44/2003

INHALT

40 Jahre Liturgiekonstitution

Liturgie und christliches Leben

von Arnaud Join-Lambert

 

Die Liturgie ist doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen» (SC 14). Unentbehrliche Quelle? Diese Behauptung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Liturgiekonstitution klingt ungewohnt in unserer Zeit, wo die Mehrheit der Katholiken im Abendland sich als «nichtpraktizierende Gläubige» verstehen. Wir werden im Folgenden der Überlegung nachgehen, inwiefern die Liturgie Quelle des christlichen Lebens ist. Leitgedanke ist dabei die Überzeugung, dass Liturgie und Leben grundsätzlich untrennbar sind.

Die Liturgie als Quelle des christlichen Lebens

Eine Gewissheit zieht sich durch die gesamte Liturgiekonstitution hindurch: Die Feier der Sakramente bleibt nicht ohne Wirkung. Diese verändern Schritt für Schritt all jene, die sich mit recht bereitetem Herzen um die Teilnahme an der Liturgie bemühen; wie das Konzil an anderer Stelle sagt, ist diese Mitwirkung der Gläubigen notwendig (SC 11). Die Früchte und Auswirkungen ergeben sich dennoch nicht gleichsam automatisch oder in einem magischen Verständnis. Jeder weiss um die geistlichen und menschlichen Schwierigkeiten, die immer wieder zur Genüge im alltäglichen Leben begegnen, aber der gefeierte Glaube verändert nach und nach ein Leben in der Nachfolge Christi. «Aus der Liturgie, besonders aus der Eucharistie, fliesst uns wie aus einer Quelle die Gnade zu; in höchstem Mass werden in Christus die Heiligung der Menschen und die Verherrlichung Gottes verwirklicht, auf die alles Tun der Kirche als auf sein Ziel hinstrebt» (SC 10).
Viele Menschen unterteilen heute ihr Leben in voneinander getrennte Bereiche wie Arbeit, Familie, Freizeit usw.; einer dieser Bereiche ist dann häufiger auch der geistliche, spirituelle Bereich. Die Teilnahme an den Sakramenten hingegen geht von der Zusammengehörigkeit dieser Bereiche aus und hat gleichzeitig zum Ziel, diese verschiedenen Dimensionen stets intensiver miteinander zu vereinigen. Daher beinhaltet die Liturgie eine wichtige soziale Komponente; leider wird sie im Leben der Gemeinden oft kaum sichtbar.
Wie kann die Liturgie konkret «Quelle» sein? Wie gesagt ist sie zuerst eine Quelle durch das Handeln Gottes am Menschen in den Sakramenten, was mit dem klassischen theologischen Begriff als «Gnade» bezeichnet wird. Die Heilige Schrift, die seit dem Konzil in allen Gottesdiensten einen festen Platz in der Verkündigung hat, ist in gleicher Weise eine grundlegende Quelle (vgl. SC 24 und 35). Schliesslich ist die Erfahrung, als Gemeinde von Getauften sich zu versammeln, gemeinsam zu beten und zu singen, ein wichtiges Mittel, um die eigene christliche Existenz zu erneuern (SC 42).

Das Leben als Quelle der Liturgie

Die Wechselwirkung zwischen Liturgie und Leben verläuft nicht nur einseitig von der Liturgie hin zum Leben. Andersherum geben auch die alltäglichen Erlebnisse der Liturgie Sinn und Form. Die mitfeiernden Christen kommen mit ihrer eigenen Geschichte, mit ihren Sorgen, Erwartungen, Wünschen usw. in den Gottesdienst. Sie nehmen an der Liturgie teil mit allem, was sie waren, was sie sind und ebenso mit dem, was sie zu werden hoffen. Die Liturgiereform hat dem Leben der Welt, der Kirche und Gemeinde und der Einzelnen wieder einen besonderen Platz gegeben, der lange Zeit verloren gewesen war: Die Erneuerung des Allgemeinen Gebetes, der Fürbitten, in der Eucharistiefeier (SC 53), in den anderen Sakramentenfeiern und in den Haupthoren der Tagzeitenliturgie Laudes und Vesper trägt wesentlich zur Zusammenführung von Liturgie und Leben bei.

