25/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Spitzensport hat etwas Religiöses an sich. Dieses Religiöse liegt nicht nur an den immer wiederkehrenden Ritualen des Sports oder an der selbstvergessenen Hingabe, die er geradezu einfordert. Das Religiöse des (Spitzen-) Sports liegt auch darin, dass die Spitzensportler und Spitzensportlerinnen daran arbeiten, die Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, zu erweitern. Diese Verbindung ist heute kaum mehr bewusst. Sportliche Ereignisse schenken uns Abstand vom Alltag in Beruf und Familie, sie lassen uns unsere alltägliche Welt vergessen. In der Lesung aus dem zweiten Brief an Timotheus nimmt der Briefschreiber im Rückblick auf das Leben des Apostels Paulus Anleihen aus der Welt des Spitzensports. Was meint der Briefschreiber mit diesem Bild? Stellt der Glauben an uns die Forderung, Höchstleistungen zu vollbringen? Ist die Nachfolge Christi mit Spitzensport vergleichbar?
Die beiden Briefe an Timotheus sowie der Brief an Titus geben sich als
Briefe des Apostels Paulus an zwei seiner Gefolgsmänner. Das gibt ihnen
Autorität. Vergleicht man sie mit den anderen Paulusbriefen, stellt
sich heraus, dass sie von einem anderen Verfasser stammen, der eine bestimmte
Lesart bzw. eine bestimmte Deutung der vielschichtigen und schillernden
paulinischen Theologie vertritt. Formal will der zweite Timotheusbrief eine
Art Testament des Apostels an seinen vorbildlichen Gefolgsmann und Nach-Folger
Timotheus sein, der sich mit einer Fülle von alternativen Lehren oft
spekulativer Natur auseinander zu setzen hat (2 Tim 2,1418; 3,69),
gegenüber der der Briefschreiber eine pragmatische «rechte»
Lehre und Praxis etablieren möchte (2,813.1926). Der Brief
interpretiert diese Situation als Zeichen der nahenden Endzeit (3,15).
Damit werden aber auch emanzipatorische Anliegen abgewehrt: etwa das von
Frauen nach einer verantwortungsvollen Position innerhalb der Gemeinden
(2 Tim 3,69; vgl. 1 Tim 2,915; Tit 2,4f.) oder der Sklaven nach
gesellschaftlicher Veränderung (1 Tim 6,12; Tit 2,9f.).
Im Leseabschnitt dieser Woche blickt der fiktive Paulus zurück auf
sein Leben. Er rechnet damit, als Opfer dargebracht zu werden (4,6), und
bewertet im Anschluss daran sein Leben. In diesem Zusammenhang greift er
mit dem guten Kampf und dem Lauf zwei Metaphern für seine Existenz
auf, die wir auch aus den authentischen Paulusbriefen kennen.
Damit gelingt dem Verfasser des Textes eine gute Charakterisierung des Lebens
des Apostels Paulus, der sich rastlos für Verbreitung des Evangeliums
unter den Heiden und Heidinnen einsetzte (2 Tim 4,17; vgl. etwa Röm
1,5). Paulus selbst hat seine Existenz immer wieder im Bild des Wettkämpfers
gedeutet. Er kommt in seinem ersten Brief an die Gemeinde von Korinth darauf
zu sprechen. Wie im zweiten Timotheusbrief wendet er in 1 Kor 9,2427
das Bild des Spitzensportlers auf seine Tätigkeit an. Wie im Timotheusbrief
stellen auch im Korintherbrief zwei Disziplinen das Vorbild des Einsatzes
von Paulus: der Läufer im Stadion (1 Kor 9,24.26) und der Faustkämpfer
(9,26). Für Paulus steht in diesem Abschnitt allerdings weniger die
Schnelligkeit, die Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, der Sieg über
die Konkurrenten oder die Lust an der Leistung im Vordergrund, sondern der
Gedanke, dass der Spitzensportler sich gänzlich auf sein Ziel hin ausrichtet,
sich daran orientiert und alles andere unterordnet. Für Paulus besteht
der Siegespreis des «Wettkampfes» im Kampf selbst (1 Kor 9,18).
