29-30/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Der Epheserbrief ist zweifellos nicht von Paulus verfasst.
Der erste Satz der Lesung fällt deshalb besonders auf. Nicht nur die
Autorität des Apostels im Allgemeinen, sondern sein Leiden für
die frohe Botschaft im Besonderen wird in die Waagschale geworfen, um den
folgenden Sätzen ein besonderes Gewicht zu verleihen. Mit diesem Gewicht
beginnt die zweite Briefhälfte mit den Empfehlungen, Erklärungen
und Mahnungen zum Zusammenleben in der Gemeinde. Sie werden als Vermächtnis
des Apostels dargestellt.
Das Leben der Gemeindemitglieder muss ihrer Berufung entsprechen. An diesen
ersten Sätzen der Paränese wird der Raum deutlich, in dem das
gute Zusammenleben wirksam werden soll. Es ist die christliche Gemeinde.
Ethische Unterweisung nach dem Epheserbrief hat nicht den Einzelnen oder
die Einzelne im Blick in ihrer Weisheit, Tugend, Vollkommenheit und ihrem
Glück. Ebenfalls ist sie nicht auf die Welt ausgerichtet. Die Welt
liegt sozusagen vor der Haustür: Gegen sie muss man sich abgrenzen;
ihr öffnet man sich mit missionarischen Absichten. Die Überlegungen
zum rechten Verhalten sind also in doppelter Hinsicht unmodern. Es gibt
darin kein Interesse dafür, was die Einzelnen (auch moralisch) gut
können oder was den Einzelnen gut tut. Zweitens ist die Kirche nicht
der Ort, wo Moral gelehrt und gelernt wird, die dann draussen in der Welt
wirksam werden soll, sondern sie ist Schule und Tatort zugleich. Die Regeln
gelten in der christlichen Gemeinschaft und für sie.
Das zentrale Stichwort ist Einheit und Einssein. Die Eins-Aussagen sind
sorgfältig gegliedert: Verse 4 und 5 enthalten je 3 solche Eins-Aussagen.
In Vers 6 wird eine längere Einheitsaussage dreiteilig ausgeführt.
Vom letzten Vers her sind diese Einheitsaussagen als liturgischer Zuruf
zu lesen (Röm 11,36; 1 Kor 8,6.12,6). Die Form zeigt, dass es hier
nicht um distanzierte Belehrung geht. Es ist Tatort und Tatzeit: Die Hörer
und Leserinnen sollen ihr Leben und Beten, hier und jetzt, aus dieser Einheit
verstehen und entsprechend handeln. In den paulinischen Vorlagen sind Leib,
Geist, Hoffnung, Glaube und Taufe nie Gegenstand solcher liturgischen Zurufe.
Die Akklamation wird im Epheserbrief also ergänzt durch Kirchenbilder.
Die Gemeinde ist der Ort, an dem Christus Gestalt gewinnt. Christi Leib
ist beseelt von Gottes Geist, der ein Geist des Friedens ist.
Stimmt die Behauptung, dass es hier nicht um Kadavergehorsam und Einheitsbrei
geht? Sie stimmt. Das Koordinatensystem der Verse ist das Verhältnis
der Gemeindemitglieder untereinander, nicht unter einander. Und es orientiert
sich am Wertesystem der radikalen Gnade. Keine einzige dieser Einheiten
kann hergestellt werden, alle sind schon da. Sie können «nur»
bewahrt werden.
Unter der radikalen Gnade kann es bei diesem «Bewahren» nicht
um einen Minimalkonsens gehen und nicht um Vorschriften, wer wie was zu
bewahren hat. Es ist auch nicht die Einmütigkeit der Gleichgesinnten.
Ein-Herz-und-eine-Seele-Spleen mag Menschen in ihrem Gutsein stützen.
Aber darum geht es nicht. Es geht um den Grund, das objektive Moment im
Glauben.
