41/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Mit dem Text der heutigen Lesung, Hebr 4,1416, beginnt ein neuer Teil des Hebräerbriefes. Jesus tritt Lesern und Leserinnen hier in einer bekenntnishaften Formulierung als himmlischer Hohepriester entgegen. Er wendet sich damit der Person Jesu und seiner Bedeutung für die Gläubigen zu, die das Wort, von dem in Hebr 1,14,13 die Rede war, empfangen und bewahrt haben. Jesus der Hohepriester, der die Himmel durchwandert. Über die historischen und theologischen Hintergründe des Hohepriesteramtes im 1. Jahrhundert wurde bereits zu Hebr 5,79 einiges gesagt, das hier nicht wiederholt werden soll (SKZ 13/2003).
Hebr 4,1416 bündelt einiges von dem, was im nachfolgenden Teil
ausgefaltet wird, in einer dichten, credohaften Formulierung, die aus drei
Teilen besteht. In Hebr 4,14 liegt die Betonung auf Jesus als dem himmlischen
Hohepriester. In den späteren Passagen geht der Hebräerbrief dem
Unterschied und der Bedeutung dieses Amtes gegenüber dem traditionellen
jüdischen Priestertum nach (Hebr 710,18). Hier sollte man sich
allerdings nicht verleiten lassen, das Judentum gegenüber dem Christentum
als eine veraltete Form religiöser Existenz zu zeichnen. Innerhalb
der vielfältigen Strömungen des Judentums gibt es ebenfalls solche
Überlegungen. Sie bezeugen die spirituelle Suche von Menschen, die
mit dem Priestertum und dem Kult ihrer Gegenwart nicht einverstanden waren.
Die Christen im Umfeld des Hebräerbriefes griffen solche Traditionen
wieder auf, um ihren eigenen Erfahrungen eine Sprache zu geben.
In Hebr 4,14 wird Jesus erstmals der Hoheitstitel «Sohn Gottes»
in seiner vollen Form zugeschrieben. Als «Sohn» erscheint er
zwar schon vorher (Hebr 1,2.5.8; 3,6; 5,5.8; vgl. danach Hebr 6,6; 7,3;
10,29). 4,14 sticht als Neubeginn heraus.
Mit dem himmlischen Hohepriester, dem Sohn Gottes, wird das Festhalten am
Bekenntnis verbunden (vgl. Hebr 3,1). Hier wird ein Grundanliegen des Hebräerbriefes
spürbar. Er hat es nicht mit einer Gemeinde perfekter Christen und
Christinnen zu tun, sondern mit Menschen, die nach dem Urteil des Schreibers
in ihrer geistig-spirituellen Entwicklung massiv zurückgeblieben sind.
Sie sind schwerhörig (5,11), sie verstehen nicht einmal die Anfangsgründe
der Lehre (5,12) und bräuchten, geistlich gesehen, eher Milch als feste
Nahrung (5,13). Die Gemeinde ist bedroht, den bisher eingeschlagenen Weg
wieder zu verlassen, was für den Verfasser des Hebräerbriefes
den unwiderruflichen Untergang bedeutet (6,6). Er hat allerdings die Hoffnung
nicht aufgegeben (Hebr 6,9f.), und es ist wahrscheinlich, dass er zur Rettung
seiner Gemeinde auch den Brief verfasst hat. Kurz: die Gemeinde des Hebräerbriefes
ist gar nicht so weit von der Erfahrungswelt eines modernen Christen oder
einer modernen Christin entfernt. Wer wüsste nicht ein Lied davon zu
singen, dass nicht alle Dinge in unseren Gemeinden zum Besten stünden.
Der Verfasser zieht aus dem Vertrauen auf den himmlischen Hohepriester Jesus
die Kraft, in der Gegenwart zu bestehen. Möglicherweise ist die Verankerung
der glaubenden Existenz in einer himmlischen Wirklichkeit etwas, das in
der Gegenwart nicht unmittelbar verständlich und plausibel ist. Irgendwo
haben viele Menschen einen kleinen Marx oder Feuerbach im Kopf, die die
himmlische Wirklichkeit als menschliche Projektion enttarnt zu haben glaubten.
