47/2003

INHALT

Lesejahr C

Begonnene Endzeit

Marie-Louise Gubler zu Lk 21,25-28.34-36

 

Weltuntergangsängste beim Übergang ins neue Jahrtausend, Klimaveränderungen, Nachrichten von Kriegen und Katastrophen, Entführungen und Terror, die alltägliche Erfahrung von zunehmender Rücksichtslosigkeit im Strassenverkehr und Gewaltbereitschaft in Schulen wecken bei Vielen das Gefühl, dass unsere Welt immer schlechter und bedrohlicher wird. Nur allzu nah ist dann die Gefahr der Resignation und der Beschränkung auf das eigene private Umfeld. Was kann ich schon ausrichten für die Welt? Dieses Grundgefühl der Ohnmacht ist nicht erst heute aktuell ­ am Ende des ersten Jahrhunderts erging es vielen Menschen im römischen Imperium ähnlich. Zu den äusseren Bedrängnissen von Kriegen und Verfolgungen kamen die Verunsicherungen innerhalb der werdenden christlichen Kirche: Zerwürfnisse in den Familien, Irreführung durch falsche Heilsgestalten, der Schock über die Zerstörung Jerusalems ­ dem Mutterboden der Kirche ­ im jüdisch-römischen Krieg (70 n. Chr). War vielleicht der «neue Weg» (Apg 9,2) ein Missverständnis gewesen? Aus dem Glauben an Jesus Christus musste das Erfahrene verstanden und gedeutet werden. So wurde die Frage der jüdischen Apokalyptik nach dem Zeitpunkt und den Zeichen des Endes für die Christengemeinden am Ende des 1. Jahrhunderts wieder aktuell.
Am Anfang eines neuen Kirchenjahres führt uns die Liturgie jedes Jahr zu diesen Grundfragen zurück. Dieses Jahr begleitet uns das Evangelium nach Lukas durch die liturgische Zeit des Jahres. Der Verfasser sieht die Weltgeschichte in einem grossen Bogen von den Anfängen bis zum Ende als Geschichte des Heiles: Das Wirken des Geistes, der «Kraft aus der Höhe» bestimmt die Zeit der Verheissung und der Propheten (AT). Die Zeit der Erfüllung wird im Leben und Predigen Jesu erfahrbar (Lk) und setzt sich fort in der Zeit der Apostel und der Kirche, die an Pfingsten geboren wird (Apg 2). Der zeitliche Abstand zum Anfang wird bewusst wahrgenommen: Die hochgespannte Naherwartung des baldigen Endes und der Parusie Christi, die noch die erste christliche Generation bestimmte, steht für die zweite und dritte Generation (um 80), zu der Lukas gehört, nicht mehr im Vordergrund. Und dennoch weiss auch sie um die Unbestimmbarkeit des «Tages Gottes» und um die Gefahr der geistlichen «Müdigkeit» in der lang gewordenen Zeit.

Der Kontext

In der Logienquelle (Q) hat Lukas bereits die «kleine Endzeitrede» (Lk 17,20­37) und im Markusevangelium die «grosse Endzeitrede» (Mk 13,1­37) vorgefunden und stark bearbeitet. Die apokalyptische Frage nach dem «Wann» und den «Zeichen» wird bei Lukas von Ungenannten aus dem Volk gestellt. Jesu Antwort ist im Gegensatz zu apokalyptischen Kreisen keine Geheimlehre, sondern gilt allen. Wo Falschpropheten in gespannter Erwartung nach «Zeichen» des Endes ausschauten, warnt Lukas und betont: «das Ende kommt noch nicht sofort» (21,9).
Der Untergang Jerusalems, den Lukas als von Jesus angekündigtes Gericht Gottes versteht, ist nicht das Ende, sondern der Beginn der Kirche in der Völkerwelt. Diese Kirche muss den andauernden apokalyptischen Drangsalen standhalten, den «schrecklichen Dingen» und den gewaltigen «Zeichen am Himmel» (21,11). Verfolgungen und Schauprozesse vor Königen und Statthaltern (Stephanus, Paulus; Apg 7;24­26) sind aber gerade Chancen, «Zeugnis abzulegen» vor der Welt (21,13) und Anlass zur Weltmission. Die Verfolgten können sich auf Gott verlassen: Wie dem Stephanus werden auch ihnen die richtigen Weisheitsworte vom Geist eingegeben werden (21,15). Alles liegt daran, in der Bedrängnis der Zeit durchzuhalten, um das Leben zu gewinnen, das Jesus als «Urheber des Lebens» verspricht (Apg 3,15). Die überstürzte Flucht aus dem belagerten Jerusalem mit allen Nöten für die Schwächsten (Schwangere und stillende Mütter) sind erlittene Erfahrung, die als Erfüllung der Schrift gedeutet wird: Die «Tage der Vergeltung» (Dtn 32,35) sind Symptom dafür, dass sich die «Zeiten der Heiden» in der Verfolgung des Volkes Gottes erfüllen (21,22­24; Sach 12,3) bis die Parusie des Menschensohnes die Herrschaft der gottfeindlichen Völker beenden wird.

