47/2003

INHALT

Pastoral

Wirkungsorientierte Pastoral

von Daniel Kosch

 

Wie zu allen wichtigen Themen in unserer Kirche sind auch zu Stichworten wie «Kirchen-Management», «Kirchenmarketing» oder «Kirche und Marktorientierung» unterschiedliche Stimmen zu vernehmen. Es gibt zustimmende Reaktionen, die vom «Nutzen des Managements»<1> sprechen oder ein «New Church Management»<2>, ein kirchliches «Sozialmarketing»<3>, die Entwicklung einer kirchlichen «Corporate Identity»<4> und stärkere «Marktorientierung»<5> und im Zusammenhang mit den Kirchenaustritten ein «kirchenorientiertes Marketingkonzept»<6> fordern. Aber es gibt auch fragende Reaktionen: «Ist Kirche planbar?»<7> Ist die «Logik der Effizienz» die richtige Antwort auf die Fragen der Kirche heute oder droht ihr, «in Zielen gefangen» zu sein?<8> Und es gibt kritisch-ablehnende Stimmen, die von der «Kommerzialisierung einer um die Vermarktung ihrer Produkte besorgten Kirche»<9> oder von «akuten Verrenkungen im Kirchen-Marketing»<10> sprechen und «Wider die Ökonomisierung der Kirche und die Praxisferne der Kirchenorganisation» Stellung nehmen<11>.

1. Fragen zum «Kirchenmanagement»

Allein die Zahl der Publikationen und der auf allen Ebenen angesiedelten Projekte<12> zum Thema zeigt, dass im Bereich der Organisation, Planung, Steuerung und Finanzierung<13> pastoraler Arbeit und des möglichst sinn- und wirkungsvollen Einsatzes von Arbeit, Zeit und Geld ein Leidensdruck besteht und ein Veränderungsbedarf wahrgenommen wird. Aber gerade die Befürworterinnen und Befürworter eines kirchlichen «Change Management»<14>, die der Auffassung sind, auch die Kirche könne vom Ansatz und den Instrumenten des «New Public Management»<15> profitieren oder vom «Management in Nonprofit-Organisationen»<16> lernen, sind gut beraten, die fragenden und kritischen Stimmen ernst zu nehmen und den Gefahren und Versuchungen derartiger Ansätze die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.
So spricht Bischof Kurt Koch<17> von der «grossen Spannung..., in der die Kirche heute steht und die zwischen Management und Spiritualität, zwischen Organisationsentwicklung und Glaubensvertiefung besteht. Beide Wirklichkeiten gehören verschiedenen Welten an und haben doch miteinander zu tun. Auf der einen Seite ist Management in der Kirche ein Widerspruch in sich selbst. Denn die Grundsendung der Kirche besteht darin, gefügiges Instrument für das Heilswirken des Geistes Gottes in den Herzen der Menschen zu sein. Dieser Geist weht aber, wo, wann und wie er will. Deshalb ist es ein unmögliches Unterfangen, ihn planen, berechnen oder managen zu wollen. Gemäss biblischer Verheissung ist zudem bei Gott kein Ding unmöglich. Wir haben deshalb guten Grund, gegen alle menschliche Hoffnungslosigkeit für die Zukunft der Kirche mehr zu erhoffen, als was menschlich erwartbar, voraussehbar und planbar ist.»
Noch schärfer urteilt Edmund Arens<18>, der Kirchenmarketing in die Nähe des Götzendienstes rückt und dazu Karl Barth zitiert: «Eine Kirche als Marktbude neben anderen ... hat einfach und glatt aufgehört, Kirche zu sein. Die Kirche kann nicht Propaganda treiben.»
Hinter einer Marketing-Orientierung der Kirche wittert Arens die «Kommerzialisierung einer um die Vermarktung ihrer Produkte besorgten Kirche». Das führe «in die neubabylonische Gefangenschaft der Ökonomie». Die Kirche, so nochmals mit Barth, «ist nicht dazu da, den Menschen zu dienen, sondern Gott». Sie ist «im Kern kein Supermarkt für möglichst kundinnenfreundliche Angebote». Im Namen der «kommunikativen, befreienden und solidarischen Wirklichkeit Gottes» formuliert er einen «fundamentaltheologischen Einspruch» gegen eine «Dienstleistungsorientierung» der Kirche.

2. «Wirkungsorientierte Pastoral» als Leitwort

Dieser Einspruch beruht zwar auf einer «falschen Alternative» (O. Noti<19>) bzw. auf einem falschen Verständnis dessen, was ein theologisch begleitetes und reflektiertes Kirchenmanagement leisten kann und will. Als Leitwort eines solchen theologisch verantworteten und spirituell fundierten Kirchenmanagements schlage ich den Begriff der «Wirkungsorientierten Pastoral» vor. Jeder der drei Bestandteile dieses Ausdrucks verdient Aufmerksamkeit:

«Pastoral»

ist ein traditioneller, typisch katholischer Ausdruck für das Wirken der Kirche. Seine Wurzeln hat er im Bild vom Hirten und seiner Herde. Dieses Bild hat zweifellos fragwürdige Seiten, es kann autoritär und paternalistisch verstanden werden ­ die Christinnen und Christen werden dann zu «dummen Schafen», während der Hirt als das einzige vernunftbegabte und führende Wesen erscheint. Die eigentliche Aussageabsicht aber ist eine andere: Der gute Hirte sorgt sich um das Wohl der Schafe ­ und zwar um Gras und frisches Wasser, um die Sicherheit, den Zusammenhalt und den Fortbestand der Herde. «Pastoral» ist also umfassende Lebenssorge, berücksichtigt die materielle und die spirituelle Dimension, Individuum und Gemeinschaft, äussere Voraussetzungen ebenso wie innere Bedürfnisse. So verstandene Pastoral übernimmt Leitungsverantwortung, berücksichtigt das Umfeld und handelt vorausschauend. «Pastoral» im Geist des Evangeliums ist «lebensorientiert» (Joh 10,10). Und wenn wir uns vor Augen halten, dass im Zeugnis der Bibel Christus selbst «der gute Hirte» ­ und alle Christinnen und Christen deshalb zunächst einmal Teile der Herde und je nach Aufgabe Leitschafe, Hirtenhunde oder Mitarbeitende dieses guten Hirten sind, verliert der Ausdruck «Pastoral» seinen paternalistischen Klang und lässt alle an der Verantwortung teilhaben.
Zu zitieren wäre in diesem Zusammenhang zum Beispiel 1 Petr 5,2f., wo den Presbytern ans Herz gelegt wird: «Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!» Allein aus diesen zwei Versen ergibt sich ein höchst interessantes und anspruchsvolles Management-Programm, das hier nur angedeutet werden kann: Die «Herde» gehört nicht den menschlichen Hirten, sondern Gott; die Bedürfnisse der anvertrauten Herde und nicht eigennützige Überlegungen sollen das Handeln leiten; der Führungsstil soll motivierend und nicht autoritär sein.

