33-34/2003

INHALT

Pastoral

Konfliktkultur in der Pastoral

von Xaver Pfister

 

Nachdem in einem ersten Beitrag<1> Konfliktfelder und Konflikte sowie typische Konfliktlösungsverhalten in der Pastoral beschrieben worden sind, geht es im folgenden Beitrag um die Reflexion des Beobachteten und um Visionen einer lebendigen Konfliktkultur im pastoralen Alltag.

1. Grundsätzliche Überlegungen

Es scheint mir, dass auch in der Kirche keine Konfliktkultur besteht. Ich frage deshalb nach Verhaltens- und Denkmustern, die für diesen Mangel mitverantwortlich sind.

1.1. Fragwürdiges Harmoniebedürfnis

Das vielerorts verbreitete Harmoniebedürfnis existiert auch in der Kirche und wird durch gewisse theologische Stichworte und Denkfiguren massiv überhöht. Die Begriffe Einheit, Versöhnung, Geschwisterlichkeit, Amt als Dienst, Nächstenliebe und Selbstlosigkeit werden oft dazu gebraucht, latent vorhandene Harmoniebedürfnisse religiös und theologisch noch zu verstärken. Wer dagegen Konflikte wahrnimmt und anmeldet, erhält in diesem Kontext immer sofort das Etikett des «Kirchenfeindes». Verstärkt wird diese Tendenz noch einmal mehr durch den Stress und die Überforderungssituationen, in denen das Personal in der Pastoral sehr oft steht. Treffend bemerkt Gotthard Fuchs dazu: «Gerade wo programmatisch stets Nächstenliebe, Selbstlosigkeit, Dienstbereitschaft empfohlen werden, ist die Gefahr der Verdrängung und Übertünchung gross. Ob hier ein spezifischer Grund für die gegenwärtige Kirchen- und Christenkrise liegt? Ob man sich, durchaus mit Durchhalteparolen, längst eingependelt hat auf den kleinsten gemeinsamen Nenner sozialisierter Gefühle und Haltungen, um die wirklichen Konflikte, Entfremdungen und Entzweiungen nicht anschauen und durcharbeiten zu müssen?»<2>

1.2. Macht als Realität anerkennen

Es scheint mir wichtig, dass auch im pastoralen Bereich die realen Machtverhältnisse und Interessenunterschiede deutlich gemacht, erkannt und anerkannt werden; nur so ist ein kreativer Umgang mit ihnen möglich. In jeder sozialen Organisation bilden sich unterschiedliche Interessen heraus. Macht wird ausgeübt, erlitten, geduldet und unterstützt. In jeder sozialen Organisation haben einige mehr Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen als andere. Die Wahrnehmung der unterschiedlichen Interessen und der unterschiedlichen Verteilung der Macht entscheidet grundlegend über die Lebensqualität einer sozialen Organisation. Von diesen Dingen redet man aber nicht gerne in der Kirche. Alle stehen im Dienste des Ganzen und erfüllen ihre Pflicht im Sinne der Einheit und des Ausgleichs. Dass aber darunter auch andere Motivationen wirksam werden können, wird nicht analysiert. So ist etwa die Macht eines Pfarrers ­ ohne diese selbst zu bewerten ­ sehr gross. Er entscheidet mit seinem Verhalten, welche Prozesse in einer Pfarrei möglich werden, welche nicht anlaufen dürfen. Ein Laientheologe ist strukturell immer abhängig von der guten Zusammenarbeit mit den Priestern in der Pfarrei oder in einem Pfarreiverband.
Diese Abhängigkeiten und Machtverhältnisse sind zunächst einmal nüchtern wahrzunehmen, ohne sie schon bewerten zu wollen. Eine Beobachtung von Norbert Bassiere im Handbuch der Pastoralpsychologie belegt dies deutlich: «Ein anderes immer wiederkehrendes Thema innerhalb der Supervisionstätigkeit wird die Auseinandersetzung mit Macht und Autorität. Pastoralreferentinnen bilden das untere Ende der kirchlichen Hierarchiekette. Sie haben am untersten Zipfel Anteil an der Macht, bekommen damit aber auch den Druck von oben nach unten am deutlichsten zu spüren.»<3> Eine Grundvoraussetzung für eine lebendige Konfliktkultur ist es, dieses Thema mit analytischer Schärfe und dem in der heutigen Zeit aufgrund verschiedenster Erfahrungsfelder zur Verfügung stehenden Instrumentarium zu bearbeiten.

