7/2003

INHALT

Pastoral

Seniorinnen- und Seniorenkatechese

von Dominik Helbling

 

Die Reflexion über kirchliche Altenarbeit in der Schweiz liegt brach und muss dringend reaktiviert werden. Die Arbeit mit älteren Menschen scheint sich in vielen Pfarreien mit dem Angebot von Unterhaltungsnachmittagen bei Kaffee und Kuchen und Besuchen in Altersheimen durch Pfarreiangestellte zu erschöpfen. Hinter diesem Umgang mit einer ganzen Altersklasse verbirgt sich ein hartnäckiges Stereotyp<1>, nämlich das der gebrechlichen, mürrischen, kranken oder gar dementen Alten. Dieses defizitäre Bild ist jedoch genauso einseitig wie die idealisierende Vorstellung der weisen Alten. Kirchlicherseits wird selbst noch in den Texten des Vaticanum II das negative Altersstereotyp ­ bei faktischer Widerlegung durch die Konzilsväter ­ unhinterfragt weitertradiert. So werden alle aufgefordert, ihren Eltern «im Unglück und in der Einsamkeit des Alters bei(zu)stehen»<2>.
Es ist zwar richtig, dass sich die körperlichen Möglichkeiten älterer Menschen einschränken und ihr Reaktionsvermögen abnimmt. Es ist aber ebenso erwiesen, dass ältere Menschen oft genauer wahrnehmen und nicht schlechter, sondern anders lernen.<3> Dass für die Lernfähigkeit Bildungsstand, Motivation, Gesundheit usw. eine wichtige Rolle spielen, ist zwar richtig, trifft aber nicht nur auf ältere Menschen zu. Differenzierte Pfarreiarbeit trägt deshalb dem Umstand Rechnung, dass Altern ein individueller Prozess ist, der keine homogene Gruppe hervorbringt.

Statistik zum Leben erwecken

Die Schweiz und das umliegende Europa sehen sich damit konfrontiert, dass es immer mehr ältere und immer weniger junge Menschen geben wird. Die Lebenserwartung ist aufgrund besserer medizinischer Versorgung und geringerer Geburtensterblichkeit gestiegen, die Geburtenrate dagegen ist gesunken. Diese Entwicklung führte von einer «Pyramidenstruktur» zu einer «Pilzstruktur».<4> Der Anteil der mindestens 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung der Schweiz beträgt heute rund ein Fünftel, Tendenz steigend.
Im Allgemeinen scheint es Seniorinnen und Senioren recht gut zu gehen. Die Mehrheit kann aufgrund eigenen Vermögens den Lebensstandard halten. Auch fühlt sich die Mehrheit der älteren Menschen gesundheitlich gut. Psychische Probleme wie Niedergeschlagenheit und Angst gehen mit zunehmendem Alter sogar zurück, sind aber dennoch ein ernst zu nehmendes Problem.
Da Frauen eine höhere Lebenserwartung aufweisen, nimmt ihr Anteil mit steigendem Alter zu.<5> Frauen leben deshalb weit häufiger allein als Männer und sind darum stärker von Einsamkeit betroffen. 59% der Frauen, aber auch 35% der Männer im Rentenalter vermissen eine Vertrauensperson.<6>
Ältere Menschen ziehen sich keineswegs aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie scheinen politisch wie sozial ebenso aktiv zu sein wie die Gesamtbevölkerung, wobei Männer eher politisch engagiert sind, Frauen eher sozial. In der Freizeit orientieren sich ältere Menschen stärker an häuslichen Aktivitäten. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind ältere Menschen mit der Wahl ihrer Freizeitaktivitäten zufriedener.
Die Erhebung «Lebensbedingungen älterer Menschen» geht davon aus, dass «die religiöse Praxis als Integrationsform vor allem für ältere Menschen von Bedeutung ist und innerhalb dieser Gruppe vor allem für Frauen, wobei dies auch in der Gesamtbevölkerung der Fall ist»<7>. Sie stellt eine steigende Beteiligung älterer Personen (25% gegenüber 13% bei der Gesamtbevölkerung, also fast eine Verdoppelung) an religiösen Anlässen (Liturgien) fest, wobei Frauen häufiger daran teilnehmen als Männer. Auch besuchen Seniorinnen und Senioren häufiger ­ nämlich 15% gegenüber 9% bei der Gesamtbevölkerung ­ Aktivitäten in einer kirchlichen Gruppe oder einer religiösen Gemeinschaft.
Ältere Menschen scheinen also an einer aktiven Freizeitgestaltung und an religiösen Fragen interessiert. Nicht alle scheinen jedoch ein intaktes soziales Netz zu haben. Kirchliche Altenarbeit kann hier ansetzen.

