51-52/2003

INHALT

Lesejahr C

Wusstet ihr nicht?

Marie-Louise Gubler zu Lk 2,41-52

 

Von der Krise der Familie ist heute häufig die Rede und die Versuchung liegt nahe, ihr ein Idealbild der Heiligen Familie entgegenzusetzen. Doch in der Wallfahrt der Eltern Jesu nach Jerusalem mit dem Zwölfjährigen begegnet uns eine Szene, die keine Idylle ist, sondern von Ängsten, Nichtverstehen und schmerzhafter Trennung geprägt ist. Und doch wird gerade diese Situation zum Ort der Offenbarung über das innerste Wesen ihres Kindes.

Der Kontext

Nach Beschneidung und Namengebung Jesu (2,21) und der Prophetie des Simeon und der alten Hanna (2,22­39) beschliesst die Perikope von der Jerusalemwallfahrt die Kindheitsgeschichte. Am Ende der von endzeitlichem Jubel bestimmten Vorgeschichte klingt der Konflikt an, den das prophetische Wort Simeons vom Zeichen des Widerspruchs ankündigte (2,34). Das Jesuswort von Spaltung und Zwietracht, das mit ihm in die Lebensgemeinschaften einbricht (12,51­53), hat Lukas in den programmatischen Anfang des Weges Jesu zurückdatiert. Zugleich zeigt sich der Entfaltungsprozess, der jenen des Johannes (1,80) überbietet: «Das Kind wuchs und erstarkte, erfüllt von Weisheit; und die Gnade Gottes war über ihm» (2,40). Die Verständnislosigkeit der Eltern (ohne Bezug zur Verkündigungsszene) weist auf eine relativ alte vorlukanische Tradition.

Der Text

Mit dem 13. Lebensjahr begann für den jüdischen Knaben die Verpflichtung zur Gesetzesobservanz, und nach dem vollendeten 12. Jahr sollte er an die schweren Gebote gewöhnt werden. So nehmen die gesetzestreuen Eltern Jesus auf die jährliche Jerusalemwallfahrt zum Pessachfest (nach Ex 23,14­17) mit. Da die galiläischen Pilger meist in grösseren Gruppen reisten, fiel die Abwesenheit Jesu nicht auf und konnten die Eltern hoffen, ihn nach einem Tagesmarsch am abendlichen Sammelplatz bei Bekannten zu finden. Nach einer weiteren Tagesreise nach Jerusalem zurück und weiterem Suchen finden sie ihn «nach drei Tagen» in den Hallen des Tempelvorhofs (der 3. Tag ist oft ein bedeutsamer Tag der heilsamen Wende: vgl. Hos 6,2; Osterberichte am Grab!). Wie bei gelehrten rabbinischen Disputationen üblich, hocken die Schüler auf dem Boden und stellen Fragen. Jesu Verständnis des Gotteswillens im Gesetz löst die Überraschung der Gelehrten und Zuhörer aus, die «ausser sich vor Staunen» sind (2,47) und korrespondiert zur Bestürzung der Eltern (2,48). Für Lukas leuchtet in der erstaunlichen Weisheit Jesu bereits die spätere Erkenntnis seiner «Lehre in Vollmacht» auf (4,31). Die vorwurfsvolle Frage der Mutter, «Kind, warum hast du uns das angetan?» zeigt, dass die Eltern Jesu zuvor keine «Besonderheit» des messianischen Kindes erkannt haben. Was die Eltern nicht wissen konnten, erfahren sie durch die vieldeutige Gegenfrage Jesu: «Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?» (2,49). Es ist das erste Jesuswort! Die Selbstoffenbarung der Gottessohnschaft an der Schwelle vom Kindesalter zum Heranreifenden geschieht im Tempel, dem «Haus des Vaters». Wie für die erste Gemeinde ist der Tempel nicht primär Ort der Opfer, sondern der Unterweisung (Apg 2,46; 5,12). Das enttäuschte «dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht» wird mit dem geheimnisvollen Hinweis auf die Notwendigkeit des Gehorsams gegen Gott («mein Vater») beantwortet. In ganzer Hingabe und Ausschliesslichkeit für das Wort Gottes zu leben («in dem des Vaters sein»), macht das Besondere der Sohnschaft Jesu aus und setzt ihn von den Eltern ab. Ihr Nichtverstehen zeigt, wie sehr das Jesuswort in einem tiefen Geheimnis gründet, das die Leser und Leserinnen betrachten sollen wie die Mutter Jesu, die «alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte» (2,51) und so Urbild der Glaubenden ist.
Die Perikope will nicht psychologisch als Eltern-Kind-Konflikt gelesen werden, sondern hat für Lukas ein homiletisches Ziel: das christologische Bekenntnis der Kirche in einem mächtigen Finale zur Sprache zu bringen. Mit dem Hinweis auf Jesu fortschreitenden «Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen» (2,52) wird der Sinn des Präludiums Lk 1­2 deutlich: Während Johannes in der Wüste auf seine Berufung wartet (1,80), ist Jesus schon vor seinem öffentlichen Auftreten von Weisheit erfüllt; er ist der «Sohn des Allerhöchsten», wunderbar verheissen und empfangen, prophetisch verkündigt, seinem himmlischen Vater ganz hingegeben und zugleich den Menschen zugewandt. Und ebenso geheimnisvoll ist, was nach dieser Selbstoffenbarung folgt: Er kehrt mit seinen Eltern nach Nazaret zurück ­ in den Gehorsam eines alltäglichen Lebens mitten unter den Menschen für viele Jahre.


