47/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Weltuntergangsängste beim Übergang ins neue Jahrtausend, Klimaveränderungen,
Nachrichten von Kriegen und Katastrophen, Entführungen und Terror,
die alltägliche Erfahrung von zunehmender Rücksichtslosigkeit
im Strassenverkehr und Gewaltbereitschaft in Schulen wecken bei Vielen das
Gefühl, dass unsere Welt immer schlechter und bedrohlicher wird. Nur
allzu nah ist dann die Gefahr der Resignation und der Beschränkung
auf das eigene private Umfeld. Was kann ich schon ausrichten für die
Welt? Dieses Grundgefühl der Ohnmacht ist nicht erst heute aktuell
am Ende des ersten Jahrhunderts erging es vielen Menschen im römischen
Imperium ähnlich. Zu den äusseren Bedrängnissen von Kriegen
und Verfolgungen kamen die Verunsicherungen innerhalb der werdenden christlichen
Kirche: Zerwürfnisse in den Familien, Irreführung durch falsche
Heilsgestalten, der Schock über die Zerstörung Jerusalems
dem Mutterboden der Kirche im jüdisch-römischen Krieg (70
n. Chr). War vielleicht der «neue Weg» (Apg 9,2) ein Missverständnis
gewesen? Aus dem Glauben an Jesus Christus musste das Erfahrene verstanden
und gedeutet werden. So wurde die Frage der jüdischen Apokalyptik nach
dem Zeitpunkt und den Zeichen des Endes für die Christengemeinden am
Ende des 1. Jahrhunderts wieder aktuell.
Am Anfang eines neuen Kirchenjahres führt uns die Liturgie jedes Jahr
zu diesen Grundfragen zurück. Dieses Jahr begleitet uns das Evangelium
nach Lukas durch die liturgische Zeit des Jahres. Der Verfasser sieht die
Weltgeschichte in einem grossen Bogen von den Anfängen bis zum Ende
als Geschichte des Heiles: Das Wirken des Geistes, der «Kraft aus
der Höhe» bestimmt die Zeit der Verheissung und der Propheten
(AT). Die Zeit der Erfüllung wird im Leben und Predigen Jesu erfahrbar
(Lk) und setzt sich fort in der Zeit der Apostel und der Kirche, die an
Pfingsten geboren wird (Apg 2). Der zeitliche Abstand zum Anfang wird bewusst
wahrgenommen: Die hochgespannte Naherwartung des baldigen Endes und der
Parusie Christi, die noch die erste christliche Generation bestimmte, steht
für die zweite und dritte Generation (um 80), zu der Lukas gehört,
nicht mehr im Vordergrund. Und dennoch weiss auch sie um die Unbestimmbarkeit
des «Tages Gottes» und um die Gefahr der geistlichen «Müdigkeit»
in der lang gewordenen Zeit.
In der Logienquelle (Q) hat Lukas bereits die «kleine Endzeitrede»
(Lk 17,2037) und im Markusevangelium die «grosse Endzeitrede»
(Mk 13,137) vorgefunden und stark bearbeitet. Die apokalyptische Frage
nach dem «Wann» und den «Zeichen» wird bei Lukas
von Ungenannten aus dem Volk gestellt. Jesu Antwort ist im Gegensatz zu
apokalyptischen Kreisen keine Geheimlehre, sondern gilt allen. Wo Falschpropheten
in gespannter Erwartung nach «Zeichen» des Endes ausschauten,
warnt Lukas und betont: «das Ende kommt noch nicht sofort» (21,9).
Der Untergang Jerusalems, den Lukas als von Jesus angekündigtes Gericht
Gottes versteht, ist nicht das Ende, sondern der Beginn der Kirche in der
Völkerwelt. Diese Kirche muss den andauernden apokalyptischen Drangsalen
standhalten, den «schrecklichen Dingen» und den gewaltigen «Zeichen
am Himmel» (21,11). Verfolgungen und Schauprozesse vor Königen
und Statthaltern (Stephanus, Paulus; Apg 7;2426) sind aber gerade Chancen,
«Zeugnis abzulegen» vor der Welt (21,13) und Anlass zur Weltmission.