Was dieser Grund ist, lesen wir vielfältig in den Evangelien, den Briefen
und der Offenbarung des Johannes. Es ist keine Doktrin, sondern eine frohe
Botschaft, die in verschiedensten Dialekten und Sprachen gesprochen und
damit erst sichtbar wird, wie die Pfingstpredigt des Petrus zeigt.
Unser Text enthält nicht zufällig viele Tätigkeitswörter.
Auf Grund der revolutionären Gnade wird die christliche Gemeinschaft
ein bewegter Ort des Heiles. In der Milde und Langmut und im Aushalten derer,
die auch noch dazugehören, wird Einheit Gottes erfahrbar.
...
...
(Bruners, aus der Meditation zu Epheser Vierzweibissieben)
Literatur: Wilhelm Bruners, Senfkorn Mensch. Biblische Meditationen, Düsseldorf 1986, 6472; Ulrich Luz, Der Brief an die Epheser. Übersetzt und erklärt von Ulrich Luz, in: J. Becker, U. Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser, Göttingen 1998 (NTD 8/1), 107180.
Für eine Kindergruppe: Text lesen. Moralwörter (demütig, friedfertig) auf A4-Bogen schreiben. Die Kinder sollen ihnen Farben zuordnen.
Von Paulus erzählen, wie er im Gefängnis war, und von den Leuten, die unter seinem Namen Briefe geschrieben haben. Die Farbenkette betrachten. Frage: Warum schreibt jemand diese Zeilen im Namen des Paulus? Was verstehen wir von diesen Sätzen?
Alle malen ein Bild von ihrem Glauben. Nun werden die einzelnen Bilder zu einem grossen Patchwork zusammengesetzt.
Wort gestaltet Leben. Unsere Lesung hat eine hohe Meinung vom Denken, von der Lernfähigkeit der Menschen und ihrem Veränderungspotential. Muss aber deshalb alles schlecht sein, was vorher war? Der Text baut keine Brücken. «Vorher» war Chaos, Unwissenheit und Bosheit. «Nachher» ist alles gut und neu. Diese Chance zum Neuanfang könnte heutige Leserinnen und Leser neidisch machen. Einfach ein neuer Mensch sein und radikal, ganz neu anfangen. Das wärs! Allerdings: Die negative Darstellung des Alten könnte aus einer Karikatur über Konvertiten und Konvertitinnen stammen, die alles, was früher war, schlecht machen müssen. Können wir uns heute trotzdem? von der Energie zur Erneuerung anstecken lassen?
Wenn wir den Text von hinten anschauen, dann liest er sich wie eine Relecture
des ersten und jüngeren Schöpfungsberichtes (Gen 1,26). Dort ist
der Mensch, nach dem Bild Gottes neu geschaffen. Und es ist gut so.
Vor der guten Schöpfung war Irrsal und Wirrsal. Tohuwabohu. Das könnte
auf die Beschreibung der «Heiden/Heidinnen» im Lesungstext passen,
die für Unordnung und Verwirrung stehen. Diese undifferenzierte Disqualifizierung
ist ein rhetorisches Mittel, um den radikalen Neuanfang herauszustreichen.
Könnte es sein, dass die Menschen vor und nach der Taufe gar nicht
so anders gewesen sind? und dass genau deshalb hier eine so krasse
Abgrenzung verwendet wird?
