38/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Ist es normal, dass Arme früher sterben, wie es auf der Website
der Caritas Schweiz zu lesen ist (vgl. SKZ 35/2003, S. 593f.)? Ist es nur
eine bedauerliche Tatsache, dass immer mehr Alte, Alleinerziehende oder
junge Familien in die Armutsfalle geraten? Muss es leider hingenommen werden,
dass für die Gewinnmaximierung der Wirtschaft eben Arbeitsplätze
abgebaut werden? Haben wir uns daran gewöhnt, dass Millionen von Menschen
ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort nicht mehr genug zum Überleben
finden?
Für den Verfasser des Jakobusbriefs ist die Antwort klar: All das ist
weder normal noch muss es so sein. Die Armut der einen hat etwas mit dem
Reichtum der anderen zu tun. Oder umgekehrt. Reichtum entsteht oft auf Kosten
anderer, Schwächerer. Das weiss schon der Weise Jesus Sirach: «Wer
das Geld liebt, bleibt nicht schuldlos Wie glücklich ist jemand, der
reich wird, ohne schuldig zu werden Wo ist solch ein Mensch? Wir möchten
ihm gratulieren; denn er hat ein Wunder vollbracht, das noch keinem gelungen
ist» (Sir 31,6.89, Gute Nachricht).
Arme sind also nicht einfach Arme, sondern oft genug arm Gemachte. Zum Beispiel,
weil ihnen der gerechte Lohn vorenthalten wird. Das aber ist, so weiss es
die gesamte biblische Tradition, als würde ihnen der Lebensatem genommen:
«Presse nicht einen Löhner, einen Notbedrückten und Bedürftigen
von deinen Brüdern oder von deiner Gastschaft, der in deinem Lande,
in deinen Toren ist. An seinem Tag gib ihm seinen Lohn, nicht soll darüber
die Sonne untergehen, denn notbedrückt ist er, seinen Lebensatem hebt
er danach » (Dtn 24,14 nach Martin Buber/Franz Rosenzweig). «Wenn
jemand den Lohn eines Mietlings zurückbehält, ist es, als ob er
ihm den Lebensatem nähme» (Mischnatraktat Baba Metsia 112a).
Noch drastischer drückt es das Buch Jesus Sirach aus. Es spricht von
Mord, wenn Armen der gerechte Lohn vorenthalten wird:
«Das Leben der Armen hängt an ihrer dürftigen Nahrung; wer
sie ihnen nimmt, ist ein Mörder. Wer seinem Mitmenschen wegnimmt, wovon
er lebt, bringt ihn um. Auch der ist ein Mörder, der einem Arbeiter
nicht den verdienten Lohn auszahlt»(Sir 34,2527, Gute Nachricht).
In dieser biblischen Tradition steht der Verfasser des Jakobusbriefs,
wenn er im ersten Teil des Lesungstextes (Jak 5,13) den Reichtum der
Angesprochenen brandmarkt und im zweiten Teil (5,46) den Reichtum in
einen ursächlichen Zusammenhang mit Armut und Ungerechtigkeit stellt.
Es geht um den Reichtum, der durch Ungerechtigkeit und auf Kosten anderer
erworben wurde. Dass sich dabei niemand so leicht aus der Affäre ziehen
kann, zeigt der Satz unmittelbar vor dem Lesungstext: «Wer also das
Gute tun kann und es nicht tut, sündigt» (4,17). In Schuld gerät
nach der Meinung des Verfassers nicht erst, wer ungerecht handelt, sondern
schon derjenige, der die Möglichkeit hätte, mit Hilfe seines Reichtums
Gutes zu tun, dies aber unterlässt.
Nach alledem ist Reichtum für den Verfasser etwas, das eingesetzt werden
kann (und muss), um Gutes zu tun, um Menschen das Leben und Überleben
zu ermöglichen, um Tod (5,6!) zu verhindern. Wo das nicht geschieht
und stattdessen Reichtümer gehortet werden, da wirken diese tödlich,
und zwar sowohl für die Besitzer/Besitzerinnen als auch für diejenigen,
denen sie vorenthalten werden.
Die Einheitsübersetzung macht leider nicht genügend deutlich,
dass Jakobus auf sehr beklemmende Weise von der tödlichen Wirkung des
Reichtümerhortens spricht: Der Reichtum ist vermodert, die Kleider
wurden von Motten zerfressen, Gold und Silber sind verrostet (5,23).
