21/2003

INHALT

Lesejahr B

Praxis und Bekenntnis

Hans A. Rapp zu 1 Joh 4,11-16

 

Auf den Text hin

Viele Menschen innerhalb und ausserhalb kirchlicher Lebenswelten unterscheiden zwischen Sonntags- und Werktagschristen/-christinnen. Ich habe diese Unterscheidung immer so verstanden, dass die einen ihr Christsein/Christinsein eher über Ritus und Bekenntnis definieren, während die anderen ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Heiligen eher über eine wie auch immer verstandene christliche Alltagspraxis begreifen. Der Konflikt zwischen diesen beiden Verstehensweisen des Christseins taucht in mannigfacher Form in der gesamten Kirchengeschichte auf, und ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er auch in der Gemeinde ein Thema war, an die sich der Verfasser des ersten Johannesbriefes wendet. Es ist jedenfalls auffällig, wie kunstvoll er beide Elemente des Christlichen, praktische Nächstenliebe und das Bekenntnis ineinander verwebt.

Mit dem Text unterwegs

Bleiben ist das Wort, das in der Perikope 1 Joh 4,11­16 am häufigsten vorkommt. Sechsmal findet sich das Verb menein im vorliegenden Abschnitt (4,12.13.15.16). Viermal ist das Substantiv Liebe (4,11.12.16) belegt und dreimal das Verb lieben (4,11.12). Wichtig ist aber auch eine weitere Bedeutungsachse: schauen (4,12.14), erkennen (4,13.16), bezeugen (4,14), bekennen (4,15) und glauben (4,16). Dieses Rohmaterial selbst sagt noch nicht sehr viel aus über den Textabschnitt. Achtet man auf seine Struktur, wird deutlich, wie die Begriffe aufeinander hingeordnet sind.
Der Verfasser des Textes setzt in 4,11­12 beim Zusammenhang der Liebe Gottes zu den Menschen und der Liebe der Menschen zu ihren Nächsten ein. 4,16 nimmt dieses Leitthema nochmals auf und führt es zu Ende. Die beiden Abschnitte bilden eine Klammer um die Verse 13­15, die durch die Verben erkennen, schauen, bezeugen und bekennen geprägt werden. In diesem Mittelteil geht es um die inhaltliche Bestimmung des Glaubens, um das, was geglaubt wird: dass der Vater den Sohn als Retter der Welt gesandt hat (4,14) und dass Jesus Gottes Sohn ist (4,15). Diese dogmatischen Bestimmungen des Glaubens werden durch die beiden mystischen Teile zur Liebe Gottes flankiert und damit aufeinander bezogen.
Das Verb bleiben bildet das markanteste durchgehende Element dieses Textes. Es bezeichnet das Verhältnis Gottes und des Menschen, die Gottesnähe des Menschen und die Menschennähe Gottes. Gott bleibt in «uns», wenn wir einander lieben (4,12). Der Verfasser nimmt diesen Gedanken in 4,16 in einer abschliessenden Feststellung auf, in der die Kernbotschaft des gesamten Briefes in eine Kurzformel gegossen wird:

Gott ist die Liebe.
Und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott
und Gott bleibt in ihm.