1.3. Strukturell produzierte Konflikte und Demütigungen

Im Papier «Dialog statt Dialogverweigerung. Wie in der Kirche miteinander umgehen?»<4> heisst es zur Einleitung des Abschnittes «Suche nach angemessenen Strukturen» lapidar: «Der hierarchische Zentralismus ist ein wenig lernfähiges System. Im Bereich der übrigen gesellschaftlichen Lebensbereiche, nunmehr auch im Osten, wird er mehr und mehr durch lernfähigere Systeme und Strukturen ersetzt. Hier gilt es zunächst den Hebel anzusetzen.» Das Papier führt dann weiter aus, dass nicht unbedingt menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten, sondern strukturelle Gegebenheiten zu Kommunikationsstörungen und zu Demütigungen führen: «Die von den Betroffenen oft als verständnislos oder hartherzig empfundenen Reaktionen kirchlicher Dienststellen und Amtsträger sind von diesen selbst in der Regel ganz anders gemeint. Sie gehen von bestimmten Vorstellungen über kirchliche Solidarität aus. Viele von ihnen wären möglicherweise sogar bereit, einer Änderung der bestehenden Ordnung zuzustimmen, sehen sich aber aus ÐTreue zur Kircheð veranlasst ­ und hierunter wird dann der Papst und die gegebene institutionelle Ordnung verstanden ­, nach dem Buchstaben eben dieser Ordnung zu entscheiden. Hier jedoch gibt es keine Struktur, die es den Gläubigen, selbst den Priestern und Bischöfen, gestatten würde, nachdrücklich auf eine Änderung dieser Ordnung hinzuwirken.
Dieser Tatbestand führt bei vielen Engagierten, die an schöpferischer Erneuerung der Kirche bzw. der Gemeinden und an glaubwürdiger Verkündigung des Glaubens in der Welt von heute interessiert sind, zu Ohnmachtsgefühlen, und angesichts fehlender Berufungsinstanzen nicht selten zu depressiven oder aggressiven Reaktionen. Resignation und schleichende Distanzierung von der Kirche haben somit nicht nur Ursachen in der schwieriger gewordenen Vereinbarkeit von Christentum und Alltag, in persönlichem Fehlverhalten und Ungenügen, sondern durchaus auch in den Strukturen, welche die innerkirchliche Kommunikation bestimmen.»<5>
Die Frage der Laien und Diakone im Einsatz als Gemeindeleiter ist ein markantes Beispiel für strukturell produzierte Konflikte und Demütigungen. Erfahrungen an der Basis können nicht reflektiert und in die Veränderung von Strukturen umgesetzt werden. Deshalb habe ich meinen Artikel in der Festschrift für Bischof Anton Hänggi, in dem ich «Zwanzig Jahre Laientheologen im Bistum Basel» als Thema erhielt, mit dem Titel «Das eingefrorene Experiment» überschrieben. Bis 1980 waren Laientheologen vollwertige Mitglieder im Priesterrat. Diese Praxis wurde für die neue Amtsperiode geändert; auf diese Änderung reagierten die Laientheologen des Bistums. In einem Brief vom 4. Januar 1980 antwortete der Bischof auf diesen Protest folgendermassen: «Wie mein Sekretär in seinem Bericht ÐBasler Priester- und Seelsorgerat mitverantwortlich für die Seelsorge des ganzen Bistumsð in der ÐSchweizerischen Kirchenzeitungð schreibt, legte sich mir aus folgendem Grunde nahe, die Mitgliedschaft der Laientheologen im Priesterrat zu modifizieren: Um in den Deutschschweizerischen Bistümern eine einheitliche Praxis zu finden und weil gesamtkirchlich nur Ordinierte als Vollmitglieder des Priesterrates vorgesehen sind... Ihre Angst, auf Dekanatsebene könnten die Laientheologen auch ausgeschlossen werden, halte ich für unbegründet, da für die Dekanatsstatuten keine gesamtkirchlichen Regelungen vorgesehen sind.»
Dieses Zitat zeigt für mich deutlich, «was eine weitere Entwicklung in Theorie und Praxis des Einsatzes von Laientheologen erschwert. Es ist dieser gesamtkirchliche Kontext, der ja in den darauffolgenden Jahren immer stärker regionale Entwicklungen blockierte. Der pragmatische Weg des Umgangs mit dem nicht von der Kirchenleitung erfundenen Phänomen ÐLaientheologeð muss in diesem Horizont notwendig an seine Grenzen stossen. Denn der pragmatische Weg müsste ja in einer theologischen Reflexion verarbeitet werden können, die eine weitere Entwicklung und Veränderung dieser Theologie zuliesse. Dieser Weg ist aber eben blockiert. Der Zirkelkreis vernünftiger Organisationsentwicklung, in der ein lebendiges Hin und Her von Theorie und Praxis möglich sein muss, ist in der Katholischen Kirche unterbrochen. Deshalb führt der in der Praxis pragmatisch versuchte Weg in eigenartige Aporien, die gerade wegen des Verbots, die Theorie gründlich zu überprüfen, zu theologisch fragwürdigen Formen des Einsatzes von Menschen in der Seelsorgearbeit führt.»<6>
Es erstaunt deshalb nicht, dass das bereits mehrfach erwähnte Papier «Dialog statt Dialogverweigerung» die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips auf die innerkirchlichen Organisations- und Entscheidungsstrukturen verlangt. Die Zuständigkeiten müssen möglichst in den kleineren Lebensbereichen bleiben. Die nachgeordneten Handlungsebenen haben Vorrang vor der übergeordneten Ebene. Die übergeordnete Ebene ist beweispflichtig, wenn sie bestimmte Kompetenzen an sich zieht. Die leidige Leidensgeschichte um die «instructio» aus dem Jahre 1997 bestätigt diese Feststellungen. Die Unterbrechung des Zirkelkreises vernünftiger Organisationsentwicklung entwickelt sich hier zu einer lebensbedrohenden Kraft.
Die hier beschriebene Tendenz ist in den letzten Jahren verstärkt worden. Jeder Gemeindeleiter und jede Gemeindeleiterin ­ sei er nun Diakon oder Laientheologe oder sie Laientheologin und leider nicht Diakonin ­ gerät in diese strukturell bedingten Konflikte und zieht meistens strukturell bedingt den Kürzeren.<7>

