37/2003 | |
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Lesejahr B |
Kennen Sie das auch? Sobald man einen näheren Blick in manche Pfarrei
oder Kirchgemeinde wirft, möchte man am liebsten davonlaufen. Da gibt
es Gruppierungen, die einander bekämpfen und schon gar nicht mehr miteinander
reden, da gibt es Machtkämpfe, Mobbing, Verleumdungen und Ausgrenzungen.
Die Gründe sind meist komplex und von aussen oft kaum zu durchschauen,
aus der Sicht der jeweiligen Konfliktparteien jedoch plausibel und nicht
zu überwinden. Rivalität und Konkurrenz, unterschiedliche Kirchenbilder,
verschiedene Vorstellungen von dem, was «christlich» ist, die
Unfähigkeit, Konflikte zu benennen und fair auszutragen all das
und viel mehr mag hinter solchen Kämpfen stehen. Die Folgen sind meist
verheerend: Menschen werden frustriert oder zutiefst verletzt und kehren
der Kirche schlussendlich den Rücken, weil sie ihre Glaubwürdigkeit
verloren hat.
Der Verfasser des Jakobusbriefs scheint mit ähnlichen zerstörerischen
Praktiken konfrontiert zu sein. Er gebraucht drastische Worte für das,
was er wahrnimmt: Krieg Streitigkeiten Kämpfe Mord
(4,13). Was er da diagnostiziert, sind für ihn aber keinesfalls
Gegebenheiten, mit denen man «eben leben muss». Sondern er versucht
die Gründe dafür bei den Beteiligten selbst zu finden: in ihrer
Zerrissenheit, Unaufrichtigkeit, den falschen Absichten und so weiter. Darauf
versucht er zu reagieren und etwas anderes dagegen zu setzen.
Durch die Zusammenstellung des Lesungstextes kommt das eben angedeutete
Problem der Streitigkeiten in den Horizont der beiden Arten von Weisheit,
die der Verfasser in 3,1318 einander gegenüberstellt. Der Lesungstext
beginnt mit 3,16 mitten in diesem Abschnitt und verbindet so das Thema der
Weisheit (3,1618) mit dem Problem der Konflikte in den Gemeinden (4,13).
Zwei verschiedene Arten von Weisheit kann der Verfasser erkennen: eine Weisheit,
die nicht von oben kommt (3,15), und eine Weisheit, die von oben kommt (3,17).
Mit der ersten Art von Weisheit verbindet der Verfasser Verhaltensweisen
wie Ehrgeiz, Eifersucht, Prahlerei (3,14) oder auch Kriege, Streitigkeiten,
Leidenschaften, wie er die Vorwürfe in 4,1f. fortsetzt. Das zeigt,
dass der Verfasser «Weisheit» und auch «Wahrheit»
(3,14!) nicht als dogmatische Glaubenssätze versteht, die man für
wahr halten muss. Vielmehr zeigen sich Wahrheit und Weisheit in einem entsprechenden
sozialen Verhalten. «Ob eine Gemeinde in der Wahrheit ist, entscheidet
sich daran, ob sie als Gemeinde oder als Gruppenbildung existiert»
(Hoppe 83). Wo die falsche Weisheit herrscht, dort gibt es Eigennutz, man
bleibt verhaftet in den alles bestimmenden Sachzwängen, man kommt nicht
heraus aus Unrecht und Gewalt. Das schadet den Menschen, der Gemeinde und
bringt letztendlich auch wieder Gott selbst in Misskredit (vgl. schon Jak
12).
Dem stellt der Verfasser die Weisheit «von oben» entgegen. Damit
meint er die Sphäre Gottes oder auch den Himmel. Wie so oft im Jakobusbrief
steht dabei das Buch Jesus Sirach im Hintergrund: «Alle Weisheit stammt
von Gott, und ewig ist sie bei ihm Er hat sie geschaffen, geschaut und gezählt,
sie ausgegossen über alle seine Werke» (Sir 1,1.9). Jesus Sirach
ist es auch, der in einem wunderbaren Gedicht die Weisheit preist, die «aus
dem Munde Gottes» hervorgegangen ist, sich auf der Erde niedergelassen
hat, nun wächst und gedeiht wie Palmen und Oleanderbüsche, die
Menschen lockt mit ihren Düften und sie einlädt, von ihren Früchten
zu geniessen (Sir 24,122).