«Orientierung»

meint: Ausrichtung nach Osten. Der Begriff stammt ebenfalls aus der christlichen Tradition. So wurden schon in der Antike die Kirchenbauten «orientiert» bzw. «ge-ostet», hin zur aufgehenden Sonne, die Symbol ist für den auferstandenen Christus, den Herrn der Kirche und der Welt, mit dessen Kommen der endgültige Anbruch und Durchbruch des Gottesreiches verbunden ist. Eine «orientierte» Pastoral hat somit eine klare und eindeutige Ausrichtung. Sie trägt dem Jesus-Wort Rechnung: «Euch muss es zuerst um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben» (Mt 6,33).
Wiederum liesse sich auf dieser Grundlage eine ebenso spirituelle wie effektive Strategie im Sinn einer Reich-Gottes-Verträglichkeitsprüfung<20> entwickeln: In der entschiedenen Orientierung am Evangelium gilt es, eine zielstrebige Aktivität zu entwickeln und darauf zu verzichten, sich von Nebensächlichkeiten und von der eigenen Wehleidigkeit lähmen zu lassen. Die Management-Literatur nennt das: «Konzentration aufs Kerngeschäft».

«Wirkung»

schliesslich sollte nicht mit «Erfolg um jeden Preis», «Kommerzialisierung», «Effekthascherei» oder «Ausverkauf» gleichgesetzt werden. «Wirkungsorientierung» ist vielmehr zu verstehen im Sinn des Propheten Jesaja, der vom Wirken des Gotteswortes sagt: «Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe» (Jes 55,10­11).
Dieses Wort Gottes, an dem sich die Kirche in ihrem Reden und Handeln orientieren soll, damit dieses nicht leer bleibt, will keineswegs nur «bei den Leuten ankommen» und schon gar nicht nur «gefallen». Es genügt, die Evangelien durchzublättern um festzustellen, dass die angestrebten und effektiven Wirkungen je nach Situation und Adressaten bzw. «Zielgruppen» sehr vielfältig sind: Stärkung und Ermutigung, Provokation und Ruf zur Umkehr, Anklage und Aufdecken von Schuld und Mutlosigkeit, Heilung und Befreiung von Zwang, Solidarität und Sorge für die Armen und Notleidenden. Solche «Wirkungsorientierung» ist alles andere als «trendy». Sie ist weder «gewinnbringend» noch mit den Leitidealen gängiger Werbebotschaften kompatibel. Aber sie stellt sehr ernsthaft die Frage: «Was brauchen die Menschen wirklich? Wonach hungern und dürsten sie? Wie können wir die Botschaft des Evangeliums zur Sprache bringen und leben, damit die Menschen etwas spüren von der Gegenwart Gottes mitten unter uns?» Sie leitet also aus dem Wort von Martin Buber, «Erfolg ist keiner der Namen Gottes», nicht ab, dass die Verkündigung der Kirche zur Wirkungslosigkeit verdammt ist. Dass alle Menschen, besonders die Notleidenden, Gottes Güte erfahren, ist zwar kein gängiges Management-Konzept, wohl aber ein Rahmen, innerhalb dessen Überlegungen zu einem «New Church Management» heute notwendig sind. Tatsächlich gilt es, der Tendenz zum «totalen Markt» und zum reinen Profit-Denken etwas entgegenzusetzen. Aber eine Bibel, die niemand mehr liest, Gottesdienste und Bildungsangebote, die niemand mehr besucht und ausgebrannte Kirchenleute bleiben auch mit den besten Inhalten und Absichten wirkungslos. Wird «Wirkungsorientierung» als Mittel verstanden, die Anliegen der Kirche in der Welt von heute besser zur Geltung zu bringen, wird sie zur «Chance zur Besinnung auf das Wesentliche»<21>. Paradox formuliert: Es gilt, auf dem Markt zu bestehen und zugleich dem totalen Markt zu widerstehen.
Treffend fasst Bischof Kurt Koch<22> das Anliegen zusammen: «In der Nachfolge Jesu muss auch für die Kirche heute das erste Kriterium ihres Handelns in der Orientierung an der Wahrheit des Evangeliums liegen. Wenn diese feststeht, sind kundenfreundliche Überlegungen, Planungen und Entscheidungen nicht nur angebracht, sondern auch geboten. Denn das Evangelium geht alle Menschen an und ist öffentlich. Deshalb muss es auch auf dem heutigen Marktplatz verkündet werden.»

3. Der aktuelle Kontext

Die bisher formulierten grundsätzlichen Überlegungen zeigen zweierlei: Erstens, dass zwar Ausdrücke wie «Church-Management» oder «Kirchenmarketing» neu sein mögen, die Sache selbst aber uralt ist. Zweitens, dass die Kirche zu jeder Zeit gezwungen ist, das Umfeld, in dem sie lebt, die Menschen, die sie anspricht, und die Ressourcen, die sie zur Verfügung hat, zu berücksichtigen.
Aus diesem Grunde möchte ich das Thema «Wirkungsorientierte Pastoral» im Kontext einer Kirche situieren, die in einer tiefgreifenden inneren und äusseren Umbruchsituation («Change-Prozess») mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist. Dieser Umbruch kann in drei Stichworten angedeutet werden.

