7/2003

INHALT

Ökumene

Einheit in reformierter Sicht

von Rolf Weibel

 

Die evangelisch-reformierten Kirchen in der Schweiz scheinen theologisch pluralistischer zu sein als die römisch-katholische Kirche ­ und auf der amtlichen Ebene sind sie es auch. Ihr Pluralismus ist grundsätzlich aber nicht relativistisch, denn im Sinne eines verbindlichen Pluralismus geht er davon aus, dass die Wahrheit einerseits erkennbar ist und dass anderseits ihre Erkenntnis für Menschen nur vorläufig sein kann. Die Verbindlichkeit des Pluralismus zeigt sich in der Verpflichtung, «unsere Wahrheitserkenntnis ins Gespräch zu bringen und mit der Erkenntnis anderer zu verbinden»<1>.
In zwei schmalen Bändchen haben unlängst zwei Schweizer Theologen so ihre Wahrheitserkenntnis ins öffentliche Gespräch gebracht. Der langjährige Ökumene-Beauftragte des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes Heinz Rüegger legt eine Interpretation des Apostolischen Glaubensbekenntnisses vor, die er der Diakonissenschwesternschaft Neumünster als Besinnungen vorgetragen hat.<2> Dieses Bekenntnis ist wie jedes andere Bekenntnis für die reformierten Schweizer Kirchen lehramtlich nicht verpflichtend; Heinz Rüegger versteht es aber, die dogmatischen Sätze als Wegweiser zu lesen auf der Suche nach dem, «was uns im Leben trägt und uns Halt gibt»<3>. Dabei liest er die einzelnen Sätze, greift von ihnen her auf die Bibel zurück und blickt dann in unsere Zeit hinein mit der Absicht, dass auf diese Weise «so etwas wie ein roter Faden sichtbar wird, an dem sich unser Glaube orientieren kann»<4>.
Der Ökumene-Beauftragte der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich Peter Dettwiler legt unter dem ungewohnten Titel «Wem gehört Jesus?» eine kleine theologisch reflektierte und wohl auch meditierte und doch gut verständliche Ekklesiologie vor.<5> Jesus als Mitte der Kirche ist nicht nur im Christentum zu Hause, davon geht Peter Dettwiler, zu dessen Aufgabenbereich auch Mission und Entwicklung gehören, aus. Zentral ist für ihn, wie für die Reformatoren, dass Jesus da ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. In diesen Zusammenhang stellt er unter anderem auch das Lehramt. Die Stimme Jesu, der in der Versammlung da ist, ist nur im gegenseitigen Hören vernehmbar. Das gelte aber auch «für das Hören auf seine Stimme in jenem Menschen, der in der Kirche einen besonderen Dienst ausübt, sei es in der Verkündigung, in der Leitung, im diakonischen oder katechetischen Bereich»<6>. Wie die Kirche werden auch die Sakramente gemeinschaftlich verstanden. «Das Abendmahl vereinigt als Mahl der Gemeinschaft in sich die drei Dimensionen der Kirche: Die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott,... die Gemeinschaft unter den Schwestern und Brüdern, Freunden und Freundinnen,... und die Gemeinschaft mit allen Generationen rückwärts und vorwärts in der Zeit...»<7> Und gerade um der Gemeinschaft untereinander ist es wichtig, «immer wieder darüber zu reden, was für den einzelnen Menschen, aber auch für die einzelnen Kirchen der Kern des christlichen Glaubens ist»<8>.
Statt «verbindlicher Pluralismus» könnte man auch «Einheit in der Vielfalt» sagen. Die Leitungsverantwortlichen nicht nur der reformierten Kirchen und auf allen Ebenen wissen um die Gefährdung der Einheit durch einen Pluralismus, der in unschönen Konflikten ausgetragen wird. Eine Arbeitsgruppe des Kirchenbundes hat deshalb eine Handreichung für den Umgang mit dem Pluralismus erarbeitet, die sich zunächst an die Mitgliedkirchen des Kirchenbundes richtet, aber auch für andere Kirchen praktische Anregungen bereit hält.<9> Ein guter Umgang mit dem Pluralismus in der Kirche bedarf eines geschwisterlichen Streits um die Wahrheit.


Anmerkungen

1 Ruedi Heinzer, Heinz Rüegger, Georg Vischer, Pierre Vonaesch, Pluralismus in der Kirche. Anregungen für Leitungsbeauftragte, KiK-Verlag, 22000, 90 Seiten, zit. 44.

2 Heinz Rüegger, Das Apostolische Glaubensbekenntnis heute. Grundlinien des christlichen Glaubens, KiK-Verlag, Berg am Irchel 2002, 126 Seiten.

3 Aao. 10.

4 AaO. 13.

5 Peter Dettwiler, Wem gehört Jesus? Kirche aus reformierter Sicht, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2002, 175 Seiten.

6 AaO. 117.

7 AaO. 123f.

8 AaO. 74.

9 Anm. 1.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003