42/2003 | |
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Lesejahr B |
Priester und Priestertum sind in den meisten Religionen bekannt. Priester sind Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen Diesseits und Jenseits. In den antiken Gesellschaften hatten sie dadurch eine zentrale Rolle in der Gesellschaft. Priesterlicher Dienst war innerhalb des damaligen Weltverständnisses Dienst an der Erhaltung der Welt. Der Kult garantiert die Verbindung zwischen Gott und Mensch, zwischen Diesseits und Jenseits. Ist diese Verbindung gestört, kann sie durch die kultische Handlung wiederhergestellt werden. Der Hebräerbrief bedient sich dieser Vorstellungen. Er überträgt die Charakteristika des Priestertums und der Priester gänzlich auf Jesus. Er versucht, den Glauben an Jesus in den Kategorien des zeitgenössischen Kultes neu zu formulieren: In Jesus hat der Kult und damit das Priestertum seinen Höhe- und seinen Endpunkt gefunden. Gerade darin könnte der Text wieder aktuell sein.
Hebr 5,1 holt seine Leser und Leserinnen ab, wo sie stehen: bei den liturgischen
Erfahrungen, die sie gemacht haben, wo sie herkommen. Wenn der Hebräerbrief
auf «jeden Hohepriester» verweist, können sich alle Lesenden
etwas darunter vorstellen, seien es nun Syrer, Ägypter, Griechen oder
Römer. Selbstverständlich sind die Priester, die diese Menschen
kannten, Menschen wie sie selbst. Hebr 5,16 nimmt die Lesenden von
hier aus in eine Denk-Bewegung hinein. Der Text beginnt mit einem Verweis
auf «jeden Hohepriester» (5,1), führt über Aaron als
Beispiel des von Gott berufenen Hohepriesters (5,4) und er endet mit Jesus
als Hohepriester einer ganz neuen Art (5,5f.), der aber die Merkmale traditionellen
(Hohe-)Priestertums aufnimmt, aufhebt und weiterführt. Der Weg führt
damit von einem allgemeinen Priesterbild über das Priesterkonzept des
Ersten Testaments hin zu etwas völlig Neuartigem. Wie an anderen Stellen
auch, drückt der Verfasser des Hebräerbriefes dies durch Zitate
aus dem Ersten Testament aus (Ps 2,7 und 110,4), die in seiner Gegenwart
messianisch gedeutet wurden. Der Text führt die Lesenden damit aus
ihren unterschiedlichen kulturellen Kontexten auf Christus hin.
Ein Hohepriester wurde eingesetzt, um «die auf Gott gerichteten»
Handlungen zu vollziehen (Hebr 5,1). Der Hebräerbrief bringt als Beispiele
die Gaben und die Sündopfer (vgl. auch Hebr 8,3). Innerhalb des antiken
Kultes sind damit die zwei grundsätzlichen kultischen Handlungen gemeint:
Unterhalt (Gaben) und Erneuerung (Sündopfer) der Gottesbeziehung, die
durch menschliche Verfehlungen gestört oder unterbrochen wurde. An
Kapitalvergehen ist hier nicht gedacht. Der Priester hat Mitleid mit denen,
die das Gleichgewicht zwischen Gott und Mensch durch Unwissenheit und Irrtum
gestört haben. Dahinter steckt die Vorstellung, dass der Mensch sich
nicht nur dann Schuld auflädt, wenn er absichtlich gegen Werte und
Normen verstösst, sondern auch wenn er dies unwissentlich macht. Auch
wenn das in unserer Gegenwart kein nahe liegender Gedanke ist, hat er dennoch
einen plausiblen sachlichen Grund: Taten aus Unwissenheit und Irrtum können
das menschliche Miteinander und die Ordnung des Kosmos genau so belasten
wie beabsichtigte Handlungen. Für den antiken Menschen war es also
selbstverständlich, dass diese Brüche in der Ordnung repariert
werden mussten.
