4/2003

INHALT

Spitalseelsorge

Im Trüben fischen?

von Silvia Käppeli

 

Wenn ich mir erlaube, mich an dieser Stelle zur Spitalseelsorge zu äussern, dann ist es, weil ich als Pflegewissenschafterin in einem Universitätsspital zwischen den Aufgaben der Pflegenden und denjenigen der Spitalseelsorger/-seelsorgerinnen gewisse Parallelen und einen gemeinsamen Kern erkenne: Ihr Fokus ist das Leben und das Leiden, das heisst der Mensch mit seinen durch Krankheit, Krisen, Behinderung oder durch den Sterbeprozess bedingten gesundheitlichen Bedürfnissen und Problemen mit all ihren diesseitigen und transzendenten Facetten. Die Krankenpflege hat den Auftrag, zur Heilung, zur Verbesserung der Lebensqualität oder Linderung von Leid beizutragen und Betroffene darin zu unterstützen, damit sowie mit Behandlung und Pflege konstruktiv umzugehen und sie auf eine ihnen entsprechende Art zu bewältigen. Gute Pflege beinhaltet Seelsorge, und gute Seelsorge trägt zur Wirksamkeit der Pflege bei. Ich möchte die Fragen zur organisatorischen Positionierung der Spitalseelsorge sowie zur Berechtigung ihres Zuganges zu «sensiblen» Daten über Patienten aus dieser Erfahrung heraus angehen.

