50/2003

INHALT

Lesejahr C

Die Zeit der Frauen

Marie-Louise Gubler zu Lk 1,39-45

 

Es gibt schicksalshafte Begegnungen, die von grösster Bedeutung für die Zukunft sein können. So war das Treffen von Papst Paul VI. mit dem Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel und die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation ein Meilenstein in der Ökumene nach Jahrhunderten der Entfremdung und Gegnerschaft ihrer Kirchen. Wo Kirchenführer oder Politiker den Mut finden, den ersten Schritt zu wagen, sind oft Lösungen möglich geworden, die zuvor undenkbar schienen. Im heutigen Evangelium ist von der Begegnung zweier Frauen die Rede, die ganz anders ­ alltäglich und unspektakulär ­ war und doch durch ihre Zeichenhaftigkeit die Welt aus den Angeln hob.

Der Kontext

Die lukanische Vorgeschichte (Lk 1­2) ist eine eindrückliche Komposition: Johannes der Täufer und Jesus sind die zentralen Figuren, drei Paare ­ Elisabet und Zacharias, Maria und Josef, Hanna und Simeon ­ sind Zeugen des Anbruchs einer neuen Zeit. Beide Geburtsankündigungen erfolgen durch den Engel Gabriel, den Boten der Endzeit (Dan 8,16ff.). Doch die angekündigte Zeitenwende ist ­ im Gegensatz zur apokalyptischen Enthüllung der Schrecken bei Daniel ­ Freudenzeit, die in Jubelliedern zum Klingen gebracht wird, die noch heute unsere Liturgie bestimmen (Magnifikat, Benedictus, Gloria, Nunc dimittis). Mit der Parallelisierung der Ankündigung und Geburt von Johannes und Jesus verbindet Lukas die bedeutendsten prophetischen Gestalten und verkündet zugleich Jesus, den Späteren und Geringeren, als jenen, der noch grösser als der Grösste der «von der Frau Geborenen» ist. Dem Sohn des Priesters Zacharias und der unfruchtbaren Elisabet wird der Sohn der Jungfrau Maria gegenübergestellt; dem vom Mutterschoss an vom Heiligen Geist Erfüllten (1,15­17), der vom Geist Empfangene (1,35); dem Propheten Johannes, der dem Herrn «mit dem Geist und der Kraft des Elija» vorausgeht (1,17), der «Sohn des Höchsten», dem Gott den Thron Davids und eine nie endende Herrschaft übergeben wird (1,32f.). Lukas hat diese christologischen Aussagen, in denen der Glaube der frühen Kirche zum Ausdruck kommt, in einer zentralen Begegnungeszene mit den beiden Müttern verbunden (1,39­56).

