50/2003

INHALT

Pastoral

Neue Perspektiven in der pfarreilich orientierten Jugendarbeit

von Dominik Schenker

 

Als Novum erarbeiteten die bischöflichen Verantwortlichen für Jugendpastoral mit Vertreterinnen und Vertretern der pfarreilich orientierten Jugendarbeit ein gemeinsames Grundlagenpapier «Perspektiven der pfarreilich orientierten Jugendarbeit», das die gelebte und reflektierte Praxis in der Deutschschweiz sichert. Als vorläufiger Abschluss dieses Prozesses wurde im November 2003 ein Brief des Jugendbischofs Denis Theurillat an alle Pfarreien der Deutschschweiz verschickt. In seinem Brief dankt Weihbischof Denis für die geleistete Arbeit, motiviert zu einer Intensivierung und informiert über Strukturen und Grundlagen. Im Folgenden sollen der Entstehungsprozess und die zentralen Positionen des Perspektivenpapiers vorgestellt werden.

Gemeinsam zu neuen Perspektiven

Vor bald 30 Jahren wurden die wegweisenden Texte zur kirchlichen Jugendarbeit der Synoden in der BRD<1> und in St. Gallen an der Synode 72<2> verabschiedet, welche ihrerseits auf Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils beruhen. Die Synodentexte bestimmen Jugendarbeit als selbstlosen Dienst der Kirche an der Jugend. Die Jugendarbeit will, wie es der St. Galler Synodentext formuliert, «jungen Menschen den Zugang zu jener Lebensweise freimachen und freihalten, wie sie Jesus von Nazareth gelebt hat»<3>. Im Zentrum steht «die (individuelle, soziale, gesellschaftliche und religiöse) Entfaltung und Selbstverwirklichung des Jugendlichen: der freie, kontaktfähige, engagierte, kritische, selbst- und verantwortungsbewusste Mensch»<4>.
Auf die Synodentexte aufbauend gingen in der deutschsprachigen Schweiz die praktischen und theoretischen Weiterentwicklungen primär von den kirchlichen Jugendverbänden, dem Verein Deutschschweizer JugendseelsorgerInnen (JUSESO-Verein) und der bis Mitte der 90er Jahre aktiven Jungen Gemeinde aus. In die Reflexion der eigenen Praxis wurden die neueren jugendpastoralen Ansätz<5> einbezogen und die sozialwissenschaftliche Jugend- und Religiositätsforschung gewann an Bedeutung. Wichtige Marksteine in der neueren Reflexion sind die Berichte «Heute hier, morgen dort...»<6> der AG Reflexion des JUSESO-Vereins und «Jugend und Religion»<7> der AG Spiritualität der Deutschschweizer Fachstelle für Jugendarbeit. Als Arbeitsberichte publiziert, erlangten sie durch ihre breite Rezeption dennoch den faktischen Status von Grundlagentexten.
«Heute hier, morgen dort...» markiert die endgültige Verabschiedung des Rekrutierungsgedankens und bekräftigt stattdessen eine begleitende, subjektorientierte Arbeitsweise. Der Bericht unterscheidet zwischen drei Ereignisfeldern von Kirche unter den Bedingungen fortgeschrittener Individualisierung: Kult/Kultur, Solidarität sowie Begegnung/Begleitung. Jugendarbeit findet, so «Heute hier, morgen dort...», in allen drei Ereignisfeldern statt, wobei diese gegeneinander nicht ausgespielt werden dürfen.
«Jugend und Religion» setzt in der Analyse bei der gelebten Religiosität heutiger Jugendlicher an. Der Bericht basiert auf Untersuchungen bei Jugendarbeitenden und bei über 1000 Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren. Die Untersuchung zeigt, dass die Mehrzahl der Jugendlichen religiös ist, aber ihre Religion vor allem im Privaten lebt. Der Bericht verdeutlicht die Konsequenzen für die kirchliche Jugendarbeit und beschreibt zukunftsfähige Arbeitsansätze für die verschiedenen Felder der Jugendpastoral. Die drei Postulate der AG Spiritualität<8> lauten: Glauben-lernen geschieht subjektorientiert und mystagogisch, Glauben-lernen braucht Beziehung und Glauben-lernen bedarf des sorgsamen Umgangs und schützender Räume.
Der JUSESO-Verein verabschiedete 2001 die «Magna Charta<9>», in welcher auf der Grundlage von «Heute hier ­ morgen dort...» inhaltliche und formale Grundsätze für die kirchliche Jugendarbeit in der Deutschschweiz festgehalten sind.
In Frühjahr 2002 initiierten der Jugendbischof Denis Theurillat und der Verantwortliche für Jugendpastoral der DOK, Bischofsvikar Kurt Stulz, einen Perspektivenprozess, um gemeinsam mit der pfarreilich orientierten Jugendarbeit Perspektiven für die Zukunft zu erarbeiten. Die Ausgangspunkte waren die positiv bewertete, gelebte Praxis, die erwähnten Berichte und die Magna Charta. Letztere wurde integral ins Perspektivenpapier aufgenommen. Am Prozess beteiligten sich alle im Forum für pfarreilich orientierte Jugendarbeit vertretenen Organisationen, das heisst Vertretungen der kantonalen und diözesanen Arbeitsstellen für kirchliche Jugendarbeit (Verein Deutschschweizer JugendseelsorgerInnen, JUSESO-Verein), der Jugendverbände Blauring & Jungwacht (BR & JW) auf Bundesebene sowie der Verbandsleitung des Verbands katholischer Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VKP), der Leiter der Arbeitsstelle der Deutschschweizerischen Arbeitsgruppe für MinistrantInnenpastoral (DAMP) und die Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, welche den Prozess koordinierte. An drei Denktagen und in Arbeitsgruppen entstand das gemeinsame Grundlagenpapier «Perspektiven pfarreilich orientierter Jugendarbeit» in einer dialogischen Arbeitsweise. Im Sommer 2003 konnte das Papier von Denis Theurillat, Kurt Stulz und der Leitung der Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, Dorothee Foitzik und Dominik Schenker, verabschiedet werden.