Die Datenbasis der professionellen Krankenpflege

Die professionelle Krankenpflege geht davon aus, dass sie ohne sachdienliche Daten über und besonders von Patientinnen und Patienten nicht wirksam arbeiten kann. Diese beinhalten einerseits auf bestimmten Verfahren beruhende objektive Informationen über ihren Krankheitsverlauf und über ihren medizinischen, das heisst körperlich-seelischen Zustand, über ihre soziale Situation oder den Kontext, in denen sie sich befinden, sowie über die Behandlungen, denen sie sich unterziehen müssen. Anderseits informieren sich die zuständigen Pflegepersonen über die körperliche und seelisch-geistigen Befindlichkeit ihrer Patientinnen und Patienten, also darüber, wie sie ihre Situation erleben und interpretieren und welche Ressourcen sie dazu beiziehen. Die Erfassung der pflegerischen Situation jedes Kranken bedingt also sowohl Methoden, die erlauben, die medizinisch-pflegerischen Diagnosen so exakt als möglich zu stellen, als auch ein offenes Gespräch, um festzustellen, wie ein Kranker seine Situation erlebt. Dieses in der Regel auf vorhandene medizinische Vorinformationen abgestützte systematische pflegerische Erstgespräch beinhaltet folgende Gesichtspunkte: den Grund der Hospitalisation, die krankheits- oder krisenbedingten Einschränkungen der Aktivitäten des täglichen Lebens, die konkrete Pflegebedürftigkeit, die Bedeutung der gegenwärtigen Situation für die Betroffenen, ihr Umgang damit sowie die Bedeutung der Situation für Angehörige oder für die Arbeits- und Lebenssituation. Je nach dem werden diese Gesprächspunkte unterschiedlich gewichtet und konkretisiert. Bei einem verunfallten, auf der Notfallstation liegenden ausländischen Bauarbeiter gibt es andere Prioritäten als bei einer berufstätigen Mutter, die an Krebs erkrankt ist, oder als bei einem drogenabhängigen Jungen. Je nach dem folgen dem Erstgespräch weitere.
Dieser informationsgestützte pflegerische Ansatz verleiht grundsätzlich der subjektiven Verfasstheit der Patienten gleich viel Gewicht wie den objektiven Befunden der Vertreter/Vertreterinnen verschiedener Gesundheitsberufe (d.h. Ärzten, Pflegenden, Physiotherapeutinnen, Sozialarbeiterinnen, Psychologen usw.), die mit den Patienten arbeiten. Er gesteht den Kranken zu, dass sie am besten wissen, wie es ihnen geht, währenddem die Angehörigen des multidisziplinären Teams aufgrund ihrer Ausbildung die von ihnen erhobenen objektiven Daten (Laborwerte, Röntgenbilder, Blutdruck usw.) am besten beurteilen können. Diese Pflegeauffassung gewichtet also die «Expertise» der Betroffenen und diejenige der Behandelnden gleichwertig.
Es versteht sich von selbst, dass diese Pflegegespräche gezielter und ertragreicher geführt werden können, wenn sie auf möglichst solider, exakter und reflektierter Vorinformation wie zum Beispiel den Angaben eines einweisenden Arztes, einer Krankengeschichte oder auf einem Sozialrapport beruhen. Gleichzeitig erspart die Vorinformation den Patienten, dass sie jeder Berufsgruppe, die mit ihnen arbeitet, immer wieder dasselbe erzählen müssen. Die Information der Pflegenden bildet die Grundlage ihrer Interventionen und somit des pflegerischen Erfolges. Je spezifischer und richtiger die Information, desto besser die Wirkung der Pflege.
Die professionelle Grundlage, die dieses Vorgehen der Angehörigen eines multidisziplinären Teams im Spital rechtfertigt, ist, dass die Erhebung von Daten nur im Zusammenhang mit einem berufsspezifischen Auftrag und innerhalb einer verbindlichen beruflichen Beziehung zu einem Patienten erlaubt ist. Es dürfen also nur berufsrelevante Informationen erhoben werden. Ferner ist jede mit Patienten beschäftigte Person an einen berufsethischen Codex gebunden, der ihr vorschreibt, wie sie mit solchen Informationen umgehen muss (Berufsgeheimnis). Das beschriebene Erheben von Daten über Patienten durch Pflegende ­ die Pflegeanamnese ­ ist eine professionelle Handlung, die einem definierten pflege-therapeutischen Auftrag und einer definierten berufsethischen Haltung entspricht. Ohne die oben geschilderte Information kann dieser Auftrag nicht befriedigend ausgeführt werden. Die institutionelle Grundlage dieses Ansatzes besteht in der Forderung jeder Spitalleitung nach einer qualitativ hoch stehenden und ökonomisch vertretbaren Pflege. Diese hat ihre Berechtigung innerhalb des gesellschaftlichen Auftrages des Pflegeberufes und der einzelnen Pflegenden, aufgrund ihrer Ausbildung pflegebedürftigen Menschen beizustehen.
Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass sich Patienten auf die Kompetenz und den aktuellen Informationsstand der Pflegenden und aller Angehörigen eines multidisziplinären Teams verlassen können müssen. Sie haben ein Recht darauf, von Personen gepflegt, behandelt und beraten zu werden, die über ihre gesundheitliche Situation therapeutisch relevante Informationen haben. Sie haben auch Anspruch darauf (nicht aber die Pflicht), sich am pflegediagnostischen Prozess zu beteiligen und die über sie existierenden Daten zu überprüfen und gegebenenfalls zu berichtigen. Die aktive Beteiligung der Betroffenen am Informationsprozess ist umso wichtiger, als sich Zustände und Befindlichkeiten im Laufe des Pflege- und Behandlungsprozesses verändern: Ihr Hauptmerkmahl ist also ihre meist nur situative Gültigkeit.

