39/2003 | |
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Lesejahr B |
Manche Texte der Bibel sperren sich gegen einfache, praktisch unmittelbar verwertbare Zugänge. Sie sind hochtheologisch und wollen es auch sein. Zu dieser Kategorie gehört Hebr 2,911. Er ringt um ein angemessenes Verständnis des Christusglaubens angesichts der Herausforderungen seiner Zeit. Der Verfasser des Hebräerbriefes greift für diese Reflexion auf die Traditionen des ersten Testaments zurück. Er tastet die heiligen Schriften Israels auf ihre Bedeutung für seine Gegenwart ab. In Hebr 2,911 geht es darum, Ps 8,57 auf die Wirklichkeit des Leidens und der Auferstehung Jesu transparent bzw. diese Wirklichkeit durch den ersttestamentlichen Text verstehbar zu machen.
Hebr 2,911 ist in sich nicht verständlich. Um einen Zugang
zu finden, müssen wir den weiteren und den engeren Kontext einbeziehen.
Da ist zunächst das Thema des Verhältnisses Jesu zu den Engeln.
Es bestimmt den Anfang des Hebräerbriefes. Die Lehre vom Aufbau und
der Funktion der himmlischen Welten war in der antiken Welt sehr wichtig:
Die himmlische Welt stellt das Vorbild und das Modell der irdischen Realität
dar. Dem Verfasser des Hebräerbriefes geht es darum, diesen Engelsglauben
gegenüber dem Christusglauben ins rechte Licht zu rücken. Engel
hatten im antiken Judentum sehr viel mit Naturgewalten zu tun. Ihnen fehlte
aber das Entscheidende, um für Menschen tiefere existentielle Bedeutung
zu erhalten: die Menschlichkeit. Sie sind für den Verfasser dienende
Geister, nicht Zweck in sich (Hebr 1,14). Er lässt dabei keinen Zweifel,
dass Christus im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht und die Engel
bestenfalls zweitrangig sind.
Damit kommen wir zum engeren Kontext von Hebr 2,911. Jesus ist das
Ziel der Schöpfung, dem die künftige Welt unterworfen wird (Hebr
2,5f.). Für den Verfasser des Hebräerbriefes ist dieser Glaubensinhalt
wie alle anderen auch bereits im Ersten Testament enthalten.
Um die unüberbietbare Bedeutung Jesu für christusgläubige
Menschen darzulegen, wählt der Verfasser mit Psalm 8 einen Text aus,
der wie kaum ein anderer im Ersten Testament die Herrlichkeit des Menschen
preist. Das Geheimnis Jesu liegt in seiner Menschlichkeit. Dies deutet der
Verfasser des Hebräerbriefes gleich zu Beginn seiner Schrift an, wenn
er den Sohn als Abglanz der Herrlichkeit Gottes und Abbild von dessen Wesen
charakterisiert (Hebr 1,3): Klingt hier nicht Gen 1,26 an, eine Stelle,
die den Menschen vor allen anderen Geschöpfen als Abbild Gottes preist,
dem die Welt unterworfen wird (Gen 1,26.28f.)? Auch Psalm 8,57
zitiert in Hebr 2,58 steht in dieser Tradition. Die Übersetzung
des hebräischen Wortlauts lautet folgendermassen:
Hebr 2,911 ist eine Auslegung einiger Verse aus diesem Psalmentext. Wie in der Antike üblich, deutet der Verfasser des Hebräerbriefes den Psalm nicht aus einem nüchternen philologischen Interesse, sondern aus seinen existentiellen Fragen heraus. Er stützt sich nicht auf den hebräischen Text, sondern wie die gebildeten Juden rund um das Mittelmeer auf die Septuaginta, die griechische Übersetzung, die selbst wieder eine Deutung hebräischer Vorlagen ist. Für den Verfasser des Hebräerbriefes spricht der Psalm 8 nicht vom Menschen im Allgemeinen, sondern von Christus, der nur