Der Text

Die Begegnung von Maria und Elisabet steht in der Mitte der Vorgeschichte. Im «sechsten Monat» (der Schwangerschaft Elisabets) bricht Maria «in Eile» zu ihrer Verwandten ins Bergland Judäas auf, um das von Gabriel angekündigte Zeichen zu sehen (1,36.26). Elisabet, vom Geist Gottes erfüllt, ruft prophetisch (mit lauter Stimme!): «Gesegnet bist du vor allen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!» (1,42). Die theologischen Passive drücken nicht einen Wunsch, sondern eine Tatsache aus: Wie einst Jael und Judit unter allen Frauen als Gesegnete gepriesen wurden (Ri 5,24; Jdt 13,18f.) und wie die Nachkommenschaft Israels durch Mose gesegnet wurde (Dtn 28,1.4), sind Maria und ihr Kind Gesegnete. Diese erste Christuserkenntnis ist geistgewirkt und ergreift auch das ungeborene Kind Johannes. Das «Aufhüpfen» des Ungeborenen ist nicht nur Begrüssung Jesu durch seinen Vorläufer, sondern eschatologischer Jubel über den Anbruch der messianischen Zeit. Aber wie die Seligpreisung einer Frau aus dem Volk für die Messiasmutter durch Jesus mit dem Hinweis auf das Hören des Wortes korrigiert wurde (11,27f.), endet die Lobpreisung Elisabets mit der Seligpreisung Marias wegen ihres Glaubens. Am Beginn ihrer Messiasmutterschaft steht ihre Glaubensbereitschaft und Hingabe.
Die Begegnung der beiden werdenden Mütter hat für Lukas auch eine zeitliche Dimension: Sie geschieht im Haus des Zacharias, dem zur Strafe für seinen Unglauben ein neunmonatiges Schweigen auferlegt ist. Zacharias kann sich ausser der linear-biographischen Zeit (Alter, 1,7), der politischen (Zeit des Herodes 1,5) und der kultisch-zyklischen Zeit (Tempeldienst 1,9) keine andere vorstellen und fordert Beweise für eine Zeitenwende (1,20). Mit der «Strafchronologie» markiert Lukas einen Zeitenbruch, indem er eine Schwangerschaftschronologie der beiden Mütter einführt: Im sechsten Monat der Schwangerschaft Elisabets bricht Maria auf und bleibt drei Monate bis zur Geburt des Johannes im «Haus des Zacharias». Damit wird das patriarchale Zeitmuster nach Regierungszeiten von Herrschern und Kultpriesterschaft umgestaltet. Das Vaterhaus des Zacharias, Kernbereich des sozialen Herrschaftsgefüges, wird durch zwei Frauen und ihre ungeborenen Söhne zu einem Mütter- und Kinderhaus! Die Zeit der Frauen ist aber eine auf Zukunft hin offene und vorübergehende Durchgangszeit, die in die Zeit des Johannes und die Zeit Jesu mündet. So hat Lukas in der Schwangerschaftschronologie der beiden Mütter den eigentlichen «Anfang» (1,2) der Geschichte Jesu in einem «vaterlosen» Evangelium der Frauen, Kinder und Armen situiert.<1> Es ist darum nur folgerichtig, wenn das Magnifikat (1,46­55) diese alles verwandelnde Wirklichkeit als politische, soziale und ökonomische Umkehrung der Welt angekündigt: Die Mächtigen werden gestürzt, die Erniedrigten erhoben, die Hungernden gesättigt. So zeigt sich das Wirken des Geistes als Erbarmen Gottes mit seinem Volk und der Welt.


Anmerkung

1 Zur Chronologie vgl. Brigitte Kahl, Lukas gegen Lukas lesen, in: Bibel und Kirche 50 (1995) 222­229.


Ein pfingstliches Präludium

 

Für Lukas ist an Pfingsten die Verheissung Joels erfüllt worden, dass in den letzten Tagen der Geist Gottes ausgegossen wird über alles Fleisch und Junge und Alte, Männer und Frauen, selbst Sklaven und Sklavinnen zu Propheten werden (Apg 2; Joel 3,1­5). Die Zeit des Geistes hebt alle Privilegien aufgrund des sozialen Standes, des Geschlechtes, des Alters oder der Religion auf; auf diese neue Zeit zielt der Weg Jesu und der Jüngergemeinde, sie ist das grosse Gnadenjahr, das Jesus in der Synagoge von Nazaret ankündigen wird. Die Vorgeschichte (Lk 1­2) enthält alle zentralen Themen des lukanischen Doppelwerkes: das Wirken des Geistes, den Jubel über den Anbruch der Freudenzeit, den Bezug zum Tempel in Jerusalem, in dem alles begann (Lk 1,8ff.) und enden wird (Lk 24,53), die Zuwendung zu den Geringen und Armen im «Heute» Gottes, die Bedeutung des Anfangs (Lk 1,1­4). So ist die Vorgeschichte gleichsam als pfingstliches «Präludium» zu lesen.


