49/2003

INHALT

Kirche in der Schweiz

Das neue Bistum Basel

von Christian Ruch

 

Das Bistum Basel stellt gleich in dreifacher Hinsicht eine besondere kirchliche Einheit dar: Zum einen zählt es durch den frankophonen Jura zu den mehrsprachigen Bistümern der Schweiz, zum anderen befindet sich sein Sitz nicht dort, wo man ihn als Aussenstehender wohl vermuten würde, sondern in Solothurn, und last but not least ist es eine Diözese in der Diaspora, denn im Jahr 2000 bestand die Bevölkerung im Bistumsgebiet nur zu 35,5% aus Katholikinnen und Katholiken.
Grund genug also, sich dieses kirchenpolitisch sehr spannende Gebilde einmal näher zu betrachten, zumal der 175. Jahrestag seiner Reorganisation einen willkommenen Anlass dafür bietet. P. Gregor Jäggi OSB und Roger Liggenstorfer haben einen sehr informativen Band zusammengestellt, der Geschichte und Alltag des Bistums Basel auf anschauliche Weise lebendig werden lässt.<1> Obwohl er sich auf die Zeit ab 1828 konzentriert, bleibt nicht unerwähnt, dass das Bistum Basel als Fürstbistum bis zu den Wirren der Französischen Revolution auch eine weltliche Einheit darstellte, die sich im Wesentlichen vom Bieler See bis in die Ajoie und ins Laufental erstreckte. Um so verdienstvoller ist es, dass die Jubiläumsschrift einen Beitrag des jurassischen Ministers Jean-François Roth enthält, der auf die enge Beziehung des Juras zu «seinem» Bistum eingeht und darauf hinweist, dass der «Kulturkampf» hier besonders heftig entbrannte.
Zählt der Nordjura zusammen mit dem grössten Teil des Kantons Solothurn, mit den Kantonen Zug und Luzern sowie Teilen des Aargaus zu den mehrheitlich katholischen Gebieten des Bistums, befand sich die katholische Kirche in den Kantonen Basel-Stadt und Baselland, Bern, Schaffhausen, Thurgau und dem westlichen Teil des Aargaus stets in der Minderheit. In einem ebenso ausführlichen wie sehr informativen Kapitel über die «Katholiken in der Fremde» spürt P. Gregor Jäggi den zahlreichen Herausforderungen durch diese Diasporasituation nach, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sich die Kirche heutzutage überall in der Diaspora befinde: «Die Katholiken sind eine Minderheit unter anderen und sie leben in einem durch und durch säkularisierten Umfeld.»
Überhaupt fällt an den einzelnen Kapiteln des Buches auf, dass sich die diversen Autoren überhaupt nicht scheuen, auch «heisse Eisen» anzusprechen. Dazu zählt im Falle des Bistums Basel natürlich der «Skandal» um den wegen seiner Vaterschaft vom Bischofsamt zurückgetretenen Hansjörg Vogel, der in den Medien dementsprechend ausgeschlachtet wurde. In seinem Gespräch mit Roger Liggenstorfer zu Vergangenheit und Gegenwart des Bistums geht der amtierende Bischof Kurt Koch auch auf diese Episode ein und überrascht mit einer interessanten Deutung: Das Kind und die spätere Heirat seien für Vogel «der einzige Ausweg» gewesen, um einem durch zahlreiche Probleme belastenden Amt zu entkommen, dem sich seine Vorgänger mit Magen- und Herzproblemen entzogen hätten. Für Bischof Koch ist es deshalb klar, «dass es nur noch einen Weg geben kann, nämlich öffentlich über die Probleme zu reden und nicht schweigend zu leiden». Und Koch bekennt freimütig, dass er mit den Seelsorgenden eher Probleme als mit den Gläubigen habe, es sei denn sie seien indoktriniert.
Mit dem Verhältnis zwischen Seelsorgenden und Gläubigen beschäftigt sich Rolf Weibels Beitrag «zur Beteiligung der Laien in der Kirche». Auch hier werden die Spannungsfelder nicht ausgeblendet, sondern in dankenswerter Deutlichkeit benannt: so etwa der «fraktionierte Katholizismus», der insbesondere in den Auseinandersetzungen zwischen eher liberalen und eher konservativen Katholiken zutage tritt, wobei Weibel zu Recht kritisiert, dass vor allem die Gemeinschaften des eher traditionalistischen Lagers dazu neigen, für sich die Deutungshoheit darüber zu reklamieren, was nun «katholisch» oder «papst-» bzw. «kirchentreu» ist und was nicht.
Das Jubiläumsbuch zum 175. Jahrestag der Reorganisation des Bistums Basel ist also bei weitem keine Jubelschrift, sondern eine ehrliche, weil vor allem selbstkritische Bestandesaufnahme der Vergangenheit und Gegenwart in dieser Diözese. Auf der anderen Seite kommen auch das Selbst-Bewusstsein und der Stolz über das Erreichte nicht zu kurz. Davon zeugen beispielsweise die Beiträge über das Ordensleben. Den Herausgebern und Autoren des Buches ist es damit gelungen, falsches Pathos ebenso zu vermeiden wie eine ­ zum Teil in der Kirche häufig anzutreffende ­ masochistische Selbstzerfleischung. Das Buch zeigt auf anschauliche und über weite Strecken fesselnde Weise, dass die Geschichte des Bistum Basels, wie es Bischof Koch formuliert hat, eine «positive», aber auch eine «Leidensgeschichte» ist. Und es legt den Schluss nahe, dass die Verantwortlichen durchaus die Zeichen der Zeit erkannt haben und bereit sind, sich den vielfachen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu stellen. Insofern muss es einem um das Bistum Basel wohl nicht bange werden.

 

Der promovierte Historiker Christian Ruch war Mitarbeiter der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz­Zweiter Weltkrieg (UEK) und pflegt als Arbeitsschwerpunkt Schweizerische Zeitgeschichte.


Anmerkung

1 P. Gregor Jäggi OSB/Roger Liggenstorfer (Hrsg.), Bistum Basel/Diocèse de Bâle 1828­2003. Jubiläumsschrift. 175 Jahre Reorganisation des Bistums, 2003, 248 Seiten (zum Preis von Fr. 30.­ zu beziehen beim Bischöflichen Ordinariat, Postfach 216, 4501 Solothurn).


Zur Zukunft des Kirchenbaus

 

Im nebenstehend vorgestellten Jubiläumsbuch blickt Fabrizio Brentini auf 175 Jahre Kirchenbau im Bistum Basel zurück, wobei er die in diesem Zeitraum entstandenen Kirchenbauten in acht aufeinander folgende Gruppen zusammenfasst. Sein Gang durch die Architekturgeschichte führt zu einem nachdenklichen und zum Nachdenken anregenden Ausblick in die Zukunft. Der Rückgang der Mitgliederzahlen dürfte nur noch gelegentlich einen Neubau erforderlich machen. «Die Kirchenbehörden werden ihre ganze Aufmerksamkeit jedoch darauf richten müssen, die bestehenden Bauten instand zu halten und im besten Fall renovieren zu lassen (was selbstverständlich auch eine herausfordernde architektonische Aufgabe sein kann).» Vielleicht sind überdies schon bald auch Überlegungen zu einer Umnutzung anzustellen:
Soll man Kirchen funktional anders einrichten, verkaufen oder sogar abreissen lassen?

Rolf Weibel


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003