25/2003

INHALT

Lesejahr B

Höchstleistungen und Trophäen

Hans A. Rapp zu 2 tim 4,6-8.17-18

 

Auf den Text zu

Spitzensport hat etwas Religiöses an sich. Dieses Religiöse liegt nicht nur an den immer wiederkehrenden Ritualen des Sports oder an der selbstvergessenen Hingabe, die er geradezu einfordert. Das Religiöse des (Spitzen-) Sports liegt auch darin, dass die Spitzensportler und Spitzensportlerinnen daran arbeiten, die Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, zu erweitern. Diese Verbindung ist heute kaum mehr bewusst. Sportliche Ereignisse schenken uns Abstand vom Alltag in Beruf und Familie, sie lassen uns unsere alltägliche Welt vergessen. In der Lesung aus dem zweiten Brief an Timotheus nimmt der Briefschreiber im Rückblick auf das Leben des Apostels Paulus Anleihen aus der Welt des Spitzensports. Was meint der Briefschreiber mit diesem Bild? Stellt der Glauben an uns die Forderung, Höchstleistungen zu vollbringen? Ist die Nachfolge Christi mit Spitzensport vergleichbar?

Mit dem Text unterwegs

Die beiden Briefe an Timotheus sowie der Brief an Titus geben sich als Briefe des Apostels Paulus an zwei seiner Gefolgsmänner. Das gibt ihnen Autorität. Vergleicht man sie mit den anderen Paulusbriefen, stellt sich heraus, dass sie von einem anderen Verfasser stammen, der eine bestimmte Lesart bzw. eine bestimmte Deutung der vielschichtigen und schillernden paulinischen Theologie vertritt. Formal will der zweite Timotheusbrief eine Art Testament des Apostels an seinen vorbildlichen Gefolgsmann und Nach-Folger Timotheus sein, der sich mit einer Fülle von alternativen Lehren oft spekulativer Natur auseinander zu setzen hat (2 Tim 2,14­18; 3,6­9), gegenüber der der Briefschreiber eine pragmatische «rechte» Lehre und Praxis etablieren möchte (2,8­13.19­26). Der Brief interpretiert diese Situation als Zeichen der nahenden Endzeit (3,1­5). Damit werden aber auch emanzipatorische Anliegen abgewehrt: etwa das von Frauen nach einer verantwortungsvollen Position innerhalb der Gemeinden (2 Tim 3,6­9; vgl. 1 Tim 2,9­15; Tit 2,4f.) oder der Sklaven nach gesellschaftlicher Veränderung (1 Tim 6,1­2; Tit 2,9f.).
Im Leseabschnitt dieser Woche blickt der fiktive Paulus zurück auf sein Leben. Er rechnet damit, als Opfer dargebracht zu werden (4,6), und bewertet im Anschluss daran sein Leben. In diesem Zusammenhang greift er mit dem guten Kampf und dem Lauf zwei Metaphern für seine Existenz auf, die wir auch aus den authentischen Paulusbriefen kennen.
Damit gelingt dem Verfasser des Textes eine gute Charakterisierung des Lebens des Apostels Paulus, der sich rastlos für Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden und Heidinnen einsetzte (2 Tim 4,17; vgl. etwa Röm 1,5). Paulus selbst hat seine Existenz immer wieder im Bild des Wettkämpfers gedeutet. Er kommt in seinem ersten Brief an die Gemeinde von Korinth darauf zu sprechen. Wie im zweiten Timotheusbrief wendet er in 1 Kor 9,24­27 das Bild des Spitzensportlers auf seine Tätigkeit an. Wie im Timotheusbrief stellen auch im Korintherbrief zwei Disziplinen das Vorbild des Einsatzes von Paulus: der Läufer im Stadion (1 Kor 9,24.26) und der Faustkämpfer (9,26). Für Paulus steht in diesem Abschnitt allerdings weniger die Schnelligkeit, die Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, der Sieg über die Konkurrenten oder die Lust an der Leistung im Vordergrund, sondern der Gedanke, dass der Spitzensportler sich gänzlich auf sein Ziel hin ausrichtet, sich daran orientiert und alles andere unterordnet. Für Paulus besteht der Siegespreis des «Wettkampfes» im Kampf selbst (1 Kor 9,18). Ein zweites Mal kommt die Metapher im Brief an die Gemeinde von Philippi vor (Phil 3,14). Hier sagt der Apostel von sich, dass er dem Siegespreis nachjagt, der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus schenkt. Einige Sätze später spricht er auch vom «Kranz» (Phil 4,1). Gemeint ist die Gemeinde von Philippi, über die sich Paulus uneingeschränkt freut.
Das Motiv des Verzichts um des Zieles willen steht auch hinter der Metapher des Sportlers in den Timotheusbriefen. In 1 Tim 6,12 ruft der Verfasser des Briefes Timotheus dazu auf, den guten Kampf des Glaubens um des Zieles willen zu kämpfen. Für den Verfasser des Timotheusbriefes liegt die Belohnung nicht im Tun selbst, sondern, wie der Zusammenhang nahe legt, im ewigen Leben, das dem christlichen «Athleten» zuteil wird. Anders als bei den authentischen Paulusbriefen wird hier im Zusammenhang mit dem Wettkampf und dem Lohn von der bevorstehenden Wiederkunft Christi gesprochen (1 Tim 6,14­16). Auch im zweiten Timotheusbrief ist vom Heil in Christus und der ewigen Herrlichkeit als Siegespreis die Rede (2,5.10). In 2 Tim 4,8 ist daraus der «Kranz der Gerechtigkeit» geworden, den der Herr Paulus und den echten Gläubigen am Ende der Tage verleihen wird. Ein Blick in die endzeitlich geprägte Offenbarung des Johannes macht deutlich, dass sich die Voraussetzungen seit Paulus gründlich verändert haben. Auch hier wird vom verheissenen Siegeskranz gesprochen, der denen winkt, die dem Glauben treu bleiben (vgl. Apk 2,10). Das Christentum steckt mitten in schweren inneren und äusseren Krisen. In dieser Situation wird die Treue zum überlieferten Glauben und die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi wichtig. Experimente werden aufgeschoben.