Das Heute Gottes

von Marie-Louise Gubler zu Lk 2,1-14

 

Als im 6. Jahrhundert der römische Mönch Dionysius Exiguus im Auftrag von Papst Johannes I. eine neue Berechnung für die Bestimmung des Ostertermins anstellte, entstand weit mehr als eine neue Zeittafel. Statt der üblichen Datierung nach den römischen Kaisern nahm Dionysius die Geburt Jesu als Ausgangspunkt. Diese «Inkarnationsära» ersetzte nicht nur die ungenaue «biblizistische Weltära» seit der Erschaffung der Welt und die römische Datierung seit der Gründung Roms, sondern rückte Jesus Christus in den Mittelpunkt der Zeitrechnung. Erst viele Jahrhunderte später ­ ausgerechnet im Jahrhundert der Aufklärung, das sich von christlichen Traditionen zu lösen suchte ­ setzte sich diese Zeitrechnung allgemein durch und bestimmt unsere Datierung bis heute. Die Geburt Jesu wurde zur Zäsur in der Weltgeschichte, zur «Mitte der Zeit».

Der Kontext

Die lukanische Geburtserzählung (2,1­20) markiert einen Neubeginn, der unabhängig von der Johanneserzählung und der Verkündigung an Maria gelesen werden kann. Erkennbar sind 3 Abschnitte: Wie es zur Geburt in Betlehem kam (2,1­7); die Verkündigung des Engels an Hirten (2,8­14); die Auffindung des Kindes in der Krippe als Erkennungszeichen (2,15­20). Im Zentrum steht die Offenbarung der Messiasgeburt an Hirten und das Zeichen des Kindes in der Krippe. Den Zusammenhang mit dem ersten Kapitel stellte Lukas durch die Steuerschätzung des Quirinius und die Erwähnung des römischen Kaisers her.

Der Text

Die Steuerveranlagung (Census) im römischen Imperium ist für Lukas der Anlass, warum Maria und Josef den Weg nach Betlehem gehen müssen. Zugleich wird damit der weltgeschichtliche Rahmen der Geburt Jesu geschaffen. Zwar ist historisch ein allgemeiner Reichszensus unter Augustus (31 v.­14 n. Chr.) nicht verbürgt und ebenso wenig die Vorschrift, dass alle zu ihrem Herkunftsort müssten, aber Lukas kannte vermutlich die spätere Steuerveranlagung für Judäa bei der Absetzung des Herodessohnes Archelaos (4 v.­6 n. Chr). Dieser Zensus unter dem syrischen Statthalter Quirinius im Jahr 6/7 n. Chr löste den Aufstand des Galiläers Judas aus (Apg 5,37) und führte zu Unruhen. Für Lukas ist wichtig, dass der Erlass des Kaisers Augustus zur Messiasgeburt in Betlehem führte. Josef als Davidnachkomme begibt sich mit Maria in die Geburtsstadt seines Stammvaters. «Als sie dort waren» (V 6) setzt ei-nen längeren Aufenthalt in Betlehem voraus. Umso erstaunlicher ist, dass sie in der Herberge keinen Platz fanden und das Neugeborene in einen Futtertrog legen. Die Geburt selbst wird schlicht, ohne wunderbare Züge erzählt, einzig die Windeln werden erwähnt, weil das Wickelkind in der Krippe zum Zeichen werden soll (V 7). Jesus als «Erstgeborener» ist der besonders Gott Zugehörige und Gott Geweihte (Ex 13,2.12) und ­ zusammen mit der davidischen Abstammung und dem Betlehemmotiv gelesen ­ der vom Engel verheissene Messias (1,32f.). Die Gegenüberstellung zum Kind im Futtertrog macht das Paradoxe des unbegreiflichen Ratschlusses Gottes deutlich: Das Neugeborene ist Geheimnis und offene Frage.
Mit den Hirten in der Umgebung Betlehems klingt das Davidmotiv an. Die ihre Herden in der Nacht bewachenden Hirten sind weder notorische Betrüger und Diebe (Rabbinen) noch idealisierte Vertreter einer hellenistischen Bukolik, sondern stehen stellvertretend für die glaubenden Menschen. Ihnen verkündet der Engel des Herrn die Geburt des Kindes als «grosse Freude» für das «ganze Volk» (V 10). Der endzeitliche Retter Israels, der lang ersehnte Messias, der Heiland der Welt ist «heute» geboren (V 11). Noch ist dieses Ereignis verborgen in der unscheinbaren Zeichenhaftigkeit des Kindes und muss von den Hirten entdeckt werden. Plötzlich wird im Lichtglanz des Engels der himmlische Engelchor sichtbar, der im hymnischen Gotteslob das «neue Lied» (Offb 5,9; 14,3) anstimmt. «Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade»: In der Geburt Jesu verherrlicht sich Gott und ereignet sich Heil für die Menschen «des Wohlgefallens», das heisst der von Gott liebevoll Beschenkten (nicht des guten Willens/bonae voluntatis der Vulgata). Die Hirten werden das Zeichen in Betlehem finden und als Verkünder des Evangeliums das Staunen der Eltern und das Nachdenken Marias auslösen und alle Hörenden zum Lobpreis Gottes bewegen (2,15­20).
Mit der Weihnachtsbotschaft setzt Lukas einen starken Kontrast zur Verehrung des Kaisers, der als «Heiland (soter) der Welt» und Friedensbringer gefeiert wurde: Nicht Augustus ist Retter der Welt, sondern dieses neugeborene Kind; nicht Rom ist Mitte der Welt, sondern die unbedeutende Davidstadt Betlehem; nicht die Pax Romana (in Wirklichkeit ein waffenstarrendes Gleichgewicht des Schreckens!) bringt der Welt den Frieden, sondern die Gewaltlosigkeit Jesu! In die von Herrschern be-stimmte Zeitrechnung ist das «Heute Gottes» eingebrochen. Dieses Heute Gottes, das die Engel ankündigten, wird Jesus in der Synagoge von Nazaret als das grosse Gnadenjahr proklamieren (4,18f.) und als Erbarmen Gottes erfahrbar werden lassen für Zachäus (19,1­10) und den Schächer am Kreuz (23,43). Der Lichtglanz Gottes über Betlehem ist Angebot von Frieden und Fülle endzeitlichen Heils in eine dunkle Welt von Krieg und Not. Beim Einzug Jesu in Jerusalem wird freilich der Friede in den Himmel zurückkehren und Jesus über Jerusalem weinen, weil es das Heute Gottes als Zeit der Gnade nicht erkannte (19,38.41­44).