1.4. Allen alles werden oder die Gefahr der fehlenden, kritischen Selbstwahrnehmung

Allen alles werden ist ein beliebtes Leitmotiv für pastorale Identität. Es erschwert aber eine realistische Selbsteinschätzung, die neben den eigenen Fähigkeiten und Stärken auch die eigenen Grenzen wahrnimmt und die daraus notwendigen Konsequenzen zieht. Wer bei sich selber ist und nicht einfach in einer zugewiesenen Rolle aufgeht, das heisst wer Rollendistanz übt, wer seine biographisch bedingten Berufsmotive, überhaupt seine biographische Entwicklung differenziert wahrnimmt, wird sich selber viel deutlicher als fragmentarische, endliche Existenz wahrnehmen. Er wird so deutlich Schatten und Ambivalenzen seiner eigenen Persönlichkeit wahrnehmen und seine Verwiesenheit auf die anderen erleben. Diese Fähigkeit der Distanznahme, der kritischen Selbstwahrnehmung ist Voraussetzung, um existenziell dialogfähig zu bleiben. Diese Fähigkeit wird aber nur entwickelt in einem Umfeld, in dem dem Einzelnen und seiner Persönlichkeit Raum gegeben wird, in dem ein spürbares Interesse an Individualität und Persönlichkeitsentfaltung gelebt wird. Die Kirche hat aber tendenziell immer Interesse an funktionierenden Rollenträgern, die sich mit ihrem Amt distanzlos identifizieren. Rollendistanz gehört nicht in den aktuell gültigen kirchlichen Tugendkatalog. Allen alles werden ist deshalb keine brauchbare Option. Sie ist eine narzisstische Selbstüberschätzung.