Ein zweites Mal kommt die Metapher im Brief an die Gemeinde von Philippi
vor (Phil 3,14). Hier sagt der Apostel von sich, dass er dem Siegespreis
nachjagt, der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus schenkt. Einige
Sätze später spricht er auch vom «Kranz» (Phil 4,1).
Gemeint ist die Gemeinde von Philippi, über die sich Paulus uneingeschränkt
freut.
Das Motiv des Verzichts um des Zieles willen steht auch hinter der Metapher
des Sportlers in den Timotheusbriefen. In 1 Tim 6,12 ruft der Verfasser
des Briefes Timotheus dazu auf, den guten Kampf des Glaubens um des Zieles
willen zu kämpfen. Für den Verfasser des Timotheusbriefes liegt
die Belohnung nicht im Tun selbst, sondern, wie der Zusammenhang nahe legt,
im ewigen Leben, das dem christlichen «Athleten» zuteil wird.
Anders als bei den authentischen Paulusbriefen wird hier im Zusammenhang
mit dem Wettkampf und dem Lohn von der bevorstehenden Wiederkunft Christi
gesprochen (1 Tim 6,1416). Auch im zweiten Timotheusbrief ist vom Heil
in Christus und der ewigen Herrlichkeit als Siegespreis die Rede (2,5.10).
In 2 Tim 4,8 ist daraus der «Kranz der Gerechtigkeit» geworden,
den der Herr Paulus und den echten Gläubigen am Ende der Tage verleihen
wird. Ein Blick in die endzeitlich geprägte Offenbarung des Johannes
macht deutlich, dass sich die Voraussetzungen seit Paulus gründlich
verändert haben. Auch hier wird vom verheissenen Siegeskranz gesprochen,
der denen winkt, die dem Glauben treu bleiben (vgl. Apk 2,10). Das Christentum
steckt mitten in schweren inneren und äusseren Krisen. In dieser Situation
wird die Treue zum überlieferten Glauben und die Hoffnung auf die Wiederkunft
Christi wichtig. Experimente werden aufgeschoben.
Christliche Existenz als Spitzensport. Diese Beschreibung hat nichts von ihrer Aktualität eingebüsst. Gemeint ist nicht pausenloser Aktionismus, wie ihn die gegenwärtige Gesellschaft vorschreibt. Gemeint ist vielmehr damit, dass der christliche «Athlet» bzw. die christliche «Athletin» alles auf sein/ihr Ziel hin ordnet. Nicht der ausgepowerte Spitzenseelsorger oder die zerrüttete Pfarreirätin ist das Ideal, sondern der oder die, die das Evangelium glaubwürdig lebt. Dieses glaubwürdige Leben und die glaubwürdige Verkündigung muss jeder Christ und jede Christin für sich selbst finden. Wenn sie authentisch sind, können wir wie Paulus den Lohn für unseren Einsatz im Einsatz selbst finden.
Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Lorenz Oberlinner, Die Pastoralbriefe.
2. Kommentar zum zweiten Timotheusbrief, (Herders theologischer Kommentar zum Neuen Testament 11/2), Freiburg i. Br. 1995; Ulrike Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus domestizierte Frauen, in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, München/Gütersloh, 1998, 661675.
Lesen Sie 2 Tim 4,68 durch und sammeln Sie die Begriffe, die darin vorkommen, auf einem Plakat. Notieren Sie die Assoziationen, die Ihnen dazu kommen.
Nehmen Sie sich Zeit, und betrachten Sie die Assoziationen zu den Begriffen auf dem Plakat. Nun hat jeder Gesprächsteilnehmer und jede Gesprächsteilnehmerin drei Punkte zur Verfügung: Er versieht diejenigen Begriffe mit einem oder mehreren Punkten, über die er oder sie sich mit den anderen austauschen will. Die Gruppe spricht über die drei Begriffe, die die meisten Punkte erhalten haben.
Nehmen Sie sich unter der Woche ein- oder zweimal eine halbe Stunde Zeit, und überlegen Sie sich folgende Fragen: Welches sind meine übergeordneten Ziele. Wie ist mein Leben auf diese Ziele hin geordnet?