Davon ist der Priester selbst nicht ausgenommen. Auch wenn von ihm in der
Regel verlangt wird, dass er ein makelloser Mensch ist, weiss man doch allzu
gut, dass das so nicht realistisch ist. Der Hebräerbrief drückt
das durch die Formulierung aus, dass ein Hohepriester die Schwachheit wie
ein Kleid um sich trägt und daher nicht nur das Volk mit Gott zu versöhnen
hat, sondern auch sich selbst. Für den Text ist diese Solidarität
des Vermittelnden mit denen, die er repräsentiert, im Blick auf Jesus
von unübersehbarer Bedeutung (vgl. 4,15; 5,7.8). Mit einem ganz abgehobenen
Vermittler kann der Autor des Hebräerbriefes nicht viel anfangen. Priesterlicher
Dienst ist in diesem Sinne immer auch mitfühlender Dienst. Nur weil
der (Hohe-)Priester um seine eigene Schwachheit weiss, kann er den Menschen
vermittelnd dienen (Hebr 5,2). Deshalb ist sein Amt für den Hebräerbrief
kein Beruf wie andere, sondern eine Berufung durch Gott (5,4).
Bei den Evangelien macht sich eine deutliche Distanz Jesu zum Tempel
und der kultischen Frömmigkeit seiner Zeit bemerkbar. Jesus als Hohepriester
zu deuten, ist auf diesem Hintergrund nicht nahe liegend. Doch ist es gerade
das kultische Leben, durch das viele Menschen religiös sozialisiert
wurden. Wie immer nahe sie innerlich den traditionellen Riten gegenübergestanden
haben mochten, sie kannten sie doch und haben mehr oder weniger intensiv
daran teilgenommen. Wenn der Hebräerbrief an diese Vorstellungswelt
anknüpft und die Wirklichkeit Jesu in die vertrauten Begriffe des Kultes
giesst, hilft er seinen Hörern und Hörerinnen, die Bedeutung Jesu
zu begreifen. Er erreicht mit dieser Botschaft Griechen ebenso wie Juden.
Gleichzeitig übersteigt er dieses Denken. Denn das Christusereignis
lässt sich zwar in kultischer Terminologie formulieren, es macht aus
dem kultischen Denken aber etwas völlig Neues. Der Hebräerbrief
will ja gerade kein neues Kultsystem aufstellen, sondern überführt
jeden irdischen Kult in das Amt des himmlischen Hohepriesters, dessen Opfer
die Menschen ein für alle Mal mit Gott versöhnt hat (Hebr 10,10).
Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: M. Karrer, Der Brief an die Hebräer, ÖTKNT 20/1, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, 249268; R. Oberforcher, «Das alttestamentliche Priestertum und die tragenden Priestergestalten», in: M. Öhler (Hrsg.), Alttestamentliche Gestalten im Neuen Testament, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, 141160.
Lesen Sie den Text mehrmals langsam laut vor. Unterstreichen Sie Ausdrücke, die den Hohepriester beschreiben. Welche Arten der Beschreibung entdecken Sie? Auf welche Fähigkeiten und Charaktereigenschaften beziehen Sie sich?
Ordnen Sie die Eigenschaften des Hohepriesters, die Sie oben gesammelt haben, dem zu, was Sie über Jesus wissen. Was passt dazu? Was passt nicht dazu?
Nehmen Sie sich 1015 Minuten Zeit, während denen Sie den Text nochmals durchlesen. Wählen Sie sich den Satz aus Hebr 5,16 aus, der Sie am meisten anspricht. Notieren Sie ihn auf einen Zettel und legen Sie die Zettel auf dem Boden aus. Gehen Sie zu ruhiger Musik herum und lesen Sie die verschiedenen Sätze. Überlegen Sie, weshalb die anderen ihre Sätze ausgewählt haben könnten. Teilen Sie in einer Schlussrunde den anderen Gruppenmitgliedern mit, weshalb Sie Ihren Satz ausgewählt haben.