33-34/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Es gibt Texte, von denen man wünscht, sie würden nicht in der Bibel stehen. Auf mein lautes Nachdenken, ob eine Parodie wohl die richtige Weise wäre, diese Lesung zu kommentieren, antwortete eine Kirchgängerin: Nein, uns wurde mit diesem Text so viel Unrecht getan! Also keine Parodie.
Wir befinden uns im zweiten Teil des Epheserbriefes. Die allgemeinen
Mahnungen, die der Haustafel vorausgehen, sind wirklich allgemeine Mahnungen.
Sie raten, gängigen hellenistischen (jüdischen und nichtjüdischen)
Tugenden zu folgen und ebenso gängigen Untugenden den Rükken zu
kehren. Keine dieser Mahnungen ist spezifisch christlich. Christlich ist
ihre Verankerung.
Nun kommt die Praxis an die Reihe. Sie beginnt ermutigend mit dem Aufruf
zur gegenseitigen Unterordnung. Aber: «Die Beziehungen zwischen Männern
und Frauen, zwischen Vätern und Kindern, zwischen Herren und Sklaven
blieben durchaus einseitige Beziehungen mit sehr einseitigen Unterordnungen.
Zwar formulierten unsere Tafeln die Beziehungen als wechselseitige Beziehungen,
aber sie taten dies nicht grundsätzlich anders als wertkonservative
hellenistische Ethiker auch» (Luz, 174).
Spätestens hier, wo der Autor oder die Briefschreiberin den Schritt
von den gängigen Tugenden zur gängigen Praxis tut, zeigt sich
die Problematik des Verfahrens. In der Haustafel wird das, was sich gehört,
werden Ordnungen, so wie sie sind, christlich verankert. Immer in Bezug
auf den Hausherrn (pater) werden die Rollen der Untergebenen abgesteckt
(Patriarchat) und mit einem christologischen Bild vertieft: Ehefrau, Kinder,
Sklavinnen und Sklaven werden auf Grund von Geschlecht, Alter oder Klasse
zur Unterordnung angehalten.
Es gibt drei verschiedene Argumente, die patriarchale Unterwerfung, die
in der Haustafel gefordert wird, zu verteidigen:
Alle drei Versuche, die Haustafeln zu retten, arbeiten darauf hin, die
Unterdrückung bestimmter Gruppen in Vergangenheit und Gegenwart theologisch
zu rechtfertigen. Aufgrund ihrer Natur als Frauen, Kinder oder Sklaven/Sklavinnen
seien Menschen dazu vorgesehen, sich anderen Menschen zu unterwerfen. Deutlich
kommt dies ausgerechnet bei der Liebe zum Ausdruck, die in diesem Brief
als in Gott gegründet so eine grosse Rolle spielt. Diese Liebe ist
das Privileg von Ehemännern. Ehefrauen lieben nicht, sie fürchten.
Haustafeln sind eine Stimme in einer grundlegenden, vielstimmigen Diskussion,
die von Beginn an die Kirche prägt: Wie kann die frohe Botschaft gelebt
werden? Eine andere Stimme spricht vom Zusammenleben und Beten, das nicht
gesellschaftlichen Machtverhältnissen verpflichtet ist (Gal 3,28),
sondern dem Geist der Liebe, der bestehende Strukturen auch verwandeln kann.
Die Pauluskorrespondenz ist unablässig mit dieser christlichen Herausforderung
beschäftigt. Die Idee der Gleichstellung unterschiedlichster Menschen
und ihre konkreten Umsetzungen sind ebenso wie ihre Gegenstimmen mitnichten
eine moderne Erscheinung. Deshalb ist gegen die verbreitete Entschuldigung,
dieser Text sei in der damaligen Zeit plausibel und akzeptabel gewesen,
energisch Einspruch zu erheben. Es gab auch vor 2000 Jahren Wünsche,
dass alle in Freiheit und Würde leben dürfen und nicht gängigen
Herrschaftsstrukturen unterworfen werden; es gab Lieder, die diesen Wünschen
Kraft gaben; es gab und gibt Versuche, danach zu leben.
«Die Bibel ist ein Dokument der Befreiung, aber auch des Versuchs,
die Fülle von Gottes Gegenwart in der Geschichte zu leugnen. Dem revolutionären
Umsturz aller Herrschaftsformen, die sich auf eine Hierarchie von Klassen,
Rassen und Geschlechtern stützen, widersetzen sich jene, deren eingewurzelte
Interessen diese Revolution angreift, und dieser Widerstand formt einen
Teil der biblischen Sammlung selbst. Als Feministinnen dürfen wir niemals
unsere Exegese von all den Kämpfen um Befreiung trennen, und wir müssen
bei unseren Bemühungen um eine befreiende Exegese in der Zeit der Abfassung
des Kanons ansetzen» (Thistlethwaite, 258). Spätestens.
«Es hat eine Zeit gegeben, da du nicht Sklavin warst, erinnere dich Du sagst, du hast die Erinnerung verloren Mach eine Anstrengung, um dich zu erinnern. Oder notfalls, erfinde» (Wittigs, 84).
Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Bertold Brecht, Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt a.M. 1967; Franz Mussner, Der Brief an die Epheser, (Ökumenischer Taschenbuchkommentar 10), Gütersloh 1982; Susan Thistlethwaite, Missbrauch führt zu Misshandlung (Epheser 5,2133), in: Eva Renate Schmidt u.a. (Hrsg.), Feministisch gelesen, Bd. 1, Stuttgart 31990, 253259; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen, Würzburg 2000; Monique Wittigs, in: Judith Plaskow, Und wieder stehen wir am Sinai, Luzern 1992.
Lieber gar nicht lesen, wenn keine gründliche vielstimmige Auseinandersetzung möglich ist.
Wie werden Herrschaftsverhältnisse, die auf Kosten anderer gehen, gerechtfertigt oder entschuldigt? Den Text mit den Fragen aus Brechts «Darstellung von Sätzen in der neuen Enzyklopädie» lesen:
Eigene Unterdrückungserfahrung, die als selbstverständlich
gilt? Was wäre ein erster Schritt zur Veränderung?
Beteiligung an Unterdrückung, die als selbstverständlich gilt?
Was wäre ein erster Schritt zur Veränderung?
Woran sind Christinnen und Christen zu erkennen? Was bestimmt ihr Denken
und Handeln? Wie wirkt sich der Glaube im konkreten Handeln aus? Was bedeutet
für Christinnen und Christen «gelingendes Leben»? Und gibt
es einen Unterschied gegenüber dem Lebensentwurf andersgläubiger
Menschen?
Solche und ähnliche Fragen treiben nicht erst uns Heutige um, sondern
sie gehören zum Christsein von Anfang an. Es sind die Themen, um die
sich auch der Jakobusbrief rankt, dem vier der Lesungen der kommenden Sonntage
entnommen sind.
Geschrieben an der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert n. Chr., stellt sich
der Verfasser des Jakobusbriefes in die Tradition des «Herrenbruders»
Jakobus. Er unterscheidet sich jedoch von jenem historischen Jakobus, den
man am ehesten als einen «Tora-Theologen» (Frankemölle)
bezeichnen könnte, durch seine weisheitlich ausgerichtete Theologie.
In der Art jüdischer Weisheitslehrer gibt er Weisungen für ein
gelingendes Leben an die «zwölf Stämme, die in der Zerstreuung
leben» (Jak 1,1).
Wen er mit der Anrede «Zwölf Stämme» vor Augen hat,
ist nicht (mehr) genau auszumachen. Sicher ist, dass die so Angesprochenen
in persönlichen und gesellschaftlichen Konflikten standen, die der
Verfasser als so typisch für die christliche Existenz ansieht, dass
er den Brief als eine Art Rundbrief mit allgemeinem Anspruch schreibt. Dass
er seine Adressatinnen und Adressaten als «Zwölf Stämme»
anspricht, zeigt, wie sehr er sie im Horizont des Judentums versteht und
interpretiert. Sie scheinen zudem ihre Situation als die von Minderheiten
empfunden zu haben, die verstreut in der damals bekannten bewohnten Welt
lebten. Ihre «Fremdheit» inmitten ihrer Umgebung rührte
daher, dass sie auf Grund ihres Glaubens ihr Leben verändert hatten:
sei es, dass sie andere ethische Massstäbe an vieles anlegten als ihre
Umgebung, sei es, dass sie nicht mehr an Opferfeiern oder gesellschaftlichen
Anlässen teilnahmen, sei es, dass sie aus anderen Gründen als
«anders» empfunden wurden. Umso dringender aber stellte sich
für sie die Frage, warum sie denn unbedingt so anders sein mussten,
ob es vielleicht nicht doch bequemere Weisen des Lebens gab, und worin sie
sich nun genau von ihrer Umgebung unterschieden. Der Brief reagiert auf
diese Konfliktsituation und versucht, Denk- und Handlungsmöglichkeiten
aufzuzeigen und sowohl auf das Selbstverständnis wie auch auf das praktizierte
Christsein der Angesprochenen einzuwirken.
Wie sehr der Verfasser dieses Einwirken auf seine Leserinnen und Leser
für nötig hält, zeigen die VV 2122, die in der Mitte
unseres Lesungstextes zu stehen gekommen sind. Markanter als in der Einheitsübersetzung
klingt V 22 bei Luther: «Seid aber Täter des Worts und nicht
Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.» Offenbar gab
es schon damals das Problem, dass Christinnen und Christen sich zwar so
nannten, vielleicht auch grosse Worte schwangen, dass dies aber keine spürbaren
Konsequenzen für ihr Handeln hatte. Gegen jeden Versuch, das Hören
des Wortes oder den Glauben vom Tun zu trennen, betont der Jakobusbrief
die untrennbare Einheit der beiden Dimensionen. Die Alternative ist für
ihn nicht: Glauben oder Werke, sondern er stellt einen Glauben ohne Werke
einem Glauben mit Werken gegenüber. Hören und Tun, Glauben und
Handeln gehören für ihn zusammen.
