46/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Es gibt kaum einen anderen neutestamentlichen Text, bei dem die Kenntnis
der biblischen Überlieferungen des so genannten Alten Testaments so
wichtig wäre wie bei der Offenbarung des Johannes. Der Autor dieses
Buches lebt ganz in der Welt dieser Überlieferungen und deutet sie
neu für seine Zeit und Geschichte.
Seine Zeit war eine furchtbare Zeit. In der römischen Provinz Asia,
der heutigen Westtürkei, waren schmeichlerische Bestrebungen der Beamten
zugange, dem römischen Kaiser Domitian (8196 n. Chr.) göttliche
Ehren zu erweisen: durch den Bau von Kaisertempeln und die Verpflichtung
der Bürger zum Kaiseropfer. Für viele in den jungen christlichen
Gemeinden war damit der status confessionis gegeben: Sie verweigerten das
Kaiseropfer und wurden als illoyale Bürger mit Gefängnis, Verbannung
oder Tod bestraft. Kaiser Domitian wurde von ihnen wie ein «neuer
Nero» empfunden.
In dieser Zeit der Bedrängnis bekommen die alten biblischen Überlieferungen
eine besondere Aktualität. In einer Relecture, einem erneuten Lesen
unter den veränderten Bedingungen, werden die alten Schätze neu
gehoben.
Was für uns heute sehr fremd klingt: «Christus hat uns von
unseren Sünden erlöst durch sein Blut» (Offb 1,5), rief
bei den damaligen Hörerinnen und Hörern Assoziationen an eine
wohl bekannte Geschichte hervor: die Exoduserzählung. Während
wir heute «Erlösung von unseren Sünden» überwiegend
moralisch verstehen, lag der Schwerpunkt der Exodusgeschichte (und der Johannesoffenbarung)
auf der Erlösung aus einer sündhaften Verstrickung (Ägypten
bzw. römischer Kaiserkult). Ihr Glaube an Jesus Christus gab ihnen
die Kraft, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen. Und das war eine
blutige Angelegenheit: Im pharaonischen Ägypten ging es bis aufs Blut
der Erstgeborenen, und Rettung gab es durch das Blut der Lämmer
im römischen Kleinasien mussten die Christinnen und Christen, die Widerstand
leisteten, ihren Blutzoll entrichten. Der Gott auf dem Pharaonenthron und
der göttliche Kaiser in Rom unterschieden sich nicht allzu sehr voneinander.
Doch so der Seher Johannes der christliche Gott ist immer noch
derselbe «Ich bin da für Euch», der sein Volk aus dem Sklavenhaus
Ägypten geführt hat und der auch nach seinen verfolgten Gemeinden
in der Provinz Asia schaut (vgl. die Briefe an die Gemeinden in Offb 23).
Den Weg zur Erlösung deutet Johannes wie den «Marsch durch die
Wüste». Er ist hart und schwer, aber notwendig, denn: So wie
Israel in der Wüste seinen Gott am Gottesberg gefunden hat, so haben
auch die momentanen Leiden des christlichen Gottesvolkes einen tieferen
Sinn: Gott zu finden. Das ist natürlich eine sehr gewagte Theologie,
aber Johannes ist da ganz konsequent. Er zitiert den «Adlerspruch»
vom Berg Sinai, die Worte, die Gott nach den Überlieferungen sprach,
bevor er Mose die zehn Wegweisungen in die Freiheit übergab: «Ihr
habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln
getragen und hierher zu mir gebracht habe. Jetzt aber, wenn ihr auf meine
Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern
mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber
sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören»
(Ex 19,46). Im Bild des Adlers, der seine Kinder dadurch fliegen lehrt,
dass er sie zwar notwendigerweise aus dem Nest schubst, dann
aber und das ist die Pointe auffängt und auf seinen Flügeln
zurückträgt, wenn es nicht gleich klappt, offenbart sich der «Ich
bin da für Euch». Wie wichtig ihm seine Kinder sind, sieht man
daran, dass er von ihnen als einem «Reich von Priestern und einem
heiligen Volk» spricht. Die jungen christlichen Gemeinden machen ihre
ersten «Flugversuche» wie die Hebräer, die ihre ersten
Versuche mit der neu gewonnenen Freiheit gemacht haben. Das ist hart und
mühsam und begleitet von Minderwertigkeitsgefühlen. Dem gegenüber
wird die königliche und priesterliche Würde aller Gläubigen
gestellt etwas, von dem in unserer Kirche leider nicht allzu oft zu
hören ist.
