35/2003 | |
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Religion in der Schweiz |
Die Kirchen begegnen der Wirklichkeit unter dem Aspekt des Handelns im Horizont des christlichen Glaubens. Sie haben sich für alles zu interessieren, was die Menschen betrifft. Dazu zählen auch die Daten der Volkszählungen.
Geht es den Kirchen um die förderliche Gestaltung der Lebenswirklichkeit aus der Zusage Gottes in Jesus Christus, dann trägt alles, was zu einer angemessenen, unverfälschten Wahrnehmung der menschlichen Lebenswelt verhilft, zu ihrem eigenen Selbstverständnis wie auch zur Erfüllung ihres authentischen Auftrages bei. Die Lebenskontexte der Menschen sind für sie nicht einfach Orte, denen sie sich mit mitgebrachten und vorgefertigten Antworten, mit Verkündigungs- und Belehrungsansprüchen, zuwenden. In der Alltagswelt der Menschen finden sie gleichsam den Resonanzraum, von dem her ihr Reden von Gott Plausibilität und Überzeugungskraft gewinnt. Kirchliches Handeln ergibt sich aus der Praxis der Menschen und muss auf diese hin bezogen sein.
«Genau genommen», schreibt Alfred Schütz, «gibt es nirgends so etwas wie reine und einfache Tatsachen.» Sie sind immer «interpretierte Tatsachen»<1>. Wahrnehmung der Wirklichkeit geschieht in einem dialektischen Prozess von «Wirklichkeitszufuhr» und «Wirklichkeitsverarbeitung»<2>. Sie schliesst das erkennende Subjekt stets ein, seine Mentalität, frühere Erfahrungsmuster, starre Fixierungen, biographische, soziokulturelle, geschlechtsspezifische, kirchliche usw. Prägungen. Es können sich Sperren bei der Wirklichkeitsverarbeitung einstellen, die unterbinden, sich vorbehaltlos auf die Wirklichkeit einzulassen. Wirklichkeit kann aus sehr unterschiedlichen Gründen verdrängt, beschönigt, übersehen, zurechtgebogen, unterschlagen werden. Die Art der Wirklichkeitswahrnehmung und -verarbeitung qualifiziert in entscheidendem Masse, wie sich jemand in dieser Welt versteht und situiert. Von daher erklären sich zahlreiche Kontroversen über die Ausrichtung der kirchlichen Arbeit unter den Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft.
Was es mit der religiösen Wirklichkeit bei uns in der Schweiz auf
sich hat, wird man unter anderem in den Ergebnissen der Volkszählungen
inne. Wenigstens ein Stück weit erschliessen sie die religiöse
Lebenswelt der Bevölkerung und öffnen den Blick auf sie hin.
Ein Blick auf die Volkszählung 2000 zeigt, dass die protestantische
und katholische Kirche nach wie vor eine Quasi-Monopolstellung im religiösen
Feld einnehmen. 77,1% der Bevölkerung bezeichnen sich als Mitglieder
der beiden Volkskirchen, gefolgt von den islamischen Gemeinschaften mit
4,1% und den christlich-orthodoxen Kirchen mit 1,8%. Alle anderen Religionsgemeinschaften
weisen sehr bescheidene Mitgliederzahlen auf, jeweils unter 0,5% der Bevölkerung.
11,1% bezeichnen sich als konfessionslos<3>.
Keiner anderen Mitgliederorganisation in der Schweiz gehören so viele
Menschen an wie den beiden Grosskirchen. Andererseits wissen wir aus repräsentativen
Befragungen um weit verbreitete Vorbehalte den Kirchen gegenüber. Ihnen
wird von vielen Kirchenmitgliedern am meisten vorgehalten, dass sie zu lebensfremd
seien.
Umso erstaunlicher ist es, dass trotz der oft geäusserten Vorbehalte
den Kirchen gegenüber und der verbreiteten Meinung, auch ohne Kirche
an Gott glauben zu können (91%), nicht breitere Bevölkerungskreise
ihnen ihre Loyalität entziehen. Rund ein Viertel der Kirchenmitglieder
müssen allein dem so genannten «generalisierten Mitgliedschaftstyp»
zugerechnet werden. Weder messen sie der christlichen Glaubensorientierung
Bedeutung in der persönlichen Lebensführung zu, noch zeigen sie
Interesse an der rituellen Begleitung durch die Kirchen bei Lebensübergängen.
Zwei Drittel von ihnen haben schon einmal daran gedacht, aus der Kirche
auszutreten, es aber dann meist doch bleiben lassen. Als expliziter Christ
im Sinne der Kirchen versteht sich lediglich jedes 8. Kirchenmitglied.
