49/2003 | |
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Lesejahr C |
Busse ein Wort, das heute einen wenig erfreulichen Klang hat: Ordnungsbussen für verkehrswidriges Schnellfahren oder Falschparkieren, für zu spät bezahlte Steuerrechnungen usw. Immer ist es passiv Erfahrenes: Wir werden gebüsst, Bussen werden verhängt. Das Wort ist auch aus dem kirchlichen Sprachgebrauch verschwunden: Aus Bussfeiern wurden Versöhnungsfeiern. Viele verbinden «Busse» mit mittelalterlichen asketischen Praktiken von Kasteiungen und Selbstquälung. Im biblischen Sprachgebrauch dagegen ist Busse mit Wiedergutmachung verbunden und zunehmend zu einer inneren Haltung, zur Umkehrbereitschaft geworden: «Kehrt um zu mir Spruch des Herrn der Heere dann kehre ich um zu euch...Kehrt doch um von euren heillosen Wegen und von euren heillosen Taten» (Sach 1,3f.). Busse tun, heisst Umkehren, Neuorientierung in einer Zuwendung zu Gott und einer Abkehr von der bisherigen Lebensführung es ist eine höchst aktive und anspruchsvolle Tätigkeit. Mit dem nahen Anbruch des Gottesreiches wird Umkehr (metanoia) als Aufforderung zum Glauben von äusserster Dringlichkeit. So gehört im Neuen Testament der Ruf zur Umkehr zur zentralen Botschaft des Johannes und Jesu und durchzieht wie ein roter Faden die Verkündigung des Neuen Testaments, denn «jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils» (2 Kor 6,2).
Nach dem Auftreten des Täufers wird seine Botschaft entfaltet. Im Gegensatz zu Q/Mt, wo die Führungsgruppe (Pharisäer und Sadduzäer) angesprochen wird, gilt für Lukas die Predigt dem ganzen Volk (3,7). In einer dreistufigen Verkündigung wird sie entfaltet: Nach einer schonungslosen Gerichtsdrohung (3,79) folgt die ethische Unterweisung (3,1014) und die Hinwendung zum kommenden Richter Jesus (3,1517). Wahrscheinlich spiegelt dieser Dreischritt die kirchliche Predigtpraxis zur Zeit des Lukas, ist also eine postbaptismale Katechese. (Die Abkehr von Götzen, Hinwendung zu Gott, Erwartung der Wiederkunft Jesus gehört zur Grundkatechese: Apg 17,3034; 1 Thess 1,9f.; erweitert in Hebr 6,1f.). In der Gerichtspredigt werden die Zuhörenden nicht geschont: mit «Schlangenbrut» wird ihnen niederträchtige Verschlagenheit vorgeworfen bei Lukas dem ganzen Volk! Mit der Androhung des Gottesgerichtes wird vor einer falschen Heilssicherheit gewarnt, denn weder Konfessionszugehörigkeit noch Abrahamskindschaft führen automatisch zur Rettung und zum Heil. Nur die «Früchte», das heisst ethisch gute Werke, nur die gelebte Praxis des Glaubens sind entscheidend. Die Bilder von der Axt an der Baumwurzel und vom drohenden Feuer illustrieren die Dringlichkeit der Umkehr. Der Täuferpredigt folgt der kurze Bericht über die Gefangennahme des Johannes (3,19f.; vgl. Mk 1,14; Mk 6,17f.), ohne dass Lukas seinen gewaltsamen Tod erzählt, aber voraussetzt (vgl. Mk 6,1929; vgl. Lk 9,79).
Den durch die aufrüttelnde Busspredigt des Johannes verunsicherten
und ratlosen Volksscharen zeigt Lukas einen konkreten Weg der Neuorientierung
in der Lebens- und Weltgestaltung. Mit der dreimaligen Frage «Was
sollen wir tun?» beginnt die ethische Unterweisung (3,1014).
Sie gehört zur traditionellen Frage der Taufbewerber (vgl. Apg 2,37;
16,30) und leitet das lukanische Sondergutstück ein. Schon die Proselytenunterweisung
betonte die sozialen Pflichten und die Sühnewirkung der Liebeswerke.
