6/2003 | |
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Kirche in der Schweiz |
Im Mittelpunkt der 2-tägigen Herbstversammlung der Pastoralplanungskommission (PPK) der Schweizer Bischofskonferenz vom 14./15. November in Freiburg stand das Haupttraktandum «Religion und Solidarität». Den konkreten Anlass zur Thematisierung bildete der Abschluss der Nationalfonds-Studie «Solidarität und Religion», die vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in Zusammenarbeit mit der Bethlehem Mission Immensee und dem Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Freiburg durchgeführt wurde. Die in der «Sonderfall»-Studie des SPI 1993 aufgezeigte Tendenz zu einer Pluralisierung und Individualisierung des Religiösen in der Schweiz bildet den Hintergrund zur aktuellen Studie. In der Nachfolge-Studie «Solidarität und Religion» wurde nun die Frage nach neuen Formen und Verbindungen von Solidarität und Religion in der individualisierten Gesellschaft der Schweiz gestellt.
Dieses Thema ist für die PPK von unmittelbarer Brisanz, da in der
modernen Gesellschaft immer wieder das Schwinden von Solidarität beklagt
wird. Michael Krüggeler, Projektleiter der Studie, präsentierte
in zusammengefasster Form die Ergebnisse der empirischen Untersuchung. Die
Forschungsgruppe konnte nach intensiver qualitativer Forschungsarbeit die
allgemeine Meinung vom Schwinden von Solidarität widerlegen. In einer
Typologie wurde einem der vielfältige Zusammenhang zwischen Solidarität
und Religion vor Augen geführt: Drei Typen kristallisierten sich heraus,
die aus je unterschiedlich Motiven Solidarität pflegen: Beim Milieutyp
entsteht Solidarität aus Religion, beim Funktionstyp bildet sich Solidarität
ohne Religion und beim Identitätstyp Religion aus Solidarität.<1> In den untersuchten Gruppen konnten gar
neue Ansätze von Altruismus beobachtet werden. Das altruistische, auf
die Interessen von anderen bezogene Handeln wird neuerdings mit Aspekten
von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung verbunden. Der neue Altruismus
zeichnet sich dadurch aus, dass der Einsatz für andere und das persönliche
Selbstinteresse nicht mehr als Gegensätze aufgefasst werden.
Markus Büker, Leiter des Bildungsdienstes der Bethlehem Mission Immensee
und Mitarbeiter an der Studie, beleuchtet die Studie aus pastoraler Sicht.
Er beginnt seine Überlegungen mit der Schilderung der aktuellen, praktischen
Problemen in der Pfarreiarbeit: Pfarreien schaffen es kaum, inhaltlich erneuerte
Solidaritätsgruppen über den traditionellen, allseits bekannten
Milieutyp hinaus auszubilden, der Funktionstyp ist ihnen kaum ein Anliegen,
weil er zu areligiös erscheint, und für den Identitätstyp
fehlt die Geduld. Die Praxis zeigt jedoch, dass Gruppierungen, welche sich
erfolgreich für eine umfassende Solidarität einsetzten, Mischformen
zwischen Milieu- und Funktionstyp (wie z.B. die Caritas) oder gar eine Mischung
aus allen drei Typen (wie z.B. die «Theologische Bewegung für
Solidarität und Befreiung») darstellen. Diese Mischformen bieten
den grossen Vorteil, dass sie alle drei Typen gleichzeitig ansprechen, sie
bergen aber gleichzeitig auch Konfliktpotential. Gruppen, so Markus Büker,
sind jedoch die bevorzugten Orte von Solidarität und Kommunikation
in der Pfarrei und bilden eine für die Kirchen unverzichtbare solidaritätsfähige
Basis. Es darf nicht vergessen werden, dass in der zivilgesellschaftlichen
Wahrnehmung die diakonischen Leistungen die Akzeptanz der Kirchen in der
Gesellschaft erhöht. Die katholische Kirche sollte dieses Wohlwollen
positiv zur Kenntnis nehmen und dieses Solidaritätspotential gezielt
fördern. Da Verbindungen von Solidarität und Religion in einer
neuen Vielfalt existieren, ist eine an den drei Typen ausgerichtete Pastoral
notwendig, um diese Gruppen gezielt anzusprechen und zu fördern. Markus
Büker schliesst sein Referat mit den folgenden, aus der Studie abgeleiteten
Empfehlungen:
Die Studie und deren praktisch-theologische Reflexion stiess auf grosse Resonanz bei den PPK-Mitgliedern. Aufgrund des grossen heuristischen Wertes, den die Anwesenden in der Typologie sehen, soll die Studie in der pastoralen Arbeit verstärkt rezipiert werden. Die PPK beschloss, zu diesem Zweck eine Erklärung zu verabschieden. Generell soll die Erklärung die Erkenntnisse der Studie mehr popularisieren und die Lust auf das Lesen der ganzen Studie anregen.
