40/2003 | |
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40 Jahre Liturgiekonstitution |
In diesem «Jahr der Bibel» liegt es besonders nahe, darauf hinzuweisen, dass alles liturgische Handeln letztlich seine Quelle in der Heiligen Schrift hat. So wie man von vielen Dingen sagt, dass sie aus etwas wie aus einer Quelle entspringen, so entspringt auch die Liturgie gleichsam der Bibel. «Von grösstem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift. Aus ihr werden nämlich Lesungen vorgetragen und in der Homilie ausgedeutet, aus ihr werden Psalmen gesungen, unter ihrem Anhauch und Antrieb sind liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn» (SC 24).
Auch die verschiedenen Riten, Gesten, Gebete und Hymnen in der Liturgie stehen gewissermassen im Dienst an der Umsetzung der Heiligen Schrift; in der Feier werden sie für uns lebendiges Wort. Das bestätigt sich in einzigartiger Weise im Vollzug der Sakramente: «Accedit verbum ad elementum, et fit sacramentum», erklärt Augustinus. Das Wort tritt zum Element hinzu, und dadurch vollzieht sich das Sakrament. Es wird zum «sichtbaren Wort»,<1> folgert der Bischof von Hippo. Mit diesem Ansatz sind bestimmte Theorien vom sakramentalen Symbolismus überholt. Denn worum geht es, wenn Augustinus von dem «Wort» spricht? Um die sakramentale Formel? Um das Glaubensbekenntnis der versammelten Christen? Um die in der Feier zuvor verkündete Heilige Schrift? All das ist zweifellos mitgemeint, aber insbesondere geht es um Christus, das Wort des Vaters, das Wort des Lebens, geoffenbart durch den Geist<2> und als solches von den Gläubigen aufgenommen. Die sakramentale Handlung offenbart so die dienende Kraft des schöpferischen und erlösenden Wortes.
Darüber hinaus ist zu bedenken, dass sich das Corpus der biblischen
Bücher zu einem guten Teil erst durch die Verkündigung und das
Hören im liturgischen Kontext herausbildete.<3>
Die Bibel erscheint als das Buch der Ekklesia (Versammlung) schlechthin:
Die Christen versammeln sich, weil Christus sie zusammenruft, Er, das Wort
des Vaters; gemeinsam hören sie Ihn, der selbst das Wort ist, und bemühen
sich darum, seine Lehre in die Praxis umzusetzen. Dieses ritualisierte Handeln
des Sichversammelns und Hörens hat die Kirche von der Synagoge übernommen:
Die christliche Bibel war nichts anderes als eine Relecture des Ersten Testaments
im Lichte Jesu, des neuen Mose und grossen Propheten, im Glauben bekannt
als Christus und Herr; oder anders gesagt: eine Verkündigung des Christus-Ereignisses
«gemäss den Schriften».
Ist Christus nicht im Übrigen für uns der Schlüssel der ganzen
Heiligen Schrift (vgl. Lk 24)?<4> Diese
Relecture der Bibel in der Kirche im neuen Licht des lebendigen Christus
erfahren wir auf herausragende, feierliche Weise in der Osternacht. Denn
im Schein der Osterkerze, dem Symbol des Auferstandenen, lesen wir von neuem
die grossen Heilsereignisse der Geschichte Gottes mit den Menschen. Indem
Christus sie mit uns und für uns auslegt, werden sie zum neuen Testament
und zur Erfüllung des Bundes. Paradigmatisch für dieses Verständnis
sei auch auf die im Lektionar für den 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr
C) vorgesehenen Texte hingewiesen mit dem treffenden Wort des Lukas:
«Da begann er, ihnen darzulegen: ÐHeute hat sich das Schriftwort,
das ihr gerade gehört habt, erfülltð» (Lk 4,21).
Dank des Zweiten Vatikanischen Konzils hat bekanntlich die römisch-katholische
Kirche eine entscheidende Rückkehr zur Verkündigung der Heiligen
Schrift im Gottesdienst vollzogen, und zwar in der Muttersprache und zu
allen Gelegenheiten. Die im Messlektionar für die Sonntage vorgesehenen
drei Lesejahre A, B und C sind heute in unseren Gemeinden fest verankert.