Kirchliche Jugendarbeit konkret: Vom Wurstbraten bis zur Weiterbildung

Pfarreilich orientierte Jugendarbeit lebt von der kontinuierlichen und unspektakulären Arbeit vor Ort, nicht in erster Linie von ausseralltäglichen Events, auch wenn diese, wie das Ranfttreffen, auch ihre Berechtigung und Funktion haben.
In den Jugendverbänden, im Verband katholische Pfadfinderinnen und Pfadfinder, im Blauring und in der Jungwacht übernehmen geschulte Jugendliche Verantwortung für Kinder und Jugendliche und gestalten Freizeit mit ihnen. Offene Jugendtreffs sind wichtige Oasen im leistungsorientierten Schul- und Ausbildungsalltag oder in belastenden Lebensumständen. Kultur- und Musikveranstaltungen fördern den künstlerischen Ausdruck Jugendlicher. In Gottesdiensten und Besinnungen suchen Jugendliche eigene spirituelle Ausdrucksformen. Kantonale, diözesane und regionale Stellen beraten und begleiten Jugendliche in persönlichen Anliegen und schwierigen Situationen. Verbände, Arbeitsstellen und die Arbeitsgruppe für MinistrantInnenpastoral bieten Kurse und Weiterbildungen für Jugendliche und Jugendarbeitende an. Jugendbischof Denis dankt in seinem Brief ausdrücklich für die gute Arbeit.

Pfarreilich orientierte kirchliche Jugendarbeit ist Wegbegleitung junger Menschen

Das primäre Ziel kirchlicher Jugendarbeit ist die Begleitung bei der Subjektwerdung und meint eine lebensgeschichtliche Erweiterung des selbstbewussten und selbstbestimmten Handels in sozialen Beziehungen. Das heisst Subjektwerdung geschieht nie individualistisch, sondern immer in Gemeinschaft. Die Jugendlichen lernen untereinander einen geschwisterlichen Lebensstil zu pflegen, übernehmen in unterschiedlichster Weise Verantwortung und leben Solidarität. Es ist die Überzeugung der Verantwortlichen in der pfarreilich orientierten Jugendarbeit, dass die Jugendlichen und die Jugendarbeitenden so nicht mehr weit vom Reich Gottes, wie es Jesus Christus lebte und verkündete, entfernt sind. Jugendarbeit wird so zu einem Ort, an dem die Kirche lebt.