Das gesellschaftliche Umfeld: Kirchliche Praxis vor der Herausforderung des religiös-weltanschaulichen Marktes

Die Kirchen sind in einem zunehmend pluralen gesellschaftlichen Umfeld und im Kontext eines immensen Angebotes an Freizeitbeschäftigungen, Bildungsmöglichkeiten, Nonprofit-Organisationen usw. mit einer anspruchsvollen Wettbewerbs- und Konkurrenzsituation konfrontiert.
Die «Marktsituation» ist für die Kirche und ihre Mitarbeitenden nach wie vor ungewohnt und der «sinkende Marktanteil» wirkt verunsichernd, demotivierend und bedrohlich. Die Strukturen und die Kultur sind im pastoralen Bereich immer noch stark von der Erfahrung des «Monopolanbieters» geprägt. Ernsthaft und vorurteilslos nach den realen Bedürfnissen zu fragen, Chancen, die sich in der Situation ergeben, entschlossen zu nutzen, das eigene Angebot mutig zu profilieren, mit Charme und Selbstbewusstsein auf die eigenen Qualitäten aufmerksam zu machen, auch das Risiko des Misserfolgs einzugehen und trotzdem weiterzuarbeiten ­ all diese im Wettbewerb nötigen und ebenso «evangelischen» wie «unternehmerischen Qualitäten» sind in den grossen Kirchen selten anzutreffen.
Die Aufgabe kirchlicher Planung und Steuerung besteht in diesem Umfeld in der Sicherung der Qualität und in der Ausrichtung der Angebote auf die «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten» (Vatikanum II, Gaudium et Spes 1).

Die innerkirchliche Situation: Vielfalt der Angebote, Optionen und Suchbewegungen

Die Pluralisierung der Sichtweisen macht nicht vor den Kirchentüren halt. Auch innerkirchlich ist eine grosse Vielfalt feststellbar. Diese wird einerseits als Reichtum und damit als Chance, anderseits als Zersplitterung der Kräfte und damit als Schwierigkeit wahrgenommen.
Die Angebote übersteigen die Nachfrage in vielen Bereichen deutlich. Gottesdienste, Kurse, Publikationen, Dienstleistungsangebote usw. könnten viel mehr Teilnehmende und Interessenten aufnehmen und bedienen, als faktisch von den Angeboten Gebrauch machen.
Aus diesem Überangebot ergibt sich eine Konkurrenzsituation auf der Seite der Anbieter. Sie sind zunehmend mit der Situation konfrontiert, um die Aufmerksamkeit potenzieller Kundinnen und Kunden, um das Engagement der hauptamtlichen oder freiwilligen Mitarbeiterinnen und -arbeiter, um die Wahrnehmung der Bedeutung ihrer Tätigkeiten durch die kirchenleitenden Instanzen sowie um die Bereitstellung der notwendigen materiellen Ressourcen kämpfen zu müssen.
Zu dieser Vielfalt der Angebote kommt die Vielfalt der Optionen und Suchbewegungen in der Kirche hinzu. Die unterschiedlichen kirchenpolitischen Positionen, theologischen Auffassungen und Versuche, in einer unübersichtlich gewordenen Welt Menschen mit der Botschaft des Evangeliums zu erreichen führen zu einer breiten Angebotspalette.
Die Aufgabe kirchlicher Planung und Steuerung besteht angesichts dieser Vielfalt darin, einerseits die lebendige Vielfalt und die Breite des Angebotes für unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen zu erhalten und anderseits eine Zersplitterung der Kräfte und Ressourcen zu verhindern.

Die unternehmerischen Rahmenbedingungen: Verknappung der personellen und finanziellen Ressourcen

Die Mitgliederzahlen der Kirchen, die Beteiligung der aktiv Engagierten und ihre Bereitschaft, Zeit und Energie einzusetzen, aber auch die Zahl der gut qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst sind rückläufig oder stagnieren. Auch die finanziellen Ressourcen der Kirchen werden aufgrund stabiler bis sinkender Steuereinnahmen und Spenden eher kleiner.
Die Aufgabe kirchlicher Planung und Steuerung besteht in einer personell kleiner und finanziell schwächer werdenden Kirche darin, die Kräfte zu bündeln, unternehmerisches Denken und Handeln zu fördern, neue Finanzierungsquellen zu erschliessen und wegweisende Modelle für einen kreativen Umgang mit beschränkten Ressourcen zu entwickeln.

4. Konsequenzen für die Praxis

In der Management-Literatur wird oft von drei Dimensionen gesprochen, die die Entwicklung eines Unternehmens bestimmen: Strategie, Struktur, Kultur.

Stets besteht die Gefahr, in diesem «magischen Dreieck» einer Dimension so viel Gewicht zu geben, dass für die anderen keine Energie und Zeit mehr bleibt. Leitbild- und Strategieprozesse können so viel Zeit brauchen, dass alle Kraft und Phantasie schon verpufft ist, wenn es an die Umsetzung in die konkrete Arbeit ginge. Stapel wunderschön gestalteter Leitbilder in den Archiven belegen dies. Die Kultur der Zusammenarbeit im Team kann durch Supervisionen und Beratungsprozesse, Vereinbarungen usw. so intensiv bearbeitet und optimiert werden, dass die anstehenden Aufgaben und das Umfeld aus dem Blick geraten. Und Strukturen im Sinne von Reglementen, Funktionendiagrammen usw. können so viel Kraft absorbieren, dass Entwicklungsauftrag und Kundennutzen bzw. Qualitätsverbesserung in keinem sinnvollen Verhältnis mehr stehen. Das Erfolgsgeheimnis des Veränderungsprozesses in diesem Dreieck besteht darin, allen drei Dimensionen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken bzw. genau zu klären, in welchem Bereich wie viel Entwicklungs- und Veränderungsenergie nötig ist. Ausgangspunkt jedes Entwicklungsprozesses wird deshalb eine Standortbestimmung sein, die die Stärken und Schwächen ortet und benennt ­ und damit den Handlungsbedarf sorgfältig definiert.
Was nun die Aufgabenstellung in den drei genannten Dimensionen betrifft, beschränke ich mich auf einige Hinweise.