Der Jude Jesus

«Mit dreizehn zu den Geboten» (Abot 5,21) legt das Alter fest, in dem ein jüdischer Knabe «Sohn des Gebotes» (Bar Mizwa) wird und als volles Mitglied der Gemeinde zur Einhaltung aller religiösen Verschriften verpflichtet ist. Die religiöse Volljährigkeit wird mit einem Fest begangen, das dem Torafreudenfest (Simchat Tora) entspricht und die Dankbarkeit und Freude darüber zum Ausdruck bringt, in den Dienst Gottes genommen worden zu sein. Die Gebote, die das tägliche Leben regeln, sind Wegweisung und Führung auf den Wegen Gottes (Halaka, von hebr. halak = gehen). In der Praxis schufen Tradition und Auslegung ergänzende Vorschriften zu den biblischen Geboten, einen «Zaun um das Gesetz», bis schliesslich 613 Vorschriften (365 Gebote nach der Zahl der Tage des Jahres, 248 Verbote nach rabbinischer Zählung der Körperteile) symbolisch zum Ausdruck brachten, dass der Mensch zu jeder Zeit und als ganzer unter dem Wort Gottes steht. Noch ehe ein Kind formell in die Religion eingeführt wird, erlebt es diese prägende Wirklichkeit zu Hause und wächst von selbst in jüdisches Leben hinein. Eine wesentliche Rolle kommt dabei der Mutter zu. Immer wieder betont Lukas die Gesetzestreue der Eltern Jesu: Mit der Beschneidung am 8. Lebenstag war Jesus in den Bund Gottes mit Abraham (Gen 17,10­13) eingetreten, seine Eltern erfüllten die Vorschriften der Auslösung des Erstgeborenen (Ex 13,1; Num 18,15f.) und des Reinigungsopfers (Lev 12,1­8) und nahmen an den Wallfahrten teil.