Im Schöpfungsbericht steht am Anfang das Wort. In unserer Lesung scheint
dieses Wort in den Begriffen Vernunft, Denken, Sinn auf. Chaotisches (=
heidnisches) Denken ist biblisch gesprochen , wenn Menschen in
ihrem Herzen (dem Sitz des Denkens, 18c) nicht wahrnehmen, wem sie sich
verdanken. Im Neuen Testament ist dieser Gedanke in Röm 1,1923
nachzulesen. Eine jüdische Parallele findet sich in Weih 13f. Die Negativfolie
«Heiden/Heidinnen» ist bemerkenswert. In manchen «heidnischen»
Philosophien ist nämlich die Weigerung, Gott zu erkennen, der Grund
allen Übels genau wie in unserem Text. Diese Erkenntnis meint
nichts Theoretisches, Abgehobenes, sondern das Herz jeder Praxis. In der
antiken Rhetorik war klar: Wort gestaltet Welt. Reden wollen Menschen zu
einem konkreten Verhalten anstiften. Wünschen, Denken und Wollen prägen
das Handeln. Darum beginnt auch unser Abschnitt mit der Vernunft und setzt
dem nichtigen Denken eine schöpferische Denkbewegung das Kennenlernen
Christi entgegen.
Dieser Unterricht und dieses Lernen beziehen sich zuerst auf Christus, dann
auf die geschichtliche Person Jesus (2122). Die Vorordnung Christi
lässt sich aus der Schöpfungstheologie der Lesung verstehen. Christus
ist das Wort, präexistent und schöpferisch, vor der Inkarnation,
aber nicht ohne sie.
Auffällig an unserm Text ist auch, wie Formulierungen aus der Taufliturgie
aufgenommen werden. Der alte Mensch wird abgelegt und der neue Mensch angezogen.
Hier haben wir aber keine Taufkatechese vor uns. Die Adressatinnen und Adressaten
sind getaufte Gemeindemitglieder. Die Aufforderung, sich vom heidnischen
(chaotischen) Leben zu trennen, das trügerischen Begierden folgte,
scheint deplatziert. Das ist doch in der Taufe schon geschehen! So steht
es jedenfalls in der Vorlage zu unserem Text, in Kol 3,10. Dort fordert
die Erinnerung an die Taufe (das Ablegen des alten Menschen) zu einem neuen
Leben heraus.
Hier aber scheint die Wandlung in der Taufe nicht besiegelt, sondern erst
in Gang gekommen. Die Unabgeschlossenheit dieser Erneuerung ist auch an
den Verbformen abzulesen. Dem alten Menschen wird der Rücken gekehrt
(Partizipien charakterisieren ihn) der neue Mensch wird in den Blick
genommen (Infinite). Im Alten Orient gab es Vorstellungen von der Schöpfung
als Prozess: Das Chaos ist nicht besiegt durch die einmalige Schöpfung.
Jeden Tag wird die Schöpfung, die Leben ermöglicht, dem Chaos
entrissen. Jeden Tag wird die Welt neu geschaffen. Im Schöpfungszusammenhang
gelesen spricht der Epheserbrief hier von der kreativen, täglich erneuerten
Mitarbeit der Menschen an der neuen Schöpfung, die sie selber sind.
So, wie das bewegliche Wort Gottes am Anfang der Schöpfung steht, so
beginnt die menschliche Kooperation mit der Erkenntnis Gottes. Laster und
Tugenden müssen nicht detailliert aufgeführt werden. Es geht hier
nicht ums Gutsein und Richtigmachen. Es geht darum, dass sich das Denken,
der Sinn, die Vernunft, der Geist auf den Schöpfungs- und Taufprozess
einlassen. Sie sollen sich an der wahren Gerechtigkeit und Heiligkeit orientieren
(24). Sie sollen an gerechten Beziehungen zwischen den Menschen arbeiten
und Gott preisen.
Das Wort in uns bestimmt unseren Alltag im Zusammenleben miteinander und im Glauben. Das schöpferische Wort ist nie Besitz, sondern immer neu zu lernen, zu sprechen und zu leben. Dorothee Sölle nennt es: «Genauer wünschen lernen».
Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Ulrich Luz, Der Brief an die Epheser. Übersetzt und erklärt von Ulrich Luz, in: J. Becker, U. Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser, Göttingen 1998 (NTD 8/1), 107180; Dorothee Sölle, fliegen lernen, Berlin 1986, 71; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.