16-17/2003

INHALT

Pastoral

"Sektenkinder"

von Rolf Weibel

 

Religiosität setzt sich aus positiven und negativen Faktoren zusammen, bewegt sich zwischen einem unbelasteten und einem belasteten Bereich und ist daher eher lebensförderlich oder eher lebenshinderlich, eher gesund oder eher krank machend. In welche Richtung sich die Religiosität jeweils entwickelt, ist nach Auskunft der Sozialwissenschaften von einem komplizierten Zusammenspiel von vielen Faktoren, auch von den Betroffenen, die ihren Lebensstil mitgestalten, abhängig.

Aufwachsen in einer «Sekte»

Zur «Sektenproblematik», zum Konfliktpotential vereinnahmender Gruppierungen und den Problemen, die bei ihren Anhängerinnen und Anhängern auftreten können, gibt es einige Studien. Hingegen gibt es nur wenige Antworten auf die Frage nach den Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche von Eltern, die Mitglieder solcher Gruppierungen sind, aufwachsen. Nun liegt eine bei Prof. Stefan Hertzka in Zürich eingereichte Dissertation vor, eine qualitative Analyse von elf problemzentrierten Interviews, die die Frage nach den Sozialisationsbedingungen und Auswirkungen auf die Adoleszenz aufgenommen hat.<1>
Zunächst werden sozialwissenschaftliche Konzepte zum Sozialisationsprozess vorgestellt und damit der theoretische Bezugsrahmen der Studie abgesteckt; eingehender thematisiert wird hier die Frage nach der Religiosität im Kindes- und Jugendalter. In einem zweiten Teil geht die Studie dem Phänomen «Sekten» bzw. vereinnahmende Gruppierungen nach, zunächst allgemein, sodann die Gruppierungen beschreibend, denen die Interviewpartnerinnen und -partner angehört hatten. Dabei wird dem jeweiligen Erziehungskonzept und den Vorstellungen von schulischer Bildung besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Studie diskutiert in diesem Teil den Begriff «Sekte» und ersetzt ihn durch den Begriff «ideologisch-dogmatische Glaubensgemeinschaft», um die fraglichen Gruppierungen «durch die primäre Berücksichtigung struktureller Gemeinsamkeiten auf eine mehr oder weniger wertfreie Art und Weise zu erfassen» (71).
So löblich dieses Bemühen um eine nicht diskriminierende Sprache ist, so fragwürdig ist ein Rekurs auf strukturelle Gemeinsamkeiten, der die ideengeschichtlichen (kirchen-, dogmen- und theologiegeschichtlichen) Aspekte nicht genau erfasst. Das zeigt sich namentlich im Exkurs über die Freikirchen, wo von den freikirchlichen Gemeinden unter anderem gesagt wird: «In den meisten Fällen finden sich noch grosse Teile der grossen Religionen (z.B. dem Christentum) in den Schriften der Freikirchen, die z.T. mit neuen Ideen vermischt, zu einem neuen Ganzen werden» (72). Aus (nicht freikirchlicher!) theologischer Sicht ist eine solche Aussage nicht nur als unsachgemäss, sondern überdies als die Freikirchen diskriminierend zu kritisieren. So ist beispielsweise die Gemeinde Evangelisch Taufgesinnter, die strenge Richtung der Neutäufer, durch ihre Betonung von Vorschriften moralisch-sittlicher Art bekannt; aber als freikirchliche Gemeinde steht sie theologisch auf dem Boden des Christentums, während man dies von den anderen in der Studie zu Wort kommenden Zugehörigkeiten bzw. Gruppierungen nicht sagen kann (die Hare Krishna-Bewegung zum Beispiel ist aus dem Hinduismus heraus entwickelt worden). Auf eine interdisziplinäre Vergewisserung haben die Psychologinnen offensichtlich verzichtet; ihr Professor hätte es ihnen aber auch vorschlagen können.
Grossen Raum nimmt naturgemäss die eigentliche qualitative Studie ein. Durchgeführt wurden die ihr zugrunde liegenden Interviews mit dreizehn Personen: sieben waren als Kinder in einer dieser Gruppierungen, sind aber bereits seit mehreren Jahren ausgetreten und schildern nun retrospektiv ihre Kindheitserlebnisse; sechs haben Kinder oder Enkelkinder, die in einer dieser Gruppierungen aufwachsen oder aufgewachsen sind. Aktive Gruppenmitglieder wurden nicht befragt.