Über den Text hinaus

Christliche Existenz als Spitzensport. Diese Beschreibung hat nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. Gemeint ist nicht pausenloser Aktionismus, wie ihn die gegenwärtige Gesellschaft vorschreibt. Gemeint ist vielmehr damit, dass der christliche «Athlet» bzw. die christliche «Athletin» alles auf sein/ihr Ziel hin ordnet. Nicht der ausgepowerte Spitzenseelsorger oder die zerrüttete Pfarreirätin ist das Ideal, sondern der oder die, die das Evangelium glaubwürdig lebt. Dieses glaubwürdige Leben und die glaubwürdige Verkündigung muss jeder Christ und jede Christin für sich selbst finden. Wenn sie authentisch sind, können wir wie Paulus den Lohn für unseren Einsatz im Einsatz selbst finden.

 

Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).

Literatur: Lorenz Oberlinner, Die Pastoralbriefe.

2. Kommentar zum zweiten Timotheusbrief, (Herders theologischer Kommentar zum Neuen Testament 11/2), Freiburg i. Br. 1995; Ulrike Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus ­ domestizierte Frauen, in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, München/Gütersloh, 1998, 661­675.


Er-lesen

Lesen Sie 2 Tim 4,6­8 durch und sammeln Sie die Begriffe, die darin vorkommen, auf einem Plakat. Notieren Sie die Assoziationen, die Ihnen dazu kommen.

Er-hellen

Nehmen Sie sich Zeit, und betrachten Sie die Assoziationen zu den Begriffen auf dem Plakat. Nun hat jeder Gesprächsteilnehmer und jede Gesprächsteilnehmerin drei Punkte zur Verfügung: Er versieht diejenigen Begriffe mit einem oder mehreren Punkten, über die er oder sie sich mit den anderen austauschen will. Die Gruppe spricht über die drei Begriffe, die die meisten Punkte erhalten haben.

Er-leben

Nehmen Sie sich unter der Woche ein- oder zweimal eine halbe Stunde Zeit, und überlegen Sie sich folgende Fragen: Welches sind meine übergeordneten Ziele. Wie ist mein Leben auf diese Ziele hin geordnet?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003