Wir haben seinen Stern gesehen

Marie-Louise Gubler zu Mt 2,1-12

 

Epiphanie (Ankunft, Erscheinung) meint die Erscheinung Gottes in Jesus Christus. Für die Kirche war die Menschwerdung Gottes in der Geburt Jesu und ihr Aufscheinen vor der Welt eng verbunden. So wurde während Jahrhunderten die Geburt Jesu am 6. Januar gefeiert. Die Kirchen des Ostens feiern Weihnachten nach 40-tägigem Fasten dem julianischem Kalender entsprechend am 7. Januar. Für die griechische Kirche ist Epiphanie als Tauftag Jesu von grosser Bedeutung. Die Geschichte des Festes ist ein Beispiel gelungener Inkulturation: In Alexandrien wurde in der Nacht auf den 6. Januar die Geburt Aeons, des Gottes der Zeit und der Ewigkeit, gefeiert (geboren von der Jungfrau Kore); die Römer begingen beim Jahreswechsel während 7 Tagen ihre Saturnalien; die Ankunft eines Herrschers wurde im Orient als «Epiphanie» seiner Göttlichkeit gefeiert. Die Liturgie feiert die Erscheinung Gottes in Jesus als dreifache Epiphanie: in der Taufe Jesu, im Weinwunder von Kana sowie in der Huldigung der Magier, die unter Einfluss Augustins auf den 13. Tag nach der Geburt Jesu datiert wurde. Die enge Bindung zwischen der Menschwerdung Gottes und seiner Erscheinung vor der ganzen Welt, deren Repräsentanten die Magier waren, liess die zwölf Tage dazwischen als heilige Zeit begehen ­ Arbeit und Gerichtbarkeit ruhten. Im Westen verlor das Epiphaniefest seinen ursprünglichen Charakter als Weihnachtsfest zugunsten des 25. Dezembers und wurde zum Dreikönigsfest.

Der Kontext

Mt ist für eine judenchristliche Kirche im syrischen Raum verfasst, die das Scheitern ihrer Israelmission erlebte und nach dem Untergang Jesusalems (70) aus dem Synagogenverband verstossen wurde. So herrscht in der Vorgeschichte Mt 1­2 ein dunkler Klang vor: Der Schatten des Kreuzes fällt bereits über den Lebensbeginn Jesu. Schon der Stammbaum Jesu zeigt keinen «gradlinigen» Verlauf der Heilsgeschichte, Josef quält sich mit dem Nichtverstehen der Schwangerschaft Marias, Herodes trachtet nach dem Leben des Neugeborenen und richtet ein Blutbad in Betlehem an, Flüchtlingsschicksal, Fremde und Unmöglichkeit der Rückkehr nach Betlehem nötigen zur Niederlassung in Nazaret. Mt 1­2 weicht erheblich von der lukanischen Vorgeschichte ab (gemeinsam: Jungfrauengeburt, Josef als Davidnachkomme, Geburt in Betlehem, Herodeszeit Lk 1,5). Sowohl für Mt wie Lk steht die Geburtsgeschichte im Dienst des christologischen Bekenntnisses und verarbeitet sehr alte Überlieferungen auf unterschiedliche Weise. Im Hintergrund der Erzählung steht für Mt das antike Motiv vom verfolgten und geretteten Königskind, bei dem Träume, himmlische Zeichen, Angst und Rettung eine Rolle spielen und oft Unschuldige vernichtet wurden.