Die heute 65- bis 80-Jährigen und ihr historisch-soziologischer Hintergrund

Die 65- bis 80-Jährigen sind untereinander grundsätzlich genauso verschieden wie jüngere Menschen auch. Trotzdem verbindet sie einiges. Sie bringen einen grossen Schatz an Lebenserfahrungen mit und sind Zeuginnen und Zeugen einer grossen Zeitspanne mit all ihren prägenden Ereignissen und ihren Veränderungen. Ältere Menschen haben den Zweiten Weltkrieg und die daraus resultierenden Einschränkungen als Kinder oder als Jugendliche erfahren. Manche waren zu dieser Zeit womöglich im Aktivdienst. Sie erinnern sich an die Erfindung des Fernsehens und die erste Mondlandung. Sie sind mit dem gesellschaftlichen Umbruch der 1960er Jahre und dem so genannten Pillenknick vertraut. Sie kennen die Ölkrise der 70er Jahre wie die Hochkonjunktur aus eigener Erfahrung. Die Einführung des Stimmrechts für Frauen 1971 hat das politische Leben grundlegend verändert. Der Kalte Krieg und die Aufrüstung haben womöglich viele der heutigen Seniorinnen und Senioren in ihrem Lebensgefühl geprägt. Das Vaticanum II hat Veränderungen in ihrer religiösen Praxis insbesondere für die Liturgie gebracht. Überhaupt konnten sie den Bedeutungswandel der Kirchen hautnah miterleben. Viele werden sich noch an den Unterricht mit dem Katechismus erinnern, der in den Augen von jüngeren Leuten wie mir längst der Vergangenheit anzugehören scheint.
Neben den Gemeinsamkeiten gibt es Unterschiede, die sich beispielsweise aufgrund des Geschlechts, der familiären oder auch der Wohnsituation ergeben. So haben sich viele Männer besonders stark über ihre berufliche Tätigkeit definiert, obwohl viele von ihnen auch eine Familie hatten. Sie leben aber seltener allein als Frauen. Sie sind öfters verwitwet oder ledig. Eltern haben über viele Jahre ihr Leben mit ihren Kindern geteilt und mehr oder weniger nach ihnen ausgerichtet. Allein stehende Menschen oder kinderlose Paare haben die gleiche Zeitspanne ganz anders erlebt. Die Erfahrungen der Menschen können stark von ihrer Wohnsituation abhängen. Eine Person, die in Ftan (GR) lebt, bringt einen anderen Hintergrund mit als eine Person, die sich in der Stadt Zürich aufhält. Sind in Dörfern Bindungen in der Regel stärker als in der Stadt, so ist umgekehrt die Mobilität in Städten ungleich höher.
Aufgrund der Vielfalt der Lebensumstände und -modelle muss kirchliche Altenarbeit und darin die Altenbildung differenziell angelegt werden.