Dies betrifft nicht erst die Zukunft, sondern ist schon so. Es ist, als
würde der Verfasser auf das Wesen all der Dinge, die die Menschen anhäufen,
hindurch sehen: dass sie vergänglich sind und nicht das halten, was
sie versprechen, und dass sie und dies ist viel schlimmer Tod
in sich bergen, weil sie nicht dazu eingesetzt wurden, Menschen das Leben
zu ermöglichen.
Damit kommt die Dimension des Gerichts ins Spiel. Bei Gott ist es weder
normal noch ist es ihm egal, dass so etwas geschieht. Vor Gott verhallt
der Schrei derer, die ihrer Lebensgrundlage beraubt wurden, nicht ungehört
(5,4). Das zeigt, dass die Perspektive des Gerichts im Grunde eine Hoffnungsvorstellung
der Armen und Ohnmächtigen ist. Diese haben keine Möglichkeiten,
ausser buchstäblich alles von Gott zu erwarten. Gott hört
ähnlich wie es in der Exodusgeschichte erzählt wird ihr
Rufen. Vor Gott geht weder das Leid der Armen noch das Unrecht der Täter
verloren. Wie sehr es beim vorenthaltenen Lohn nicht einfach um ein Kavaliersdelikt
geht, sondern um Leben und Tod, zeigt nochmals drastisch V. 6, der von der
Verurteilung und Tötung des Gerechten spricht. Damit klingt das Motiv
des «Leidenden Gerechten» an, das in der Interpretation sowohl
für das leidende und bedrängte Volk als auch für das Leiden
und Sterben Jesu offen ist. So lässt sich vielleicht paraphrasieren:
Wo die Armen nicht zu ihrem Recht kommen, dort wird Jesus noch einmal verurteilt
und getötet.
Der Text lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Er
hilft noch heute, sowohl individuelles wie strukturelles Unrecht zu entlarven.
Wo allein die Gewinnmaximierung handlungsleitendes Prinzip ist, dort geraten
schnell einmal ethische Prinzipien in den Hintergrund mit fatalen
Folgen für die, auf deren Kosten das geschieht. Gefragt sind wir hier
in vielerlei Hinsicht: Als Einzelpersonen, insofern wir Besitz unser Eigen
nennen und diesen lebensermöglichend einsetzen können oder nicht.
Als Mitglieder von Kirchgemeinden, die sich zum Beispiel fragen lassen müssen,
wofür sie ihr Geld ausgeben, oder auch, wo und wie sie ihr Geld anlegen.
Und schliesslich als Bürgerinnen und Bürger einer Wirtschaftsmacht,
die in weltweite Zusammenhänge verstrickt ist, durch die immer mehr
Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Natürlich sind die Zusammenhänge
komplex. Und natürlich gibt es keine einfachen Rezepte. Doch weder
die Kapitulation vor der Komplexität noch das Sich-lähmen-Lassen
von Schuldgefühlen hilft weiter, sondern zementiert die Zustände,
wie sie sind. «Da kann man nichts machen» das ist nach
Dorothee Sölle einer der gottlosesten Sätze überhaupt.
Herausfordernd bleiben die biblischen Impulse dadurch, dass sie kompromisslos
die Bedürfnisse der Armen zum Massstab des Handelns machen. Himmelschreiendes
Unrecht kann auf diese Weise nicht einfach gerechtfertigt oder schöngeredet
werden, auch nicht dadurch, dass der Markt nun einmal dieses oder jenes
fordere. Die Welt ist so lange nicht in Ordnung, wie Menschen unter die
Räder kommen. Mindestens so lange ist solidarisches Handeln gefragt.
Die Autorin: Die promovierte Theologin Sabine Bieberstein leitet auf der Bibelpastoralen Arbeitsstelle das Projekt «Jahr der Bibel 2003» in der Schweiz.
Literatur: Franz Segbers, « So lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit» (Jes 26,9). Bibel Ökonomie Ethik, in: Kuno Füssel/Ders. (Hrsg.), « So lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit». Ein Arbeitsbuch zu Bibel und Ökonomie, Luzern 1995, 287330.
Jak 5,16 in verschiedenen Übersetzungen lesen.
Mit Dtn 24,14, Sir 31,111; 34,2427 vergleichen. Inwiefern kann Reichtum tödlich sein?
Einen Aktionsplan (persönlich, für die Gemeinde, die Kirche o.Ä.) aufstellen: Wie können wir solidarisch(er) mit dem umgehen, was wir haben?