46/2003 | |
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Kirche in der Schweiz |
Die Veranstalter von «Perspektiven im Bistum Basel; die Veranstaltung
2005 der Tagsatzung im Bistum Basel» sind mit ihrem neuen Konzept
im vergangenen Sommer unverhofft und angenehm überrascht in die Schlagzeilen
der kirchlichen Presse<1> geraten. Im
Bestreben, die Dialog- und Konfliktkultur im Bistum Basel zu verfeinern,
hatte die Initiativgruppe Baden ein neues Konzept für eine dritte Grossveranstaltung
im Rahmen der Tagsatzungen im Bistum Basel erarbeitet. Mit der nun entstandenen
Diskussion wurde sie selbst Objekt gerade dieser heutigen kirchlichen Kommunikationskultur,
was den angeregten Prozess zusätzlich bereichert hat. Mit dem hier
vorliegenden Text möchte ich als Mitglied der Initiativgruppe nach
einer kurzen Analyse der kirchlichen Kommunikation dazu einladen, die Chancen
dieser kommenden Veranstaltung zu nutzen und so die innerkirchliche Dialog-
und Konfliktkultur engagiert, kreativ und zukunftsweisend mitzugestalten.
In den letzten Monaten häufen sich von verschiedenen Seiten im Bistum
Basel die Vorwürfe, dass in unserer Kirche nicht mehr miteinander kommuniziert
werde. Die für ein Kommunizieren notwendige Gemeinschaft scheint durch
Frustrationen brüchig zu sein und wird durch verschiedenste Kränkungen
zusätzlich strapaziert. Die Sehnsucht nach wirklicher Kommunikation
wird darin zwar deutlich, doch bringt die Sehnsucht allein noch keine Veränderung.
Mit der Haltung «in der Kirche würde sich ohne Druck von unten
nichts ändern» wie andererseits in Vorwürfen der «Amtsanmassung
und der Selbstbevollmächtigung» wird zusätzlich deutlich,
dass manche davon ausgehen, dass die verschiedenen kirchlichen Funktionsträger
von Anfang an unterschiedliche Interessen haben. Schon diese Annahme strapaziert
zusätzlich jene Gemeinschaft, die Kommunikation erst ermöglicht.
Durch Ermahnungen allein ist diese Gemeinschaft aber nicht herzustellen,
nur durch Erfahrungen von Gemeinschaft.
Wie in einer Spirale des Polarisierens werden von verschiedenen Seiten finanzielle,
theologische, hierarchische oder demokratische Trümpfe abwechselnd
gespielt und hochgehalten. Doch der Ton der Äusserungen verrät,
dass hier nicht aus tiefstem Selbstvertrauen, sondern eher aus strategischen
Überlegungen gehandelt wird, als wolle man ein letztes Mal auftrumpfen,
um den anderen endgültig aus dem Sattel zu heben oder mundtot zu machen.
Doch schon der Zeithorizont kirchlichen Arbeitens ist langfristiger, als
dass durch personelle Veränderungen grundlegende Kommunikationshemmnisse
beseitigt werden könnten.
In einer so polarisierten Situation Partei zu ergreifen oder Recht zu sprechen,
wäre sicher kontraproduktiv, weil uns ja die Zukunft gemeinsam herausfordert.
Wenn man einander das Leiden an der Kirche vergrössert, dürfte
das schwerlich zur gemeinsamen Erlösung oder Heilung führen. Das
Erkennen des Leids des anderen und das Lindern dieses Leidens kann aber
eine Spur in die Zukunft weisen.
Die Hoffnung als Grundform christlichen Glaubens steht dem Eindruck von
Stillstand in der Kirchenentwicklung gegenüber. Manchmal scheint es,
als wären Meinungsverschiedenheiten zwischen Hierarchie und der so
genannten Basis bereits genügend Begründung, warum auf den verschiedenen
Ebenen kirchlichen Lebens angeblich nichts mehr weitergeht. Doch die Kraft
der Hoffnung wie auch die Kreativität der Glaubenden und der Seelsorgenden
ist grösser, als dass diese sich mit einer solchen Begründung
zufrieden geben. So ist in vielen Pfarreien trotz aller Schwierigkeiten
eine erstaunliche Lebensfreude und ein grosser Einsatz festzustellen.
Viele kirchlichen Konflikte treten beim Aufeinandertreffen von demokratischen
und hierarchischen (und neu auch wirtschaftlichen) Struktur- und Denkmodellen
auf. In der Kirche in der Schweiz mit verschiedenen staatskirchenrechtlichen
und pastoralen Strukturen finden sich diese Spannungen auf vielen Ebenen
von den Pfarreien bis zur nationalen Ebene.
