4/2003

INHALT

Ökumene

Agape(n) feiern

von Rolf Weibel

 

Im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentages 2003 ist die Erwartung laut geworden, in Berlin die eucharistische Gastfreundschaft praktizieren zu können. Dazu erklärte die Deutsche Bischofskonferenz in ihrem Wort zu diesem Ereignis eben: «Es schmerzt uns, dass wir derzeit hierzu nicht in der Lage sind. Solange die ökumenischen Partner sich in Grundüberzeugungen widersprechen, ist eine Einheit am Tisch des Herrn unwahrhaftig. Die Eucharistie bezeichnet ja, was uns noch fehlt: die sichtbare und volle Einheit der Kirche Jesu Christi. Zu dieser gehört nach unserer Überzeugung die Einheit im Glauben, in der Feier aller Sakramente und im apostolischen Amt, im Leben und im Dienst. Wir müssen alles tun, um diese Einheit zu erreichen. Dabei kann uns ermutigen, was auf dem ökumenischen Weg bereits erreicht worden ist. Gehen wir zielstrebig weiter, ohne vorschnell den Weg selbst zum Ziel zu erklären. Nehmen wir alle Chancen wahr, die uns heute schon gegeben sind!»
Die KirchenVolksBewegung «Wir sind Kirche» und die Initiative Kirche von unten (IKvu) werden trotzdem gemeinsam mit Berliner evangelischen Kirchengemeinden drei ökumenische Gottesdienste ausserhalb des offiziellen Programms feiern, in denen «nach intensiver theologischer Vorarbeit», wie sie betonen, ausdrücklich zur wechselseitigen Gastfreundschaft eingeladen wird. Vorgesehen sind ein Gottesdienst im katholischen Ritus mit «offener Kommunion», ein Agapegottesdienst mit gemeinsamem Essen und Trinken und ein evangelischer Gottesdienst mit «Abendmahl für alle».
Bemerkenswert daran ist, dass zum einen keine Interzelebration, also keine gemeinsame Vorsteherschaft von Amtsträgern der beiden Kirchen, sondern eucharistische Gastfreundschaft, also Einladung der jeweils anderen, vorgesehen ist, und dass zum andern neben der Eucharistie- und der Abendmahlsfeier ein Agapegottesdienst gefeiert werden soll. Denn eucharistische Gastfreundschaft wird mittlerweile auch von namhaften katholischen und evangelischen Theologinnen und Theologen als theologisch möglich erachtet, und der Agapegottesdienst müsste eigentlich gerade in der Schweiz als ökumenische Feiergestalt gepflegt werden können. Auf katholischer Seite als Versammlungsform für vom Priestermangel betroffene Pfarr- und Personalgemeinden wieder entdeckt und gepflegt, könnte sie auch zur reformierten Abendmahlskultur mit ihrer Abendmahlsfeier zu ausgewählten Zeiten passen.
Eine ausgezeichnete Hilfe zur theologischen Vertiefung in die christliche Versammlungs- und Feierform der Agape mit ausgearbeiteten Modellen hat denn auch die «Initiativgruppe Pfingsten 99» herausgegeben.<1> Modelle zur Verfügung gestellt haben Sabine Bieberstein, Walter Blum, Martha Brun, Josef Brunner, Urs Eigenmann, Peter Haag, Caroline Meier-Machen (mit Franziska Loretan), Claudia Mennen, Herbert Sohn und Rolf Zimmermann.
Den Modellen vorangestellt ist eine Einführung, in der der Liturgiewissenschaftler Werner Hahne Aufbau und Gestaltung darstellt; ihnen beigegeben ist seine theologische Darlegung der Agapefeier mit den Teilen: 1. Ihr biblischer Ursprung und ihre frühe Geschichte, 2. Die theologische Deutung, 3. Die pastorale Bedeutung, 4. Anlässe, Feiergruppen und Gestaltungsmöglichkeiten.
In seinen biblischen Erwägungen an der Buchvernissage erläuterte Werner Baier, wie Agape (Liebe) feiern nach Agapen feiern (Liebesmahl) verlangt. In der Sicht der jüdisch-christlichen Überlieferung stiftet Brot teilen nicht nur Gemeinschaft, sondern verpflichtet auch dazu. Auch eine ökumenische Agapefeier ist in dieser Sicht von hoher Verbindlichkeit. Zumal Jesus gegenwärtig ist, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind ­ ob eucharistisch sakramental oder im Liebesmahl.


Anmerkung

1 Urs Eigenmann, Werner Hahne, Claudia Mennen (Hrsg.), Agape feiern. Grundlagen und Modelle, Edition Exodus, Luzern 2002, 220 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003