38/2003 | |
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Religionswissenschaft |
Rolf Weibel stellte in der Ausgabe 35/2003 der SKZ die von Klaus Hock
verfasste Einführung in die Religionswissenschaft vor. Seit kurzem
liegt nun eine weitere, gänzlich anders angelegte Einführung in
die Fachdisziplin vor, erstellt von den Bremer Religionswissenschaftlern
Hans G. Kippenberg und Kocku von Stuckrad.<1>
Anders als Hock führen die zwei Autoren den interessierten Leser/die
interessierte Leserin nicht mittels der unterschiedlichen methodischen Zugänge
und thematischen Fragestellungen ein (etwa religionssoziologischer oder
-psychologischer), sondern über die Gegenstände der Disziplin.
Eine Annäherung und Konzentration auf die Gegenstände sei
es religiöses Handeln, Geschlechterthematik, religiös legitimierte
Gewalt erlaubt, an den interessierenden Untersuchungsgegenstand unterschiedliche
analytische Perspektiven und methodische Zugänge heranzutragen. «Das
fachübergreifende Gespräch über Religionen und ihren kulturellen
Ort sollte von Religionswissenschaftlern moderiert werden, ohne dass eine
Perspektive zur Zentralperspektive erhoben wird», wie Kippenberg und
von Stuckrad betonen (S. 8). Religion begreifen sie als eine bestimmte Weise
der Weltdeutung, die stets kommunikativ (auf andere bezogen) und öffentlich
ist. Eine solche kulturwissenschaftlich, primär analytisch konzipierte
Fachdisziplin versteht Religion nicht als vornehmlich durch individuelle
Glaubensüberzeugungen geprägt. Vielmehr ist es ihr öffentlicher
und gemeinschaftsbildender Charakter, der sich in Handlungen, Symbolen,
Geschichten und Bildern ausdrückt, den es zu untersuchen gilt. Und
auch die Begriffe, Theorien und Methoden der Untersuchung sind selbst ein
Gegenstand der Überlegung, da sie unweigerlich durch implizite Prämissen
Ergebnisse vorstrukturieren. Von solcher selbstkritischen Position aus demonstrieren
die zwei Autoren anhand von 14 Untersuchungsgegenständen, wie entsprechende
Themenbereiche disziplinübergreifend analysiert werden können.
Zuvor skizzieren sie knapp die Kultur- und Ideengeschichte der Fachdisziplin.
Welche Gegenstände haben die Kippenberg und von Stuckrad ausgewählt?
Es sind solche, die eine Einführung notwendig enthalten sollte (Problematik
von Religionsdefinitionen, Fragen religiöser Identitätsbildung/Konversion,
religiöse Gemeinschaftlichkeit, Geschlechterthematik, Zivilreligion),
als auch solche, die neue Ansätze und innovative Überlegungshorizonte
darlegen. In der Tat, bisherige Einführungen thematisierten nicht Zusammenhänge
von Kolonialismus und den Anfängen der Erforschung von Religionen,
von Schamanismus im Westen, Recht und Religion, Territorialität und
die Spiritualisierung bzw. Utopisierung von Raum, religiösem Pluralismus
und das Konzept einer europäischen Religionsgeschichte, dem Konstruktionscharakter
von Magie versus Religion, Apokalyptik in moderner Zeit sowie Religion und
Gewalt. Hier kommen eine Vielzahl von neuen Forschungsergebnissen und hochinteressanten
Zusammenhängen zur Sprache lohnend zu lesen, wenn auch mitunter
auf hohem Niveau. Die Auswahl der Gegenstände ist durch die Forschungsschwerpunkte
der zwei Autoren bestimmt: Im Vordergrund stehen Beispiele aus der jüdischen,
christlichen und islamischen Geschichte und Gegenwart, anhand denen generelle
Muster dargelegt werden. Im Sinne einer sich global verstehenden Fachdisziplin
dominieren überdies Beispiele aus Europa, dem Nahen Osten und den USA.
Eine Zusammenstellung von Adressen religionswissenschaftlicher Studienorte
in Deutschland, Internetadressen und Nachschlagewerken sowie zwei detaillierte
Register schliessen das Buch ab.
Und wie steht es um das Verhältnis von Religionswissenschaft und christlicher
Theologie? Anders als Hock heben Kippenberg und von Stuckrad dieses Themenfeld
nicht eigens hervor. Die Wichtigkeit der Theologie in der Formierungsgeschichte
der Religionswissenschaft wird benannt wie auch wegweisende Forschungen
von theologischer Seite zum Judentum und frühen Christentum. Eine christlich-theologische
Perspektive bildet einen der verschiedenen, an die Untersuchungsgegenstände
heranzutragen möglichen Zugänge. Ein Zugang, in der die zugrunde
gelegten ontologischen Voraussetzungen zumindest, anders als mitunter bei
anderen Zugängen, bekannt sind. Eine strikt kulturwissenschaftlich
konzipierte Religionswissenschaft bedarf einer demonstrativen Abgrenzung
zur christlichen Theologie nicht mehr. Bestimmend ist vielmehr das Interesse,
die Verstrickung religiöser Ideen, Praktiken und Gemeinschaften in
gesellschaftliche Kontexte und Diskurse wissenschaftlich zu beschreiben
und zu analysieren.
Martin Baumann ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern.
1 Hans G. Kippenberg, Kocku von Stuckrad, Einführung in die Religionswissenschaft. Gegenstände und Begriffe, Verlag C. H. Beck, München 2003, 230 Seiten, 4 Abb.