4.1. Strategie: Prioritätensetzung und Verzichtsplanung

Die strategischen Fragen, die in der Kirche gestellt werden müssen, unterscheiden sich fundamental von jenen, die sich in einem gewinnorientierten Unternehmen stellen. Es geht nicht darum zu fragen: Was wollen wir? Wie optimieren wir Kosten und Nutzen? Wie gewinnen wir Marktanteile? Sondern es geht um die Frage: Was ist der Wille Gottes für unsere Zeit, für die uns anvertrauten Menschen und die Welt in der wir leben? Wenn es darum geht, diesen Willen konkret zu erkennen, gibt es wiederum ein «magisches Dreieck», das aus der Praxis der lateinamerikanischen Bibellektüre stammt:

Ein besonders wichtiger Punkt bei «Prioritätendiskussionen», die in der Kirche in den letzten Jahren oft gefordert werden, ist der Mut zu echter Schwerpunktsetzung. Die Beschränkungen bezüglich der Zahl der Menschen und Mitarbeitenden, bezüglich der Zeit und des Geldes, aber auch der Kraft, der Intelligenz und der Phantasie sind Teil der Realität und müssen ernst genommen werden. Wenn Jesus sich auf die Dörfer Galiläas beschränkte und Paulus sich auf die Städte des römischen Weltreiches konzentrierte, müssen vielleicht auch wir Abschied nehmen von der Phantasie der Allgegenwärtigkeit für Stadt und Land, Jung und Alt, und von der Idee flächendeckender Präsenz. Prioritäten und Optionen beinhalten immer auch «Posterioritäten». Vielleicht wäre es entlastender, eine ernsthafte Verzichtsplanung durchzuführen statt immer neue Prioritäten zu setzen.
Im geschilderten pluralistischen Kontext, der unsere innerkirchliche wie unsere gesellschaftliche Realität bestimmt, ist die «Strategiediskussion» sehr anspruchsvoll und konfliktträchtig. Es ist sehr schwierig, in einer unübersichtlichen Welt und einer Kirche, die von verschiedensten Suchbewegungen geprägt ist, Gottes Willen klar und eindeutig erkennen zu wollen. Es ist deshalb sinnvoller, für die Gesamtplanung lediglich «Schwerpunkte», eine gewisse «Bandbreite» und gemeinsame «Leitideen» zu definieren, dann aber für die einzelnen Projekte und Arbeitsfelder möglichst klare und konturierte «Profile» zu formulieren. Zudem muss eine strategische Planung so offen bleiben, dass sie auf aktuelle Chancen oder Problemsituationen reagieren kann. «Fünfjahrespläne» nach der Art der realsozialistischen Regimes haben sich nicht bewährt.
Auf der Ebene einer Diözese oder kantonalkirchlichen Organisation muss man sich zwar über die Grundausrichtung der Kinder- und Jugendpastoral verständigen und überlegen: Wie wichtig ist dieser Bereich insgesamt? Welchen Teilbereichen von der Vorschul-Kinderarbeit über den Religionsunterricht, die Verbands- und die offene Jugendarbeit, die Mittelschul- und Lehrlingsseelsorge weisen wir auf kantonaler Ebene wie viele Stellen und Mittel zu? Was sind Grundanliegen und übergreifende Projekte? Wie verknüpfen wir diese Anliegen mit der Elternpastoral und mit der Aus- und Weiterbildung von Katechetinnen, Jugendarbeitern usw. Aber die Profile unterschiedlicher Angebote offener Jugendarbeit in den Regionen sollten zwar möglichst klar erkennbar, müssen aber keineswegs deckungsgleich sein.

4.2. Strukturen: Neue Formen der Steuerung

Strukturen sind dazu da, die vereinbarten Strategien umzusetzen. Sie sollen die Arbeit so steuern, dass die «Inhalte» dort ankommen, wo dies beabsichtigt ist ­ nämlich bei den Adressatinnen und Adressaten. Dies erfordert neue Formen der Steuerung.

Management-Orientierung

Damit die erwünschten Adressatinnen erreicht werden, die aus einer Fülle von Angeboten auswählen können, müssen sie das Angebot überhaupt kennen (Marketingorientierung) und davon überzeugt werden, dass sie einen Nutzen davon haben, wenn sie dafür Zeit, Geld oder Energie investieren (Kundenorientierung). Und weil die Ressourcen begrenzt sind, muss die angestrebte Wirkung mit möglichst bescheidenem Mitteleinsatz erfolgen (Effizienzorientierung).<23>
Diese Management-Orientierung bedingt einen Wandel in der Unternehmenskultur, die sich auf folgende Formel bringen lässt: Jedes Projekt ist ein «Unternehmen», zu dem nicht nur Inhalt, sondern auch publizistischer Auftritt, Budget, Vernetzungsmöglichkeiten und Aufwand-Ertrags-Überlegungen gehören.