Das Schwerpunktthema der PPK-Tagung wurde abgerundet durch die Beobachtungen und Einschätzungen von Professor Leo Karrer, Universität Freiburg, zum Thema «Herausforderungen für die Kirche in den nächsten Jahren». Professor Karrer begann seine Ausführungen beim Postulat, dass die Kirche in der Kommunikation mit den Lebenswelten der Menschen erreichbar zu sein (Regionalisierung) habe. Gesellschaftliche Themen müssten dementsprechend innerhalb der Kirche thematisiert und die Verantwortung nach unten, auf die Pfarreiebene verlagert werden. Um diesen Auftrag effizient zu verwirklichen, sei es unabdingbar, dass die Kirche kritisch-prophetisch in der Gesellschaft wirke (Kunst, Kultur, Arbeits- und Bildungsbereich sowie Ethik). Nun ist es aber nicht so, dass die Kirche Schweiz hilflos dastünde und keine Mittel hätte, ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachzukommen im Gegenteil: Die Kirche Schweiz ist bereits im Besitz guter, über die Region bzw. Pfarrei hinausreichender Instrumente (Medien, Religionsunterricht, Industrie- und Betriebsseelsorge, Orden, Fastenopfer, kirchliche Bewegungen), um kritisch-prophetisch in der Gesellschaft zu wirken. Leider nimmt die Kirche diese Instrumente zu wenig als solche wahr. Die Kirche wirke müde, nicht präsent, zu sehr nach innen absorbiert, um auf gesellschaftliche Ereignisse einzugehen. Leo Karrer schloss sein Referat mit dem Gedanken, dass die Kirche sich in einer Phase des Säens, einer Phase des Neuanfangs, befinde und sie alles daran setzten sollte, die Verbindung von Menschen- und Gottesliebe (wieder) herzustellen, um einen guten Boden für die gedeihende Frucht zu gewährleisten.
Die Aufforderung zu Umorientierung bzw. Neuanfang wurde von der Interdiözesanen Koordination (IKO) gleich in die Tat umgesetzt.<2> Zwei Delegierte der PPK, welche an der Herbstversammlung der IKO teilnahmen, berichteten über die Entwicklung von neuen Perspektiven innerhalb der IKO. Neu hat nun jede Diözese einen eigenen Seelsorgerat. Die Anwesenheit von Bischof Ivo Fürer wurde sehr geschätzt. An der Versammlung wurde über die Zukunft der IKO diskutiert. Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) hat keine grundsätzlichen Einwände mehr gegen die Bildung eines grösseren kirchlichen Forums, wenn ein solches Forum ein geeignetes Thema verhandeln würde. Bischof Ivo Fürer präzisiert seine Vorstellung, wie die Arbeitsweise der Synode 72 auf die IKO angewendet werden könnte: Eine übergreifende Thematik soll gleichzeitig in den einzelnen diözesanen Räten behandelt und entschieden werden, ob das Thema gesamtschweizerisch behandelt werden soll. Dieses Vorgehen würde eine organische Verbindung und eine verbesserte Kommunikation zwischen den einzelnen Seelsorgeräten und dem Forum der IKO bewirken. Dazu soll ab sofort ein «Ausschuss» für die Versammlung gegründet werden, der sich zusammensetzt aus je einem Vertreter/einer Vertreterin der diözesanen Seelsorgeräte. Dieser Ausschuss soll in Zukunft die Tagungen der IKO thematisch vorbereiten und die Kommunikation zwischen der IKO und den einzelnen Seelsorgeräten verbessern. Der Ausschuss wird erstmals im Frühjahr 2003 zusammengerufen.