Die Grundausrichtung der Altenbildung

Im Bereich des organisierten Lernens reissen sich verschiedene Institutionen geradezu um die Klientel der «neuen Alten». Seniorenuniversitäten, Volkshochschulen, die Pro Senectute, die Klubschule der Migros und Veranstalter von Bildungsreisen richten ihre Angebote mehr oder weniger gezielt auf ältere Menschen aus.
Kirchliche Bildung für Seniorinnen und Senioren richtet sich aber nicht nur mit einem attraktiven Angebot an eine Kundschaft. Vielmehr vertritt sie, wie jegliche Seniorinnen- und Seniorenarbeit, eine diakonische Option: Sie verfolgt nicht primär Eigeninteressen, sondern wahrt die Interessen der Seniorinnen und Senioren. Sie ist deshalb subjekt- und bedürfnisorientiert, partizipativ und ressourcen- bzw. kompetenzorientiert.<8>
Die Entwicklung zu einem selbstbestimmten Subjekt, das sich den Anforderungen des jeweiligen Alters stellen kann, geschieht immer im und mit dem Prozess des Alterns. Kirchliche Bildung für Seniorinnen und Senioren fördert diese in ihrer Selbstbestimmung und in ihrer Individualität und nimmt dabei die Biografie der Einzelnen zum Ausgangspunkt.
Ältere Menschen sollen mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden. Inhalte und Gestaltung der Altenarbeit werden gemeinsam mit Seniorinnen und Senioren definiert. Sie bringen ihre Meinung gleichberechtigt ein. Kirchliche Angestellte gestalten ihre Rolle im Dialog mit ihnen.
Bildungsangebote für ältere Menschen sollten sich an der Vielfalt von Kompetenzen und Potentialen des Alters orientieren. Denn ältere Menschen haben viel Lebenserfahrung. Sie konnten Lebensentwürfe und auch theologische Konzepte auf ihre Tauglichkeit überprüfen. Diese Ressourcen gilt es zu nutzen, so dass alle davon profitieren können.

Ziele und Aufgaben

Subjekt- und Bedürfnisorientierung, partizipative Ausrichtung und die Nutzung und Erweiterung der Ressourcen und Kompetenzen sind nicht nur für die Bildung von und mit Senorinnen und Senioren im Allgemeinen geboten, sondern auch für die Katechese im Besonderen.
Bezugsgrösse ist dabei die Lebensgeschichte der Menschen selbst und darin ihre Glaubensbiografie. Obwohl oder gerade weil ältere Menschen in ihrem bisherigen Leben auch die Tragfähigkeit ihres Glaubens überprüfen konnten, treffen «die einmal gelernten katechetischen Lerninhalte nicht mehr heutige Lebensumstände und Lebensfragen»<9>.
Auf der Grundlage dieser Überlegungen können folgende Ziele für die Seniorinnen- und Seniorenkatechese formuliert werden:

Wesentliche Nebeneffekte der Seniorinnen- und Seniorenkatechese sind die Verminderung von Einsamkeit und die Erhöhung des Gefühls, etwas Sinnvolles zu tun.

