44/2003 | |
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Lesejahr B |
Die Auslegung der 2. Lesung für den 32. Sonntag im Jahreskreis sieht sich vor drei Probleme gestellt: Erstens findet an diesem Sonntag der «Tag der Völker» statt, zu dem den Gemeinden eine Biblische Reflexion zum Thema «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» (Mt 25,35c) zugegangen ist. Zweitens wird die eigentlich von der Leseordnung vorgesehene Hebräerbrieflesung unterbrochen durch eine aus dem 1. Korintherbrief, weil an diesem Sonntag der Weihetag der Lateranbasilika begangen wird. Und drittens ist der vorgeschlagene Lesungstext aus 1 Kor 3 derart verstümmelt, dass er ohne Betrachtung des Umfelds, in dem er steht, unverständlich bleiben muss. Die folgende Auslegung bezieht sich deshalb auf den grösseren Textzusammenhang 1 Kor 3,117.
In Korinth gab es Streit wie in den meisten heutigen christlichen
Gemeinden auch, mal mehr und mal weniger. Auch die Probleme waren sehr ähnlich.
In Korinth ging es zum Beispiel um eine Konkurrenz zwischen dem früheren
Gemeindeleiter (und Gründer) Paulus und seinem Nachfolger Apollos.
Auch das soll es heute noch geben. Ob die beiden Protagonisten an dieser
Konkurrenz selbst «mitgestrickt» haben, oder ob es einfach auf
Gemeindeebene Fraktionen und «Fangemeinden» gab, können
wir dem 1. Korintherbrief nicht entnehmen. Wir haben ja nur die einseitige
Sicht des Paulus. Er jedenfalls macht die Gemeinde selbst für diese
Streitereien verantwortlich. Und er hält sie für ziemlich kindisch.
Auf der einen Seite so Paulus bilden sich manche einiges ein
auf ihre Geisterfülltheit, auf der anderen Seite benehmen sie sich
wie die kleinen Kinder und werfen Paulus vor, dass er sie im Gegensatz
zu seinem Nachfolger Apollos so behandelt habe: wie kleine Kinder.
Paulus nimmt den Ball auf: «Vor euch, Brüder (und Schwestern),
konnte ich aber nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch
eingestellt, unmündige Kinder ... Oder seid ihr nicht irdisch eingestellt,
handelt ihr nicht sehr menschlich, wenn Eifersucht und Streit unter euch
herrschen? Denn wenn einer sagt: Ich halte zu Paulus!, ein anderer: Ich
zu Apollos!, seid ihr da nicht Menschen?» (3,14). Für die
so angesprochenen Gemeindemitglieder musste das wie eine ziemliche Provokation
wirken. Aber Paulus geht es ums Prinzip: Wo Personen in den Vordergrund
treten seien es die «Profilneurosen» (Ortkemper) einzelner
Gemeindemitglieder, deren Namen wir nicht erfahren, seien es unterschiedliche
Typen von Gemeindeleitern wie eben Paulus oder Apollos und damit die
Botschaft verdecken, da ist Einspruch gefordert: «Was ist denn Apollos?
Und was ist Paulus? Ihr seid durch sie zum Glauben gekommen. Sie sind also
Diener, jeder, wie der Herr es ihm gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos
hat begossen, Gott aber liess wachsen ... Denn wir sind Gottes Mitarbeiter»
(3,59a).
Den Unsinn solch «irdischen» oder kindischen Verhaltens versucht
Paulus an einem Bild aufzuzeigen, dem von der Gemeinde als «Pflanzung
Gottes». Sowohl Paulus als auch Apollos sind «Diener»
der Gemeinde. Wie wichtig das Paulus ist, sieht man am griechischen Urtext
noch besser. Dort ist das Wort «Diener» ganz an den Anfang des
Satzes gerückt: «Diener sind sie...». Sich an ihnen zu
orientieren hiesse also zunächst einmal «dienen».
Ihr Dienst war «pflanzen» (Paulus) und ist «begiessen»
(Apollos). Das eigentliche aber tut Gott, nämlich wachsen lassen. Das
kann weder Paulus noch Apollos. Insofern sind sie «Gottes Mitarbeiter»
mehr nicht. Und die Gemeinde? Sie ist «Gottes Ackerfeld»
(9b).
Dann wechselt Paulus das Bild. Das ist die Stelle, an der unser Lesungstext
einsetzt: «Ihr seid Gottes Bau» (9c). Vom Vegetationsbild schwenkt
Paulus zur Architektur: «Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt
wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut
darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen
anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus»
(10f.). Ob Paulus hier immer noch Apollos im Blick hat als den, der auf
dem von ihm gelegten Fundament weitergebaut hat, oder ob er schon bei allgemeinen
Warnungen angelangt ist, lässt sich nicht sicher entscheiden. Jedenfalls
macht er auf die verantwortungsvolle Rolle dessen aufmerksam, der «weiterbaut».