Eine Umorientierung bzw. Reorientierung findet auch bei der PPK selber
statt: Der Kommission kommt nun vermehrt die Aufgabe zu, die SBK in Bezug
auf gesellschaftliche Tendenzen und Veränderungen zu sensibilisieren
und auf neue Perspektiven hinzuweisen. Die PPK ist somit als ein Beratungsgremium
wie auch im Sinne eines «Frühwarnsystems» zu betrachten.
Nach diesen Traktanden, welche allesamt aufzeigen, dass sich die Kirche
Schweiz und mit ihr die PPK wie auch die IKO tatsächlich
in einer «Phase des Säens» befindet, sei noch kurz auf
die Entwicklung im Projekt «Modulare Bildung Kirche Schweiz»
hingewiesen.<3>
Der Projektauftrag zur Entwicklung «modularer Ausbildungsgänge»
wurde definitiv dem SPI (Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut)
zugesprochen. Ab Januar 2003 werden Treffen mit den Institutionen im Bildungsbereich
stattfinden, um das Projekt zu konkretisieren. Ein Inventar aller Institutionen,
welche im Bildungsbereich tätig sind, wird vom SPI erstellt werden.
Die Leistungsvereinbarungen werden in der Frühjahrssitzung der PPK
im Mai 2003 näher behandelt.
Kritisch-prophetisches Wirken in einer Gesellschaft, die sich immer schneller
und unkontrollierbarer verändert, erfordert neue Zugänge, um den
Auftrag der Kirche wahrzunehmen. Gleich wie die Frucht nur auf gutem, aufbereitetem
Boden zu gedeihen vermag, kann Gottes «Frucht» bzw. frohe Botschaft
nur dann gesund reifen und zur Nahrung aller werden, wenn der Boden bzw.
die Gesellschaft und mit ihr die einzelnen Pfarreien und die darin
lebenden Menschen vorher zum Fruchttragen «vorbereitet»
wurden. Vorbereiten soll nicht heissen, die vermeintlich schlechte Erde
wegschütten und schöne, aber künstliche Früchte in einer
Hors-Sol-Kultur zu züchten. Vorbereiten heisst vielmehr, mit der vorhandenen
Erde arbeiten und ihr die momentan fehlenden Nährstoffe zukommen zu
lassen, damit sie alsbald selber gesunde natürliche Früchte hervorbringt.
Karin Roth ist Assistentin am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen.
1 Siehe hierzu die Erklärung der PPK auf der Frontseite dieser Ausgabe.
2 Siehe dazu SKZ 35/2002, S. 481ff.
3 Siehe SKZ 35/2002, S. 481ff.
Im Rahmen eines Symposions, in dem nach der Kraft des Evangeliums in unserer Zeit gefragt wurde, eröffnete die Theologische Hochschule Chur ihr Pastoralinstitut. In Referaten und einer Podiumsdiskussion wurden unter dem Leitwort «Salz der Erde» von verschiedenen Seiten her heutige Bedingungen und Möglichkeiten kirchlichen Redens und pastoralen Handelns erörtert. Den theologischen Referaten gemeinsam war ihre Bemühung, Merkmale unserer Zeit, die wie die Säkularisierung und Individualisierung das Ausrichten der christlichen Botschaft zunächst schwer machen, als Chancen wahrzunehmen.
Das systematische Referat stellte Bischof Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart)
unter das Pauluswort aus der Areopagrede: «Was ihr sucht, ohne es
zu erkennen, das verkünde ich euch» (Apg 17,23). Anhand dieser
Rede fragte der Referent nach dem Beitrag der Kirche zur Wiederentdeckung
des Humanismus im 21. Jahrhundert. Unter Humanismus verstand er dabei ein
auf Bildung beruhendes Denken und Handeln des Menschen im Bewusstsein der
Unantastbarkeit der Würde des Menschen.
Zunächst fragte er aber nach den Rahmenbedingungen eines solchen Beitrags
und also nach den Bedingungen des Dialogs von Kirche und Gesellschaft in
der säkularen Gesellschaft. Diese Gesellschaft fordert die Kirche heraus,
sich zu besinnen und ihr Eigentliches engagiert, konzentriert und weltnah
zu entfalten. Denn die Kirche als religiöse Instanz kann sich, wie
andere Instanzen auch, nicht einfach als Instanz zur Geltung bringen, sie
muss sich vielmehr mit Hilfe des Argumentes einbringen. Auch in einer säkularisierten
Welt sind religiöse Motive und ethische Vorstellungen vorhanden, sie
können aber nicht mehr aufgezwungen werden. Die Kirche kann so die
Fähigkeit gewinnen, ihre Themen und Begründungen für Nichtglaubende
nachvollziehbar ins Gespräch einzubringen.