Der Text

Mit der Zeitangabe («zur Zeit des Königs Herodes») überbrückt Mt die fehlende Geburtsgeschichte. Die Situierung Betlehems «in Judäa» weist nicht nur auf die Erfüllung der Verheissung (Micha 5,1), sondern bereits auf den «König der Juden» der Passionsgeschichte (vom Heiden Pilatus so genannt).
Der erste Schauplatz ist Jerusalem, wo Sterndeuter (Magier) aus dem Orient dem «falschen Judenkönig» Herodes begegnen. Die rätselhaften Magier ­ ursprünglich eine persische Priesterkaste ­ sind für Mt nicht nur Vertreter orientalischer Philosophie und Astronomie, sondern fromme und weise Heiden. Auf der Suche nach dem neuen Judenkönig werden sie von einem Stern geleitet. In der Antike zeigen oft Kometen oder Lichterscheinungen die Geburt grosser Männer an. Christliche Lesart deutete die Bileamprophezeiung Num 24.17 («ein Stern geht auf über Jakob...») messianisch und verband Zukunftsereignisse mit «Zeichen am Himmel» (Offb 12,1). Ob es sich bei diesem Stern um eine Supernova, einen Kometen (Halley) oder eine seltene Konjunktion von Jupiter (Königsstern) und Saturn (Sabbat- oder Judenstern) handelt, ist umstritten. Für Mt zeigt der im Osten aufgehende Wunderstern die Führung Gottes.
Herodes und «ganz Jerusalem mit ihm» reagieren mit Bestürzung auf die Frage der Magier (2,3), was nichts Gutes erahnen lässt. Die Suche nach dem Geburtsort des Christus in der Schrift zeigt, dass Herodes (der sich als neuen Davidsohn Salomo verstand: Tempelrestauration!), nicht nur einen Rivalen, sondern den Messias fürchtet, der als «Hirt des Volkes Israel» angekündigt wird (2 Sam 5,2). Die heimliche Frage nach dem Zeitpunkt des Aufgangs (2,7) lässt bereits den Plan des brutalen Kindermordes (2,16) und die Absicht erahnen, die Magier in sein Spiel einzubeziehen. Der Stern, den die Magier «im Aufgang» gesehen hatten, wird nun zum Weggeleiter zum Haus mit dem Kind in Betlehem (2,9). In grosser Freude finden sie «das Kind und seine Mutter» (Josef bleibt unerwähnt) und huldigen ihm durch Niederwerfung (Proskynese) ­ wie die Jünger im Boot (14,33) und an Ostern (28,9.17), die Jesus als Gottessohn proklamieren. Die Gaben ­ Gold und kostbare Harze (Weihrauch und Myrrhe) ­ wurden schon bei Origenes allegorisch gedeutet: Gold für den König, Weihrauch für den Gott, Myrrhe für sein Begräbnis. Für Mt erfüllt sich Jes 60,6: «Alle von Seba kommen, Gold und Weihrauch tragen sie und verkünden die Ruhmestaten Jahwes» und Ps 72,10f.: «die Könige von Tarsisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige müssen ihm huldigen.» Hier liegt vermutlich der Grund, warum aus den Magiern später Könige wurden. Im Traum erhalten sie die Weisung, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren, und kehren ­ als veränderte Menschen ­ in ihr Land zurück.
Im Präludium des Mt klingt das zentrale Thema des Evangeliums an: die Verwerfung Jesu durch die Führer Israels (Passion) und der Zustrom von Heiden zum Messias Israels. So wird der Christus als «Immanuel» (1,23) zum Heil für die Völkerwelt.


Erstmals spricht Origenes (Ý um 254) von 3 Magiern, die im 6. Jh. zu Königen werden und im 9. Jh. Namen bekommen. Beda Venerabilis (um 700) ordnete ihnen Lebensalter und Erdteile zu: dem jungen Caspar Afrika, dem greisen Melchior Europa, Balthasar in den besten Jahren Asien (in Armenien gelten sie als Brüder; im liber pontificalis von Ravenna [9. Jh.] sind sie Noachs Nachkommen: Balthasar von Sem; Melchior von Ham; Caspar von Japhet). Im Mittelalter wurde ihnen manche Schutzfunktion zugeschrieben (Christianisierung des Abwehrsegens zum Jahresbeginn, Glocken mit Initialen, Losbräuche). Mit der Überführung ihrer Reliquien von Mailand nach Köln (1164) begann der Höhepunkt des Dreikönigsbrauchtums: zahllose Pilgerzüge, Suchspiele (Bohne im Kuchen), Sternsingen und Dreikönigsspiele als katholische Antwort auf die reformatorische Kritik im 16. Jh. Auch ihre Geschenke spielten eine Rolle als Sinnbild für Weisheit, Gebet, Abtötung (Gregor d. Gr.); Glaube, Liebe, Hoffnung (Luther), Gold wegen der Armut der Eltern, Weihrauch wegen dem Gestank im Stall, Myrrhe für die Gesundheit des Kindes (Thomas, lectura 201).


