umfeld eine religiöse Sprache, wie sie
Menschen heute brauchen: verständlich, bedürfnisorientiert, inspirierend,
kritisch, spirituell. Sie zeigen, wie Kirchen insgesamt menschenfreundlicher
und seelsorglicher werden können. Und dies wiederum hat positive Rückwirkungen
auf alle jene, die Menschenfreundlichkeit im Spitalalltag zu vertreten suchen.
Christoph Morgenthaler ist im Fachbereich Seelsorge und Pastoralpsychologie des Instituts für Praktische Theologie an der Universität Bern Professor.