1.5. Die männliche Unfähigkeit, Konflikte auszutragen

Josephine Heyer stellt im Handbuch der Pastoralpsychologie fest: «Frauen wird die Zuständigkeit für Beziehung zwischen Menschen zugeschrieben. Deshalb sind sie eher personenorientiert und haben öfter eine bessere Kompetenz in Kommunikation und lassen eher Konflikte zu.»<8> In Konfliktsituationen reagieren Männer tatsächlich häufiger gewalttätig nach aussen oder gegen sich selbst. Im von Gotthard Fuchs herausgegebenen Buch «Männer» wird von einer gross angelegten Untersuchung über unterschiedliche Fahrstile zwischen Mann und Frau berichtet. Dort heisst es: «Während Frauen in kritischen Situationen das Gas wegnehmen, geben die meisten Männer noch zusätzlich Gas, selbst wenn ihnen der Angstschweiss schon auf der Stirne steht, heisst es im Untersuchungsbericht.»<9> Angriff ist die beste Verteidigung, so lautet die Handlungsmaxime, die sich aus dieser und analogen Situationen ergeben kann.
Der Unterschied des Umgangs von Frauen und Männern mit zerbrochenen Partnerschaften weist in die gleiche Richtung. Männer haben es schwer, Gefühle, insbesondere Angst und Hilflosigkeit, zuzugeben. Sie können nur schwer um Hilfe bitten und können sich so kaum den Gefühlen von Schmerz und Trauer stellen. Die Vorherrschaft des Männlichen und der Männer in den pastoralen Berufen könnte also eine weitere Ursache sein für das Fehlen einer Dialog- und Konfliktkultur. Eine Auseinandersetzung mit der Patriarchatskritik und Erfahrungen aus der Männerbewegung sind eine wichtige Voraussetzung, um einen Beitrag zu einer lebendigen Konfliktkultur zu leisten.

2. Visionen

Heraklit stellt im «Fragment 53» fest: Der Streit ist der Vater aller Dinge. Dies könnte Leitmotiv für eine Vision einer lebendigen Konfliktkultur sein.

2.1. Konflikte zulassen

Es geht zunächst darum, Konflikte als Teil des Lebens in Gruppen und grösseren sozialen Organisationen gelten zu lassen. Konflikte sind Ausdruck von Leben und Beziehung. Deshalb ist es wichtig, eine positive Grundhaltung der Möglichkeit von Konflikten gegenüber zu entwickeln. «Wo aber Konflikte nicht zugelassen werden und kommunizierbar bleiben, wo Aggressionen, Wut und Trauer von Vornherein geistlich diskriminiert werden und abstrakt Einheit beschworen wird, müssen tiefgreifende Lähmungen die Folge sein.»<10>
Gotthard Fuchs findet eine gute Art dieser Konfliktannahme im 2. Korintherbrief dokumentiert. Es geht darin um den Konflikt, der durch das Auftreten von Gegnern des Apostels in der Gemeinde Korinth entstanden ist. Sie sprechen ihm das Recht zum Apostolat ab. Beim zweiten Besuch des Apostels kam es offenbar zu einem emotional heftigen Schlagabtausch. Der Apostel reist wütend und ratlos ab. Nachdem Titus von einem Gesinnungswandel in der Gemeinde berichten kann, schreibt Paulus den sogenannten Versöhnungsbrief (2 Kor 1,3­2,13, 7,5­16). «Nicht um alte Wunden aufzureissen, wohl aber in gemeinsamer Erinnerungsarbeit geht Paulus mit seiner Gemeinde die ganze Geschichte noch einmal durch. Weit davon entfernt, Wut und Trauer theologisch zu diskriminieren oder in vermeintlicher Frömmigkeit zu spiritualisieren, erinnert er schreibend an das ganze Drama des Konfliktes in seinen vielen Akten und Szenen. Mit förmlich psychoanalytischer Genauigkeit wird das ganze Ausmass der Entzweiung nochmals angeschaut und Ðdurchgemachtð ­ eine Art ekklesialer Archäologie zwecks dankbarer Vergewisserung der jetzt möglichen Versöhnung. Diese ist, angesichts der entstandenen Verletzungen und Krisen, reineweg ein Geschenk. Und ganz eucharistisch wird mit Freude und Dank darauf reagiert.
Je ehrlicher die Trauerarbeit, je mutiger und auch schmerzhafter die gemeinsame Bewältigung, desto grösser, spannender förmlich, der Jubel und Dank. Communio ist nicht länger ein leeres Wort und ein blosser Appell, sondern real erlittenes und empfangenes Gottesgeschenk und Geistwirken.»<11>