Warum ist das so? Wird Glaube dadurch nicht zu einer besseren Ethik verkürzt?
Für Jakobus liegt die Antwort in Gott selbst verborgen: Gott selbst
stattet Christinnen und Christen mit guten Gaben aus und befähigt sie
zum Guten (VV 1718). Damit stellt der Jakobusbrief eine grosse Zusage
vor die ethischen Forderungen. Ganz ähnlich wird im Dekalog zuerst
die Befreiungstat Gottes genannt, bevor die Weisungen der «10 Gebote»
beginnen: «Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Ägypten
geführt hat, dem Sklavenhaus. Du sollst» (Ex 20,2f.). Aus der
Erfahrung der Befreiung folgt ein neues und verwandeltes Handeln, das dieser
Befreiung entspricht. Auch die Bergpredigt ist ähnlich aufgebaut. Auch
hier stehen am Anfang die Zusagen der Seligpreisungen, bevor die ethischen
Weisungen beginnen (Mt 57).
Ebenso steht im Jakobusbrief Gottes Handeln an den Menschen am Anfang. Es
ermöglicht christliche Existenz und christliches Handeln erst. Der
Jakobusbrief stellt dieses helle und positive Bild von Gott zum einen gegen
die Vorstellung, dass Gott in undurchschaubarer, willkürlicher Weise
in Versuchung führe und so die Menschen in die Sünde und schliesslich
in den Tod treibe (V 13). Schuld und Sünde kommen nach dem Jakobusbrief
allein aus der menschlichen Freiheit (VV 1415).
Zum zweiten ist das positive Gottesbild im Schöpfungsglauben verwurzelt.
Gott hat die Welt zum Guten geschaffen und die Menschen entsprechend mit
der Fähigkeit zum Guten ausgestattet bzw. «geboren» (V
18). Auf diese Wirklichkeit gilt es zu vertrauen und dieser Wirklichkeit
gilt es im Denken und Handeln zu entsprechen (V 21). Wenn Christinnen und
Christen nicht entsprechend handeln, wird Gott selbst un-glaub-würdig.
Was sich der Verfasser unter einem solchen Tun, das der Wirklichkeit Gottes
entspricht, vorstellt, zeigt er im dritten Teil des Lesungstextes auf (V.
27). Die Sorge für Witwen und Waisen kann im Alten Testament gerechtes
Handeln im Sinne Gottes regelrecht zusammenfassen. Denn Witwen und Waisen
sind der Inbegriff derer, die des Schutzes, der Fürsprache und der
materiellen Unterstützung durch andere bedürfen, weil ihnen selbst
die Macht und die Ressourcen fehlen, für sich selbst aufzukommen. Gott
selbst wird als einer dargestellt, der auf das Klagen der Witwen und Waisen
hört (Ex 22,22) und ihnen selbst zu ihrem Recht verhilft (Dtn 10,18;
Ps 68,6). Es ist derselbe Gott, der nach Hos 6,6 sagt: «Barmherzigkeit
will ich, nicht Opfer!» Danach zu handeln heisst, nicht nach den Mechanismen
und Sachzwängen der «Welt» (V 27) zu funktionieren, nach
denen Machtlose und Arme unter die Räder kommen.
Es liegt ein grosser Ernst in den Weisungen dieses Briefes. Es ist nicht egal, wie Christinnen und Christen an sich selbst, an anderen und in der Welt handeln. Denn mit dem Handeln der Christinnen und Christen steht letztlich Gott selbst zur Disposition. Das zeigt, dass es viel zu kurz greift, «religiös/spirituell» gegen «sozial/ethisch» oder eine «vertikale Dimension» gegen eine «horizontale Dimension» des Glaubens auszuspielen. Es gibt nach dem Jakobusbrief keinen «reinen» Gottesdienst, der sich selbst genug wäre, sondern Dienst an Gott ist stets mit Dienst an den Menschen verbunden. Ein Glaube, der sich im sonntäglichen Gottesdienstbesuch oder auch im eifrigen Bibellesen erschöpft, ist nach Jak kein Glaube. Zweifellos ist das damals wie heute eine ungeheure Herausforderung. Aber der Jakobusbrief zeigt, dass die Kraft dafür von Gott selbst kommt.
Die Autorin: Die promovierte Theologin Sabine Bieberstein leitet auf der Bibelpastoralen Arbeitsstelle das Projekt «Jahr der Bibel 2003» in der Schweiz.
Literatur: Hubert Frankemölle, Der Brief des Jakobus. Kapitel 1, (Ökumenischer Taschenbuch-Kommentar zum Neuen Testament 17/1), Gütersloh/
Würzburg 1994.
Auf ein Plakat die Worte «Glauben» und «Handeln» schreiben und Sätze finden, die das Zueinander der beiden Worte zum Ausdruck bringen oder in Frage stellen.
Jak 1,72,27 im Zusammenhang lesen und die Sätze des Lesungstextes markieren. Was sollen die Angesprochenen tun? Was hat Gott damit zu tun?
Besinnung: Wo zeigt sich mein Glaube in meinem Handeln? Was möchte ich in nächster Zeit konkret verändern?