Als Modellfall für diese Gesprächsfähigkeit betrachtete Bischof
Fürst die Areopagrede des Paulus in Athen. In dieser Stadt griechischer
Kultur und Bildung begegnet Paulus den Philosophen, er fürchtet sich
nicht, sondern diskutiert mit ihnen, auch wenn sie sich stolz und herablassend
verhalten; und er fordert sie zu einer radikalen Umkehr auf. So habe das
Gespräch auch heute bei dem anzuknüpfen, was der Mensch mitbringt;
es habe auf ihn zuzugehen und auf seine Sehnsucht einzugehen, aber auch
den falschen Göttern zu widersprechen und zur Entscheidung einzuladen.
«In der konkreten, kulturellen Gestimmtheit der Menschen einer jeweiligen
Gesellschaft sollten kollektive und individuelle ÐInseln eines präevangelischen
Klimasð aufgespürt und im Sinne von Ðaufnehmen, annehmen, verwandelnð
zur Entfaltung kommen können.» Bei all dem sei aber Glaubwürdigkeit,
die Deckung von Bekenntnis und Lebensgestaltung gefragt. «Eine Kirche,
die sich in den Dialog mit der Welt einlässt, muss dabei selber eine
dialogische Kirche sein.»
Im Gespräch sei aber auch das Eigene genauer zu fassen, präziser
und zeitgemässer zu formulieren. Dazu gehört die Dimension des
Unverfügbaren, das, was die Religionen als das Heilige hüten,
das unter keinen Umständen verletzt werden darf. Denn ohne die Dimension
des Unverfügbaren «liefern wir Menschen uns an uns selbst aus,
versuchen, unser eigener Gott zu werden, berauben wir uns der Grundlage
eines jeglichen Humanismus und zerstören die Würde des Menschen».
Für den Glauben an die Gottebenbildlichkeit des Menschen ist der Mensch
der unter keinen Umständen zu Verletzende. Deshalb darf der Mensch
niemals zu irgendwelchen Zwecken instrumentalisiert werden. Darum sind heute
vor allem die bioethischen Fragen für den christlichen Humanismus exemplarisch.
Dabei befürwortet ein christlicher Humanismus durchaus Gentechnik und
Biomedizin, wo sie die Würde des Menschen achten und fördern;
denn das Christentum und sein Humanismus sind nicht forschungsfeindlich,
sondern lebensfreundlich.
Dieses kritisch-normative Potential des christlichen Menschenbildes könne
analog zur Klärung und Prüfung anderer konkreter Fragen fruchtbar
gemacht werden, fügte Bischof Fürst, Mitglied des (deutschen)
Nationalen Ethikrates im Wissen darum, dass das fragende Unterbrechen durch
Christen einige Politiker und Wissenschaftler stören mag, bei. Ohne
Beziehung auf Transzendenz, ohne Gottesglauben, ohne Religion, auch als
tragendes System von Orientierung, von Grundhaltungen und Werten im Heute
und für die Zukunft seien nämlich Zivilisationen und in ihr die
Menschen nicht wirklich zukunftsfähig.
Als Politikerin nach den Erwartungen von Politik und Gesellschaft an
die Kirche gefragt, ging Nationalrätin Rosmarie Zapfl-Helbling in ihrem
Referat mit Hanna Ahrendt davon aus, dass es das Ende der Politik wäre,
wenn es mit der Verbindung von Freiheit und Gleichheit vorbei wäre,
wenn durch die Teilung der Freiheit die Macht den einen und die Ohnmacht
den andern zugeteilt würde, und dass sie eine solche Entwicklung nicht
wolle.
Wie alle Menschen bräuchten auch Politikerinnen und Politiker eine
Grundorientierung, auf Werten beruhende ethische Grundsätze als Entscheidungshilfen.