für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt wurde (Hebr 2,9). Vielleicht hat ihn die Wendung «Menschensohn» in Ps 8,6 auf diesen Gedanken gebracht, vielleicht der Vergleich mit den Engeln im selben Vers oder die Wendung in Ps 8,8, dass Gott dem Menschen die Werke seiner Hände unter die Füsse legt. Vielleicht hat ihn auch der Gegensatz zwischen der Erniedrigung und Erhöhung des Menschen in Ps 8,6f. dazu angeregt. All diese Stichworte werden in der frühen christlichen Literatur auch mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen verbunden. Jedenfalls macht ausgerechnet seine Menschlichkeit seine Herrlichkeit und Ehre gegenüber den übermenschlichen Mächten aus. So kommt er in 2,10 auf die paradox scheinende Formulierung, dass Gott, für den und durch den alles ist, den Retter gerade durch etwas spezifisch Menschliches vollendet: durch das Leiden. Der Lesungstext schliesst mit der Konsequenz dieses Gedankens: Retter und Gerettete, Gottes Sohn und die Menschen stammen beide von Gott (2,11). Es ist die Menschlichkeit des Sohnes Gottes, die ihn über die sichtbaren und unsichtbaren Mächte der Schöpfung emporhebt.
Der Verfasser des Hebräerbriefes ist ein Mensch, der vor dem Hintergrund seiner Tradition um eine Sprache ringt, mit der er seine neuen Denk- und Glaubenswege in Worte fassen kann. Das macht ihn aktuell, denn genau das ist auch die Aufgabe gegenwärtiger Christinnen und Christen: die Sprache der Tradition auf neue Denk- und Glaubenswege hin durchzuleuchten. In Hebr 2,911 ist das auf besonders eindrucksvolle Weise gelungen. Was den Sohn Gottes über die Mächte und Gewalten der sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung hinaushebt, ist seine Vergänglichkeit, die sich in seinem Leiden und Sterben zeigt. Aus dem Text leuchtet die Bejahung des Menschseins in der Tradition des Ersten Testaments hervor. In gegenwärtiger Sprache ausgedrückt: Nicht die Flucht in esoterische Welten bringt Erlösung, sondern das Annehmen der Vergänglichkeit, die der Text als wahre Gottesnähe und damit als Stärke und Hoffnung vor Augen führt.
Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Erich Grässer, An die Hebräer (Hebr 16), EKK XVII/1, Zürich/Neunkirchen-Vluyn, Benziger/Neukirchener 1990, 111138; Martin Karrer, Der Brief an die Hebräer, Kapitel 1,15,10, ÖTK 20/1, Gütersloh 2002, 171176.
Schreiben Sie Hebr 2,911 auf ein Plakat/Packpapier. Verwenden Sie für jeden Haupt- und Nebensatz eine eigene Zeile. Streichen Sie die Zitate aus Ps 8 mit Farbe heraus. Vergleichen Sie den Wortlaut der Zitate mit unterschiedlichen Übersetzungen des Psalms 8 im Ersten Testament. Was fällt Ihnen auf? Welche Unterschiede finden Sie? Welche Sätze aus Ps 8,57 fehlen?
Was wird im Text über Jesus gesagt? Notieren Sie die Aussagen auf A4-Blätter und hängen Sie die Blätter an eine Wand. Formulieren Sie diese Aussagen so, dass Sie auch für Kinder und Jugendliche verständlich sind. Versuchen Sie eine kleine Ansprache in einer Schülermesse daraus zu machen.
Notieren Sie Ps 8,57 auf ein grosses Plakat (Packpapier), wobei Sie für die einzelnen Haupt- und Nebensätze jeweils eine eigene Zeile verwenden. Lassen Sie Zwischenräume zwischen den Zeilen. Spielen Sie eine ruhige, besinnliche Musik ab und lassen Sie die Mitglieder der Gruppe ihre eigenen Gedanken und Assoziationen in die Zwischenräume eintragen.