Die Mehrheit der Kirchenmitglieder hält es neben Konvention und Tradition
in den Kirchen, weil sie
Der Glaube an eine höhere Macht gehört als konstitutive Grösse zur helvetischen Kultur. Für die Menschen in der Schweiz symbolisieren und repräsentieren die grossen Kirchen die Transzendenz- und Unbedingtheitsdimension im Leben, umfassenden letzten Sinn. Sie werden begriffen als «Symbolisierung der transzendenzpragmatischen, unverfügbaren Sinnbedingungen menschlichen Daseins»<4>. In dieser Funktion müssen die Kirchen keine ernsthafte Konkurrenz durch andere Religionsgemeinschaften in der Schweiz befürchten.
Gut beraten ist, wer den Benutzern und Interpreten von statistischen
Daten mit Vorsicht begegnet. Zu oft werden sie instrumentalisiert, um dem
eigenen Zugang zur sozialen Wirklichkeit objektiv-wissenschaftlichen Status
zu verleihen. Suggeriert wird eine korrekte, wertungsfreie Analyse der sozialen
Wirklichkeit. Statistiken jeder Art sehen sich in der Folge dem Verdacht
ausgesetzt, dass sich mit ihnen gegensätzliche Positionen belegen lassen.
Der Umgang mit statistischen Daten will gelernt sein, soll deren Verwendung
nicht die Sicht auf die Wirklichkeit trüben. Als «eher beruhigend»
für die katholische Kirche deutet die Bischofskonferenz die Entwicklung
des Mitgliederbestandes<5>. Allein schon
auf Grund des Rückgangs der Geburtenrate wäre ein markanterer
Rückgang der Kirchenmitglieder zu erwarten gewesen. Wir haben es hier
mit einer klassischen Scheinkorrelation zu tun. Der Verlust an Kirchenmitgliedern
hat mit dem Rückgang der Geburten so viel zu tun wie das Ausbleiben
der Störche in der Schweiz mit den niedrigeren Kinderzahlen. Trotz
weniger Geburten verzeichnet die Schweizer Wohnbevölkerung nach wie
vor einen Geburtenüberschuss, was nahelegen könnte, dass auch
die Kirchen hätten zulegen müssen.
Der Rückgang der Katholikenzahl lässt sich weder statistisch auf
sinkende Geburtenraten noch darauf zurückführen, dass heute die
neuen Einwanderer oft aus mehrheitlich nichtkatholischen Ländern stammen.
Der Wanderungssaldo für die Kirchen lässt sich wegen fehlenden
Angaben nicht bilanzieren. Mit dem Blick allein auf die Bevölkerungsbewegungen
wie in der Analyse der Schweizer Bischofskonferenz lässt sich der Rückgang
der Kirchenmitglieder nicht erklären. Es sind wesentlich die Kirchenaustritte,
die zu einer Reduktion der Katholikenzahlen geführt haben. Jährlich
dürften schätzungsweise um die 20000 Katholiken die Kirche verlassen.
Seit der Einführung der Volkszählung im Jahr 1860 hat die katholische
Kirche erstmals in einem Jahrzehnt real Mitglieder verloren. Als «verständliche
Schwankung» lässt sich dieses Faktum wohl kaum deuten. Bislang
liessen sich Abgänge durch das Bevölkerungswachstum, über
Geburten und Zuwanderung, ausgleichen. Trotz einer Bevölkerungszunahme
von 6% mussten beide grossen Kirchen zwischen 1990 und 2000 Mitgliederverluste
hinnehmen. Bereits zwischen 1980 und 1990 verlor die protestantische Kirche
Mitglieder. Die katholische Kirche konnte in diesem Zeitraum ihre Verluste
durch Geburtenüberschuss und Zuwanderung auffangen, blieb jedoch mit
4,7% Zuwachs hinter der Entwicklung der Gesamtbevölkerung zurück.
97% der Schweizer Wohnbevölkerung gaben 1999 in einer Befragung
an, getauft worden zu sein, 82% der Konfessionslosen. Man kann davon ausgehen,
dass nur eine bescheidene Zahl der Kinder und Jugendlichen die Taufe nicht
empfangen haben. Weitaus am niedrigsten ist die Zahl der Konfessionslosen
im Alter zwischen 1416 Jahren. Bis 35 Jahre erreichen die Konfessionslosen
den höchsten Anteil in der Bevölkerung. Es sind vor allem die
16- bis 35-Jährigen, die den Kirchen den Rücken zukehren.
Das Merkmal «ohne Konfessions- und Religionszugehörigkeit»
verteilt sich nicht beliebig und zufällig über die Bevölkerung<6>. Die Zahl der Konfessionslosen schwankt
beträchtlich nach Lebenslagen und sozialem Umfeld. Ob jemand sich als
kirchlich oder religionsungebunden versteht, hängt vor allem damit
zusammen, in welchem Kanton man wohnt, ob in der Stadt oder auf dem Lande.
Konfessionslosigkeit ist ein typisch grossstädtisches Phänomen.
Weiter spielt der Bildungsstand eine wichtige Rolle, wie jemand sein Verhältnis
zu den Kirchen gestaltet. Höhere Bildung bringt in Distanz zu den Kirchen.