In politischen Entscheiden entsprechen sich im guten Fall Grundsätze
und gesellschaftliche Entwicklungen. So erwartet Rosmarie Zapfl-Helbling
von der Kirche klare Worte, wo Menschen missachtet werden oder gar gefährdet
sind; ein Beispiel ist für sie die Botschaft Papst Johannes Pauls II.
zum Weltfriedenstag, in der er zur aktuellen Kriegsgefahr klare Worte gefunden
hat. Anderseits erwartet sie von der Kirche, dass sie nicht nur zu den Menschen
spricht, sondern mit ihnen und sie in ihren besonderen Situationen zu verstehen
sucht. Die Politikerin Rosmarie Zapfl-Helbling hat sich für die Gleichstellung
der Frauen in der Politik eingesetzt, jetzt setzt sie sich für die
Gleichstellung von gesellschaftlichen Minderheiten, aber auch für eine
Gleichstellung der Frauen in der Kirche ein.
Von den Pfarrgemeinden erwartet die engagierte Politikerin, dass sie zur
Vertrauensbildung in die politische Gestaltbarkeit unseres Landes beitragen;
insbesondere müssten junge Menschen gewonnen werden, sich für
politische Aufgaben zur Verfügung zu stellen. Hinter diesem Vertrauen
steht für Rosmarie Zapfl-Helbling die Überzeugung, dass die Welt
weder heil noch heillos, sondern heilbar ist. Weil alles Politik ist, erwartet
sie von den Amtsträgern der Kirche, dass sie sich am Gespräch
der Gesellschaft beteiligen, Wertvorstellungen einbringen und zur Meinungsbildung
beitragen. Als eine Voraussetzung für den Dialog empfahl sie, die Kanzeln
abzusenken. Überhaupt könne sich die Kirche als ein Gesprächsforum
anbieten.
In die theologisch reflektierte Praxis der Seelsorge führte Dieter
Emeis, der durch seine zahlreichen Bücher bekannte emeritierte Osnabrücker
Pastoraltheologe. Seine Fortschreibung der Praktischen Theologie der Gemeinde
verstand er als «Ermutigung durch realistische Visionen»; denn
ein Visionär, der etwas verändern wolle, müsse Realist sein.
Die Theologie der Gemeinde wurde im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils
als konkrete Ekklesiologie entwickelt. Seine inspirierenden Visionen waren
die Kirche als sacramantum, als «Zeichen und Werkzeug für die
innigsten Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit»,
die Kirche als congregatio, als Versammlung der Gläubigen. Die Erfahrung
mit der Pfarrei und die Vision vom gemeindlichen Miteinander führten
dann (im deutschen Sprachraum) zum Losungswort: Von der versorgten (volkskirchlichen)
Pfarrei zur sorgenden Gemeinde. Die anschliessenden Erfahrungen der pastoralen
Realität waren ernüchternd: die Mehrheit wollte Pfarrei bleiben
und weiterhin versorgt werden.
Bei der Entwicklung des Konzeptes von der sorgenden Gemeinde seien die gesellschaftlichen
Voraussetzungen zu wenig beachtet worden. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen:
die Folgen der Modernisierung wie die Pluralisierung der Lebensmöglichkeiten,
die Individualisierung, die Solidarisierung von neuen Minderheiten, waren
extrem ungünstig. Negative Kirchenerfahrungen der Menschen, die Erfahrungen
namentlich von Entmündigung, wirkten nach. Dazu kam aber auch die Mentalität
der Dienstleistungsgesellschaft: die pastoralen Dienste der Gemeinde in
Anspruch zu nehmen ohne das gemeindliche Leben mitzutragen.
Während in der gegenwärtigen Situation manche resignieren, plädiert
Dieter Emeis für eine realistische Treue zur Vision, für eine
hohe Wertschätzung der neuen Diaspora, der Minderheit der Christen
und Christinnen, die miteinander Kirche sein wollen, damit Kirche für
die Menschen da sein kann.
Dabei dürfe es nicht darum gehen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
zu gewinnen, vielmehr sei eine jede Versammlung von Gläubigen eine
Vergegenwärtigung von Kirche; denn Kirche lebe in ihren Versammlungen
und von ihren Versammlungen. Diese können oberhalb oder unterhalb der
Gemeinde oder auch zwischen den Gemeinden verortet sein. Die Kirchlichkeit
einer Versammlung sei dann gegeben, wenn sie sich von Gott zusammenrufen
lasse, das Bewusstsein der Einheit mit den anderen Versammlungen habe und
mit der inneren Dynamik der Kirche, für alle Menschen da zu sein, verbunden
sei.