Und er nimmt sich selbst als den, der das Fundament gelegt hat, stark zurück:
Das Fundament ist nämlich längst gelegt: Jesus Christus. Damit
kommt die Tätigkeit des Gemeindeleiters in den Blick und die Art und
Weise, wie er diese Aufgabe ausfüllt: «Ob aber jemand auf dem
Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut:
das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen,
weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk
eines jeden taugt» (12f.). Paulus bringt das Bild der «Feuerprobe»
ins Spiel, anders sind die seltsamen Baumaterialien nicht zu erklären.
Manche denken dabei sofort an das ewige Gericht, das Feuer der Hölle
oder das Fegefeuer, in das wohl auch Gemeindeleiter müssen. Solche
Gedanken sind Paulus allerdings noch fremd, sie kommen erst durch die Auslegungen
eines Clemens von Alexandrien (+215/16) oder Origenes (+ca. 253/54) ins
Spiel. Paulus aber geht es um die Rettung, auch des unfähigen Gemeindeleiters:
«Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn.
Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet
werden, doch so wie durch Feuer hindurch» (14f.), und zitiert damit
wohl aus den Propheten: «Ihr wart wie ein Holzscheit, das man aus
dem Feuer herausholt» (Amos 4,11).
Noch einmal wechselt Paulus den Blickwinkel und spricht die Gemeinde selber
an. Doch nicht eine Strafpredigt oder Scheltrede folgt nun, kein erhobener
Zeigefinger, sondern eine ungeheure Ermächtigung. Er weist hin auf
den unendlichen Wert der Gemeinde: «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes
Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?» (1 Kor 3,16)
Dieses «Bild von der Gemeinde als dem Tempel Gottes ist nicht abgehobene
Ekklesiologie, sondern polemisch in die spannungsgeladene Situation der
Korinthergemeinde hineingesprochen» (Ortkemper). Immer wieder kann
man sich nur wundern, wie Paulus in all den Konflikten, die ihm selbst mächtig
an die Nieren gegangen sind und die teilweise auch unter der Gürtellinie
ihm gegenüber stattgefunden haben das lässt sich jedenfalls
unschwer der im 2. Korintherbrief enthaltenen Korrespondenz entnehmen
nicht den Blick für den unendlichen Wert dieser Gemeinde als geheiligten
Wohnort Gottes und seines Geistes verliert. Fast beschwörend («Wisst
Ihr denn nicht...?») macht er die Gemeinde auf ihre Heiligkeit aufmerksam.
Er will sagen: Ihr seid so unendlich wertvoll! Warum geht ihr denn dann
so miteinander um? Und er warnt vor den Folgen solchen Verhaltens: «Wer
den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben.» Das will heissen:
Ihr schaufelt euch euer eigenes Grab. «Denn Gottes Tempel ist heilig,
und der seid ihr» (3,17).
Bei allen Konflikten, bei allen Streitigkeiten in einer Gemeinde nicht den Blick für das Eigentliche zu verlieren, für den Wert jedes einzelnen Mitglieds, und scheint es noch so unbedeutend oder feindselig zu sein, ist ungeheuer schwer. Da sind wir eben doch «auch nur Menschen» und oft so würde Paulus sagen «wie die kleinen Kinder». Das «Heilige» erscheint oft sehr verborgen. Doch dafür wieder einen Blick zu bekommen, könnte dieser Paulustext einladen.
Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 7), Würzburg 1987.
Paulus gebraucht verschiedene Bilder um zu zeigen, was ihm an der Gemeinde wichtig ist: eines aus dem vegetativen Bereich (Ackerfeld), eines aus dem technischen (Bauwerk). Die Teilnehmer/Teilnehmerinnen sich in Kleingruppen auf ein (eigenes) Bild von Gemeinde einigen lassen und dieses den anderen vorstellen.
1 Kor 3,59b und 9c17 miteinander lesen unter dem Gesichtspunkt: Was bringen diese beiden Bilder Spezifisches für Gemeinde zum Vorschein?
Die Teilnehmer/Teilnehmerinnen formulieren jede/r für sich auf einem Blatt Papier: «Pflanzung/Tempel Gottes sein, das heisst für mich...». Anschliessende Gesprächsrunde darüber, was diese Bilder für die Zukunft unserer Gemeinde bedeuten könnten.