Solche Früchte der Weisheit erkennt der Jakobusbrief zum Beispiel in
dem Frieden schaffenden Handeln, von dem er in 3,18 spricht. Und wer sich
von solchen Früchten nährt, so kann man den Gedanken weiter ausziehen,
wird den «Kampf der Leidenschaften» (4,1) überwinden, der
die Herzen spaltet. Wer sich von solchen Früchten nährt, wird
die Zerrissenheit in sich (4,8) heilen und zu jener Ganzheit finden, die
für den Verfasser des Jakobusbriefs so wichtig ist. Das hat Auswirkungen
nicht nur auf die Einzelnen, sondern auf das Miteinander der Gemeinde insgesamt.
Es ist nicht leicht, über diesen Text zu schreiben oder zu predigen,
ohne zu moralisieren. Denn die Perspektive des Jakobus ist eindeutig: Er
hat Leute vor Augen, die sich seiner Meinung nach als Lehrer aufspielen
(3,1), die einander verleumden, verurteilen und über andere richten
(4,1112), die streiten und so die Gemeinde und Gott selbst in Verruf
bringen. Es ist klar, dass dies abzulehnen ist. Da liegt es nahe, die Perspektive
des Jakobus einzunehmen, solche «Fälle» in der eigenen
Umgebung zu diagnistizieren und ihnen die Worte des Jakobus vor Augen zu
führen, damit sie in sich gehen und sich ändern.
Aber ist es immer so klar, wer auf der «richtigen» Seite steht?
Im Fall des Jakobusbriefs kennen wir nur die Stimme des Jakobus, nicht jedoch
die Stimmen derer, die noch an solchen Konflikten beteiligt waren. Vielleicht
hätten sie die Situation ganz anders beschrieben. Es ist also immer
Vorsicht bei zu schnellen Urteilen und Verurteilungen angebracht.
Dennoch sind die Lösungsvorschläge des Jakobus voller Herausforderungen
für heute. Besonders hat es mir das Frieden schaffende Handeln aus
3,18 angetan, das sich von den Früchten der Weisheit nährt, jener
Weisheit, die als lauter, friedlich, voller Erbarmen, aufrichtig und vieles
mehr beschrieben wird (3,17f.). Wer sich von Erbarmen getragen weiss, wird
selbst barmherzig mit anderen umgehen, wer sich von einer friedvollen Weisheit
nährt, wird selbst fähig zum Frieden, und so weiter. Das legt
die Grundlage zu einer Konfliktkultur, die die «anderen» nicht
rechthaberisch vernichten muss, die aber auch nicht vorschnell ein christlich-harmonisierendes
Mäntelchen über offensichtliche Streitpunkte hängt und so
produktive Auseinandersetzungen verhindert. Nicht zuletzt den Kirchen täte
es gut, eine wirkliche Konfliktkultur einzuüben, bei der Menschen nicht
auf der Strecke bleiben, bei der aber auch nicht von vorneherein feststeht,
wer Recht hat.
Gegen die Verbissenheit und Rechthaberei in manchen (nicht nur kirchlichen)
Konflikten tut ein Blick auf jene sinnlich-lebensvolle Weisheit aus dem
Buch Jesus Sirach (Sir 24) gut, die tanzend, duftend und wohlschmeckend
zur Gerechtigkeit «verführt» und mit ihrer Lebendigkeit
Verknöcherungen aufweichen und erstarrte und verborgene Kräfte
zum Frieden freisetzen kann.
Die Autorin: Die promovierte Theologin Sabine Bieberstein leitet auf der Bibelpastoralen Arbeitsstelle das Projekt «Jahr der Bibel 2003» in der Schweiz.
Literatur: Rudolf Hoppe, Jakobusbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar Neues Testament 15), Stuttgart 1989.
Das Weisheitslied Sir 24,122 miteinander lesen und mit Symbolen, Bildern, Düften, Früchten usw. gestalten. Was lösen diese Bilder in mir aus? Welche Dimensionen in mir sprechen sie an? Welche Sehnsüchte wecken sie?
Jak 3,164,1 lesen und zur sinnlich-lebensvollen Weisheit aus Sir 24 in Beziehung setzen. Was verändert sich bei der Bewältigung von Konflikten, wenn jene lebendige Weisheit ins Spiel kommt?
Die Früchte miteinander teilen und dabei Konflikte überdenken, in die die Gruppe oder Einzelne verwickelt sind. Wo sind Alternativen zu den bisherigen Konfliktkonstellationen zu entdecken? Welche Frieden schaffenden Kräfte kann ich bei mir und bei den anderen erkennen? Was nährt mich in diesen Konflikten, und wie wirkt sich das auf mein Konfliktverhalten aus?