Heute müssen die Versammlungen der Gläubigen unter den Bedingungen
der Individualisierung und Mobilisierungen stattfinden. Die Ebene der Gemeinde
behalte so eine hervorragende Bedeutung vor allem als Ort der sonntäglichen
Versammlung zur Feier der Eucharistie, sie müsse aber durch einen grösseren
pastoralen Raum ergänzt werden. In diesem können Aufgaben wahrgenommen
werden, die nicht jede einzelne Gemeinde oder Pfarrei zu leisten imstande
ist; es muss dann allerdings auf Orte verwiesen werden, wo Menschen finden
können, wonach sie suchen.
In der angeregten Diskussion wurde unter anderem die missionarische Dimension
der Gemeinde betont und auf Beispiele nicht nur aus den neuen Bundesländern
Deutschlands hingewiesen, sondern auch auf grossstädtische Situationen:
im Raum Nürnberg beispielsweise machen die Religionslosen bald einen
Drittel der Bevölkerung aus.
In der abschliessenden Podiumsdiskussion fragten Petra Leist (Mentorin der
Churer Laientheologen und Laientheologinnen), Thomas Gottschall (evangelisch-reformierter
Pfarrer), Christian Kissling (Sozialethiker) und Hugo Gehring (Pfarrer)
noch einmal unter verschiedenen Gesichtspunkten nach dem Auftrag und der
Verheissung des Wortes vom Salz der Erde. Zwei Gedanken wurden besonders
hervorgehoben. Zum einen: «die Kraft des Evangeliums ist die Verheissung
und der, der sie trägt». Zum andern: «dem Salz darf, damit
es Salz bleibt und nicht unschmackhaft wird, nichts beigemischt werden»,
sonst verkommt es zu einer Allerweltswürze.
Als Salz wirken soll, nach dem Wortlaut dieses Jesuswortes: «Ihr seid
das Salz der Erde» (Mt 5,13), die Gemeinde, die Gemeinden, in denen
die Kirche besteht.<1>
1 Ein mit Fotos illustrierter Bericht ist einsehbar unter http://www.thchur.ch/Pastoralinstitut/Programm/Symposion/symposion.html
Im Rahmen des Symposions, am Vorabend des Festes von Thomas von Aquin
in der Eucharistiefeier legte Weihbischof Peter Henrici Evangelium
und Lesung des Festtages aus wurde das Pastoralinstitut der Theologischen
Hochschule Chur durch Bischof Amédée Grab als Grosskanzler
der Hochschule feierlich eröffnet. Seine Ansprache war vor allem ein
Dankeswort an die vielen, die die Hochschule und das Priesterseminar unterstützen:
der Kanton Graubünden anerkennt die akademischen Ausweise der Hochschule
und unterstützt sie auch finanziell, und viele Kirchgemeinden und kantonale
Kirchenparlamente haben eine besondere Unterstützung zugesagt. Der
Leiter des Pastoralinstituts, der Religionspädagoge Alfred Höfler
stellte das neue Institut vor allem von seinem Fachgebiet her vor, wobei
etwa das, was er zu religiöser Sprachlosigkeit oder zum Perspektivenwechsel
(«Wer bin ich für Gott?» statt «Wer ist Gott?»)
gesagt hat, auch für die Bereiche Pastoraltheologie und Homiletik gilt.
Der im Jahre 2000 gefasste Beschluss zur Fortführung der Theologischen
Hochschule Chur setzte auf eine pastorale Ausrichtung bei Wahrung der akademischen
Qualität. Ein Jahr später empfahl eine Expertenkommission die
Errichtung eines Pastoralinstituts. Es soll das Herzstück der pastoralen
Neuorientierung der Churer Ausbildungsstätte und ihr Spezifikum werden.
An der Medienkonferenz während des Symposions betonte Rektor Franz
Annen zum einen, dass die Ausrichtung der Churer Hochschule auf die Ausrichtungen
der anderen Theologischen Hochschulen abgestimmt werden soll; Gespräche
im Rahmen der zuständigen Kommission der Bischofskonferenz würden
bereits geführt. Für Alfred Höfler ist eine Zusammenarbeit
mit den Institutionen in der deutschsprachigen Schweiz, die mit pastoraler
Aus-, Fort- und Weiterbildung befasst sind, wie auch mit der evangelisch-reformierten
Kirche selbstverständlich; im Bereich der Religionspädagogik ist
ihm auch an guten Beziehungen zur Pädagogischen Hochschule vor Ort
gelegen.