 

Management-Orientierung

Marketing-Orientierung Zukunfts- und Ziel-Orientierung Effizienz-Orientierung
Vermehrte
­ Dienstleistungsgesinnung
­ Aussenorientierung
­ Bedürfnisorientierung
­ Nutzenstiftung
Vorausschauend-agierendes Problemlösen aufgrund von Umfeld-Analysen Verfügbare, knappe (begrenzte) Mittel
­ wirkungsvoll, effektiv
­ produktiv, wirtschaftlich einsetzen

(vgl. Freiburger Management-Modell für NPO's24)

 

Zielvereinbarungen und Qualitätsstandards

Eine Verständigung über die Ziele, die zu realisierenden Projekte und über die Indikatoren, anhand derer diese zu evaluieren sind, schafft sachliche Grundlagen für Planungsentscheidungen und Bewertung. Das gilt auf der innerbetrieblichen Ebene (Personalführung mit Zielvereinbarungen) wie auch für die überbetrieblichen Managementprozesse. Damit solche Prozesse erfolgreich verlaufen, ist zu beachten<25>:

  1. Es werden Ziele vereinbart, nicht einzelne Tätigkeiten.
  2. Ziele werden vereinbart, nicht vorgegeben.
  3. Ziele müssen sowohl qualitativ als auch quantitativ festgelegt werden.
  4. Einzelziele sind in eine Gesamtstrategie eingebettet.
  5. Zielsetzungen und verfügbare Mittel sind aufeinander abgestimmt.
  6. Zielerreichung wird evaluiert und kontrolliert.
  7. Die Evaluation ist Grundlage für die weitere Planung.

Übergang von der Input-Steuerung zur Output-Steuerung

Die Zuweisung finanzieller Mittel erfolgt traditionellerweise durch die Genehmigung eines Budgets, wobei für die einzelnen Bereiche ein bestimmter Betrag vorgesehen ist. Diese Input-Steuerung wird im New Public Management durch eine Output-Steuerung ersetzt: Für bestimmte Leistungen, die in einer vereinbarten Qualität zu erbringen sind, wird pauschal ein so genanntes Globalbudget genehmigt. Das hat zwei Vorteile:

  1. Innerhalb des finanziellen Gesamtrahmens ist der Leistungserbringer frei, wie er die Mittel einsetzen will.
  2. Die Verwendung von Finanzmitteln ist nicht mehr an den Rhythmus des Kalenderjahres gebunden.

Somit entsteht mehr Planungssicherheit und eine grössere Flexibilität im Umgang mit den finanziellen Mitteln.

Produkte und Produkte-Gruppen

Zur Vereinbarung der erwünschten Leistungen, die mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen erbracht werden sollen, ist es nötig, die einzelnen «Produkte» (Angebote/Projekte) zu definieren, die eine Institution herstellt. Diese Produkte werden zu sinnvollen Produktegruppen zusammengefasst, so dass ein Produkteplan entsteht.
Ein «Produkt» hat folgende vier Eigenschaften<26>:

  1. Es wird in einem Leistungszentrum produziert oder verfeinert, oder ein Leistungszentrum ist für die Leistungserbringung oder Verfeinerung im Sinne einer federführenden Stelle verantwortlich.
  2. Es deckt einen Bedarf von Dritten (Kunden/Kundinnen), das heisst die Leistungserbringung ist nicht Selbstzweck der eigenen Leistungseinheit, und es stiftet aus sich heraus einen Nutzen für die Kundinnen und Kunden.
  3. Es wird an Dritte abgegeben, das heisst es verlässt das Leistungszentrum.
  4. Es ist geeignet, als Hilfsgrösse für die Steuerung im politisch-administrativen System eingesetzt zu werden.

Der Begriff des «Produktes» ist ungewohnt und löst oft Widerstände aus. Seine Stärke besteht darin, die Aufmerksamkeit auf die erzielten Ergebnisse und Wirkungen zu richten, während eine «innenorientierte» Sicht der eigenen Tätigkeit oft den Abläufen und den «internen» Aktivitäten, sowie den Vorbereitungs- und Begleitarbeiten zu viel Aufmerksamkeit schenkt und deren Hinordnung auf die erwartete Wirkung vernachlässigt.
So sind zum Beispiel Konzeptarbeiten oder auch die interne Absprache zwar notwendige Tätigkeiten ­ aber «produktiv» werden sie nur dann und nur insofern, als sie sich auf die Leistungen Dritten gegenüber konkret auswirken. Angesichts der Tendenz vieler kirchlicher Institutionen zur Innenorientierung ist deshalb auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem direkt produktbezogenen und dem übrigen Arbeitsaufwand ein wichtiger Indikator zur Messung von Effizienz und Effektivität.

Wirkungsorientierte Steuerung

Zusammenfassend ist festzuhalten: Management-Orientierung, Zielvereinbarungen und Globalbudgets stehen im Dienst einer «wirkungsorientierten» Steuerung auf der Ebene der Projekte, der Institutionen und des gesamten pastoralen Angebotes.

Neue Formen von Evaluation und Controlling

Der wirkungsorientierten Steuerung entsprechen neue Formen von Evaluation und Controlling. Wiederum geht es nicht nur um quantitative Messungen, sondern um die Erhebung präziserer Aussagen zur Qualität und Wirkung der erbrachten Leistungen. Verfahren aus dem Qualitätsmanagement sollen hier ebenso zum Zuge kommen wie quantitative Erhebungen und neue Formen der Kostenerhebung (Vollkostenrechnungen).
Evaluation und Controlling können und sollen nicht als Form der «Aussenkontrolle» oder «Fremdsteuerung» durch die Geldgeber oder Aufsichtsorgane installiert werden, sondern als Instrumente der Selbststeuerung innerhalb der Projekte und Institutionen. Sie stehen im Dienst der Qualitätsentwicklung und der Optimierung der eigenen Arbeitsweise<27>. Aufgabe der Leitung ist es, die Standards und die Anforderungen an das Qualitätsmanagement zu setzen und deren Einhaltung zu überprüfen.

Leistungsvereinbarungen und -aufträge

Für die Umsetzung dieser neuen Führungsinstrumente im Alltag setzen sich im Bereich der Verwaltung und der öffentlichen Institutionen die Instrumente der Leistungsvereinbarungen und -aufträge immer mehr durch: Gestützt auf eine Strategie wird ein Leistungs- und Produkteplan definiert, der verknüpft wird mit Indikatoren zur Wirkungsprüfung und Qualitätskontrolle und einer entsprechenden Finanzplanung im Sinne von Globalbudgets für die Institution und Vollkostenrechnungen für die einzelnen Produkte bzw. Produktegruppen.