2.2. Die produktive Kraft der Konflikte annehmen

Es gilt die produktive Kraft, die in Konflikten steckt, anzunehmen und im Bearbeiten des Konfliktes zu gestalten. Paulus redet im erwähnten Brief davon: «Denn dass ich euch mit meinem letzten Brief traurig gemacht habe, tut mir nicht leid. Wenn es mir auch eine Weile leid tat, ich sehe ja, dass dieser Brief euch, wenn auch nur für kurze Zeit, traurig gemacht hat: Jetzt freue ich mich, nicht weil ihr traurig geworden seid, sondern weil eure Traurigkeit zur Sinnesänderung geführt hat. Denn ihr seid traurig geworden, wie Gott es will, so dass euch durch uns kein Nachteil erwachsen ist. Die gottgewollte Traurigkeit verursacht nämlich Sinnesänderung zum Heil, die nicht bereut zu werden braucht; die weltliche Traurigkeit aber verursacht Tod» (2 Kor 7,8ff.).
Das Kriterium der Unterscheidung der beiden Traurigkeiten ist die Umkehr, der Mut und die Demut zur Sinnesänderung, zur Überprüfung und allfälliger Veränderung des eigenen Verhaltens. Erinnern wir uns der Definition des Konfliktes als einer Situation, in der mir etwas in die Quere kommt.<12> Diese Tatsache macht weh, sie macht traurig, verursacht Wut und Schmerz. Wo ich mich darin aber nicht verschliesse, sondern mich dem Queren stelle, wird diese Traurigkeit produktiv, gottgefällig, wie Paulus sagt. Konflikte sind also eine Chance zur Umkehr, die anzunehmen für die christliche Existenz wesenskonstitutiv ist.

2.3. Zur eigenen Begrenztheit stehen

Eine Konfliktkultur kann nur entstehen, wo eine soziale Organisation sich so organisiert, dass mehr Gemeinschaft, mehr Subsidiarität und mehr kooperative Leitung möglich wird. Voraussetzung für eine lebendige Konfliktkultur sind überschaubare Verhältnisse, denn nur so kann Offenheit und Vertrauensbildung möglich werden.
In diesen Strukturen wird es möglich, sein Gesicht zu zeigen und eben auch zur Fragmentarität des eigenen Gesichtes zu stehen. Selbstrechtfertigungen, sei es mit Argumenten, sei es durch ein blosses Pochen auf die Amtsautorität, verunmöglichen Konfliktbearbeitungen. Wer um seine eigene Begrenzung weiss, der öffnet sich in seinem Wesensgrund auf den anderen. Er weiss, dass er auf den andern angewiesen ist. Konflikte und Konfliktbearbeitung sind dann Instrumente, diese Verwiesenheit konkret zu leben und zu gestalten. Es wäre wichtig, nicht bloss Überzeugungen und Entscheidungen zu behaupten, sondern immer auch den eigenen Weg zu der jeweiligen Überzeugung und Entscheidung erzählen zu können. So könnten viele Konflikte sinnvoll und lebendig gelöst werden.