Verstehen wir aber diese himmlische Realität ganz analog zu den
Vorstellungen apokalyptischer Texte wie dem Danielbuch oder der Offenbarung
des Johannes als eine Gegen-Wirklichkeit, als eine verborgene und
dennoch bestimmende Realität «hinter» der unsteten, allen
möglichen Zeitgeistern unterworfenen Gegenwart, kommen wir den Anliegen
des Hebräerbriefes auf die Spur. Gemeint ist, dass mit dem Leben, Leiden,
Sterben und der Auferstehung Jesu die entscheidende Wende geschehen ist,
dass wir mit dem Bekenntnis zu ihm die Schwelle einer Lebensentscheidung
bereits überschritten haben, die das Leben und seine künftige
Richtung trägt und Zuversicht und Vertrauen spendet.
Auf diese Zuversicht und dieses Vertrauen in die Zukunft läuft Hebr
4,1416 mit Vers 16 hinaus. Das Bekenntnis zur «hintergründigen»
Realität des Erhöhten Jesus ist für den Glaubenden und die
Glaubende der tragfähige Grund dafür. Sozusagen im Sog Jesu des
himmlischen Hohepriesters können sich Glaubende und Bekennende zu ihrer
wahren Bestimmung ziehen lassen, die Hebr 4,16 mit der Metapher des Thrones
der Gnade umschreibt. Mit anderen Worten: Aufgrund ihres Bekenntnisses,
ihres Vertrauens und Glaubens in die himmlische Realität brauchen sie
sich keine Sorgen mehr darüber zu machen, die Bestimmung ihres Lebens
zu erreichen.
Kann es aber eine Verbindung zwischen dem himmlischen Hohepriester und den
zweifelnden und ängstlichen Gläubigen im Hier und Jetzt geben?
Der Verfasser des Hebräerbriefes versucht diese Brücke in 4,15
über den anderen Pol des Glaubens an Jesus zu überbrücken.
Der himmlische Hohepriester ist ja gerade kein Engelwesen (vgl. Hebr 12),
sondern kennt die Conditio humana aus eigener Erfahrung. Dieser himmlische
Mittler zwischen dem Menschen und seinem tragenden Grund, den er Gott nennt,
weiss für wen er einsteht. Das schafft für den Menschen Vertrauen.
Der Mensch weiss sich angenommen in seiner Unvollkommenheit. Er hat damit
einen himmlischen Repräsentanten, der ihn kennt und den er kennt. Spätere
Generationen von Theologen haben dieser frühchristlichen Grunderfahrung
und Grundhoffnung der kosmischen Grösse und der menschlichen Nähe
des Sohnes das sprachliche Gewand der Einheit von göttlicher und menschlicher
Natur in der Person Jesu gegeben.
Diese spirituelle Erfahrung, die der Hebräerbrief auf einem «akademischen»
Niveau reflektiert, gilt es auch heute in unseren Gemeinden wiederzuentdecken
als Einheit eines Sinn und Orientierung stiftenden göttlichen Grundes,
zu dem der Mensch gerade in seiner Unvollkommenheit und Schwäche den
Zugang findet.
Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Martin Karrer, Der Brief an die Hebräer, Kapitel 1,15,10, ÖTK 20/1, Gütersloh 2002, 233248; Franz Laub, Hebräerbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar. Neues Testament 14), Stuttgart 1988, 6466.
Geben Sie den drei Versen zuerst in Einzelarbeit je eine Überschrift. Schreiben Sie diese Überschriften auf ein Packpapier.
Tauschen Sie sich innerhalb der Gruppe über die Titel aus, die Sie den Versen gegeben haben, und versuchen Sie, sich in der Gruppe auf jeweils einen Titel zu einigen.
Lesen Sie den Text in der Gruppe mehrmals langsam vor, während die anderen bequem sitzend oder liegend und mit geschlossenen Augen zuhören. Lassen Sie sich während 15 Minuten innere Bilder zum Text hochkommen. Im Anschluss daran zeichnen Sie eines der Bilder zu einer ruhigen Musik mit Kohlestiften auf ein Blatt Papier. Tauschen Sie sich über ihre Bilder und inneren Erfahrungen aus.