Dieser Friktionslinie ein neues diözesanes Gremium mit quasi-demokratischer
Struktur hinzuzufügen, wie es in der Tradition der Tagsatzungen immer
wieder gewünscht wurde, birgt daher rein strukturell zwar neue Reibungsflächen,
aber nicht unbedingt konkrete Schritte der Kirchenentwicklung. Statt einer
neuen Struktur (oder zumindest in ihrer Ergänzung) braucht es derzeit
zuerst eine vertiefte Dialog- und Konfliktkultur. In ihr könnte erlebbar
werden, wie jeder einzelne Konflikt etwas zu einer besseren Zukunft beizutragen
hat. In ihr könnte der Reichtum an alltäglicher Kompetenz vieler
Christinnen und Christen mit Konflikten eingebracht werden. Auch könnte
der Beitrag, den unsere Konflikte zur Zukunft und zur Entwicklung unserer
Bistumskirche und der Weltkirche leisten, klarer erfahren werden.
Eine solche Konfliktkultur nutzt die Fülle der heutigen Konflikte.
Wenn nun noch mehr Konflikte entstünden, könnte die Reibungsenergie
(zu) viele Ressourcen aufbrauchen. Eine gewisse Zurückhaltung im Anheizen
«kalter Konflikte»<2> ist
aus dieser Sicht vorläufig gefordert und ein konsequentes Verstärken
persönlicher und vor allem gemeinsamer zukunftsweisender Methoden der
Konfliktbearbeitung gefragt. «Wie also die gemeinsame Dialog- und
Konfliktkultur im Bistum Basel fördern?», fragte sich eine Gruppe
von Engagierten in Baden, als sie die Anfrage bekamen, die nächste
Tagsatzung auszurichten. «Wie kann man die Konflikte als Einfallstor
des heiligen Geistes erfahrbar machen?»
Die Initiativgruppe Baden hat ihr Angebot, die nächste Tagsatzung
im Bistum Basel durchzuführen, als Auftrag aufgefasst, den vertieften
Dialog im Bistum Basel zu ermöglichen und aus der Polarisierung auszubrechen,
um gemeinsame Schritte der Veränderung unserer Bistumskirche an die
Hand zu nehmen. In der oben beschriebenen polarisierten Situation scheint
das Wort «gemeinsam» ja bereits eine Herausforderung in sich
zu sein. So ist bewusst nicht die Erhöhung von Druck, sondern die Ermöglichung
von konstruktivem Dialog ein Hauptziel der Veranstaltung.
Die Initiativgruppe Baden hat das von ihr erarbeitete Konzept nicht nur
mit einigen Verantwortlichen der bisherigen Tagsatzungen, sondern bald schon
mit der Bistumsleitung diskutiert, um von Anfang an deren konzeptgemässe
Mitwirkung an diesem Anlass sicherzustellen. Die Bistumsleitung hat diese
Mitwirkung zugesichert. Auf ihre beiden Wünsche, die Verschiebung des
Datums und die Änderung des Namens, einzugehen, war im Sinn von vertrauensbildenden
Massnahmen notwendig. Da sich die Kirchenbasis als Gegenüber der Bistumsleitung
erlebt, wird die Kirchenbasis zuerst die Aufgabe haben, die differierenden
eigenen Sichtweisen zu einzelnen Themen zu einer gemeinsamen Beurteilung
zusammenzufügen, um sie nachher mit dem Gegenüber, der Bistumsleitung,
zu diskutieren und sich dabei hoffentlich zu einer gemeinsamen Marschrichtung
zu finden.
Im Rahmen der Veranstaltung «Perspektiven 2005» sollen etwa
ein Dutzend Themen, die die Bistumskirche beschäftigen und bei denen
die Bistumsleitung Handlungskompetenz hat, aus Sicht der kirchlichen Basis
analysiert und evaluiert werden. Für jedes Thema erarbeitet eine so
genannte Themengruppe von 2030 Basisangehörigen ein Positionspapier,
das anschliessend in einem zweistufigen Dialog zuerst schriftlich,
dann auch mündlich mit der Bistumsleitung diskutiert und bereinigt
und anschliessend veröffentlicht wird.
Dazu werden im Jahr 2004 in einem offenen Prozess aktuelle Themen der Basis
gesammelt und transparent strukturiert<3>.
Diese werden dann von der Kerngruppe so ausgeschrieben, dass sich engagierte
und interessierte Mitchristen zu diesen Themen begeistern und für ein
Thema anmelden können.
Die Rückmeldungen werden das Zustandekommen der einzelnen Themengruppen
mitentscheiden. Am 5. März 2005 werden sich die Themengruppen ein erstes
Mal treffen und während 34 Monaten in selbstgewählter Form
arbeiten. In ihrem Positionspapier werden sie dann darstellen, «wie
weit sich Ideal und Wirklichkeit entsprechen» und mögliche Korrekturmöglichkeiten
aufzeigen.