Das Verb bleiben charakterisiert auch den «dogmatischen» Mittelteil, in dem es um die theologischen und christologischen Bekenntnisformeln geht. Für den Verfasser des ersten Johannesbriefes ist das Bleiben Gottes im Menschen und das Bleiben des Menschen in Gott auch an das Bekenntnis gebunden. Mit dem Bleiben Gottes in uns und unserem Bleiben in Gott wird eine Vorstellung angesprochen, die im Ersten Testament in verschiedenen Formen eine zentrale Rolle gespielt hatte: dass Gott in seinem Volk anwesend ist. Der Name dafür, der auch im Neuen Testament aufgenommen wurde, lautet: Immanuel (vgl. Jes 7,14; vgl. Lev 26,11­12; Dtn 26,2; Ps 51,13; Ez 36,25­29). Sie erfährt in 1 Joh eine spezifische christliche Deutung.
Die Mystik der Liebe Gottes, die in der Nächstenliebe des Menschen wahrnehmbar und glaubbar wird (4,16), ist fest mit dem Bekenntnis zu Jesus, dem Sohn Gottes, verknüpft. Die Sendung Jesu durch den Vater macht den innersten Kern göttlicher Liebe aus (4,10). Erst in Jesus Christus wird Gott für uns konkret wahrnehmbar. In 1 Joh 4,12.14 wird das anhand des Verbs schauen in beinahe paradoxer Weise ausgedrückt. Während in 4,12 ausdrücklich steht, dass niemand jemals Gott geschaut hat, wird das Verb in 4,14 positiv verwendet: wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn als Retter der Welt gesandt hat. Gott wird erst in seiner Hinwendung zum Geschöpf wahrnehmbar, und diese Hinwendung Gottes zum Menschen hat ein menschliches Gesicht. In 4,12 steht neben der Feststellung, dass niemand jemals Gott geschaut habe noch ein anderer Satz. Niemand hat zwar Gott geschaut, das spielt aber für die Anwesenheit Gottes unter uns keine Rolle, denn diese Anwesenheit, das Bleiben Gottes verwirklicht sich in der Liebe zum Nächsten. Die göttliche Zuwendung vollendet sich darin. Der Weg zu Gott führt über die Nächsten.
Es geht in all diesen Texten darum, dass die letzte Heimat des Menschen Gott ist. Wie im Ersten Testament bilden auch in 1 Joh Bekenntnis und Praxis die Grenzen, innerhalb derer sich diese Gemeinschaft verwirklichen kann.

Über den Text hinaus

Wie an den anderen Stellen, meditiert der Verfasser des ersten Johannesbriefes auch an dieser Stelle auf einem Niveau hoher Abstraktion über theologische Grundfragen. Vielleicht war es gerade die schwierige Gemeindesituation, die ihn zu dieser Abstraktion veranlasste. Möglicherweise ging es ihm darum, die Leitplanken eines Konsenses zu erkunden. Dieser Konsens lässt sich durch die Dimensionen der Praxis der Nächstenliebe und durch das Bekenntnis zu Christus als dem Sohn Gottes definieren, gesandt zur Rettung der Welt. Beides, bekennender Glaube und glaubende Praxis, sind auf die Welt und unsere Nächsten ausgerichtet. In dieser Weltorientiertheit verwirklicht sich die Anwesenheit Gottes in unseren Herzen.

 

Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).

Literatur: Kerstin Ruoff, «Der erste Brief des Johannes. Du, lass dich nicht verhärten...», in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 709­714; Michael Theobald, «Der Streit um Jesus als Testfall des Glaubens. Christologie im ersten Johannesbrief», in: Bibel und Kirche 4 (1998), 183­189.


Er-lesen

Schreiben Sie den Text so auf einen Zettel, das Sie für jeden einzelnen Haupt- oder Nebensatz jeweils eine Zeile verwenden. Unterstreichen Sie die Verben und Substantive mit verschiedenen Farben, verwenden Sie aber für dieselben Verben bzw. Substantive jeweils dieselbe Farbe. Was fällt Ihnen auf?

Er-hellen

Das Leitmotiv des Textes ist das Bleiben des Menschen in Gott und Gottes Bleiben im Menschen. Welches sind im Text die Bedingungen für das Glücken dieser wechselseitigen Beziehungen? Was würden Sie aus Ihrer Sicht ergänzen?

Er-fahren

Suchen Sie sich aus 1 Joh 4,11­16 einen Satz aus, der Ihnen besonders gut gefällt, und versuchen Sie, ihn für sich in einen Bezug zu Ihrem Leben zu bringen: in welche Situation passt er hinein. Schreiben Sie für sich darüber.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003