4.3. Kultur: Unternehmerische Spiritualität

Stand am Anfang der Überlegungen die «Spannung..., in der die Kirche heute steht und die zwischen Management und Spiritualität, zwischen Organisationsentwicklung und Glaubensvertiefung besteht» (K. Koch), so soll am Ende nicht der Eindruck erweckt werden, diese lasse sich in «Harmonie» auflösen. Der «Geist Jesu», die «kirchliche Realität» und das «gesellschaftliche Umfeld» bilden ebenfalls ein Dreieck, das für Spannungen sorgt, mit denen umzugehen alles andere als einfach ist.

Frauen, Männer und Gremien, die in dieser Situation Verantwortung für die Gestaltung der Pastoral übernehmen, benötigen eine Reihe von «Tugenden für die Kirche von heute und morgen», die kürzlich in einer kleinen Aufsatzsammlung unter dem Titel «Werft eure Zuversicht nicht weg» (Hebr 10,35) wie folgt umschrieben wurden: Freimütige Offenheit, Bereitschaft zum Reden und zum Schweigen, nüchterner Glaube ­ auch im kirchlichen Dienst, Beharrlichkeit, Sehnsucht nach Treue, Liebe als Teilhabe an der schöpferischen Güte Gottes und Bereitschaft zur Versöhnung<28>. Gewiss liesse sich diese Liste verlängern ­ und sie liesse sich allenfalls auch in die Terminologie der Persönlichkeitsbildung und der Kompetenzdefinitionen in Managementkursen und -büchern übertragen.
Gerade von letzterer müssen wir uns als Christinnen und Christen wieder sagen lassen, wie vorrangig die Spiritualität, die Grundhaltung und der Zugang zur Wirklichkeit für das Gelingen eines Unternehmens ist.

5. Erfahrungen im Alltag

Praktische Erfahrungen mit Projekten «Wirkungsorientierter Pastoral» habe ich in zwei Bereichen sammeln können: Erstens als Leiter einer Fachstelle für biblische Bildungsarbeit (also in der Umsetzung) und zweitens in der Projektadministration von Fastenopfer und RKZ (also in der Koordination, Planung und Finanzierung pastoraler Projekte auf sprachregionaler und nationaler Ebene). Schlaglichtartig seien ein paar Einsichten aus der Praxis angetönt:

Wirkungsorientierte Bibelpastoral

a) Die Bedeutung der beteiligten Personen, ihrer fachlichen und menschlichen Qualitäten, ihres Einsatzes und ihrer Zusammenarbeit kann für die Wirkung einer Arbeitsstelle kaum überschätzt werden. Personalausbildung, -selektion, -führung und -förderung sind deshalb absolut zentral.
b) Die Erarbeitung eines Produkteplans und die Überlegung, was für welche Zielgruppen gemacht wird bzw. zu tun wäre, ist hilfreich zur Festlegung der Arbeitsschwerpunkte. Die Überlegungen und Erfahrungen, die in diesem Zusammenhang gemacht werden, helfen vermeiden, dass an den Menschen und Realitäten vorbei gearbeitet und Chancen vertan werden.
c) Der permanente Einbezug finanzieller Überlegungen inklusive der Berücksichtigung des Arbeitsaufwandes fördert ein Kostenbewusstsein innerhalb des Betriebes und ein unternehmerisches Verhalten: Wenn in ein Produkt schon viel Phantasie, Zeit und Geld investiert wurde, dann ist es nichts als recht, auch alles zu tun, damit es das Interesse der Menschen findet. Das damit verbundene Gefühl, etwas zum Selbsterhalt beitragen zu können und nicht ins Leere zu laufen, motiviert und beflügelt zur Weiterarbeit.
d) Quantitative Prognosen sind sehr schwierig. Erfolg und Misserfolg hängen längst nicht nur von der Qualität der Produkte und Angebote ab. Manchmal fallen Dinge auf «fruchtbaren Boden», manchmal aber auch nicht. Gründe sind oft kaum erkennbar.
e) Kundenorientierung und Dienstleistungsqualität hängen stark von einfachen Dingen wie Telefonpräsenz, der Bereitschaft zu unbürokratischem und raschem Handeln, der Flexibilität in der Planung usw. ab.
f) Administration, graphischer Auftritt, EDV-Ausrüstung usw. sind wichtige Kosten-, aber auch Erfolgsfaktoren. Für echte Optimierung in diesem Bereich sind viele kirchliche Arbeitsstellen (auch Kirchgemeinden) zu klein. In diesem Bereich wird sehr viel Zeit, Geld und auch Nervenkraft investiert, ohne dass man über einen gehobenen Amateurismus hinauskommt.
g) Wirkungsorientierte Pastoral in kirchlichen Arbeitsstellen hat sehr viel mit einem Gespür und einer Erfahrung zu tun, wie sie auch ein fähiger Besitzer eines kleinen Handwerksbetriebes hat: Liebe zur Qualität und zum Detail, Phantasie und Freude an der Weiterentwicklung der guten Produkte, einfache aber stetige Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, Sorge zu den Mitarbeitenden und zu den Kundinnen und Kunden und ein realistisches Verhältnis zum Geld.

