27-28/2003

INHALT

Lesejahr B

Das ganze Leben: Ein Lobpreis

Regula Grünenfelder zu Eph 1,3-14

 

Auf den Text zu

Das Sommerloch ist (oder war einmal) die Zeit der fehlenden Nachrichten. Zeitungen druckten Kuriositäten und bliesen Geschichtchen auf, um das Loch zu stopfen. Das Sommerloch ist aber auch die Zeit, in der viele Leute Gelegenheit haben, grundsätzliche Fragen anzuschauen oder endlich Bücher zu lesen. Der Epheserbrief passt ins Sommerloch. Er lässt keine drängenden Alltagsfragen erkennen wie etwa die Korintherbiefe. Unser Schriftstück greift aus einer gewissen Ruhe heraus grundlegende Themen des christlichen Zusammenlebens auf. Die sechsteilige sommerliche Lesungsreihe zum Epheserbrief beginnt nicht mit Erklärungen oder guten Ratschlägen, sondern mit dem Lied, das auch den Brief selber eröffnet.

Mit dem Text unterwegs

Dieser Hymnus am Anfang beginnt mit der alten jüdischen Gebetsformel: «Gepriesen (sei) Gott...». Sie findet sich öfters im Neuen Testament, beispielsweise im Lobgesang des Zacharias (Lk 1,68) oder in 2 Kor 1,3. In diesem Eröffnungslied werden alle Themen ins Gebet genommen, die dann später im Brief in einer theologischen Erklärung oder einer Mahnung aufgegriffen werden. Vor allem aber kommt ein grundlegender Zuspruch zum Tragen: Leben ist Lobpreis.
Dorothee Sölle schrieb einmal, dass sie sich nicht so sehr Gedanken macht, ob ihre Enkel und Enkelinnen auch genug beten werden. Dass sie aber Zeit finden mögen, das Leben zu loben, das wünscht sie ihnen von Herzen.
Loben ist ein Schlüssel zu unserem Lied. Im Loben bekennen und erkennen wir, was wir Gott alles verdanken:

Es ist schon alles da, heisst es also am Anfang des Briefes. Wenn es nachher um theologische Zusammenhänge, um Strukturen und Hierarchien geht, dann darf dies nicht vergessen werden. Am Beginn steht eine revolutionäre Gnade. Wir müssen uns nicht selber gut finden ­ wir sind gesegnet. Wir müssen keine Argumente für uns suchen und unsere Stärke nicht ausspielen ­ wir sind auserwählt. Wir müssen uns nicht rühmen und nicht verdammen ­ wir sind aus Liebe angenommen. Wir können uns selber loslassen ­ wir sind erlöst.
Wenn wir gar nichts müssen, dann entsteht ein Loch. Das Loch in der Aktivität, im Rechtfertigen, Gutfinden und Verdammen schenkt Zeit und Raum zum Loben. Das ist der Ort des Lobes Gottes. Nicht das Bemühen um sich selber, sondern das Lob Gottes aller ist Mitte und Ziel des Lebens (6.12.14):
«Ein alter Gedanke trägt unsere Gebete und macht sie möglich: Sie haben teil am grossen objektiven Werk des Lobes Gottes, das die ganze Schöpfung singt Der Katholik hat eine neue Sehnsucht gelernt, sich einzufügen in den grossen Gesang aller, auch der Engel. Er will nicht mehr allein sein, und er ist der Authentizität müde, wenn auch der Zeitgeist schäumt. Er will mit vielen singen, er will die Gesänge wiederholen, die ihn schon einmal getröstet und über die Abgründe getragen haben. Er will seine eigene zittrige Stimme bergen in das grosse Lob der Welt. Er fragt nicht mehr danach, ob sein Herz auch fromm genug dazu ist; ob auch alles echt ist und ob auch alles von innen kommt. Er schüttet die Tränen seines Glücks und seiner Trauer in das grosse Meer des Lobes Gottes, das nicht ohne ihn besteht, aber schon lange vor ihm und noch lange nach ihm» (Steffensky, 22f.).
Das ganze Lied besteht aus einem einzigen Mammutsatz. Bis zu Vers 12 spricht ein «wir» und verkündet, was Gott «uns» alles in Christus Gutes getan hat. «Wir» sind die Christen und Christinnen mit jüdischen Wurzeln. In Vers 13 und 14 geht der Blick dann auf die Adressatinnen und Adressaten. «Wir» singen also den anderen von der Gnade Gottes vor. Die Hörer und Leserinnen nichtjüdischer Herkunft werden eingeladen mitzusingen. Auch sie sind einbezogen in die Verheissungen. Jene, die später kommen und anders sind als die Vorsänger und -sängerinnen, gehören auch dazu ­ zu den gleichen Bedingungen. Auch sie müssen nicht zuerst richtig handeln und recht glauben, sondern können zuerst ins Lob einstimmen.
In der Mitte des Liedes geht es um die Erlösung durch Jesus Christus. Alle Anfänge und Enden des Lebens sind von Gott umfangen. So ist es auch mit Jesus von Nazaret. Sein Ursprung liegt ­ wie übrigens jener des jüdische Messias und der Gemeinde Israel auch ­ im Ungrund Gottes. Jesus, der Christus verbindet die zerbrochene Welt. Christus ist die Quelle der Einheit. In ihm finden Menschen, Himmel und Erde.
Die Kirche aus jüdischen und nichtjüdischen Menschen, die sich um diese Mitte gruppiert, ist kein Produkt des Zufalls, sondern eine Gemeinschaft, die aus der Ewigkeit und der Liebe Gottes kommt. Das entlastet sie davon, ihr Selbstverständnis aktiv irgendwo zu suchen und vielleicht gar in Abgrenzung von anderen oder voneinander zu formulieren.