Hinzu kommt das reichhaltige Lektionar für die Werktage. Beide bauen
auf denselben Grundsätzen auf: teils einer thematischen Lesungsauswahl,
teils der fortlaufenden Lesung in Auswahl; dabei wird auf den besonderen
Charakter jeder liturgischen Zeit Rücksicht genommen. Hierzu griff
man auf eine seit alters überlieferte Praxis zurück und führte
sie in mancher Hinsicht noch konsequenter durch; so prägt zum Beispiel
der Prophet Jesaja den gesamten Advent, die Evangelien von der Eingliederung
in die Kirche sind dem 3.5. Fastensonntag (Lesejahr A) zugeordnet;
und das Alte Testament wird in der Osterzeit deshalb nicht gelesen, um das
mit Christus angebrochene absolut Neue herauszustellen.
Hinzu kommen eigene Lesungen zu den Heiligenfesten, teils passend zu den
einzelnen Heiligen ausgewählt, teils im Commune als Lesungen zur Auswahl,
weiterhin die Lesungen für Messen anlässlich von Feiern der Sakramente
und Sakramentalien und für Verstorbene sowie schliesslich die Lesungen
zur Auswahl für Messen für besondere Anliegen und Votivmessen,
von denen man wünschen würde, dass sie in der Liturgiepastoral
mehr genutzt und das gottesdienstliche Leben bereichern würden. Eine
der wichtigsten Absichten des Konzils ist somit verwirklicht:<5>
dem Tisch des Wortes Gottes seinen Platz in der Kirche zurückzugeben.
«Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib
selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes
Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und
den Gläubigen reicht» (Dei Verbum 21).
Im 3. Jahrhundert schrieb Origenes tiefgründig über die Einheit
der beiden Tische;<6> er zeigte, dass,
um den Sinn der Eucharistie zu erfassen, man ebenfalls den Tisch des Wortes
begreifen muss. Es ist das Wort, das den Sinn des eucharistischen Ritus
angibt, das es der Versammlung erlaubt, in Wahrheit Dank zu sagen, das heisst
dem Vater sein Wort zurückzugeben. Alles andere wäre Magie. Um
den Leib und das Blut Christi zu empfangen, muss man zuerst mit dem Wort
vertraut geworden sein. Die Struktur des Katechumenats der Kirche zeugt
eindrücklich von dieser existentiellen Wahrheit für jeden Christen.
Vor allem in den westlichen Kirchen äussern manche Gläubigen
und auch die über den Gottesdienst reflektierende Theologie zu
Recht einzelne Kritiken an der Leseordnung, unter anderem bezüglich
des Umgangs mit dem Alten Testament. Es stimmt, dass dieses im Lektionar
unterrepräsentiert ist: Von seinen 25039 Versen kommen nur 4036 im
Messlektionar vor.<7> Ausserdem ist die
Auswahl in Einzelfällen nicht sonderlich schlüssig: Bei einigen
sonntäglichen Perikopen erweist sich die Hinordnung auf das Sonntagsevangelium
eher als rätselhaft, ganz abgesehen davon, dass die von den Bearbeitern
des Lektionars vorgenommene Versauswahl allzu oft einem chirurgischen Eingriff
ähnelt. In diesem Zusammenhang könnte es ein grosser Gewinn sein,
sich von den gemeinsamen Arbeiten der anglikanischen, lutherischen, methodistischen,
reformierten und katholischen Kirchen in Nordamerika anregen zu lassen;
dadurch würde zugleich der Nutzen ökumenischer Forschung im Bereich
des Gottesdienstes deutlich. Aufgrund einer breit angelegten Konsultation,
die sich unter anderem auf die römisch-katholische Perikopenordnung
bezog, haben die genannten Kirchen eine Revision der sonntäglichen
alttestamentlichen Lesungen durchgeführt, wodurch diese merklich gewonnen
haben.<8>
