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Kirche in der Schweiz |
Das Bistum Basel stellt gleich in dreifacher Hinsicht eine besondere
kirchliche Einheit dar: Zum einen zählt es durch den frankophonen Jura
zu den mehrsprachigen Bistümern der Schweiz, zum anderen befindet sich
sein Sitz nicht dort, wo man ihn als Aussenstehender wohl vermuten würde,
sondern in Solothurn, und last but not least ist es eine Diözese in
der Diaspora, denn im Jahr 2000 bestand die Bevölkerung im Bistumsgebiet
nur zu 35,5% aus Katholikinnen und Katholiken.
Grund genug also, sich dieses kirchenpolitisch sehr spannende Gebilde einmal
näher zu betrachten, zumal der 175. Jahrestag seiner Reorganisation
einen willkommenen Anlass dafür bietet. P. Gregor Jäggi OSB und
Roger Liggenstorfer haben einen sehr informativen Band zusammengestellt,
der Geschichte und Alltag des Bistums Basel auf anschauliche Weise lebendig
werden lässt.<1> Obwohl er sich auf
die Zeit ab 1828 konzentriert, bleibt nicht unerwähnt, dass das Bistum
Basel als Fürstbistum bis zu den Wirren der Französischen Revolution
auch eine weltliche Einheit darstellte, die sich im Wesentlichen vom Bieler
See bis in die Ajoie und ins Laufental erstreckte. Um so verdienstvoller
ist es, dass die Jubiläumsschrift einen Beitrag des jurassischen Ministers
Jean-François Roth enthält, der auf die enge Beziehung des Juras
zu «seinem» Bistum eingeht und darauf hinweist, dass der «Kulturkampf»
hier besonders heftig entbrannte.
Zählt der Nordjura zusammen mit dem grössten Teil des Kantons
Solothurn, mit den Kantonen Zug und Luzern sowie Teilen des Aargaus zu den
mehrheitlich katholischen Gebieten des Bistums, befand sich die katholische
Kirche in den Kantonen Basel-Stadt und Baselland, Bern, Schaffhausen, Thurgau
und dem westlichen Teil des Aargaus stets in der Minderheit. In einem ebenso
ausführlichen wie sehr informativen Kapitel über die «Katholiken
in der Fremde» spürt P. Gregor Jäggi den zahlreichen Herausforderungen
durch diese Diasporasituation nach, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass
sich die Kirche heutzutage überall in der Diaspora befinde: «Die
Katholiken sind eine Minderheit unter anderen und sie leben in einem durch
und durch säkularisierten Umfeld.»
Überhaupt fällt an den einzelnen Kapiteln des Buches auf, dass
sich die diversen Autoren überhaupt nicht scheuen, auch «heisse
Eisen» anzusprechen. Dazu zählt im Falle des Bistums Basel natürlich
der «Skandal» um den wegen seiner Vaterschaft vom Bischofsamt
zurückgetretenen Hansjörg Vogel, der in den Medien dementsprechend
ausgeschlachtet wurde. In seinem Gespräch mit Roger Liggenstorfer zu
Vergangenheit und Gegenwart des Bistums geht der amtierende Bischof Kurt
Koch auch auf diese Episode ein und überrascht mit einer interessanten
Deutung: Das Kind und die spätere Heirat seien für Vogel «der
einzige Ausweg» gewesen, um einem durch zahlreiche Probleme belastenden
Amt zu entkommen, dem sich seine Vorgänger mit Magen- und Herzproblemen
entzogen hätten. Für Bischof Koch ist es deshalb klar, «dass
es nur noch einen Weg geben kann, nämlich öffentlich über
die Probleme zu reden und nicht schweigend zu leiden». Und Koch bekennt
freimütig, dass er mit den Seelsorgenden eher Probleme als mit den
Gläubigen habe, es sei denn sie seien indoktriniert.
Mit dem Verhältnis zwischen Seelsorgenden und Gläubigen beschäftigt
sich Rolf Weibels Beitrag «zur Beteiligung der Laien in der Kirche».
Auch hier werden die Spannungsfelder nicht ausgeblendet, sondern in dankenswerter
Deutlichkeit benannt: so etwa der «fraktionierte Katholizismus»,
der insbesondere in den Auseinandersetzungen zwischen eher liberalen und
eher konservativen Katholiken zutage tritt, wobei Weibel zu Recht kritisiert,
dass vor allem die Gemeinschaften des eher traditionalistischen Lagers dazu
neigen, für sich die Deutungshoheit darüber zu reklamieren, was
nun «katholisch» oder «papst-» bzw. «kirchentreu»
ist und was nicht.
Das Jubiläumsbuch zum 175. Jahrestag der Reorganisation des Bistums
Basel ist also bei weitem keine Jubelschrift, sondern eine ehrliche, weil
vor allem selbstkritische Bestandesaufnahme der Vergangenheit und Gegenwart
in dieser Diözese. Auf der anderen Seite kommen auch das Selbst-Bewusstsein
und der Stolz über das Erreichte nicht zu kurz. Davon zeugen beispielsweise
die Beiträge über das Ordensleben. Den Herausgebern und Autoren
des Buches ist es damit gelungen, falsches Pathos ebenso zu vermeiden wie
eine zum Teil in der Kirche häufig anzutreffende masochistische
Selbstzerfleischung. Das Buch zeigt auf anschauliche und über weite
Strecken fesselnde Weise, dass die Geschichte des Bistum Basels, wie es
Bischof Koch formuliert hat, eine «positive», aber auch eine
«Leidensgeschichte» ist. Und es legt den Schluss nahe, dass
die Verantwortlichen durchaus die Zeichen der Zeit erkannt haben und bereit
sind, sich den vielfachen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu
stellen. Insofern muss es einem um das Bistum Basel wohl nicht bange werden.
Der promovierte Historiker Christian Ruch war Mitarbeiter der Unabhängigen Expertenkommission SchweizZweiter Weltkrieg (UEK) und pflegt als Arbeitsschwerpunkt Schweizerische Zeitgeschichte.
1 P. Gregor Jäggi OSB/Roger Liggenstorfer (Hrsg.), Bistum Basel/Diocèse de Bâle 18282003. Jubiläumsschrift. 175 Jahre Reorganisation des Bistums, 2003, 248 Seiten (zum Preis von Fr. 30. zu beziehen beim Bischöflichen Ordinariat, Postfach 216, 4501 Solothurn).
Im nebenstehend vorgestellten Jubiläumsbuch blickt Fabrizio Brentini
auf 175 Jahre Kirchenbau im Bistum Basel zurück, wobei er die in diesem
Zeitraum entstandenen Kirchenbauten in acht aufeinander folgende Gruppen
zusammenfasst. Sein Gang durch die Architekturgeschichte führt zu einem
nachdenklichen und zum Nachdenken anregenden Ausblick in die Zukunft. Der
Rückgang der Mitgliederzahlen dürfte nur noch gelegentlich einen
Neubau erforderlich machen. «Die Kirchenbehörden werden ihre
ganze Aufmerksamkeit jedoch darauf richten müssen, die bestehenden
Bauten instand zu halten und im besten Fall renovieren zu lassen (was selbstverständlich
auch eine herausfordernde architektonische Aufgabe sein kann).» Vielleicht
sind überdies schon bald auch Überlegungen zu einer Umnutzung
anzustellen:
Soll man Kirchen funktional anders einrichten, verkaufen oder sogar abreissen
lassen?