Über den Text hinaus

Hymnen wie dieses Epheserlied sind keine dogmatischen Konzentrate, sondern Lieder. Und als Lieder sind sie keine schwärmerischen Loblieder, sondern Lied gewordene Theologie. Unser Lied findet einen Sinn in der Welt als Ganzer. Dieser Zusammenhalt ist nicht militärisch oder wirtschaftlich begründet, sondern wurzelt im Ungrund der Liebe Gottes. Hören wir dieses Lied heute, dann passen vielleicht einzelne Sprachbilder dem einen oder der anderen nicht. Bestimmt ist es wichtig, in neuen Worten und Liedern zu loben. Aber die Einladung, sich in den alten Lobliedern zu bergen, sollte nicht leichtfertig ausgeschlagen werden. Sie verstehen es nämlich, den Mund voll zu nehmen. Sie trauen sich, das grosse Ganze zu benennen und die Einzelnen darin vorkommen zu lassen. «Grossmäulige» Loblieder sind in Zeiten von Sachzwängen und Nutzenrechnungen dringend nötig.

 

Literatur: Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.


Er-lesen

In die Kirche gehen, im Kreis um den Altar sitzen. Den Text zuerst laut vorlesen. Dann im Kreis lesen: Jemand beginnt mit einem Wort oder Sinnzusammenhang, dann folgt die nächste Person. Den Text zwei- bis dreimal kreisen lassen.

Er-hellen

Gespräch über die Wirkung des Textes. Was haben wir daraus behalten? Liegt uns diese «barocke» Sprache, oder ist sie uns ganz fremd? Der Vergleich mit einem Liebeslied könnte einen Zugang zum Hymnus eröffnen.

Er-leben

Werkstattbetrieb: Eine Gruppe versucht, sich dem Lied mit Instrumenten und Summen zu nähern. Eine zweite könnte den Text in die heutige Sprache umschreiben ­ mit der Aufgabe, ebenso «grossmäulig» zu sein wie die Vorlage. Eine dritte Gruppe könnte das Lob auf ein grosses Papier malen. Die Elemente in den Gottesdienst aufnehmen.


Vom Heimatrecht in der Kirche

Regula Grünenfelder zu Eph 2,13-18

 

Auf den Text zu

«Er riss die trennende Wand der Feindschaft nieder.» «Er stifete Frieden.» In eindringlichen Worten verkündet der Epheserbrief das Programm des Paulus.