Agenda Leistungsvereinbarungen auf gesamtschweizerischer Ebene

a) Ziel des gemeinsamen Projektes der Bischofskonferenz und der Mitfinanzierung ist es, mit pastoralen Institutionen mehrjährige Vereinbarungen abzuschliessen, die pastorale Prioritäten, konkrete Leistungspläne und finanzielle Gesichtspunkte festhalten. Institutionen, die ihre Arbeit bisher wenig strukturiert haben oder deren Leitung kein Gespür für Managementfragen hat, haben Schwierigkeiten, den Sinn dieses Prozesses zu verstehen. Es ist viel Motivations- und Informationsarbeit notwendig, um diesen zu vermitteln.
b) Pastorale Prioritäten zu erkennen und so zu formulieren, dass sich daraus konkrete Handlungsperspektiven ergeben und dass den finanziellen Realitäten Rechnung getragen wird, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Die kirchlichen Führungsgremien (die pastoralen und die staatskirchenrechtlichen) haben in diesem Bereich wenig Erfahrung. Zudem treten im Zusammenhang mit diesen Diskussionen die unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der Zukunft der Kirche und ihrer Rolle in der Gesellschaft deutlich zu Tage. Diese Polarisierungen, Blockierungen und Richtungsstreitigkeiten können nicht mit «Management-Methoden» bearbeitet werden.
c) Besitzstandwahrung und «Gärtchendenken» sind sehr weit verbreitet. Der Sinn fürs Ganze und die Bereitschaft, Bisheriges loszulassen, um Freiraum für Neues zu gewinnen, ist nicht stark ausgeprägt. Der Realität einer kleiner und finanziell schwächer werdenden Kirche stellen sich viele nicht oder nur in ungenügendem Ausmass.
d) Die Grösse der mitfinanzierten Institutionen ist oft suboptimal. Um etwas «unternehmerischer» handeln und flexibler auf Veränderungen reagieren zu können, wären grössere Betriebseinheiten in manchen Bereichen wünschenswert.
e) Die Finanzverantwortlichen sprechen oft vorschnell von Synergien und Einsparungsmöglichkeiten. Beides wird oft behauptet, ohne sich ernsthaft mit den Realitäten beschäftigt zu haben. Wenn Veränderungsprozesse aber unter Kostendruck geschehen, lösen sie Ängste aus, was die Kreativität und die Veränderungsbereitschaft blockiert.
f) Aufgrund der unterschiedlichen Formen der Kirchenfinanzierung in der Schweiz und aufgrund des Prinzips der Gemeindeautonomie bestehen grosse finanzielle Unterschiede zwischen verschiedenen Teilen der Schweiz und ein gewisses Ungleichgewicht zwischen den finanziellen Ressourcen, die «unten» (vor Ort) und «oben» (auf diözesaner oder schweizerischer Ebene) verfügbar sind. In einer «globalisierten» Welt und in einer «mobilen» und «medialen» Gesellschaft muss diese vorrangige Konzentration der Mittel auf die lokale Ebene überdacht werden. In manchen pastoralen Feldern kann mit den gleichen Mitteln auf regionaler oder nationaler Ebene mehr und Nachhaltigeres bewirkt werden als auf lokaler. Die kirchliche Arbeit in den Massenmedien Radio und Fernsehen oder im Bereich der Ausbildung von Seelsorgenden sind dafür nur zwei besonders einleuchtende Beispiele.

Der Übergang von einer Kirche, die selbstverständlich davon ausgeht, «man» wisse, was Kirche ist, was Kirche zu tun hat und welches ihr Platz in der Gesellschaft ist, zu einer Kirche,

ist ein langer, spannender und schwieriger Lernprozess. Das Projekt einer «wirkungsorientierten Pastoral» lässt sich nicht auf ein paar Management-Tools und die Verstärkung von Planung und Controlling reduzieren. Es verlangt eine unternehmerische Spiritualität, eine Überprüfung unserer traditionellen Strukturen und die Bereitschaft, die Leitideen des kirchlichen Planens und Handelns so zu überprüfen, dass sie «das öffentliche Geheimnis der Wahrheit des Evangeliums» (K. Koch) so zur Geltung bringen, dass zugleich den personellen und finanziellen Realitäten unserer Kirche, aber auch dem Umfeld, in dem sie sich bewegt, Rechnung getragen wird.


Anmerkungen

1 D. Dietzfelbinger, Vom Nutzen des Managements, in: D. Dietzfelbinger/J. Teuffel (Hrsg.), Heils-Ökonomie? Zum Zusammenwirken von Kirche und Wirtschaft, Gütersloh 2002, 85­106.

2 B. Dähler/U. Fink, New Church Management, Finanzmanagement und Kundenmarketing in der katholischen Kirche in der Schweiz, Bern 1999.

3 O. Noti, Wider die falsche Alternative. Kirche, kirchliche Organisationen und Sozialmarketing, in: Inszenierungen des Religiösen, (Medienheft 18), Zürich 2002, 7­13.

4 Z. Cavigelli-Enderlin, Glaubwürdigkeit der Kirche, Freiburg 1996.

5 M. Bruhn/A. Grözinger, Kirche und Marktorientierung. Impulse aus der Ökumenischen Basler Kirchenstudie, Freiburg 2000.

6 D. Dütemeyer, Dem Kirchenaustritt begegnen. Ein kirchenorientiertes Marketingkonzept, (EHS XXIII/695), Frankfurt a.M. 2002.

7 B.J. Hilberath/B. Nitsche (Hrsg.), Ist Kirche planbar? Organisationsentwicklung und Theologie in Interaktion, Mainz 2002.

8 M. Scharer, In Zielen gefangen? Anfragen an die Logik der Effizienz in der Seelsorger des Nordens aus religionsdidaktischer und lateinamerikanischer Sicht, in: B.J. Hilberath/B. Nitsche (Hrsg.), Ist Kirche planbar? Organisationsentwicklung und Theologie in Interaktion, Mainz 2002, 53­67.

9 Edmund Arens, Zur Qualität des theologischen Dienstes/Produktes. Ein fundamentaltheologischer Einspruch. In: Orientierung 64 (2000) 124­127.

10 Wolfgang Stierle, Geld hinkt nicht. Zur ökonomischen Anamnese akuter Verrenkungen im Kirchen-Marketing, in: J. Ebach u.a. (Hrsg.), Leget Anmut in das Geben. Zum Verhältnis von Ökonomie und Theologie, Gütersloh 2001, 226­232.

11 Initiativkreis «Kirche in der Wettbewerbsgesellschaft», Evangelium hören. Wider die Ökonomisierung der Kirche und die Praxisferne der Kirchenorganisation. Ein theologischer Ruf zur Erneuerung, Nürnberg 21999.