Erwartungen der Pflegenden an die professionelle Spitalseelsorge

Die Spitalseelsorger gehören ­ wie die anderen oben genannten Vertreterinnen der Gesundheitsberufe ­ zu den multidisziplinären Behandlungs- und Betreuungsteams jedes modernen Spitals. Ihre Zugehörigkeit beruht auf der im heutigen Gesundheitswesen zum Allgemeingut gewordenen ganzheitlichen Auffassung vom Menschen. Auch wenn die Seelsorge ­ wie beispielsweise die Physiotherapie ­ nicht in jedem Fall gefragt oder notwendig ist, steht grundsätzlich das gegenseitige Zusammenwirken von Körperlichem und Seelisch-Geistigem beim Menschen ausser Frage. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die Pflege von Seelischem und Körperlichem zur Pflege und Behandlung jedes Leidens gehört. Ob die Pflege des Seelischen aus pflegerischer, psychologischer, theologischer oder psychiatrischer Sicht erfolgt, immer beruht sie auf derselben Grundinformation: dem Zustand und der Verfasstheit des kranken oder leidenden Menschen. Aus dieser Auffassung heraus erwarten Pflegende also von den Spitalseelsorgern, dass sie im Rahmen ihres theologischen Auftrages zur Betreuung von Patienten, die nach ihnen verlangen oder die möglicherweise ihrer bedürfen, beitragen. Daraus ergibt sich, dass der Spitalseelsorger denselben Anspruch auf und Zugang zu den Daten haben muss, wie alle anderen Angehörigen eines multidisziplinären Teams.
Aufgrund verschiedener gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Entwicklungen ergeben sich heute im Spital zahlreiche Situationen, in denen Pflegende dankbar sind, wenn die Spitalseelsorger nicht nur den Patienten, sondern auch ihnen selbst zur Verfügung stehen. Tendenziell sind viele heute hospitalisierte Menschen schwerer krank, in schwierigeren sozialen oder wirtschaftlichen Situationen als noch vor einigen Jahren (Asylanten, Arbeitslose, alte und junge Menschen ohne intakte familiäre Einbettung). Sie werden oft mit komplexeren oder aggressiveren Behandlungen konfrontiert als noch vor einiger Zeit (z.B. Spitzenmedizin im Greisenalter, Multiorgantransplantationen usw.), und die heute in der Regel kürzere Aufenthaltsdauer der Patienten im Spital verdichtet das Geschehen zusätzlich. Dies bedeutet, dass auch die Pflegenden mit vielen Grenzsituationen konfrontiert werden und weniger Zeit haben, sich damit auf geistig-produktive Weise auseinander zu setzen. Meist fehlen die theoretischen Grundlagen, um die Probleme zu strukturieren, oder Deutungsrahmen, in welche sie eingeordnet werden könnten. Auch wenn die Psychologie heute in vielen multidisziplinären Teams einen viel selbstverständlicheren Platz einnimmt als die Seelsorge, bietet sie keine Hilfe in Sinnfragen. Oft werfen Situationen von Kranken ethische oder religiöse Fragen auf, die nicht beantwortet werden können. Die unumgängliche Auseinandersetzung mit solchen erfordert die professionelle Hilfe eines Seelsorgers, der mit der die Probleme auslösenden Situation der Patienten vertraut ist. Aus dieser Aufgabenstellung der Spitalseelsorger ergibt sich nicht nur die Selbstverständlichkeit, dass sie denselben Zugang hat zu Patientendaten wie alle anderen Berufsgruppen.
Vielmehr wäre wünschenswert und ist notwendig, dass der Seelsorger zu einem interdisziplinären Team oder wenigstens zu einer Klinik oder einem Spital gehört. Als lediglich im Spital ein- und ausgehender «Funktionär einer Kirche» gewinnt er kaum das Vertrauen, das notwendig ist, um zur Beratung in schwierigen Situationen beigezogen zu werden. Zudem sind die wenigsten Pflegenden regelmässige Kirchgängerinnen und haben teilweise Mühe, einen unbeschwerten Zugang zu einem Seelsorger zu finden. Ein solcher wäre jedoch im Interesse vieler Kranker wichtig.
Schliesslich sind die Zeiten vorbei, in denen religiöse und spirituelle Fragen lediglich vereinzelt und gebunden an individuelle Patientensituationen vorkommen. Es gibt kaum ein Grossspital, in dem sich nicht mindestens eine Ethikkommission mit übergeordneten ethischen Fragen der Forschung am Menschen, der Behandlung oder der Pflege befassen müsste. In diesen Gremien nehmen die Seelsorger einen wichtigen Platz ein, vorausgesetzt sie sind vertraut mit den konkreten Einzelheiten der zur Diskussion stehenden Fragen. Dabei geht es nicht darum, dass sie Antworten geben, sondern dass sie als Theologen für Werte einstehen, die vielen anderen auch heilig sind, die sie jedoch nicht artikulieren können oder für die sie unter dem sozialen Druck ausschliesslich weltlich ausgerichteter Leistungsteams nicht einzustehen wagen: Es geht dabei etwa um Werte wie die Unversehrtheit jedes einzelnen Menschen, um Solidarität mit allen Leidenden und Kranken, auch mit jenen, die unkooperativ und schwierig erscheinen, um die Unterstützung jener Kranken, die auf Gott und andere Instanzen mehr vertrauen als auf die Medizin und die Ärzte, um das Recht zu «unvernünftigen» Entscheidungen, den Anspruch alter Menschen, sich selbst zu bleiben, sich Zeit zu nehmen für lebenswichtige Entscheidungen und schliesslich, auf medizinische Interventionen zu verzichten.