Die Interviews wurden mit Hilfe von theoriegestützten Forschungsfragen vorbereitet, und ausgewertet wurden die transkribierten Interviews mit einer qualitativen Inhaltsanalyse. So konnten Aussagen gewonnen werden über: das Leben nach gruppenspezifischen Geboten und Verboten, die pädagogischen Grundhaltungen und angewandten Erziehungsmethoden, Schule und Ausbildung, die Einführung in die gruppeninterne Lehre, das familiäre und soziale Umfeld, das vermittelte Religionsverständnis und die Veränderungen nach dem Ausstieg, den Ausstiegsprozess, die Vergangenheitsbewältigung und die gegenwärtige Situation.
Das Konfliktpotential einer «ideologisch-dogmatischen Glaubensgemeinschaft» ist, wie sich auch ein psychologischer Laie gut vorstellen kann, sehr komplex; zu einer grundsätzlichen Entscheidung scheint es zu kommen, wenn es zu einer «Frontalkollision» zwischen den Vorgaben der Gemeinschaft bzw. Gruppe und den persönlichen Bedürfnissen kommt. Im guten Fall sind die Religiosität und die darauf beruhenden Verhaltensregeln das Ergebnis eines Zusammenspiels von Fremdsozialisation und Selbstsozialisation. Wenn dieses Zusammenspiel nicht möglich ist, wenn die Vorgaben kein eigenes Fragen und Nachdenken und kein selbstbestimmtes Erproben zulassen, wenn in der Erziehung alle äusseren Einflüsse abgewehrt werden und so eine Selbstsozialisation zumindest ungemein erschwert wird, dann wird erst ein unerträglicher Leidensdruck oder eine einschneidende Veränderung in den Lebensumständen eine Entscheidung herbeiführen (können).
Als qualitative Studie sagt die vorliegende Arbeit nichts über die Wahrscheinlichkeit aus, dass die Sozialisation in einer «ideologisch-dogmatischen Glaubensgemeinschaft» und damit die Identitätsfindung gelingt bzw. misslingt. Sehr wohl diskutiert sie aber im Anschluss an die ausgewerteten Interviews die theoretischen Bedingungen dieses Gelingens bzw. Misslingens. Zusammenfassend betonen die Psychologinnen, «dass die Identitätsfindung von Heranwachsenden im Spannungsfeld der Lebenswelten innerhalb und ausserhalb einer ideologisch-dogmatischen Glaubensgemeinschaft konfliktreich verlaufen kann, wenn die Wahrnehmung von Widersprüchen und die Einübung im Umgang mit ihnen bei Heranwachsenden nicht gefördert wird und zugleich die Bindung und Solidarität zur Glaubensgemeinschaft nicht mit den individuellen Bedürfnissen und den Autonomiebestrebungen von Heranwachsenden vereinbar sind» (301).
Das Interesse der vorliegenden Arbeit beschränkt sich nicht auf die theoretische Beschäftigung mit dem empirisch erhobenen Alltagsleben von «Sektenkindern»; so überlegen sich die Psychologinnen abschliessend eine angemessene psychologische Beratung und Therapie für Betroffene. Unter Einbezug bisheriger Veröffentlichungen stellen sie Anregungen zu Beratungs- und Behandlungskonzepten zusammen, die sich insbesondere für die therapeutische Begleitung ehemaliger Mitglieder eignen. In diesem Zusammenhang listen die Psychologinnen zum einen mögliche Konflikte auf, die sich in der Alltagsbewältigung Ehemaliger bemerkbar machen, und zum andern entsprechende Bewältigungsaufgaben. Für die Beratung (und Therapie) ist hierbei die Berücksichtigung bisheriger Glaubensinhalte (zumal wenn sie angstproduktiv waren) unumgänglich. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die eher von den Glaubensinhalten her denken, werden sich anderseits bemühen, bei ihrer Begleitung die psychologischen Erkenntnisse zu berücksichtigen. Interdisziplinarität darf auch in diesem Zusammenhang verlangt werden. Wer in der Seelsorge «Sektenkinder» zu begleiten hat, hat mit der vorliegenden Studie dazu eine gute Handreichung.


Anmerkung

1 Stefanie Rauchfleisch/Franziska Weibel Ruf, Kindheit in religiösen Gruppen ­ zwischen Abgrenzung und Ausgrenzung. Eine qualitative Studie, Edition Soziothek, Bern 2002, 437 Seiten; Bezugsadresse: Edition Soziothek, Abendstrasse 30, 3018 Bern, Telefon 0319942694, Fax 0319942695, E-Mail mail@soziothek.ch
Eine frühere juristische Zürcher Dissertation stellt die Rechtslage dar: Esther Allenspach, Schutz von Kindern in religiösen Bewegungen («new religious movements»). Eine vergleichende Darstellung der Rechtslage in der Schweiz, Deutschland und den USA, (Zürcher Studien zum Privatrecht 168), Zürich 2001, 223 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003