49/2003

INHALT

Lesejahr C

Die Zeit der Umkehr

Marie-Louise Gubler zu Lk 3,10-18

 

Busse ­ ein Wort, das heute einen wenig erfreulichen Klang hat: Ordnungsbussen für verkehrswidriges Schnellfahren oder Falschparkieren, für zu spät bezahlte Steuerrechnungen usw. Immer ist es passiv Erfahrenes: Wir werden gebüsst, Bussen werden verhängt. Das Wort ist auch aus dem kirchlichen Sprachgebrauch verschwunden: Aus Bussfeiern wurden Versöhnungsfeiern. Viele verbinden «Busse» mit mittelalterlichen asketischen Praktiken von Kasteiungen und Selbstquälung. Im biblischen Sprachgebrauch dagegen ist Busse mit Wiedergutmachung verbunden und zunehmend zu einer inneren Haltung, zur Umkehrbereitschaft geworden: «Kehrt um zu mir ­ Spruch des Herrn der Heere ­ dann kehre ich um zu euch...Kehrt doch um von euren heillosen Wegen und von euren heillosen Taten» (Sach 1,3f.). Busse tun, heisst Umkehren, Neuorientierung in einer Zuwendung zu Gott und einer Abkehr von der bisherigen Lebensführung ­ es ist eine höchst aktive und anspruchsvolle Tätigkeit. Mit dem nahen Anbruch des Gottesreiches wird Umkehr (metanoia) als Aufforderung zum Glauben von äusserster Dringlichkeit. So gehört im Neuen Testament der Ruf zur Umkehr zur zentralen Botschaft des Johannes und Jesu und durchzieht wie ein roter Faden die Verkündigung des Neuen Testaments, denn «jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils» (2 Kor 6,2).

Der Kontext

Nach dem Auftreten des Täufers wird seine Botschaft entfaltet. Im Gegensatz zu Q/Mt, wo die Führungsgruppe (Pharisäer und Sadduzäer) angesprochen wird, gilt für Lukas die Predigt dem ganzen Volk (3,7). In einer dreistufigen Verkündigung wird sie entfaltet: Nach einer schonungslosen Gerichtsdrohung (3,7­9) folgt die ethische Unterweisung (3,10­14) und die Hinwendung zum kommenden Richter Jesus (3,15­17). Wahrscheinlich spiegelt dieser Dreischritt die kirchliche Predigtpraxis zur Zeit des Lukas, ist also eine postbaptismale Katechese. (Die Abkehr von Götzen, Hinwendung zu Gott, Erwartung der Wiederkunft Jesus gehört zur Grundkatechese: Apg 17,30­34; 1 Thess 1,9f.; erweitert in Hebr 6,1f.). In der Gerichtspredigt werden die Zuhörenden nicht geschont: mit «Schlangenbrut» wird ihnen niederträchtige Verschlagenheit vorgeworfen ­ bei Lukas dem ganzen Volk! Mit der Androhung des Gottesgerichtes wird vor einer falschen Heilssicherheit gewarnt, denn weder Konfessionszugehörigkeit noch Abrahamskindschaft führen automatisch zur Rettung und zum Heil. Nur die «Früchte», das heisst ethisch gute Werke, nur die gelebte Praxis des Glaubens sind entscheidend. Die Bilder von der Axt an der Baumwurzel und vom drohenden Feuer illustrieren die Dringlichkeit der Umkehr. Der Täuferpredigt folgt der kurze Bericht über die Gefangennahme des Johannes (3,19f.; vgl. Mk 1,14; Mk 6,17f.), ohne dass Lukas seinen gewaltsamen Tod erzählt, aber voraussetzt (vgl. Mk 6,19­29; vgl. Lk 9,7­9).

