26/2003

INHALT

Lesejahr B

Wenn ich schwach bin, bin ich stark

Dieter Bauer zu 2 Kor 12,7-10

 

Auf den Text zu

Wenn ich mit einer Reisegruppe in der Türkei «Auf den Spuren des Paulus» unterwegs bin, besuche ich in Ankara, der alten Hauptstadt der Galater, die Überreste des römischen Augustustempels. An der Aussenwand dieses Tempels, der bereits stand, als der Apostel Paulus in Galatien unterwegs war, findet sich eine interessante Inschrift:
Der römische Kaiser Augustus zählt dort alle seine Leistungen und Verdienste auf. In 35 Kapiteln blickt der Kaiser auf seine militärischen und politischen Erfolge zurück, die er zwischen seinem 19. und 76. Lebensjahr gefeiert hat. Anschliessend wird ein Überblick über seine Leistungen für das Gemeinwohl gegeben, der vermutlich von den lokalen Behörden verfasst worden ist.
Diesen langen Text lasse ich dort immer vortragen. Er nimmt kein Ende, und die Reiseteilnehmerinnen und -teilnehmer sind regelmässig «erschlagen» von der Wucht dieser «Einzelleistung». Im Anschluss daran trägt jemand die «Narrenrede» des Apostels Paulus (2 Kor 11,16­12,13) vor, welcher der heutige Lesungstext entnommen ist: «Was ich hier sage, sage ich ... sozusagen als Narr im falschen Stolz des Prahlers. Da viele Menschen im Sinn dieser Welt prahlen, will auch ich einmal prahlen. Ihr lasst euch die Narren ja gern gefallen, ihr klugen Leute. Denn ihr nehmt es hin, wenn euch jemand versklavt, ausbeutet und in seine Gewalt bringt, wenn jemand anmassend auftritt und euch ins Gesicht schlägt. Zu meiner Schande muss ich gestehen: Dazu bin ich allerdings zu schwach gewesen...» (11,17ff.).

Mit dem Text unterwegs

Die beissende Ironie in diesem Paulustext ist nicht zu überhören. Wir wissen zwar nicht, ob er tatsächlich direkt auf Dokumente wie die Kaiserinschriften Bezug nimmt, aber auffällig ist schon, dass er in ganz ähnlicher Art und Weise seine eigenen «Leistungen» anpreist. Heisst es zum Beispiel in der Kaiserinschrift: «Zweimal habe ich den Triumph gefeiert in Form der Ovation und dreimal in Form des kurulischen Triumphs; einundzwanzigmal wurde ich zum Imperator ausgerufen ... Wegen der von mir oder von meinen Feldherrn unter meinem Oberbefehl zu Wasser und zu Lande erfolgreich geführten Feldzüge beschloss der Senat fünfundfünfzigmal ein Dankfest für die unsterblichen Götter. Die Tage aber, an denen auf Beschluss des Senats Dankfeste gefeiert wurden, waren 890 an der Zahl... Konsul war ich dreizehnmal...», so schreibt der Apostel Paulus wie zum Hohn: «Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreissig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blösse» (11,24­27).
Paulus macht sich zum Narren. Wo andere ihre Stärke und ihre Siege anpreisen, «prahlt» er mit seiner Schwäche und seinen Niederlagen.
Natürlich ist sein Brief nicht an den «göttlichen» Kaiser gerichtet, sondern an Leute, die sich ebenso aufführen wie «kleine Götter», Leute, die sich über andere erheben und mit ihren Verdiensten prahlen. Offensichtlich hat es in der korinthischen Gemeinde Leute gegeben, die sich viel eingebildet haben auf ihre religiöse Herkunft («Hebräer», «Israeliten», «Kinder Abrahams»; 11,22), ihren Einsatz für die Gemeinde («Diener Christi»; 11,23) und ihre Gottesbeziehung («Erscheinungen und Offenbarungen»; 12,1). Paulus hält dem entgegen, dass sich nur Narren dessen rühmen, ja, dass er aus eigener Erfahrung weiss, dass so etwas widersinnig ist. Er, der selber genügend Grund hätte, sich auf seine mystischen Gotteserfahrungen ­ und die hatte er offenbar (12,2­5) ­ etwas einzubilden, wurde von Gott «zurechtgestutzt»:
«Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestossen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe» (12,7). So deutet Paulus ein immer wiederkehrendes Leiden, eine Krankheit (?), von der er immer nur sehr verhalten spricht (Gal 4,13f.). Aber es muss furchtbar gewesen sein, und immer wieder hatte er um Heilung gebetet: «Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse» (12,8).
Die Antwort, die er auf seine Gebete erfährt, ist bezeichnend: «Er (der Herr) aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit» (12,9). Wieder einmal soll er ganz von sich absehen, ganz von Gott her leben, und das soll seine eigentliche Stärke sein. Das ist paradox, gerade auch heute, wo uns unsere individuellen Eigenheiten und Stärken so wichtig sind. Aber mit diesem Paradox hat Paulus gelebt. Und er hat die Konsequenz gezogen. «Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» (12,9f.).

Über den Text hinaus

Geht das überhaupt: die eigene Ohnmacht bejahen, Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste um eines höheren Zieles willen in Kauf zu nehmen?
Nicht jeder von uns ist ein Paulus. Und den Ohnmächtigen zu sagen, sie sollten ihre Ohnmacht in Kauf nehmen, ist der blanke Zynismus. Aber die Starken einmal «zurechtzustutzen», ihnen nicht nur ihre Grenzen, sondern auch Wege aufzuzeigen, wo sie ihre Stärken sinnvoll einsetzen können, darum ginge es. Paulus hat sich selbst immer zu den «Starken» gerechnet (z.B. 1 Kor 8), deshalb konnte er auch auf manches verzichten. Aber wir erfahren auch, dass er das «auf die harte Tour» lernen musste.

 

 

Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Jacob Kremer, 2. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 8), Stuttgart 1990; Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 8), Würzburg 31994.


Er-lesen

Miteinander besprechen: Worauf können wir uns wirklich verlassen, wenn es «hart auf hart kommt». Wer oder was hilft uns da?

Er-hellen

Miteinander 2 Kor 11, 21b­28 lesen. In welcher Situation befindet sich Paulus? Wogegen wehrt er sich wohl? Dann 2 Kor 12,1­6 zusammen mit dem Lesungstext 2 Kor 12,7­10 lesen. Wie deutet Paulus seine Krankheit («Stachel»), und welche Konsequenzen zieht er für sein Leben?

Er-leben

Auf einem Plakat steht der Satz. «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» (2 Kor 12,10). Jeder/Jede schreibt seine/ihre Assoziationen zu diesem Satz auf das Plakat. Anschliessend Austausch.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003