10/2003 | |
INHALT | |
Spitalseelsorge |
Delegiert vom Vorstand unserer Deutschschweizer Vereinigung durfte ich
als Teil meiner Sabbatzeit nach 18 Jahren Spitalseelsorge an
den beruflich und menschlich ausserordentlich reichen Tagen der siebten
Konsultation des europäischen Netzwerkes für Krankenhausseelsorge
(Health Care Chaplaincy) in Turku (Finnland) vom 12.16. Juni 2002 teilnehmen.
Mit über 40 Teilnehmenden vertraten wir 21 Länder und zugleich
die Breite christlicher Bekenntnisse: von der Heilsarmee (der junge Yuri
Zelentsov vom Kinderspital St. Petersburg) über Calvinisten (z.B. Pastorin
Tünde Édes, erste und einzige Spitalseelsorgerin in Pécs
[Ungarn]) und Katholiken (z.B. der Kamillianer P. Angelo Brusco, Lehrbeauftragter
für Spitalseelsorge am Institut seines Ordens) bis zu den Orthodoxen
(z.B. Fr. Stavros Kofinas, Vertreter des Ökumenischen Patriarchats
von Konstantinopel, auch engagiert im Dialog mit muslimischen Geistlichen
zu sozialen und psychologischen Themen).
Gastgeberin war die lutherische Pastorin Kirsti Aalto, Direktorin der finnischen
Spitalseelsorge voll Charme auch, als sie ihren Bischof (verheiratet
und Vater zweier Schulkinder) im Priesterkollar über dem Kostüm
begrüsste.
Die ökumenischen und kulturellen Herausforderungen waren also präsent
vielleicht besonders stark für die jungen Priester aus Litauen
und Rumänien, die den Anschluss ans Netzwerk über die Website
eurochaplains.org. gefunden hatten.
Doch schon am ersten Abend spürten wir alle auch unsere gemeinsamen
spirituellen Wurzeln: Als Kirsti jedes von uns einlud, mit einer kleinen
Bienenwachskerze unser Gebet für alle Bekannten und Patienten, die
wir innerlich mittrugen, als Flammen in einer Sandschale zu vereinen, in
einem grossen gemeinsamen Schweigen.
Ähnlich weit und tief waren je die Morgen- und Abendliturgie
einmal von orthodoxen, einmal von lutherischen, einmal von katholischen
Kollegen und Kolleginnen sensibel gestaltet mit Psalmen, gemeinsamen
Gebeten und Gesängen der jeweiligen Tradition.
Vielleicht darum und durch die kompetente Vorbereitung und Leitung
durch die internationale Arbeitsgruppe wurde auch die Atmosphäre
dieser Tage bei aller intensiven und fruchtbaren Arbeit so freundschaftlich
und herzlich.
Im Januar hatte sich das Vorbereitungskomitee auf Einladung von Patriarch
Bartholomäus in Istanbul getroffen und unter Einbezug des Weissbuchs
der christlichen und jüdischen Spitalseelsorgevereinigungen (zusammen
10000 Mitglieder vertretend) in den USA und Kanada sowie weiterer Grundlagenpapiere
einen ersten Entwurf erarbeitet für europäische Standards.
Leitend war dabei das Anliegen, im raschen Wandel des Gesundheitswesens
in allen Ländern Europas ein Instrument zu formulieren, das der Seelsorge
hilft, sich zu positionieren, zugleich aber genügend Spielraum lässt,
damit jedes Land für seine Situation entsprechende Formulierungen finden
kann.
Mit unserem ökumenischen Deutschschweizer Leitbild für Spital-
und Krankenseelsorge sind wir schon sehr gut integriert in diesem Prozess
der Ausrichtung auf die Zukunft. Was im aktuellen Trend zu Qualitätsmanagement
nötig werden könnte, wären präzise Darstellungen
unserer Ziele und Angebote in der jeweiligen Institution, sowie der Erfassung
der Qualität für die «Klienten». Sich hier an Studien
zu beteiligen verpflichten sich auch die europäischen Standards; in
den USA sind in den letzten Jahren viele Studien erschienen, die den «Gewinn»
durch Spitalseelsorge und Religion für Patienten belegen.
Offenheit, Transparenz sind sicher um so wichtiger für unseren Dienst,
je weniger traditionsgeprägt unsere Patienten werden. Besonders wichtig
wahrscheinlich auch für jene Seelsorgedienste, die vom Staat, dem Spital
(und nicht von der Kirche) finanziert werden. Hier verlaufen die Entwicklungen
in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich:
Neben der Erarbeitung von europäischen Standards (deutsche Übersetzung
nachstehend, Original in Englisch unter www.eurochaplains.org) hatten die
Teilnehmenden auch Raum, ihre Anliegen für die nächsten Jahre
zu formulieren. Das Komitee des Netzwerkes wird «dranbleiben»,
auch Kontakt suchen zu politischen Stellen (v.a. EU-Parlament) und Bischofskonferenzen,
um das Anliegen der Spitalseelsorge zu fördern, Entwicklungen anzuregen
im Hinblick auf die Implementierung der Standards, und Kollegen in den einzelnen
Ländern zu unterstützen, auch im Austausch via Internet.
Als «Netzwerk» ist dabei die Struktur beweglich, doch durch
die «Deklaration von Kreta 2000» definiert, sowie durch die
Wahl der bisherigen Arbeitsgruppe (plus zweier Delegierter von Holland und
Irland) unter dem engagierten Präsidium von Stavros Kofinas, orthodoxer
Priester und Psychotherapeut, nun legitimiert.