Jesus, der geliebte Sohn

Marie-Louise Gubler zu Lk 3,15-16.21-22

 

Die Taufe Jesu ist neben der Geburts- und Kreuzigungsszene ein weit verbreitetes Motiv der Ikonographie. In den Kirchen des Westens ist sie als Urbild der christlichen Taufe darum oft in Taufkapellen (Baptisterien) zu sehen. Für die orientalischen Kirchen und die Liturgie ist sie Epiphanie des Gottessohnes: Hatten die Magier aus dem Osten im Kind dem «König der Juden» vor seinen Eltern gehuldigt, so bestätigt in der Taufe Jesu Gott selbst seinen «geliebten Sohn» vor der Öffentlichkeit. Jahrhundertelang rangen Kirchenführer und Theologen um eine angemessene Sprache für das Geheimnis Jesu. Gerade die Zeit äusserer Ruhe nach den Verfolgungen wurde für die Kirche zur Epoche schwerwiegender Glaubensdifferenzen und Spaltungen. Wer war Jesus im Verhältnis zu Gott? In der Auseinandersetzung mit dem Judentum einerseits und der Gnosis andererseits wurden die Grundpfeiler christlichen Glaubens festgelegt: Jesus Christus ist in seiner Person wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Das heutige Evangelium zeigt uns, wie die früheste Kirche des Neuen Testaments Jesu Gottessohnschaft verstand.

Der Kontext

Die Taufszene ist bei Lukas mit der folgenden Genealogie (3,23b­38) und der Versuchungsgeschichte (4,1­13) zusammen zu sehen, wo die Gottessohnschaft mit Nachdruck thematisiert wird. In der Genealogie wird Jesus nicht nur als Glied seines Volkes, sondern von Adam her mit allen Menschen verbunden. Die kurze Schilderung der Taufe folgt der Tauftätigkeit und Predigt des Johannes, wo schon messianische Erwartungen anklangen (3,15; vgl. 2. Adventsonntag!). Lukas objektiviert die Szene: Nicht nur Jesus sieht (wie bei Mk) das Herabkommen des Geistes «sichtbar in Gestalt einer Taube», auch die Himmelsstimme, die an Jesus gerichtet ist («du bist»), wird aus dem Kontext zur für alle hörbaren Proklamation.