Mit dem Text unterwegs

Der Epheserbrief stammt nicht von Paulus selber, ja, es handelt sich wahrscheinlich gar nicht um einen «richtigen» Brief, sondern um eine Predigt. Auch war das Schreiben wohl ursprünglich nicht an Ephesus adressiert.
Das Dokument stammt von einem frühchristlichen Lehrer (einer Lehrerin?) der nachapostolischen Generation. Ort und Zeit der Abfassung können nur vage bestimmt werden. Ein Anhaltspunkt bietet der Kolosserbrief, von dem unser Schreiben literarisch abhängt. Schon er wurde nicht von Paulus verfasst. Kol 1,24 bildet vielleicht den ersten Versuch, den Märtyrertod von Paulus theologisch zu verarbeiten. Die Theologie der Ehe und der Ämter im Epheserbrief deutet auf ein spätes Abfassungsdatum gegen Ende des 1. Jahrhunderts hin. Da kein Hinweis auf eine Verfolgungssituation zu erkennen ist, gilt die Zeit vor dem Beginn der domitianischen Verfolgung (96 n. Chr.) als spätester Termin. Als Herkunftsort des Schreibens wird Kleinasien angenommen, das Wirkungsgebiet des Paulus, und konkreter: die Stadt Ephesus. Wie sehr sich der unbekannte Autor/die Autorin der Theologie des Paulus verpflichtet fühlt, zeigt sich gerade in der heutigen Lesung.
Thema ist die Einheit der Kirche aus jüdischen und heidnischen Mitgliedern. Diese grundlegende Gestalt der Kirche wird nicht abstrakt und theoretisch behandelt, sondern erinnert (11). In den Versen davor verhalf die Erinnerung an die Taufe (2,1­10) der einzelnen Person zu einer Geschichte. Nun soll die gemeinsame Erinnerung an die jüdischen Wurzeln und die Gleichstellung der ehemaligen Fremden die Gemeinschaft stärken. Nicht zufällig werden deshalb an dieser Stelle die Hörer und Leserinnen des Epheserbriefes (erstmals im Brief) als ehemalige Heiden und Heidinnen angesprochen. Sie sollen sich nicht mehr als Fremde und Zugezogene verstehen, sondern haben Heimatrecht in der Kirche.
Auf den ersten Satz der Lesung (13), der die Hörerinnen und Leser als ehemalig «Ferne» anspricht, die nun in die Nähe gekommen sind, folgt ein Christuslob. Zuerst wird sein Wesen beschrieben: Er ist unser Friede. Grundlage dieses Titels ist die Verheissung eines endzeitlichen Friedens bei den Propheten. Christus ist der Friedensfürst, von dem Micha 5,4 spricht, oder Herold des Friedens, wie Jes 52,7 sagt. In diesem Friedensbringer wird «Friede den Fernen und den Nahen» (Jes 57,19) geschenkt. Die unbekannte Person, die den Epheserbrief verfasst hat, spielt zweimal auf diese Jesajastelle an (13 b.c, 17) und hebt durch die Rahmung das Mittelstück dieser Christusdarstellung hervor.
Das Bild von der trennenden Wand ist im Frühjudentum geläufig. In Spr. 28,4 heisst es: «Diejenigen, die das Gesetz lieben, errichten um sich herum eine Mauer.»
Mauern haben zwei Seiten. Eine Mauer schützt von der einen Seite den persönlichen Lebensbereich und die Identität. Auf der anderen Seite kann sie feindliche Gefühle auslösen. Genau dies war das Dilemma der jüdischen Speisegesetze. Sie ermöglichten es einer Minderheit, die eigene Lebensweise vor dem kulturellen Druck der römisch-hellenistischen Welt zu schützen, andererseits verhinderte sie Tischgemeinschaft mit anderen Menschen guten Willens. In Christus sollen nun alle füreinander offen sein, ohne die Hoffnung und Gott zu verlieren ­ ein hoher Anspruch.
Auf die zerstörerische Tat des Niederreissens muss der Aufbau des Friedens folgen. Der Aufbau ist schöpferisch. Deshalb erinnert der Text an die Schöpfungsgeschichte: Aus zwei wird eins. In der Genesis heisst es: «Gott schuf den Menschen. Als Mann und Frau schuf er sie.» Der neue Mensch, der sich hier zeigt, ist kein Einheitsmensch. Die Vielfalt wird vorausgesetzt: Erst zusammen sind wir Mensch. Als neuer Mensch im Plural haben wir ungeahnte Möglichkeiten, Fremdheiten und Feindschaften hinter uns zu lassen und den Frieden anzunehmen, für den Christus kam und den er verkündete (17).