 

Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.


Die Ordnung der Zeit

 

Seit Jahrtausenden versuchen die Menschen, die Zeit zu ordnen. Die lineare Zeit (Lebenszeit, Geschichte) wird mit der zyklischen Zeit der Gestirne und ihrer Bewegungen gemessen. Der Wechsel von Licht und Dunkelheit als Zeiteinheit des Tages, der Phasenwechsel des Mondes (Monate), der Wechsel der Jahreszeiten (Sonnenjahr), Arbeit und Ruhezeit (Woche) waren nicht nur für die Vegetation bedeutsam, sondern auch für die religiösen Feste (Gen 1,14). Im 4. Jh. löste die christliche Zeitrechnung die römische (seit der Gründung Roms) und die jüdische Zeitrechnung (seit Erschaffung der Welt) ab. Das Konzil von Nicäa (325) bestimmte statt des Sabbats den Sonntag als Ruhetag und legte den Ostertermin fest (Sonntag nach dem Frühlingsvollmond). Wie dieses bewegliche Datum für Jahre im Voraus bestimmt werden könne, blieb jahrhundertelang umstritten. So wurde im 6. Jh. eine neue Berechnung nötig. Dionysius wollte bei der Jahreszählung nicht auf den Christenverfolger Diokletian zurückgreifen und nahm die Geburt Jesu als Ausgangspunkt. Der christliche Kalender war geboren. Bis sich die Inkarnationsära endgültig durchsetzte, sollten noch viele Jahrhunderte vergehen. Die Geschichte der Kalenderreformen (Julius Cäsar, Papst Gregor XIII.) zeigt, wie bedeutsam die Bestimmung des «Anfangs» ist. Die Geburt Jesu als Zäsur in der Zeit blieb ­ bis heute.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003