Von vielen bedauert wird auch das Fehlen einer thematischen Einheit im Lektionar
für die Sonntage im Jahreskreis, weil die zweite Lesung nach einem
anderen Grundsatz ausgewählt ist als die beiden anderen. Diese Kritik
geht meines Erachtens von einer zu stark intellektualistisch und katechetisch
geprägten Vorstellung von der liturgischen Feier aus, die sich mit
der Absicht verbindet, die Liturgie nach pädagogischen Grundsätzen
zu gestalten. Ich befürchte, dass die Suche nach einem «Thema»
um jeden Preis das Hören des Wortes selbst zurückstellt. Das könnte
dazu führen, in den Schriftlesungen nur noch das zu hören, was
man hören möchte, nur die Worte, die uns gut tun und die uns in
unseren eigenen Ideen und Auffassungen bestärken. Wo wäre dann
der Platz für die «Wandlung» der Mitfeiernden in einer
Feier, in der alles im Voraus gesagt wäre? Das darf nicht in dem Sinn
missverstanden werden, als sollten in den Lesungen keine Anknüpfungspunkte
an unser Leben gesucht werden. Jedoch sind diese, gemäss der patristischen
Überlieferung, nicht so sehr von thematischer als vielmehr von mystagogischer
Natur; das geht weitaus tiefer als eine oft oberflächliche und subjektiv
gewählte Thematik.<9> Ausserdem ist
das, was in der Liturgie den Weg weist, die rituelle Handlung selbst in
ihrer Gesamtheit. Denn der Wortgottesdienst ist nicht ein Gottesdienst von
Lesungen! Er hat als ganzer rituelle Gestalt und bedient sich dazu der ihm
eigenen Zeichen, um die Gläubigen dahin zu führen, dass sie Christus
als das Wort erkennen, das unter den Seinen wirkt, als den Lehrer, der selbst
seine Schüler unterweist.
Um den Aufbau und die inneren Zusammenhänge der Elemente des Wortgottesdienstes
der Messe zu verdeutlichen, sei abschliessend die Allgemeine Einführung
in das Messbuch (Nr. 33) zitiert: «Der Kern des Wortgottesdienstes
besteht aus den Schriftlesungen mit den Zwischengesängen. Homilie,
Glaubensbekenntnis und Fürbitten entfalten diesen Teil und schliessen
ihn ab. In den Lesungen, die in der Homilie ausgedeutet werden, spricht
Gott zu seinem Volk (vgl. Vat. II, SC), offenbart er das Erlösungs-
und Heilsmysterium und nährt er das Leben im Geist. Christus selbst
ist in seinem Wort inmitten der Gläubigen gegenwärtig (vgl. SC
7). Dieses Wort Gottes macht sich die Gemeinde in den Gesängen zu eigen
und bezeugt durch das Bekenntnis des Glaubens ihre Treue gegenüber
dem Wort. Durch das Wort Gottes gestärkt, bittet sie in den Fürbitten
für die Anliegen der gesamten Kirche und für das Heil der ganzen
Welt.»
Dies immer tiefer zu verstehen und in der Liturgie Gestalt zu geben, bleibt
eine der wesentlichen Aufgaben der Liturgiepastoral 40 Jahre nach «Sacrosanctum
Concilium».
Dr. theol. Jean-Claude Crivelli, Chorherr der Abtei St-Maurice, ist Direktor des Centre Romand de Pastorale Liturgique in Bex (La Pelouse) und arbeitet schwerpunktmässig in der liturgischen und kirchenmusikalischen Bildung und Weiterbildung. Zurzeit ist er Sekretär der Liturgischen Kommission der Schweiz.
1 Tract. in Iohannis evangelium 80, 3 (CCL 36, 529).
2 Durch das Wirken des Heiligen Geistes bleibt Christus in der Kirche gegenwärtig, bis er wiederkommt.
3 Vgl. Irénée-Henri Dalmais, La Bible vivant dans l'Eglise, in: La Maison-Dieu 126 (1976) 723; Philippe Béguerie, La Bible née de la liturgie, ebd. 108116; und natürlich den Klassiker Jean Daniélou, Liturgie und Bibel. Die Symbolik der Sakramente bei den Kirchenvätern, München 1963 (zuerst franz. 1951).