Die Verfolgten können sich auf Gott verlassen: Wie dem Stephanus werden
auch ihnen die richtigen Weisheitsworte vom Geist eingegeben werden (21,15).
Alles liegt daran, in der Bedrängnis der Zeit durchzuhalten, um das
Leben zu gewinnen, das Jesus als «Urheber des Lebens» verspricht
(Apg 3,15). Die überstürzte Flucht aus dem belagerten Jerusalem
mit allen Nöten für die Schwächsten (Schwangere und stillende
Mütter) sind erlittene Erfahrung, die als Erfüllung der Schrift
gedeutet wird: Die «Tage der Vergeltung» (Dtn 32,35) sind Symptom
dafür, dass sich die «Zeiten der Heiden» in der Verfolgung
des Volkes Gottes erfüllen (21,2224; Sach 12,3) bis die Parusie
des Menschensohnes die Herrschaft der gottfeindlichen Völker beenden
wird.
Dieses Kommen des Menschensohnes ist Thema des Sonntagsevangeliums. Lukas
spricht nur stichwortartig von Zeichen an den Himmelskörpern, betont
dagegen eindrücklich die Bestürzung und Ratlosigkeit der Völker.
Schon im Psalm wird das Toben und Donnern des Meeres als Ausdruck des bedrohlichen
Tosens der Völker verstanden (Ps 65,8), und in der «kleinen Apokylpse»
(17,2237) droht der ganze Erdkreis ins Urchaos zurückzufallen.
Der Untergang der Welt wird biblisch entweder als Wasserkatastrophe (Sintflut
Lk 17,26) oder Weltenbrand (2 Petr 3,10) geschildert. Entsetzen und Angst
ob dieser kosmischen Erschütterung lässt die Menschen vergehen
(21,26). Der Zusammensturz der Schöpfungsordnung ins Chaos ist die
Szene, in die der Menschensohn «mit grosser Macht und Herrlichkeit»
als Weltenrichter kommt (Dan 7,13). Wo die Menschen durch die apokalyptischen
Ereignisse in panischer Angst nach den «Zeichen» Ausschau halten,
wird für die Glaubenden der Menschensohn Jesus selber zum Zeichen,
dass das Gottesreich anbricht (vgl. 12,46; 17,21). Lukas hat in die übernommene
Mk-Apokalypse die frohe Botschaft eingefügt: «richtet euch auf
und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe» (21,28).
Mitten in den Schrecken der Endzeit wird der Tag der Erlösung angekündigt
(vgl. Eph 4,30) und die Zeit der Freude, die für Lukas schon ganz am
Anfang wichtig war (Lk 12).
Bei aller Freudigkeit der christlichen Hoffnung zeigt aber die Warnung vor
«Rausch und Trunkenheit» den grossen Ernst der Gefährdung
(21,34). Jede Epoche ist parusiegefährdet und kann in die «Falle»
(vgl. Jes 24,17) der verwirrenden Alltagssorgen geraten. Darum ist Wachsamkeit
und Gebet die einzige Haltung, die den Glaubenden ansteht und sie bestehen
lässt.
Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.
Das Evangelium nach Lukas ist eines der Hauptzeugnisse des literarischen Schaffens der Frühkirche, das die Mk-Vorlage in grosser Selbständigkeit bearbeitet und in brillantem Griechisch für ein literarisch gebildetes Publikum gestaltet. Der gebildete Verfasser der nach altkirchlicher Tradition als Begleiter des Paulus (Kol 4,14) verstanden wurde nennt im Vorwort (Lk 1,14) Vorhaben, Ziel, Vorgehen und Voraussetzungen seines Werkes. Der literarisch-dichterische Anspruch des Werkes ist für eine anspruchsvolle kirchliche und städtische Öffentlichkeit bestimmt. Das seelsorgerliche Anliegen, Jesus als Retter (soter) der Welt erkennbar zu machen, durchzieht das ganze Evangelium: Jesus ist Heiland der Verlorenen und Armen, sein Heilswerk hat universale Bedeutung für die Menschheit und die Weltgeschichte. Als «Mitte der Zeit» kommt in Jesus das Wirken des Geistes in den Propheten (AT) zur Erfüllung und setzt sich fort im Wirken der Apostel und der Kirche (Apg).