Heisst Umkehr etwas «Besonderes», gar die Übernahme der
Lebensweise des Täufers? Johannes jedoch verlangt «gewöhnliche
Taten». In einer Welt, in der viele Menschen an der Existenzgrenze
leben und sich um Kleidung und Nahrung sorgen müssen (12,2231),
ist die Forderung jedoch einschneidend: Im Teilen sollen sich die Busswilligen
bis zum Existenzminimum entblössen (zweites Unterkleid, Nahrung).
Zwei Gruppen werden von Lukas eigens aus dem Volk herausgehoben: Zöllner
und Soldaten (vermutlich Söldner des Herodes Antipas). Von ihnen wird
nicht verlangt, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen, wohl aber dass
sie die Rechtsforderungen einhalten: Vermeidung von Ungerechtigkeiten im
Einhalten von Zollsätzen, im Verzicht auf Misshandlungen, Erpressung
und Militärputsch. Der Lehrer Johannes illustriert so exemplarisch
an einzelnen Volksgruppen, dass Umkehr in jedem Stand möglich ist.
Die Mahnung zum geschwisterlichen Teilen, zu Solidarität, Nächstenliebe
und Genügsamkeit ist für Lukas ein ethisches Programm für
die Völker der Welt und die adäquate Umsetzung der radikalen Armut
der Jesusbewegung in das Milieu der hellenistischen Städte. Solange
die Existenznot so vieler Menschen andauert, ist damit die Kirche in jeder
Wohlstandsgesellschaft gefordert.
Der ethischen Unterweisung folgt die christologische Frage (3,1518).
Der unausgesprochenen messianischen Erwartung der Leute erteilt Johannes
eine klare Absage und verweist auf den «Stärkeren», der
mit «heiligem Geist und Feuer» tauft (3,16). Im Gegensatz zu
Mk 1,7 (auch Apg 13,25), wo der Täufer auf den Kommenden «nach
mir» verweist, lässt Lukas die Zeitverschiebung weg und sieht
den Messias Jesus gleichzeitig mit Johannes (vgl. die Verknüpfung der
beiden in Lk 12!). Aber dreifach wird der Abstand zwischen Prophet
und Messias Jesus in der Würde betont: Johannes darf dem Messias nicht
einmal den Sklavendienst des Sandalenbindens leisten, seine Wassertaufe
ist geringer als die Geist- und Feuertaufe und der Messias ist selber Weltenrichter
an Gottes statt. Im Bild des Landmannes, der mit der Wurfschaufel Getreide
und Häcksel trennt, wird die doppelte Aktion des Gerichtes ausgesagt:
Nicht nur die Vernichtung der Spreu (wie 3,9), sondern auch das Einsammeln
des Weizens wird berichtet. Ja, die Sammlung der Ernte, die der kommende
Weltenrichter Jesus «in seine Scheune» (V 17a) bringen wird,
steht für Lukas betont im Vordergrund. Die Rettung aus dem Ge-richt
geschieht durch die «Taufe mit Heiligem Geist und Feuer» (3,16)
was für Lukas auf die pfingstliche Geisttaufe verweist (Apg 1,5;
2,3) und betont den Aspekt der ekklesiologischen Sammlung. So ist
die Predigt des Johannes für Lukas nicht nur Mahnrede (paraklesis),
sondern eine gute Botschaft!
Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.
«Johannes war die Stimme nur eine Zeitlang, Christus ist das ewige Wort von Anfang an... Der Laut der Stimme erklang im Dienst und verging, als wollte er sagen: Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Lasst uns das Wort festhalten. Wir wollen nicht verlieren, was wir im innersten Herzen empfangen haben ... Es ist schwierig, das Wort von der Stimme zu unterscheiden. Darum wurde Johannes selbst für den Messias gehalten. Die Stimme hielt man für das Wort. Aber um das Wort nicht zu beleidigen, bekannte sich die Stimme zu dem, was sie war: Stimme. So spricht sie: Ich bin nicht der Messias, nicht der Prophet. Wer bist du also? Da sagte sie: Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!» (Augustinus, aus: Sermo 293,3).