In seinem Brief an alle Teilnehmenden von Turku bittet Fr. Stavros um das
Gebet, um im so wichtigen Dienst an Kranken in echter Liebe wirken zu können
und ich glaube, mit dieser Haltung, wie wir sie in diesen fünf
Tagen erlebten als intensive professionelle Arbeit mit modernsten
Mitteln, als spirituelle Vertiefung in ökumenischer Weite, in freundschaftlicher
Herzlichkeit wird auch unsere Schweizer Spitalseelsorge im Austausch
mit dem europäischen Netzwerk viel gewinnen können.
Marlène Inauen ist Spitalseelsorgerin am Zürcher Stadtspital Triemli.
Die europäischen Standards für Krankenhausseelsorge sind eine
gemeinsame Erklärung, die das seelsorgliche Wirken der Glaubensgemeinschaften
im Bereich der Krankenhausseelsorge in Europa zum Ausdruck bringt. Sie sind
als Empfehlung und Richtlinie für alle Religionsgruppen und Konfessionen
zu verstehen, die Seelsorge im Gesundheitswesen anbieten. Die Berufsbezeichnung
für diejenigen, die Seelsorge anbieten, ist in den Glaubensgemeinschaften
und Konfessionen ebenso wie in den verschiedenen Traditionen und Nationen
unterschiedlich. In diesem Dokument sind die Begriffe «Seelsorger/-in»
und «seelsorglich» als allgemein anerkannte Begriffe anzusehen,
sie sind jedoch nicht bindend.<1>
Dieses Dokument ist das Ergebnis der 7. Konferenz des Europäischen
Netzwerkes für Krankenhausseelsorge, die in Turku, Finnland, stattfand.
40 Vertreter verschiedener Kirchen und Organisationen, die gleichzeitig
21 europäische Länder repräsentieren, nahmen daran teil.
Das Dokument basiert auf den Erfahrungen der unterschiedlichen vertretenen
Traditionen und vereint Standards der Krankenhausseelsorge in Europa und
darüber hinaus.
Krankenhausseelsorge bietet ihre Dienste in den vielfältigen Einrichtungen des Gesundheitswesens an. Sie geht ein auf die existenziellen, spirituellen und religiösen Bedürfnisse jener, die leiden, und jener, die Sorge für sie tragen. Dabei werden persönliche, religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Ressourcen berücksichtigt.
Krankenhausseelsorger/-innen sind für Patienten, deren Angehörige und andere ihnen Nahestehende, für Besucher und für das Personal da, um
Krankenhausseelsorge hat eine theologische, seelsorgliche und ethische Kompetenz. Sie ist involviert in Projekte und Diskussionen zu den Themenbereichen
a. Theologie und Seelsorge
b. spirituelle/existenzielle Bedürfnisse und Werte
c. Ethik (einschliesslich Bioethik)
d. Optimierung der Krankenhausseelsorge
Diejenigen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind, erhalten ihrer Beauftragung entsprechend professionelle Aus- und stetige Weiterbildung mit folgenden Inhalten:
a. Theologische und seelsorgliche Ausbildung und Reflexion
b. Kenntnisse über relevante Themen im Gesundheitswesen
c. Praktische/klinische Supervision
d. Geistliche Begleitung
1 Als Hintergrund für diese Aussage sind die Gegebenheiten in den Niederlanden und in England zu sehen, wo neben den christlichen Krankenhausseelsorgern/Krankenhausseelsorgerinnen auch Moslems, Juden und Humanisten zum Team der «hospital chaplains» gehören. Deshalb heissen in den Niederlanden die Krankenhausseelsorger «spiritual care givers».
Mit der Frage nach dem Sinn des Leidens und des Bösen ist letztlich
auch die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens und der Geschichte
gestellt und damit die Gottesfrage. Deshalb unterscheiden sich denn auch
die Antworten auf die Titelfrage je nach religiöser, weltanschaulicher
oder philosophischer Position. In unserer pluralistischen Gesellschaft werden
verschiedene Positionen vertreten und dementsprechend unterschiedliche Antworten
auf die Grunderfahrung des Bösen in der Welt und des menschlichen Leidens
gegeben. Das Arnold-Janssen-Haus hat seine letzte Vortragsreihe dieser Vielfalt
der Antworten gewidmet und dazu Fachleute wie Religionswissenschaftler,
Theologen und Psychologen zu Referaten eingeladen. Diese Referate liegen
jetzt, namentlich um Literaturhinweise erweitert, als Sammelband vor, herausgegeben
von Hermann Kochanek, als Professor für Pastoraltheologie und Homiletik
an der Theologischen Hochschule Chur wenige Monate später verstorben.
Die Beiträge des 1. Kapitels bieten religions- und theologiegeschichtliche
Überblicke. Im 2. Kapitel werden die Antworten der Religionen Asiens
dargestellt (in den chinesische Religionen, im Hinduismus, im Buddhismus).
Im 3. Kapitel kommen Stammesreligionen aus Afrika und Nordamerika (Indianer)
zur Sprache. Das 4. Kapitel stellt die Antworten der monotheistischen Religionen
Judentum, Christentum und Islam vor. Das 5. Kapitel befasst sich mit Antworten
von Philosophie, Weltanschauungen (New Age und Esoterik, Psychoanalyse)
und Kunst. In seinem Vorwort gibt Hermann Kochanek selber Fragen vor, die
zu einem kritischen und weiter führenden Umgang mit den Antworten der
Religionen und Weltanschauungen anleiten könnten.
Hermann Kochanek (Hrsg.), Wozu das Leid? Wozu das Böse? Die Antwort von Religionen und Weltanschauungen, Bonifatius Verlag, Paderborn 2002, 360 Seiten.