Die Liturgie als Höhepunkt

Die Liturgie ist aber nicht nur Quelle. Die Konzilsväter sagen im selben Zusammenhang: «Dennoch ist die Liturgie der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt» (SC 10). Diese Aussage wird zunächst über die Kirche gemacht; der Kontext verdeutlicht aber, dass sie prinzipiell für alle Getauften gilt.
Viele Menschen scheinen sich gegenwärtig des Sinns des Sonntags als Höhepunkt der Woche und als «Ur-Feiertag» (SC 106), ja auch teilweise des Sinn des Osterfestes als Höhepunkt des Jahres nicht mehr bewusst zu sein. Der Liturgie wird heute oft nur als Höhepunkt bei manchen Übergangsriten ein Platz zugewiesen, vor allem der Taufe anlässlich der Geburt, dem Begräbnis beim Tod eines Menschen, seltener bereits der Trauung. Hinzu kommen «Sozialisationsriten» wie die Erstkommunion in der Kindheit und die Firmung im Jugendalter. So sehr dieser Aspekt, markante Übergänge des menschlichen Lebens im Raum der Kirche zu feiern, selbstverständlich eine Rolle mitspielt, reicht er jedoch keineswegs aus angesichts dessen, was in der Liturgie im umfassenden Sinn geschenkt wird.
Der Christ ist von seiner Taufe an Glied der Kirche, des Leibes Christi. Das Konzil sagt über diesen christlichen Lebensweg, «dass dabei [in der Kirche] das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen» (SC 2). Weil das von der Kirche weitergeführte Erlösungswerk in der Liturgie erfüllt wird (SC 6), ist die Liturgie ein Höhepunkt des alltäglichen Lebens und ein Ort, um dem stets gegenwärtigen Christus heute zu begegnen (SC 7). Die Liturgie ist schliesslich ein Höhepunkt auch in eschatologischer Perspektive: «In der irdischen Liturgie nehmen wir vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird, zu der wir pilgernd unterwegs sind» (SC 8). Obwohl dies wahrscheinlich nicht immer in den Gottesdiensten spürbar wird, bleibt der tiefste Sinn der Liturgie der Dialog zwischen Gott und den Menschen. Er ist gewissermassen ein Vorgeschmack des endzeitlichen Hochzeitsmahles des Lammes (Offb 3,20 und 19,7).

Sein ganzes Leben als Liturgie führen

Eine fruchtbar gefeierte Liturgie hat Einfluss nicht nur auf die Art und Weise, wie ein Getaufter sein Leben führt. Die regelmässige Mitfeier der Gottesdienste verändert das ganze Leben, lässt es gleichsam selbst zur Liturgie werden. Diese Perspektive wird deutlich, wenn zum Beispiel im Eucharistischen Hochgebet IV gesprochen wird: «Gib, dass alle, die Anteil erhalten an dem einen Brot und dem einen Kelch, ein Leib werden im Heiligen Geist, eine lebendige Opfergabe in Christus zum Lob deiner Herrlichkeit.» Diese Opfergabe, von der das Hochgebet spricht, wird im Allgemeinen so verstanden, dass alle Handlungen, Werke und Gebete, alle Begegnungen im menschlichen Leben und die vielfältigen anderen Erfahrungen sich am Willen Gottes ausrichten. So lebt ein Christ in Gegenwart Gottes, des Schöpfers und Erlösers.
Diese Gedanken mögen auf den ersten Blick sehr idealisiert erscheinen, besonders wenn man die Wirklichkeit des gottesdienstlichen Lebens in den Pfarreien im Auge behält. Dennoch versteht das Zweite Vatikanische Konzil seit 40 Jahren Liturgie programmatisch in diesem Sinn. Dieses Programm ist zweifellos schwer zu erfüllen; ja, vielleicht muss man seine umfassende Realisierung allein mit unseren Kräften sogar als unmöglich bezeichnen. Wie aber kann man sinnvoll mit diesem Anspruch umgehen?
Notwendig ist zuerst die Pflege der Gottesdienste, damit sie dem Glauben Nahrung geben, einen tiefen Sinn vermitteln und mystagogisch sind (SC 33). Das Konzil fordert dazu auch eine angemessene liturgische Bildung aller Gläubigen, um ein solches Ziel erreichen zu können (SC 19). So ist menschliches Mühen darum unerlässlich und stets nach Kräften erforderlich. Letztlich bleibt aber der Schlüssel zum Ziel bei Gott selbst, beim Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Die Sakramente der Kirche bilden eine adäquate Nahrung für das Leben im Alltag wie für wichtige Schritte auf dem Lebensweg. Als Quelle im Alltag und für den Alltag verweist die Liturgie aber auch voraus und wird zum Raum des Wartens auf den Höhepunkt der himmlischen Liturgie, wo dereinst alle das Lied des Lammes singen werden: «Gross und wunderbar sind deine Taten, Herr, Gott und Herrscher über die ganze Schöpfung» (Offb 15,3).

 

Arnaud Join-Lambert hat nach seinem Theologiestudium am Institut Catholique de Paris und der Theologischen Fakultät Trier als Assistent am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Freiburg gearbeitet und dort 2001 das Doktorat erworben mit der Untersuchung: «Les liturgies des synodes diocésains français 1983­1997». Zurzeit ist er ebenda als Doktor-Assistent in Théologie pastorale angestellt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003