Der Text

Den durch die aufrüttelnde Busspredigt des Johannes verunsicherten und ratlosen Volksscharen zeigt Lukas einen konkreten Weg der Neuorientierung in der Lebens- und Weltgestaltung. Mit der dreimaligen Frage «Was sollen wir tun?» beginnt die ethische Unterweisung (3,10­14). Sie gehört zur traditionellen Frage der Taufbewerber (vgl. Apg 2,37; 16,30) und leitet das lukanische Sondergutstück ein. Schon die Proselytenunterweisung betonte die sozialen Pflichten und die Sühnewirkung der Liebeswerke. Heisst Umkehr etwas «Besonderes», gar die Übernahme der Lebensweise des Täufers? Johannes jedoch verlangt «gewöhnliche Taten». In einer Welt, in der viele Menschen an der Existenzgrenze leben und sich um Kleidung und Nahrung sorgen müssen (12,22­31), ist die Forderung jedoch einschneidend: Im Teilen sollen sich die Busswilligen bis zum Existenzminimum entblössen (zweites Unterkleid, Nahrung).
Zwei Gruppen werden von Lukas eigens aus dem Volk herausgehoben: Zöllner und Soldaten (vermutlich Söldner des Herodes Antipas). Von ihnen wird nicht verlangt, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen, wohl aber dass sie die Rechtsforderungen einhalten: Vermeidung von Ungerechtigkeiten im Einhalten von Zollsätzen, im Verzicht auf Misshandlungen, Erpressung und Militärputsch. Der Lehrer Johannes illustriert so exemplarisch an einzelnen Volksgruppen, dass Umkehr in jedem Stand möglich ist. Die Mahnung zum geschwisterlichen Teilen, zu Solidarität, Nächstenliebe und Genügsamkeit ist für Lukas ein ethisches Programm für die Völker der Welt und die adäquate Umsetzung der radikalen Armut der Jesusbewegung in das Milieu der hellenistischen Städte. Solange die Existenznot so vieler Menschen andauert, ist damit die Kirche in jeder Wohlstandsgesellschaft gefordert.
Der ethischen Unterweisung folgt die christologische Frage (3,15­18). Der unausgesprochenen messianischen Erwartung der Leute erteilt Johannes eine klare Absage und verweist auf den «Stärkeren», der mit «heiligem Geist und Feuer» tauft (3,16). Im Gegensatz zu Mk 1,7 (auch Apg 13,25), wo der Täufer auf den Kommenden «nach mir» verweist, lässt Lukas die Zeitverschiebung weg und sieht den Messias Jesus gleichzeitig mit Johannes (vgl. die Verknüpfung der beiden in Lk 1­2!). Aber dreifach wird der Abstand zwischen Prophet und Messias Jesus in der Würde betont: Johannes darf dem Messias nicht einmal den Sklavendienst des Sandalenbindens leisten, seine Wassertaufe ist geringer als die Geist- und Feuertaufe und der Messias ist selber Weltenrichter an Gottes statt. Im Bild des Landmannes, der mit der Wurfschaufel Getreide und Häcksel trennt, wird die doppelte Aktion des Gerichtes ausgesagt: Nicht nur die Vernichtung der Spreu (wie 3,9), sondern auch das Einsammeln des Weizens wird berichtet. Ja, die Sammlung der Ernte, die der kommende Weltenrichter Jesus «in seine Scheune» (V 17a) bringen wird, steht für Lukas betont im Vordergrund. Die Rettung aus dem Ge-richt geschieht durch die «Taufe mit Heiligem Geist und Feuer» (3,16) ­ was für Lukas auf die pfingstliche Geisttaufe verweist (Apg 1,5; 2,3) ­ und betont den Aspekt der ekklesiologischen Sammlung. So ist die Predigt des Johannes für Lukas nicht nur Mahnrede (paraklesis), sondern eine gute Botschaft!

 

Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.


Die Stimme

 

«Johannes war die Stimme nur eine Zeitlang, Christus ist das ewige Wort von Anfang an... Der Laut der Stimme erklang im Dienst und verging, als wollte er sagen: Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Lasst uns das Wort festhalten. Wir wollen nicht verlieren, was wir im innersten Herzen empfangen haben ... Es ist schwierig, das Wort von der Stimme zu unterscheiden. Darum wurde Johannes selbst für den Messias gehalten. Die Stimme hielt man für das Wort. Aber um das Wort nicht zu beleidigen, bekannte sich die Stimme zu dem, was sie war: Stimme. So spricht sie: Ich bin nicht der Messias, nicht der Prophet. Wer bist du also? Da sagte sie: Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!» (Augustinus, aus: Sermo 293,3).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003