2.4. Supervision einsetzen

Spirituelle und psychologische Supervision sind ein ausserordentlich geignetes Instrumentarium, um die gefragten Fähigkeiten zu entwickeln. Dieses Instrumentarium muss konsequent und auf allen Ebenen eingesetzt werden.<13>

2.5. Ein anderer Umgang mit der Zeit

Ein anderer Umgang mit der Zeit muss gesucht werden. Der Zeitdruck, die Not mit der Zeit sind ein wesentlicher Grund für manche missratene Konfliktbewältigung. Es beginnt damit, dass man sich keine Zeit nimmt, um etwas voneinander zu wissen und zu erfahren: «Mitmenschlicher Umgang in der Kirche setzt das Ernstnehmen der anderen voraus, sowohl hinsichtlich ihrer Person als auch hinsichtlich ihrer Auffassung und Sachkompetenz. Ein zentrales Problem betrifft die Zeitnot des heutigen Menschen. Personale Beziehungen brauchen Zeit und ebenso dialogisches Aufeinander-Zugehen. Diese Zeitnot lässt sich nur dadurch bewältigen, dass man verzichten lernt und sich in Freiheit Zeit für bestimmte Ziele nimmt. Dem modernen Menschen wird daher eine völlig neue Form der Askese ­ Zeit-Askese ­ abverlangt, die weit weniger in Gehorsam als im bewussten Verzicht auf ein Übermass an Möglichkeiten besteht um der Konzentration willen auf das, was einem wesentlich ist.»<14>

2.6. Vergebungsbereitschaft

Es dürfen nicht immer wieder alle alten Konflikte mitaufgerollt werden in einer konkreten Konfliktsituation. Alte Konflikte sollten wirklich abgesagt und erledigt sein. Deshalb muss Konfliktbearbeitung immer auch in die Dimension der Vergebung einmünden. Nur so ist es möglich, dass der aktuelle Konflikt nicht durch verschleppte und latente, nicht-erledigte Konflikte zusätzlich belastet wird.

2.7. Ultima ratio: Verwaltungsgerichtsbarkeit

Schliesslich bedürfen wir auch, weil das Gespräch auch scheitern kann, Einrichtungen zur Schlichtung und zum Rechtsschutz, das heisst ein transparentes, rechtlich geordnetes Streitverfahren, etwa im Sinne einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit. Im Übrigen bleibt wahr, was Marie Ebner-von Eschenbach einmal festgestellt hat: «Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten, sondern jene, die ausweichen.»

 

Der promovierte Theologe Xaver Pfister-Schölch leitet die Katholische Erwachsenbildung Basel (WegZeichen) und die Informationsstelle der Römisch-Katholischen Kirche (RKK) Basel-Stadt.


Anmerkungen

1 SKZ 167 (1999), Nr. 23­24, S. 454ff.

2 In: Clemens Richter (Hrsg.), Unablässig leidet mein Herz. Christliche Verkündigung angesichts von Trauer und Angst, Freiburg i.Br. 1992, S. 92.

3 In: Isidor Baumgartner (Hrsg.), Handbuch der Pastoralpsychologie, Regensburg 1990, S. 210.

4 Herausgegeben von der Kommission VIII «Pastorale Grundfragen» des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken.

5 AaO., S. 11 und 12.

6 Xaver Pfister, in: Alois Schifferle (Hrsg.), Miteinander für die vielfältige Einheit der Kirche. Festschrift für Anton Hänggi, Freiburg i.Br. 1992, S. 289.

7 Dies ist der Grund dafür, dass sich der Autor nicht in der Lage sieht, die Aufgabe eines Gemeindeleiters zu übernehmen. Er hat die Option gewählt, sich im Handeln strikt an die geltende Ordnung zu halten, seine andere Meinung in verschiedenen pastoralen und theologischen Fragen aber deutlich und öffentlich wahrnehmbar zu formulieren. Mit dieser Option ist es nicht möglich, glaubwürdig und theologisch verantwortbar als Laie Gemeindeleiter zu sein. Ein Gemeindeleiter ist strukturell gezwungen die geltende Ordnung zu ritzen.