4 Dazu nach wie vor von Interesse: André Paul, Intertestament, Heft «Evangile» 14 vom November 1975; Charles Perrot, Jésus et l'histoire, Paris 1979 (Jésus et Jésus-Christ 11), Kap. IX.
5 Bekannt sind die unerfüllt gebliebenen Absichten der Väter des Konzils von Trient hinsichtlich der Bibel. Der polemische Kontext der Epoche machte die Anstrengungen mehrerer Bischöfe und Theologen zunichte, in der römischen Kirche die Liturgie in der Volkssprache einzuführen. Vor allem konnte man damals nicht den Reformatoren Recht geben. Vier Jahrhunderte später dürfen die Katholiken nicht die eigene Bereicherung durch die liturgische Erneuerung besonders auf biblischem Gebiet vergessen, die sie aus der Ökumene gewonnen haben.
6 «Vous savez, vous qui avez coutume d'assister aux divins mystères, de quelle manière, après avoir reçu le corps du Seigneur, vous le gardez en toute précaution et vénération, de peur qu'il n'en tombe une parcelle, de peur qu'une part de l'offrande consacrée ne se perde. Vous vous croiriez coupables, et avec raison si par votre négligence quelque chose s'en perdait. Que si, pour conserver son corps, vous prenez tant de précaution, et à juste titre, comment croire qu'il y a un moindre sacrilège à négliger la parole de Dieu qu'à négliger son corps?» (Homilie über Exodus 13, 3, in: Sources chrétiennes 321, 387). Eine deutsche Ausgabe davon existiert nicht.
7 Diese schlichte statistische Feststellung lässt allerdings die Tagzeitenliturgie ausser Acht, die besonders in der Lesehore in sehr grossem Umfang alttestamentliche Lesungen vorsieht. Weiterführende Auseinandersetzungen mit der Leseordnung lieferten in letzter Zeit insbesondere: Ansgar Franz (Hrsg.), Streit am Tisch des Wortes? Zur Deutung und Bedeutung des Alten Testaments und seiner Verwendung in der Liturgie, (Pietas liturgica 8), St. Ottilien 1997; Benedikt Kranemann/Thomas Sternberg (Hrsg.), Wie das Wort Gottes feiern? Der Wortgottesdienst als theologische Herausforderung, (Quaestiones disputatae 194), Freiburg i.Br. 2002.
8 Vgl. die Ausgabe: The revised common lectionary. Consultation on Common Texts. Includes complete list of lections for years A, B, and C. Hrsg. von der Joint Liturgical Group, Norwich 1992.
9 Es ist hier nicht der Ort, um sich ausführlicher über die Mystagogie zu äussern; zweifellos war sie der grundlegende Zugang der Kirchenväter in ihrer Auslegung des Glaubens sowohl in der Katechese als auch in der Liturgie. Vgl. z.B. Daniélou, Liturgie und Bibel (s. Anm. 3); Enrico Mazza, La mistagogia. Una teologia della liturgia in epoca patristica, (Bibl. Ephemerides Liturgicae. Subsidia 46; Studi di Liturgia N. S. 17), Rom 1988; Maurice Jourjon, Les sacrements de la liberté chrétienne selon l'Eglise Ancienne, (Rites et symboles 12), Paris 1981; Paul De Clerck, L'intelligence de la liturgie, Paris 1995. Vgl. auch den knappen, aber gut informierenden Aufsatz von Balthasar Fischer, «Zeit der Mystagogie». Ein wiederbelebtes Element der altchristlichen Evangelisierung, in: Andreas Heinz u.a. (Hrsg.), Wege der Evangelisierung, (Festschrift H. Feilzer), Trier 1993, 9198; ausserdem Josef Knupp, Das Mystagogieverständnis des Johannes Chrysostomus, (Benediktbeurer Studien 4), München 1995. Eine mystagogische Christologie, die stark von der Liturgie ausgeht, legt vor: Josef Wohlmuth, Jesu Weg unser Weg. Kleine mystagogische Christologie, Würzburg 1992.