Zum andern soll das Pastoralinstitut die vorhandenen Kräften bündeln
und so keine wesentlichen Mehrkosten verursachen. Mit dem unerwarteten Tod
des vor einem Dreivierteljahr erkrankten Hermann Kochanek, Professor für
Pastoraltheologie und Homiletik, fehlt dem Pastoralinstitut gegenwärtig
allerdings eine wichtige Kraft.
Neben den bisherigen Veranstaltungen pastoraler und spiritueller Weiterbildung
für Seelsorger und Seelsorgerinnen bietet das Pastoralinstitut neu
ein Nachdiplomstudium an, das nach vier Semestern zu einem spezialisierten
Lizentiat in Theologie (mit staatlicher Anerkennung) oder einem pastoraltheologischen
Abschlusszeugnis führt. Dieses Angebot richtet sich an Theologen und
Theologinnen, die sich im Bereich der Pastoraltheologie, der Homiletik oder
der Religionspädagogik spezialisieren möchten oder bereits in
einem der Spezialgebiete tätig sind.<1>
Die Tätigkeit des Pastoralinstituts beschränkt sich aber nicht
auf die pastorale Aus-, Fort- und Weiterbildung. Es soll sich auch in Forschung
und Dienstleistung engagieren und so zum Fenster der Ausbildungsstätte
in die Wirklichkeit werden.
1 Weitere Auskünfte erteilt das Pastoralinstitut der Theologischen Hochschule Chur, Alte Schanfiggerstrasse 79, 7000 Chur, Telefon 0812522012, E-Mail pastoralinstitut@priesterseminar-thc.ch (www.thchur.ch).
Am 18. November 2002 erschien in der Tageszeitung «Freiburger Nachrichten»
folgende Notiz: «ÐEnde dieses Jahres wird der Kanisius Verlag
sein gesamtes Buch- und Kleinschriften-Programm auflösenð, teilte
Verlagsleiter Burghard Fischer den Medien mit. Von dieser Einstellung seien
aktuell über 170 Titel betroffen, darunter viele von Schweizer Autorinnen
und Autoren. In meiner Weihnachtspost las ich dazu folgende Reaktion: «Die
Auflösung des Buch- und Kleinschriftenprogramms beim Kanisius Verlag
und die Verramschung der Restbestände ist ein himmelschreiender Skandal!
Ich kann das nicht fassen!»
Ja, es ist immer ein trauriges Ereignis, wenn ein Verlag aufgeben muss.
Kanisius ist da kein Einzelfall. Benziger wurde nach Deutschland verkauft,
Walter und Pendo ebenfalls; Kleinverlage wie Antonius und Wendelin haben
schon früher die Segel gestrichen. NZN versucht nach einem Revirement
einen Neustart. Es gibt sie aber immer noch, die Schweizer religiöse
Verlagsszene: Der Universitäts-/Paulusverlag bleibt weiterhin präsent.
Eine Neugründung wie Exodus feierte kürzlich ihr 20-jähriges
Bestehen; auf einem ganz anderen Gleis fährt Christiana immerhin
schon über 50 Jahre.<1>
Warum hat es nun Kanisius erwischt? Dazu gibt es sicherlich diverse Gründe.
Ein wichtiger Punkt ist der Niedergang der Kleinschriftenkultur. Die Schriftenstände
in den Kirchen wurden immer weniger oder verkamen aus mangelndem Interesse
zu Prospektständern.
Bei den Büchern war der Verkauf schon immer schwierig. Erfolgreiche
Schweizer Autoren wie A. von Euw, J. Heinzmann oder G. J. Kolb kamen in
die Jahre und konnten zu wenig durch zugkräftige Jungautoren ergänzt
werden. Der Umsatz sank. Ende der 90er Jahre begann sich im Verlag das Personalkarussell
zu drehen, was immer ein Alarmzeichen ist. Konzeptionelle Fehler wurden
allerdings schon früher gemacht.
Der Entscheid ist gefallen, Kanisius gibt es als Kleinschriften- und Buchverlag
seit Neujahr 2003 nicht mehr. Deshalb ein kurzer Rückblick in Minne.