Je moderner der gesellschaftliche Kontext, je ausgeprägter in einem
Bevölkerungssegment ein kultureller Wandel in der Lebensführung
nach den Volkszählungsdaten vermutet werden kann, desto schwächer
ist die Lebensverankerung der Kirchen.
Dass junge Erwachsene kaum oder nur schwer Zugang zu den Kirchen finden,
sie häufiger als in anderen Altergruppen einen Kirchenaustritt erwägen
und sich still und leise von den Kirchen verabschieden, hat viele Gründe.
Zu nennen wären hier unter anderem die Umstellung der Gesellschaft
auf funktionale Differenzierung, die Vorordnung des Individuums gegenüber
der Gesellschaft, das Auseinandertreten von Individuum und Gesellschaft,
Organisation als wesentlicher Baustein der modernen Gesellschaft, ein Mehr
an Optionen der bewusst gewählten Lebensgestaltung, die Unbestimmtheit
des kollektiv-kulturellen Bewusstseins, die Freisetzung aus traditionalen
Lebenszusammenhängen, die hohe Beanspruchung durch Familie und Beruf
in dieser Lebensphase bis hin zum Bild, das sich junge Erwachsene von den
Kirchen machen, ein kirchendistanziertes Elternhaus wie das persönliche
Empfinden, sich mit ihren Vorstellungen eines guten Lebens und mit ihren
Lebensaspirationen nicht ausreichend genug in den Kirchen beheimatet fühlen
zu können.
Das Bundesamt für Statistik macht es sich allzu einfach, wenn es den
Rückgang der Mitgliederzahlen in den beiden Grosskirchen allein mit
dem vieldeutigen Begriff der Säkularisierung begründet. Mit dem
Interpretament Säkularisierung wird in der Regel ein Niedergang von
Religion assoziiert. Als Erklärungsmuster taugt eine solche eindimensionale
Betrachtungsweise nicht. Differenzierter lässt sich die Praxis von
Religion erfassen mit der Argumentation, dass sich unter den Bedingungen
der gegenwärtigen Gesellschaft ein neues kulturelles Muster der Lebensgestaltung
herausgebildet hat, das nachhaltig auch die Beziehung zu den Kirchen prägt.
Insbesondere junge Erwachsene leben heute ein neues kulturelles Modell.
Im Zentrum des neuen kulturellen Modells steht eine besondere Art der Selbstbezüglichkeit,
eine neue Form dessen, was Michel Foucault die Sorge um sich selbst nennt.
Daniel Yankelovich wählte dafür den Begriff «Expressivität»<7>, weil die neuen Werte die expressive
ästhetische Seite des Selbst hervorheben. Hauptthemen dieser Selbstexpressivität
ist der Hunger nach Selbstverwirklichung, Lebensqualität, Entwicklung
der eigenen Fähigkeiten, Übereinstimmung mit sich selbst, Ablehnung
von Opfern um ihrer selbst willen, eine neue Ethik im Sinne von Pflichten
gegenüber sich selbst, wozu auch der Umgang mit der Natur und Umwelt
zählt, Gleichberechtigung der Geschlechter, Körperkultur, Leben
im Hier und Jetzt, Betonung der persönlichen Beziehungen in der Ehe,
Anerkennung von Pluralität.
Die dialektische Spannung zwischen Entscheidungsspielräumen und sozialen
Bindungen machen die aufgewühlte, tastende, rastlose und nervöse
Energie moderner Lebenskultur aus. Weil es Normalität nicht mehr gibt,
ist alles zum Gegenstand der Kommunikation geworden. Alles muss sich in
und durch Kommunikation legitimieren, ob es sich um eine berufliche Entscheidung
oder den Glauben an Gott handelt. Kommunikation bedeutet immer auch Kreation
von sich selbst. Identität wird über Dauerkommunikation ausgebildet.
Respektiert wird Authentizität, nicht blosse Autorität oder Tradition.
Der Theologe und Sozialwissenschaftler Alfred Dubach ist Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen.
1 Alfred Schütz, Gesammelte Aufsätze I. Das Problem der sozialen Wirklichkeit, Den Haag 1971, 5.
2 Vgl. dazu Leo Karrer, Erfahrung als Prinzip der Praktischen Theologie, in: Herbert Haslinger (Hrsg.), Praktische Theologie, Band 1, Mainz 1999, 199219.
3 Bundesamt für Statistik, Schweizer Religionslandschaft im Umbruch, Information vom 30. Januar 2003.
4 Wilhelm Gräb, Sinn fürs Unendliche, Gütersloh 2002, 50.
5 SKZ 6/2003, 112.
6 Vgl. Alfred Dubach, Konfessionslose in der Schweiz: Entwicklung von 19601990, in: SPI (Hrsg.), Jenseits der Kirchen, Zürich 1998, 1170.
7 Daniel Yankelovich, Expressivität als neues kulturelles Modell, in: Rainer Zoll (Hrsg.), Ein neues kulturelles Modell, Opladen 1992, 2331.