39/2003

INHALT

Kirche in der Schweiz

Das Fastenopfer positioniert sich

von Rolf Weibel

 

Im Spätsommer, zwischen den Fasten-Aktionen, pflegt das Fastenopfer die katholischen Medien der Schweiz zu einem Stammtisch einzuladen. Nachdem das Hilfswerk letztes Jahr eine schlankere, effizientere Struktur erhalten hatte und damit den Strukturprozess zu einem Abschluss bringen konnte, orientierte dieses Jahr der Fastenopfer-Direktor Antonio Hautle über den Stand des Strategieprozesses, die Entscheidungsfindung in theologischen, religiösen, entwicklungspolitischen und organisatorischen Fragen und Strategien. Abgeschlossen ist dieser Prozess allerdings noch nicht, doch lässt sich bereits an den ersten Ergebnissen ablesen, wie sich das Fastenopfer künftig positionieren will.

Positionsbezüge...

So soll die Projektarbeit von vier Kernkompetenzen geleitet werden: 1. Gemeinden bilden ­ Glauben leben: Im Sinne des «empowerment» sollen Initiativen gefördert und Gemeinschaften gestärkt werden. 2. Lebensgrundlagen sichern ­ Ressourcenzugang fördern: Gestärkt werden soll auch die Eigenständigkeit, die Subsistenz. 3. Frieden ermöglichen ­ Dialog fördern: Als christlichem Hilfswerk ist dem Fastenopfer am Dialog zwischen Religionen, Konfessionen und Kulturen gelegen, wobei die Bedeutung der Religion im Entwicklungsprozess heute zunehmend auch von staatlichen Stellen ernst genommen wird. 4. Gerechtigkeit leben ­ Gemeinschaften stärken: Zentral in der Projektarbeit Süden ist die Gemeinwesen- und Bildungsarbeit, der Austausch von Wissen und Erfahrung nicht nur zwischen Norden und Süden sowie Süden und Norden, sondern auch zwischen Süden und Süden.
Die vom Fastenopfer gewählte «Option für die Armen» bedingt einen konsequenten Basisbezug, den so genannten Graswurzelansatz, der auch einen regelmässigen und engen Kontakt mit den Projektpartnern beinhaltet. Für die Projektbegleitung setzt das Fastenopfer denn auch 8 bis 10% der Mittel ein (die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit [DEZA] hält sogar 13 bis 14% für angemessen).
Diesen Ansatz entfaltete Antonio Hautle in vier Grundsätzen: 1. Nicht assistentielle Hilfe, sondern wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe leisten. 2. Nahe bei den Zielgruppen bleiben. 3. Keine «milden Gaben» verteilen, sondern beispielsweise eine Ausbildung finanzieren ­ wie bei uns die Ausbildungskosten von der öffentlichen Hand getragen werden. 4. Für intensive Begleitung und Austausch sorgen und hohe Qualitätsanforderungen stellen.
Zur Projektarbeit für den Süden gesellt sich die politische Arbeit für den Süden, das Lobbying. In diesem Bereich geht das Fastenopfer gemeinsam mit anderen Hilfswerken vor; Antonio Hautle wies auf die internationale Zusammenarbeit der katholischen Hilfswerke CIDSE und auf die nationale Zusammenarbeit der schweizerischen Hilfswerke in ihrer Arbeitsgemeinschaft hin. Das aktuelle Beispiel ist die vom Fastenopfer und von Brot für alle lancierte Kampagne «Handel für Menschen», die Teil der internationalen Kampagne «Trade for People» des Globalen Ökumenischen Aktionsbündnisses ist.

...und ihre Anwendung

Eine erste Anwendung dieser Suchbewegungen soll bereits die nächste Fasten-Aktion bringen: sie soll Spenden und Gedanken auslösen, wie der Bereichsleiter Kommunikation und Bildung, Matthias Dörnenburg, in seiner Vorschau ausführte. Gezielt angesprochen werden sollen neue Kreise; deshalb soll nicht das Bild, sondern das Wort im Zentrum stehen, eine Aussage, die den Standort des Hilfswerks wie sein Anliegen prägnant zum Ausdruck bringen soll. Das wird vor allem in der geplanten Öffentlichkeitskampagne ­ mit Inseraten und Plakaten ­ zum Ausdruck kommen.
Auf der gleichen Linie liegt, dass die nächste Fasten-Aktion nicht mehr unter einem Leitwort daherkommt, sondern sich unter ein Thema stellt, unter das Thema: «Wir glauben. An sichere Lebensgrundlagen für alle». Das «Wir glauben» weist auf die christliche und damit kirchliche Verankerung hin, das «An sichere Lebensgrundlagen für alle» benennt das Kernthema. Das gewählte Thema Ernährungssicherung wird mit praktischen Beispielen aus drei Ländern veranschaulicht: Brasilien, Philippinen, Demokratische Republik Kongo.
Für die Pfarreiarbeit stehen die Agenda, die weniger textlastig sein wird, sowie die Werkhefte zur Verfügung. Vielfältig eingesetzt werden kann das neue Hungertuch, das zusammen mit «Misereor», dem deutschen Fastenopfer, herausgegeben wird und das sieben Frauen aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas, die wegen Drogenkurierdiensten in einem deutschen Gefängnis inhaftiert sind, geschaffen haben: Lebens- und Glaubensbilder erzählen von Volksküchen, Strassenkindern und protestierenden Frauen; von Hunger nach Gerechtigkeit und Hoffnung auf ein Leben, in dem alle genug, ja ein «Leben in Fülle» haben können.


Die verpasste Chance von Cancún

 

Das katholische Netzwerk der Internationalen Zusammenarbeit für Entwicklung und Solidarität, CIDSE, dem auch das Fastenopfer angehört, und Caritas Internationalis, der auch Caritas Schweiz angehört, haben in einer ausführlichen Medienmitteilung zum Abbruch der Verhandlungen der Welthandelsorganisation WTO in Cancún Stellung genommen. Der Norden schütze seine Märkte auf Kosten des Südens und sei zu deren Öffnung nicht bereit. Dies sei die Ursache des Scheiterns von Cancún. Zudem fälle die WTO-Entscheide auf «intrasparente und undemokratische» Art. Man habe gehofft, dass die Verhandlungen den Graben zwischen reichen und armen Ländern verringern würden. Die armen Länder würden heute im Welthandel «sehr viel geben, aber sehr wenig erhalten».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003