Der Text

Dieses Kommen des Menschensohnes ist Thema des Sonntagsevangeliums. Lukas spricht nur stichwortartig von Zeichen an den Himmelskörpern, betont dagegen eindrücklich die Bestürzung und Ratlosigkeit der Völker. Schon im Psalm wird das Toben und Donnern des Meeres als Ausdruck des bedrohlichen Tosens der Völker verstanden (Ps 65,8), und in der «kleinen Apokylpse» (17,22­37) droht der ganze Erdkreis ins Urchaos zurückzufallen. Der Untergang der Welt wird biblisch entweder als Wasserkatastrophe (Sintflut Lk 17,26) oder Weltenbrand (2 Petr 3,10) geschildert. Entsetzen und Angst ob dieser kosmischen Erschütterung lässt die Menschen vergehen (21,26). Der Zusammensturz der Schöpfungsordnung ins Chaos ist die Szene, in die der Menschensohn «mit grosser Macht und Herrlichkeit» als Weltenrichter kommt (Dan 7,13). Wo die Menschen durch die apokalyptischen Ereignisse in panischer Angst nach den «Zeichen» Ausschau halten, wird für die Glaubenden der Menschensohn Jesus selber zum Zeichen, dass das Gottesreich anbricht (vgl. 12,46; 17,21). Lukas hat in die übernommene Mk-Apokalypse die frohe Botschaft eingefügt: «richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe» (21,28). Mitten in den Schrecken der Endzeit wird der Tag der Erlösung angekündigt (vgl. Eph 4,30) und die Zeit der Freude, die für Lukas schon ganz am Anfang wichtig war (Lk 1­2).
Bei aller Freudigkeit der christlichen Hoffnung zeigt aber die Warnung vor «Rausch und Trunkenheit» den grossen Ernst der Gefährdung (21,34). Jede Epoche ist parusiegefährdet und kann in die «Falle» (vgl. Jes 24,17) der verwirrenden Alltagssorgen geraten. Darum ist Wachsamkeit und Gebet die einzige Haltung, die den Glaubenden ansteht und sie bestehen lässt.

 

Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.


Das Projekt des lukanischen Doppelwerkes

Das Evangelium nach Lukas ist eines der Hauptzeugnisse des literarischen Schaffens der Frühkirche, das die Mk-Vorlage in grosser Selbständigkeit bearbeitet und in brillantem Griechisch für ein literarisch gebildetes Publikum gestaltet. Der gebildete Verfasser ­ der nach altkirchlicher Tradition als Begleiter des Paulus (Kol 4,14) verstanden wurde ­ nennt im Vorwort (Lk 1,1­4) Vorhaben, Ziel, Vorgehen und Voraussetzungen seines Werkes. Der literarisch-dichterische Anspruch des Werkes ist für eine anspruchsvolle kirchliche und städtische Öffentlichkeit bestimmt. Das seelsorgerliche Anliegen, Jesus als Retter (soter) der Welt erkennbar zu machen, durchzieht das ganze Evangelium: Jesus ist Heiland der Verlorenen und Armen, sein Heilswerk hat universale Bedeutung für die Menschheit und die Weltgeschichte. Als «Mitte der Zeit» kommt in Jesus das Wirken des Geistes in den Propheten (AT) zur Erfüllung und setzt sich fort im Wirken der Apostel und der Kirche (Apg).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003