Die Gruppenergebnisse werden der Bistumsleitung übermittelt, die dazu
schriftlich Stellung nimmt. So können Themengruppe und Bistumsleitung
die mündliche Diskussion vorbereiten. Am 22. und 23. Oktober 2005 kann
jede Themengruppe ihr Positionspapier mit einem Vertreter der Bistumsleitung
diskutieren und anschliessend bereinigen. Das Endergebnis stellt die Themengruppe
eigenverantwortlich vor. Dazu gehört auch das Weiterleiten der Anliegen
an bestimmte pastorale bzw. staatskirchenrechtliche Einrichtungen. Im gegenseitigen
Zuhören, im Delegieren und schrittweisen Umsetzen der einzelnen formulierten
Anliegen wird jenes Vertrauen wachsen können, das es zur Entwicklung
der Dialog- und Konfliktkultur braucht.
Die Hoffnung auf grundlegende Schritte in der Bearbeitung der «grossen
Fragen» prägen das Kirchesein. Doch zu den derzeit grossen Themen
zählen nicht nur die Weihezulassung, sondern ebenso die Einheit der
Kirchen, die Chancengleichheit für alle, die globale Gerechtigkeit,
der Weltfrieden und die Bewahrung der Schöpfung. Im letzten Jahrzehnt
sind wir der Lösung dieser Themen nicht näher gekommen im
Gegenteil, die Hoffnung auf Veränderung hat abgenommen. In dieser Situation
haben die grossen kirchlichen Themen vor allem dann einen hoffnungsvollen
Platz, wenn sie als schrittweiser Weg und nicht als Alles-oder-nichts-Fragen
angegangen werden.
Aus der festgefahrenen Konfrontation von Wunsch und Wirklichkeit kann bereits
ein kleiner Schritt in die richtige Richtung herausführen, dem weitere
Schritte dann konsequent folgen müssen. Das Konzept von «Perspektiven
im Bistum Basel» sieht daher vor, dass der Fokus der Diskussion auf
jenen Korrekturmöglichkeiten liegt, welche die Möglichkeiten nutzen,
die innerhalb der Bistumskirche Basel «verhandelbar und wandelbar»
sind. Es soll also nicht um eine blosse Wiederholung der grossen Anliegen
gehen. In diesem Fokus liegt der Wunsch, Ergebnisse der Veranstaltung nachher
auch in unserer Kirche erleben zu können, das gegenseitige Verstehen
und Vertrauen fördern und so von einem erkennbaren Erfolg zu sprechen.
Die Bereitschaft, sich auf die kleinen Schritten zu konzentrieren, hat in
der «polarisierten Welt» die Befürchtung eines Maulkorbes
hervorgerufen. Dies zeigte der Initiativgruppe auf eindrückliche Weise,
wie angespannt die Situation ist. Sie hält daher fest, dass es weder
bei der Auswahl der Themen noch in den Diskussionen einen solchen «Maulkorb»
geben wird. Die Themenformulierung und die Moderation der Gruppen wird allerdings
darauf bedacht sein, dass auch bei grossen Zielen der Schwerpunkt auf den
ersten klaren kleinen gemeinsamen Schritten liegt.
Ein methodisches Ziel von «Perspektiven im Bistum Basel» ist es, die Fülle an Einschätzungen und Erwartungen der Kirchenbasis so zu strukturieren, dass sie als überblickbarer Auftrag für die gemeinsame Zukunft und nicht als eine Fülle von Vorwürfen auf die Gesprächspartner zukommen. Dann werden sie zu einem Ansatzpunkt einer neuen Kultur. Die inhaltlichen Themen und Ziele werden die Teilnehmenden selbst einbringen und so mit ihren Erfahrungen und Hoffnungen die Zukunft unserer Bistumskirche gestalten. Unverkennbares Zeichen eines Erfolges wird daher sein, ob die Hoffnung der Basis auf Zukunft der Kirche zusätzliche Energie bekommt. So soll diese Veranstaltung ihrem Namen gerecht werden und «Perspektiven im Bistum Basel» entwickeln.<4>
Markus Heil hat in Pastoraltheologie promoviert, war Mitarbeiter am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen und ist nun Gemeindeleiter in Nussbaumen (AG) und Co-Dekanatsleiter in Baden-Wettingen.
1 Ein Archiv dieser Stellungnahmen findet sich unter www.pibb.ch
2 Unter «Kalten Konflikten» werden nach F. Glasl, Konfliktmanagement, Bern/Stuttgart 1997, S. 69ff., jene Konflikte verstanden, die nur gelöst werden können, wenn sie unter dem Teppich hevorgeholt und daher erlebbar «angeheizt» werden.
3 Themen können schon heute im Forum auf der Homepage der Perspektiven im Bistum Basel www.pibb.ch eingegeben oder bereits heute schriftlich vorläufig an meine Adresse Markus Heil, Birkenstrasse 2, 5415 Nussbaumen, geschickt werden. Eine offizielle Adresse folgt später.
4 Weitere Auskünfte unter www.pibb.ch oder von Markus Heil, Birkenstrasse 2, 5415 Nussbaumen.