12 Vgl. die kommunalen, städtischen, kantonalen und diözesanen Arbeiten im Rahmen von Pastoralkonzepten, Leitbildern, pastoralen Orientierungsrahmen, Tätigkeits- und Wirkungsanalysen, die vielerorts an die Hand genommen worden sind (zum Beispiel: Diözese Basel, Stadt Bern, Generalvikariat Zürich-Glarus, Kt. Luzern, Kt. Basel Stadt, Diözese St. Gallen, Kt. Thurgau, Kt. Aargau, Agenda Leistungsvereinbarungen von Fastenopfer und RKZ).

13 Speziell zum Thema Kirche und Ökonomie siehe J. Ebach u.a. (Hrsg.), Leget Anmut in das Geben. Zum Verhältnis von Ökonomie und Theologie, Gütersloh 2001; D. Dietzfelbinger/J. Teuffel (Hrsg.), Heils-Ökonomie? Zum Zusammenwirken von Kirche und Wirtschaft, Gütersloh 2002.

14 Grundlegend: K. Doppler/C. Lauterburg, Change Management. Den Unternehmenswandel gestalten, Frankfurt 92000.

15 Als Standardwerk zum NPM im deutschen Sprachraum gilt: K. Schedler/I. Proeller, New Public Management, (UTB2132), Bern 2000.

16 Peter Schwarz/Robert Purtschert/Charles Giroud/Reinbert Schauer, Das Freiburger Management-Modell für Nonprofit-Organisationen, Bern 42002.

17 K. Koch in der Homilie zum Zwanzig-Jahr-Jubiläum der Synode Bern, 22. November 2002.

18 S.o. Anm. 9.

19 S.o. Anm. 3.

20 Vgl. dazu: Ökumenische Konsultation zur wirtschaftlichen und sozialen Zukunft der Schweiz, Welche Zukunft wollen wir? Diskussionsgrundlage, Bern 1998,18­19; ähnlich auch die Kriteriologie des sogenannten «synoptischen Aufmerksamkeitspapiers» in B.J. Hilberath/B. Nitsche (Hrsg.) (Anm. 7).

21 O. Noti (Anm. 3).

22 K. Koch, Kirche im Übergang zum dritten Jahrtausend. Wegweisungen für die Kirche der Zukunft, Freiburg 2000, 21.

23 Die Terminologie dieser Überlegungen mag manchen zu «ökonomisch» und zu wenig «theologisch» sein. Mit B. Nitsche/B.J. Hilberath (Anm. 7, 14­18) bin ich allerdings der Meinung, die Begriffe «Unternehmen», «Markt», «Kunde», «Effizienz» könnten durchaus aufgenommen werden, wenn gegenüber der ökonomischen Sicht seitens der Theologie «Anknüpfung und Widerspruch» zugelassen werden.

24 Vgl. P. Schwarz u.a., Das Freiburger Management-Modell für Nonprofit-Organisationen, Bern 1995, 32.

25 Vgl. K. Doppler/C. Lauterburg (Anm. 14), 219.

26 Vgl. Schedler/Proeller (Anm. 15), 123.

27 Vgl. K. Spiess, Qualität und Qualitätsentwicklung. Eine Einführung, Aarau 1997 (für den Bereich Schule, aber darüber hinaus auch im Bildungsbereich gut verwendbar).

28 J. Pfammatter (Hrsg.), «Werft eure Zuversicht nicht weg» (Hebr 10,35). Tugenden für die Kirche von heute und morgen, Freiburg 2002.


Ein Seminar zum Thema

 

«Unternehmerisches Denken in kirchlichen Strukturen. Was von anderen Versorgungssektoren gelernt werden kann». Jeweils am Dienstag, vom 6. April bis 22. Juni 2004, 16.15­18.00 Uhr, Universität Luzern.
Die kirchliche Monopolstellung ist in Veränderung begriffen: Konkurrenz durch religiöse «Dienstleistungsanbieter» oder kirchliche Dienste, ohne Steuern zahlendes Mitglied zu sein.
Das Seminar will nicht einer Ökonomisierung der Kirche das Wort reden. Aber eine missionarische Kirche wird ihre Botschaft in einer für die Bezugsgruppe ansprechenden Weise formulieren. Ihre Dienste werden von den Menschen gefragt sein. Nicht das Evangelium muss werbetechnisch überarbeitet werden, sondern die kirchlichen Strukturen, Arbeits- und Denkmuster sind zu prüfen.
Programme können bestellt werden bei urs.brosi@unilu.ch oder Telefon 041228 78 10.


Erzählerinnen und Erzähler gesucht

 

Bei der 7. interreligiösen Phänomena vom 8. September 2004 in Schwyz geht es um die erzählerischen Möglichkeiten, die zum Kernbereich der religiösen wie humanen Traditionen gehören. Dabei werden besonders die lokalen wie die fremden Kulturen einbezogen. Eine Begegnung ohne Berührungsängste kann viel zum besseren Verstehen und Akzeptieren anderer wie auch der eigenen Kultur beitragen, wobei der Erlebnischarakter auch bei der 7. Phänomena ein prägendes Merkmal sein wird. Denn ein Tag des Erzählens soll diese Phänomena werden, wo sich profunde Erzählerinnen und Erzähler aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen einfinden werden, um der Kraft von Geschichten Ausdruck zu verleihen.
Die Veranstaltung ist interessant für Personen, die sich um die Vermittlung von religiösen und ethischen Werten bemühen bzw. im Religionsunterricht tätig sind und neue Möglichkeiten und Ideen kennen lernen möchten. Die 7. Phänomena ist ökumenisch und interreligiös offen und somit ein wichtiges Zeichen für die gemeinsame Gestaltung der Zukunft unter den Religionen.
Es werden Erzählerinnen und Erzähler gesucht, die am 10. Januar 2004 bei einem Erzählworkshop mitmachen möchten, um dann am 8. September bei den Strassenszenen aktiv mitzuwirken. Anmeldungen sind bis zum 20. Dezember an folgende Adresse zu richten: Rektorat Religionsunterricht, Herrengasse 22, 6430 Schwyz, oder unter rektorat.ru@bluewin.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003