Der Text

Wie Jesus von Galiläa zum Jordan kam, bleibt unerwähnt, ebenso der Täufer. «Es geschah aber, als das ganze Volk sich taufen liess» (3,21): Die Fixierung des Zeitpunktes betont die heilsgeschichtliche Bedeutung des Vorganges. Mitten unter dem Volk, in einer Massenbewegung von Taufwilligen, steht Jesus. Das Entscheidende geschieht aber nicht in der Taufe, sondern danach: Die epiphanen Vorgänge werden durch das Gebet Jesu ausgelöst, sie sind Antwort Gottes an ihn. Wie bei der Verklärung (9,29) ist das Gebet charakteristisch für Jesus als Sohn Gottes.
Drei symbolische Bilder zeigen die Bedeutung des Ereignisses: Der Himmel öffnet sich, der Heilige Geist kommt auf Jesus herab, die Himmelsstimme deutet seine Würde und verkündet seine Gottessohnschaft. Der geöffnete Himmel zeigt die endzeitliche Offenbarungszeit an: Gott manifestiert sich und spricht wieder! Das «Herabsteigen» des Geistes auf Jesus wird als wahrnehmbares Ereignis geschildert wie in Apg 2,3.17 (Pfingsten). «In sichtbarer Weise» (somatikos, leibhaftig) betont die Wirklichkeit, die mit dem Bild der Taube zur Manifestation für das Volk wird und den bezeichnet, der zum Geisttäufer wird, wie Johannes ankündigte (3,16). Das Symbol der Taube ist nicht restlos geklärt, doch sind in der altorientalischen Ikonographie oft Tauben (als Botenvögel der Liebesgöttin) Überbringerinnen einer Freuden- und Liebesbotschaft (Ps 56,1; Hld 1,15 u.a.).
Heiliger Geist erfüllte schon Johannes (1,15), überschattete als Kraft des Höchsten Maria (1,35.41), gab Zacharias und Simeon die prophetischen Worte ein (1,67; 2,25f.). So erfüllt sich nicht nur die prophetische Ankündigung von Lk 1­2, sondern zu Jesu Ursprung in Gott (1,32­35) kommt die Geistsalbung des Messias hinzu. Jesus wird vor dem Volk als das, was er ist, präsentiert und proklamiert (nicht adoptiert!). Die Botschaft wird in der Himmelsstimme hörbar, die verkündet, wer Jesus in Gottes Augen und seinem tiefsten Wesen nach ist: der geliebte Sohn. Die Inthronisation des messianischen Königs Ps 2,7 («mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt»), die Berufung des Gottesknechtes Jes 42,1 («das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen»), aber auch Abrahams Opfer Gen 22,2 («deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst») klingen an. Hatte der Täufer auf den kommenden Grösseren hingewiesen, so identifiziert ihn Lukas: du bist es!
Die Geistfülle wird Jesus zur Abwehr Satans (4,1­13) und zur messianischen Verkündigung (4,18) befähigen. So dient der Taufbericht der Vorbereitung auf sein öffentliches Wirken (4,14­30). Zugleich weist er weit über das Erdenleben Jesu hinaus in die Zukunft der Kirche: Die pfingstliche Geisttaufe, in der sich die eschatologische Geistausgiessung erfüllt (Apg 2,17; Joel 3,1­5), setzt die Salbung des Geisttäufers mit Hl. Geist in der Taufe voraus. Dieser wichtige Anfang gründet in einem Offenbarungsgeschehen an Jesus, dessen Sendung hier beginnt.
Lukas malt die Taufe Jesu nach dem Bild der kirchlichen Initiation: Was am «Geisttäufer» Jesus (3,16) geschieht, lässt erkennen, wie sich die kommende Geisttaufe im urkirchlichen Nacheinander von Taufe und Geistgabe durch Handauflegung vollziehen wird (Apg 2,38; 8,15ff. u.a). Und wie bei Jesus ist die Geistbegabung Frucht des Gebetes (1,13; Apg 8,15). So findet ein ekklesiologisches Geschehen seinen Grund im christologischen Vorbild der Taufe Jesu.

 

Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.


Der Jordan ­ Archetyp und Symbol

Die berühmte Mosaikkarte Palästinas aus byzantinischer Zeit in Madaba (Jordanien) zeigt nicht nur im Mittelpunkt die Stadt Jerusalem als heilsgeschichtlichen «Erdnabel», sondern auffällig gross den Jordan, von Fischen und Furten durchzogen. Am Titusbogen (Forum in Rom) tragen drei Römer eine Bahre mit dem personifizierten Jordan, der gegen eine Urne gelehnt ist ­ Symbol für das von Rom besiegte Judäa. Jordandarstellungen finden sich oft in frühchristlichen Basiliken. Ein über 2000-jähriger Pilgerweg führt vom Berg Nebo, wo Mose seinen letzten Blick ins gelobte Land tat, über den Jordan nach Jerusalem. So ist der schmale Jordan zum einzigartigen Fluss auf der Landkarte der Erlösung geworden: Grenze und Übergang für die Wüstenwanderung Israels, Symbol das Abstieges Jesu in die Tiefe unseres Menschseins, der «deep river» zum gelobten Land der Gospelsongs. Und ein byzantinischer Epiphanie-Hymnus frägt: «Jordan, was hast du gesehen, das dich so sehr verwirrt? ­ Ich habe den Unsichtbaren unbekleidet gesehen und ein Schauder hat mich durchlaufen. In der Tat, wie soll man nicht zittern bei seinem Anblick, der Himmel tobte, die Erde bebte, das Meer wich zurück mit allen sichtbaren und unsichtbaren Wesen. Christus ist im Jordan untergetaucht, um alle Wasser zu heiligen.»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003