In über 100 Jahren wurden im Kanisius Verlag viele Druckschriften auf
den Weg gebracht. Der Verlagsgründer, Prälat Johannes Evangelist
Kleiser, und seine Nachfolger hatten eine gute Nase für bethafte und
verkaufsträchtige Bücher und Kleinschriften, die vor allem hagiographisch
und marianisch ausgerichtet waren. Aber auch die Jesusfrömmmigkeit
kam nicht zu kurz. Zu einem Leitstern des ganzen Unternehmens wurde Grignion
von Montforts «Goldenes Buch der vollkommenen Hingabe an Jesus durch
Maria», das seit 1903 im Programm ist und vor einigen Jahren die 25.
Auflage erlebte. Dieses Buch hat auch den gegenwärtigen Papst geprägt.
Die wohl am besten verkaufte Schrift ist der Longseller «Der heilige
Judas Taddäus» von Eduard Winterhalter, dessen Auflage sich auf
über eine Million Exemplare beläuft. Aber auch Belletristik und
erfolgreiche Kochbücher gehörten zum Programm.
Nach dem Konzil versuchte man den Verlag neu aufzugleisen, indem man ältere
Schriften überarbeitete und das Programm mit ökumenisch offenen
Titeln aus den Bereichen Lebenshilfe und Spiritualität anreicherte.
Schriftenreihen über die 7 Sakramente (Herausgeber: A. Müller)
oder über Hildegard von Bingen, Kleinschriften von Papst Johannes Paul
II., Mutter Teresa, Pierre Stutz oder A. Kner/R. Abeln fanden ein grosses
Lesepublikum. Nur ein Beispiel aus der neueren Zeit: Von 1975 bis 1997 wurden
zirka 1000 Titel mit einer Auflage von etwa 5 Millionen Exemplaren gedruckt
und verkauft. In den guten Jahren konnten so über 200000 Kleinschriften
abgesetzt werden, wobei es in früheren Jahrzehnten bestimmt noch mehr
waren. Dazu kamen Kleinschriften aus anderen Verlagen, die den Schriftenstandleitern
angeboten wurden. Viele Tausende von Franken an Honoraren wurden den Autoren
ausgeschüttet, bis der Wind drehte und das Geld nun vielfach den umgekehrten
Weg geht. Dem Kanisius Verlag gesellte sich der Imba Verlag zu: Mit der
Buchreihe «Stichwörter» (gegründet von M. Traber)
wurden die Leser für die Probleme der Dritten Welt sensibilisiert;
in der Reihe «Gelebtes Christentum» (Herausgeber: V. Conzemius)
wurden bedeutende Christen aus allen Konfessionen vorgestellt.
So darf man mit Fug und Recht feststellen: Der Kanisius Verlag hat über
ein Jahrhundert lang einen wichtigen Beitrag zur religiösen Lese- und
Lebekultur der deutschsprachigen Länder, insbesondere der Schweiz,
geleistet und die göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe mit
Leben erfüllt.
«Nun wird es Zeit zu danken» (E. Ginsberg). Deshalb darf an
dieser Stelle ein umfassender Dank nicht fehlen: zunächst an die Autoren,
denn ohne Manuskripte läuft gar nichts, dann an all jene Kanisiusschwestern,
die sich über Jahrzehnte hinweg in Satz, Druck, Sekretariat, Spedition
und Verkauf mit viel Herzblut und grossem Gottvertrauen engagierten, schliesslich
an alle idealistisch gesinnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Verlagen,
Druckereien, Buchhandlungen und Schriftenständen und zuletzt natürlich
auch an alle, die diese Schriften gekauft und hoffentlich gelesen haben
darunter bestimmt viele Abonnenten der SKZ.
Martin Stieger, Bibliothekar der Theologischen Hochschule Chur, war viele Jahre Verlagsleiter des Kanisius Verlags.
1 Der Rex Verlag, der bereits mit dem Verlag Katholisches Bibelwerk in Stuttgart kooperiert, hat sich zum Jahresbeginn unter das Dach der Brunner AG, Druck und Medien in Kriens, begeben; Brunner AG wird damit nach eigenen Angaben «Nummer eins im katholischen Verlagsgeschäft in der Schweiz». Wir hoffen, dass die Tradition des Rex Verlags so gut fortgesetzt bzw. weiterentwickelt werden kann. Anmerkung der Redaktion.