8 AaO. (Anm. 3), S. 238.

9 Gotthard Fuchs (Hrsg.), Männer, Düsseldorf 1988, S. 48.

10 Gotthard Fuchs, in: Unablässig leidet mein Herz (Anm. 2), S. 92.

11 Gotthard Fuchs, An andern Orten, S. 93f.

12 «Konflikte in der Pastoral», in: SKZ 167 (1999), Nr. 23­24, S. 454ff.

13 Die Römisch-Katholische Kirche Basel-Stadt hat deshalb am 22. Juni 1998 ein Reglement betreffend Supervision von Mitarbeitenden der RKK verabschiedet. Darin wird der Zweck der Supervision so formuliert: «Supervision soll Mitarbeitenden, Mitarbeitergruppen und Pfarreiteams, die unter besonderer beruflicher Belastung stehen, ermöglichen, Kommunikationsprobleme mit Kollegen, Mitarbeitenden und Klienten zu verbessern sowie ihre fachliche Kompetenz zu stärken. In diesem Sinne gilt Supervision als berufliche Weiterbildung.» In der Umsetzungsphase des Pastoralkonzeptes II, in der erstmals im Bistum Basel vier Pfarreien aufgehoben und zu zwei neuen Pfarreien vereinigt werden, haben wir intensiv mit diesem Arbeitsinstrument gearbeitet.

14 «Dialog statt Dialogverweigerung» (Anm. 4), S. 13f.


Forschung am Menschen

 

Mit der Erforschung von embryonalen Stammzellen, von Keimzellvorstufen und von Blastomeren erhoffen sich die Lebenswissenschaften Erkenntnisgewinn und Erfolge in verschiedenen Anwendungsgebieten. In diesem Forschungsbereich stellen sich unter dem Gesichtspunkt der Menschenwürde besonders dringlich Fragen ethischer und rechtlicher Natur. Im letzten Herbst haben an der Universität Freiburg i.Ü. zwei Symposien stattgefunden, die diesem Fragenkreis gewidmet waren und deren überarbeitete Referate in Büchern vorliegen.<1>
Die eben erst erschienene Auswertung des Symposium für den Humanembryologen und Anatom Ronan O'Rahilly, dessen wissenschaftliche Leistung von Günter Rager gewürdigt wird, müsste eigentlich zuerst gelesen werden.<2> Denn sie bietet eine Übersicht über den gegenwärtigen huumanwissenschaftlichen Stand der Kenntnis über die früheste Entwicklungsphase des menschlichen Embryos. Leichte Lektüre ist es allerdings nicht, was die Professoren und der Privatdozent: Hans-Werner Denker (Anatom und Entwicklungsbiologe, Essen), Andreas Herrler (Anatom und Reproduktionsbiologe, Aachen) und Christoph Viebahn (Anatom, Göttingen) bieten. Indes ist auch in diesem Wissensbereich die Anstrengung des Begriffs für die Wahrheitsfindung unerlässlich, hat doch begriffliche Ungenauigkeit oft auch die Bildung falscher Theorien zur Folge, wie Günter Rager anmerkt. Den ethischen bzw. ethikgeschichtlichen Beitrag steuerte der Theologische Ethiker Adrian Holderegger, der in Freiburg auch am Departement für Medizin lehrt, bei. Er zeichnet die Schritte der philosophisch-theologischen Tradition der Beseelung des Menschen nach.

Rolf Weibel


Anmerkungen

1 Zuerst erschien: Adrian Holderegger/René Pahud de Mortanges (Hrsg.), Embryonenforschung. Embryonenverbrauch und Stammzellenforschung. Ethische und rechtliche Aspekte, Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2003, 132 Seiten (Hinweis in SKZ 26/2003).

2 Günter Rager/Adrian Holderegger (Hrsg,), Die Frühphase der Entwicklung des Menschen. Embryologische und ethische Aspekte, Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2003, 173 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003