Seniorinnen- und Seniorenkatechese in der Pfarreikonzeption

Altenarbeit muss integraler Bestandteil jeder Gemeindekonzeption sein.<11> Mit dem auf Betreuung, Unterhaltung und Aktivierung ausgerichteten pfarreilichen Konzept tritt die Arbeit mit Seniorinnen und Senioren allerdings in eine Pastoralfalle. Selbstredend hat Betreuung alter Menschen noch immer ihre Berechtigung und erfüllt eine wichtige Funktion im Leben der Menschen und der Kirche. Wie bereits gezeigt, orientiert sich ein solcher Ansatz aber an einem einseitigen Altersstereotyp. Damit verkommt Seelsorge zu «einer Schutzhaft der Nächstenliebe» (Ursula Lehr).
Kirchliche Bildungsarbeit soll innerhalb der Gesamtkonzeption einer Gemeinde einen festen Platz haben. Eine einzelne Pfarrei muss im Dialog mit anderen Pfarreien, regionalen oder diözesanen Arbeitsstellen mögliche Abgrenzungen oder Synergien ausfindig machen.
Seniorinnen- und Seniorenkatechese kann ihren Platz haben an Altersnachmittagen, Gebets-, Gesprächs- und Hauskreisen, in Seniorenclubs, im Alters- und Pflegeheim, an Ausflügen und Reisen für Seniorinnen und Senioren, in Altersferien, in Kursen und Seminaren, an Akademien und in Bildungshäusern, an Volkshochschulen und Seniorenuniversitäten und in den Medien.<12> Sie muss sich nicht immer explizit an Seniorinnen und Senioren richten. Allerdings kann es sinnvoll sein, besondere Angebote für sie zu machen, die spezifische Themen des Alters aufnehmen, zum Beispiel Wohnen im Alter, Gesundheit im Alter, Frauen und Männer, Grosseltern sein. Es kann sich hierbei aber geradeso gut um Schreibwerkstätten, Theaterprojekte, Handwerksbörsen handeln, um nur einige zu nennen. Katechese kann deshalb sowohl in gesondertem Rahmen zu explizit religiösen, biblischen und christlichen Themen stattfinden als auch innerhalb anderer Angebote, bei denen spirituelle Impulse und Auseinandersetzung mit einem christlichen Zugang möglich sind.
Damit sich die Gestaltung an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientiert, müssen diese schon vor der Ausschreibung einer Veranstaltung erfragt werden. Eine Planungsequipe von Seniorinnen und Senioren bestimmt danach die Inhalte. So können sie ihre Bedürfnisse immer wieder einfliessen lassen.

Vergesst die Alten nicht

Seniorinnen und Senioren sind an Fähigkeiten und Lebenserfahrungen reich. Viele wollen nicht in erster Linie betreut und unterhalten werden. Vielmehr gestalten sie ihren Lebensabschnitt genauso aktiv wie früher. Kirchliche Altenarbeit in der Pfarrei sollte deshalb älteren Menschen ermöglichen, die Lust am Lernen aufrechtzuerhalten und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit geben, ihr Leben und ihren Glauben zu reflektieren. Das Potential, das hierin auch für Kinderkatechese, für die Firmbegleitung oder die Erstkommunionvorbereitung liegt, sollte sich die Kirche zu Nutze machen. Denn noch immer tun Authentizität und Bodenhaftung Not.

 

Dominik Helbling, lic. theol., ist seit Januar 2002 Assistent an der Professur für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 Vgl. Hans Schilling, Der Mensch Schönheit Ende?, München 1997, 51­138.

2 GS 48 nach Karl Rahner/Herbert Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg i.Br. 241993, 499.

3 Vgl. Martina Blasberg-Kuhnke, Gerontologie und Praktische Theologie, Düsseldorf 1985, 52­53, sowie die Übersicht bei: Marianne Habersetzer, Leben und Glauben ­ ein katechetischer Weg mit älteren Menschen, Würzburg 1997, 53­72.

4 Vgl. Bundesamt für Statistik (Hrsg.), Räumliche und strukturelle Bevölkerungsdynamik der Schweiz 1990­2000, Neuchâtel 2002, 28.

5 Vgl. Bundesamt für Statistik (Hrsg.), Lebensbedingungen älterer Menschen in der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung der Dimension Geschlecht, Neuchâtel 2000, 2.

6 Vgl. ebd. 13.

7 Lebensbedingungen, 14.

8 Vgl. dazu die ähnliche Darstellung in: Klaus Wegenast/Godwin Lämmermann, Gemeindepädagogik, Stuttgart 1994, 171­175.

9 Franz Josef Hungs, Also doch: «Neuer Wein in alte Schläuche»?, in: Lebendige Katechese 1/1997, 54.

10 Vgl. zu diesem Punkt besonders: Martina Blasberg-Kuhnke, Intergenerationalität, in: Bibel und Liturgie 67/1994, 148­155; Claudia Hofrichter, «Mitten im Leben vom Tod umfangen», in: Materialbrief GK, 2/2001, 18­19; Ulrich Domay, ebd., 20­22.

11 Vgl. dazu den Überblick bei Ernst-Georg Gäde, Werkbuch Altenarbeit, Mainz 2000, 39­45.

12 Blasberg-Kuhnke, Gerontologie, 258­260.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003