Über den Text hinaus

Der Epheserbrief bedient sich einer gesellschaftlich-politischen Sprache, um das volle Bürgerinnen- und Bürgerrecht aller in der Kirche zu beschreiben. In der Kirche soll sich im Namen Christi verwirklichen, wovon das römische «Friedens»reich weit entfernt war: Ein entzeitlicher Friede verheisst Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur in der Kirche unterschiedslos die gleichen Bürger- und Bürgerinnenrechte und -pflichten. Die Feindschaft, nicht die Vielfalt wird überwunden, wie der abschliessende Satz bestätigt. Dort ist immer noch von «beiden» die Rede.
«Erst zusammen sind wir Mensch, und ich glaube daran, dass wir erst in der Gesamtheit aller Möglichkeiten menschlichen Lebens Menschen sind ­ dass erst, wenn die Behinderten, Schwarzen, Homosexuellen, Ausländer/Ausländerinnen und wer nicht noch alles sich ins herrschende Konzept der Wirklichkeit eingetragen haben, diese Wirklichkeit eine menschliche Wirklichkeit wird. Dieser Prozess ist nicht abschliessbar, weil wir nicht wissen, wer sich noch alles zu Wort melden wirdOhne die Marginalisierten, Menschen nicht nur im Plural, sondern in der Mehrheit derer, die irgendwie aus dem allzu engen Rahmen der Normalität gefallen sind, verarmt die menschliche Wirklichkeit. Sie verarmt um die menschliche Lebensmöglichkeiten, die ins Spektrum ÐMenschenð gehören und deren Ausgrenzung allen ­ wirklich allen ­ Beteiligten Angst macht vor der Welt jenseits ihres Gärtleins, vor der Zukunft, den anderen Wirklichkeiten, vor dem Leben» (Wilhelm, 165).

 

Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Ulrich Luz, Der Brief an die Epheser, (NTD 8,1), Göttingen 1998, 105­180; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000; Dorothee Wilhelm, Männer. Annäherung an eine Randgruppe, in: Max Küchler, Peter Reinl (Hrsg.), Randfiguren in der Mitte. Hermann-Josef Venetz zu Ehren, Luzern 2003, 158­167.


Er-lesen, Er-hellen

Text lesen. Mit den Teilnehmenden herausarbeiten, wer die Nahen sind (und bleiben), und wer die Fernen, die in die Nähe gekommen sind. Deutlich machen, dass die Verschiedenheit bis zum Schluss Teil des Menschseins ­ auch in Christus ­ ist. Gespräch über Unterschiede und Gleichstellung.

Er-leben

Stellwand aufstellen. Zwei Gruppen bilden. Eine Gruppe notiert auf ihre Seite Stichworte zur Abgrenzung, die für sie wichtig sind (Wohnungstür abschliessen wegen Einbruchgefahr, Schule mit begrenztem Ausländer-/Ausländerinnenanteil, Tochter vom Trampen abhalten). Die andere Gruppe notiert Stichworte zur Aussensicht (Kein Zugang zu wichtigen ökonomischen Entscheidungen, die Reichen bunkern sich in ihren Privathäusern ein).
Die Gruppen schauen sich die Stichworte gegenseitig an, ergänzen sie vielleicht. Dann nehmen sie die beiden Plakate und zerreissen sie. Im anschliessenden Suchgespräch im Kreis kommen die Emotionen zu diesem «Verriss» und der nächste Schritt des schöpferischen Aufbaus (Stichwort «neuer Mensch») zur Sprache.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003