Die zweite alttestamentliche Überlieferung, die Johannes zitiert, stammt
aus dem Buch Daniel. In ähnlicher Bedrängnis wie jetzt die christlichen
Gemeinden unter dem römischen Kaiser, lebten fromme Juden im 2. Jahrhundert
v. Chr. unter der griechischen Oberherrschaft. Eine brutale Fremdherrschaft
hatte seit Jahrhunderten die andere abgelöst, und immer war es nur
noch schlimmer geworden. Wie die «wilden Tiere» hatten sie sich
auf das arme Palästina gestürzt (Dan 7,38). Das unterdrückte
Gottesvolk konnte sich nur noch etwas erhoffen von einem direkten Eingriff
Gottes. Diesen Traum formulierten die Seher des Buches Daniel im Bild eines,
der von Gott («mit den Wolken») kommen wird «wie ein Mensch(ensohn)»
und nicht wie die Tiere. Er wird der Gottesherrschaft zum Durchbruch verhelfen,
so hofften die Danielleute (Dan 7,13f.). Ihre Hoffnung hat sich historisch
gesehen nicht erfüllt. Doch die Verheissungen standen weiterhin
geschrieben. Und als die Menschen mit Jesus von Nazaret die Erfahrung der
anbrechenden Gottesherrschaft gemacht hatten, war für sie klar, dass
er der «Menschensohn» sei. Doch wieder dauerte es nicht lange,
da war aus der Freude über den gekommenen Menschensohn die Hoffnung
auf den «wieder Kommenden» geworden: «Siehe, er kommt
mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt
haben». Er sollte dem Terror-Regime der kaiserlichen Beamten und ihren
Christenverfolgungen ein Ende setzen: «und alle Völker der Erde
werden seinetwegen jammern und klagen. Ja, amen» (Offb 1,7).
Zum wirklich Ärgerlichen an diesen biblischen Überlieferungen gehört, dass sie irgendwie nicht für uns geschrieben zu sein scheinen. Wer keine Erlösungsbedürftigkeit verspürt, wer nicht an dieser Welt, wie sie ist, leidet, der verspricht sich auch nichts von einer Veränderung. Ein Umsturz der Verhältnisse, wie ihn der «mit den Wolken kommende Mensch(ensohn)» herbeiführen soll, löst bei uns eher Angst aus. Nicht so in den Ländern der von uns so nummerierten «dritten Welt». In Afrika oder Lateinamerika werden die apokalyptischen Texte unmittelbar verstanden. Da wird ein Gott gefeiert, der sich der an den Rand Gedrängten annimmt, der Gericht halten und die unterdrückerischen Systeme entmachten wird. Diese Menschen lesen die biblischen Texte im Bewusstsein ihrer königlichen und priesterlichen Würde, die sie sich nicht absprechen lassen. Und wir? Wir haben unsere Menschenwürde an die «Könige» und «Priester» unserer Zeit delegiert und erhoffen unser Heil von ihnen. Stimmts nicht?
Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Heinz Giesen, Johannes-Apokalypse, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 18), Stuttgart 1986; Pablo Richard, Apokalypse. Das Buch von Hoffnung und Widerstand. Ein Kommentar, Luzern 1996; Luzia Sutter Rehmann, Vom Mut, genau hinzusehen. Feministisch-theologische Interpretationen zur Apokalyptik, Luzern 1998.
Sich gegenseitig die Exodusgeschichte aus der Erinnerung erzählen bis zur Ankunft am Sinai, dann Ex 19,46 miteinander lesen. Gespräch darüber, was «ein Reich von Priestern» bzw. «ein heiliges Volk» für die Hebräer in dieser Situation wohl bedeutete.
Kurze Information über die Situation der Gemeinden der Offb (s.o.). Lesen des Textes Offb 1,58. Was bedeutete «er hat uns zu Königen und zu Priestern gemacht» wohl für die bedrängten Gemeinden?
Auf zwei Plakaten stehen die Worte «König» und «Priester». Nach einer Schreibmeditation, in der jede/jeder ihre/seine Assoziationen aufs Plakat schreibt, Gespräch darüber, was das «Königliche» und das «Priesterliche» eines jeden Gläubigen sein könnte. Wie könnte das in der eigenen Gemeinde stärker zum Tragen kommen?