Mystagogische Begleitung religiöser Identitätsfindung

Eine Besonderheit der kirchlichen Jugendarbeit ist die mystagogische Begleitung der religiösen Identitätsfindung und die Anregung von religiöser Entwicklung. Mystagogie<10> will, im Verständnis Karl Rahners, dem Menschen bewusst machen, dass seine Lebensgeschichte bereits eine Geschichte mit Gott ist. Ausgangspunkte für die mystagogische Begleitung sind die Lebenswelt der Jugendlichen, ihre Erfahrungen und Hoffnungen. Diese werden in Beziehung mit der Sicht des Glaubens gesetzt. Im mystagogischen Prozess soll die Entdeckung des Selbst auch zur Erfahrung Gottes werden.
Die implizite und explizite Beschäftigung mit der religiösen Dimension ist ein Teil der kirchlichen Jugendarbeit. Die ungeplanten und unplanbaren Momente, in denen eine existentielle Auseinandersetzung mit religiösen Fragen möglich wird, sind eine Stärke der Jugendarbeit. Jugendliche brauchen, dies zeigt unter anderem der Bericht «Jugend und Religion», schützende Räume und glaubwürdige Diskussionspartnerinnen und -partner. Etwa nachts um zwei Uhr am Lagerfeuer geschieht situative Verkündigung, die in Gemeinschaftserfahrungen und durch das personale Angebot realisiert wird. Die Jugendarbeitenden leben ihre Überzeugungen und geben Auskunft über ihre Hoffnung ­ wenn sie danach gefragt werden.
Eine subjektorientierte und mystagogische Jugendarbeit ist ein selbstloses Angebot der Kirche. Wo diese Grundhaltungen glaubwürdig gelebt werden, kann die kirchliche Jugendarbeit darauf vertrauen, dass es immer Menschen geben wird, welche in die Nachfolge Jesu treten werden.

Gute kirchliche Jugendarbeit ist nicht gratis zu haben

Kirchliche Jugendarbeit findet in einem schwierigen Umfeld statt (siehe Artikel auf der Frontseite). Trotz aller guten Beispiele ­ nicht alle Projekte, die hoffnungsvoll beginnen, können gelingen. Eine Herausforderung stellt in vielen Regionen der Mangel an eingesetzten Ressourcen und ausgebildeten Jugendarbeitenden dar. Die Wichtigkeit und die Qualität der kirchlichen Jugendarbeit verdienen Anerkennung und einen grösseren Einsatz von Ressourcen. Die Pastoralplanungskonferenz der Schweizer Bischofskonferenz (PPK) hielt im März 2002 fest «Die Fakten der religionssoziologischen Studien sprechen eine deutliche Sprache: Positive Erfahrungen mit Kirche in der Kinder- und Jugendzeit sind eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung einer christlichen Lebenshaltung. Ist dies nicht der Fall, bleibt oft der Zugang zum christlichen Glauben für immer verschlossen
Jugendarbeit ist schwierig; die Probleme enorm. Einem grossen Teil der Jugend ist die Kirche fremd geworden. Umso höher müssen die Investitionen in die jugendpastorale Arbeit ausfallen.»<11>

 

Dominik Schenker ist Co-Leiter der Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, Zürich.


Anmerkungen

1 Synode 75 BRD. Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit. Beschluss. Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland. Beschluss der Vollversammlung, Freiburg i.Br. 1976.

2 Synode 72 St. Gallen. XI: Bildungsfragen und Freizeitgestaltung. Synode 72 Bistum St. Gallen. Verabschiedeter Text, St. Gallen 1976.

3 Ebenda, XI 29.

4 Ebenda, XI 30.

5 Einen guten Überblick für die Ansätze bis Mitte der 90er Jahre bietet Martin Lechner, Pastoraltheologie der Jugend. Geschichtliche, theologische und kairologische Bestimmung der Jugendpastoral einer evangelisierenden Kirche, München (Don Bosco) 21996.

6 AG Reflexion des Vereins Deutschschweizerischer JugendseelsorgerInnen, Heute hier, morgen dort ... Neue Perspektiven für die kirchliche Jugendarbeit, Zürich 1995.

7 Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, Jugend und Religion. Neue Perspektiven für die religiöse Begleitung und Bildung von Jugendlichen, Zürich (Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit) 2001.

8 Ebenda, S. 40f.

9 Verein Deutschschweizerischer JugendseelsorgerInnen, Magna Charta ­ Grundlage für eine gelingende kirchliche Jugendarbeit in der Schweiz, Zürich 2001.

10 Herbert Haslinger, Sich selbst entdecken ­ Gott erfahren. Für eine mystagogische Praxis kirchlicher Jugendarbeit, Mainz (Matthias-Grünewald) 1991.

11 Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (SPI)/Pastoralplanungskommission der Schweizer Bischofskonferenz (PPK), Leistungsvereinbarungen mit den sprachregionalen Stellen im Kinder- und Jugendbereich. Stellungnahme der PPK, St. Gallen 2002.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003