Wie kann Seelsorge wirksam sein?

Aus der Sicht der Krankenpflege soll die Spitalseelsorge bedürfnisorientiert arbeiten. Der transzendente Kern ihrer Aufgabe, die Auseinandersetzung mit den Mysterien des Lebens und Leidens und mit Sinnfragen verhindert nicht, dass sie sich die Prinzipien systematischer Problemlösung zu eigen macht. Deren erster Schritt ist das Sammeln sachbezogener Daten. Sie schützt sich damit vor dem Vorwurf der Banalität, des «frommen Sprüche Klopfens» oder der Irrelevanz. Systematisches Vorgehen erscheint auch im Zusammenhang mit interreligiösen Fragen, die sich in einer multikulturellen Gesellschaft stellen, besonders wichtig. Es ist bekannt, dass positive Formen von Religion Heilungsverläufe günstig beeinflussen, auch wenn im Einzelfall nicht nachvollzogen werden kann, auf welche Zellen der liebe Gott einwirkt. Empirische Untersuchungen zeigen auch, dass der Seelsorger nicht primär als wissende Autorität der Institution Kirche gefragt ist. Hingegen soll er sich als Mitmensch mit einer spezifischen auf Transzendentes ausgerichteten Bildung, als «Sounding Board» zur Verfügung stellen. Viele Kranken wollen ihm ihre Situation und ihre Gedanken darlegen können. Sie erwarten, dass er auf sie reagiert, dass er ihnen hilft, religiöse Fragen zu strukturieren, Probleme zu portionieren und in gewisse Deutungsrahmen einzuordnen, damit der Umgang mit ihnen leichter wird. Der Seelsorger soll situationsspezifisch und kontextgebunden eintreten auf konkrete Fragen konkreter Personen. Deshalb muss er deren Umstände kennen. Angesichts der zunehmenden Privatisierung und Individualisierung des Religiösen, der Synkretismen und des religiösen Eklektizismus kommen die «klassischen» religiösen Leidensdeutungen kaum in idealtypischer Weise vor.
Die Forderung nach der Begründung der Präsenz der Seelsorger wie auch anderer Berufsgruppen im Spital ist berechtigt. Die Frage nach der Zutrittsberechtigung verschiedener Personen zu «sensiblen» Daten ebenfalls. Sie hängen zusammen. Will man, dass die Seelsorge wirksam ist, muss man sie durch eine eindeutige Position und Kompetenz innerhalb des Spitals entsprechend ausstatten. Ohne definierte Position und ohne Daten ­ im Trüben fischend ­ kann Seelsorge nicht hilfreich und wirksam sein.

 

Siliva Käppeli ist Pflegewissenschafterin im Universitätsspital Zürich.


Begleitung in der letzten Lebensphase

 

«Herzstück einer Begleitung in der letzten Lebensphase ist eine gute Beziehung zwischen den Freiwilligen und den Schwerkranken oder Sterbenden und ihren Angehörigen», sagt Regina Bayer-Birri. Als Leiterin der neuen Fachstelle der Caritas St. Gallen möchte sie sich besonders für die Gestaltung dieser Beziehungen einsetzen; so unterstützt und fördert sie seit dem 1. Dezember 2002 das freiwillige Engagement für Schwerkranke und Sterbende. Regina Bayer-Birri ist Erwachsenenbildnerin und Psychologin und bringt Erfahrungen in der Begleitung von Selbsthilfegruppen mit.

Redaktion


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