20/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Als Westeuropäerinnen und Westeuropäer machen wir oft den Fehler, dass wir den Glauben für etwas halten, das sich im Gehirn abspielt. Glaube wird daher oft mit einem Für-Wahr-Halten-von-Glaubenssätzen verwechselt. Das hat natürlich Vorteile, da der Glaube so mess- und kontrollierbar wird. Die Zugehörigkeit eines Menschen zur Gemeinschaft der Glaubenden kann beurteilt und der bzw. die betreffende gegebenenfalls ausgeschlossen werden. Sich auf bestimmte Inhalte zu einigen kann zwar durchaus sinnvoll sein, damit wird aber nur eine Dimension einer vielschichtigen Wirklichkeit angesprochen. Auch für den Verfasser des ersten Johannesbriefes spielt der inhaltliche Glaube eine wichtige Rolle. Dieser bekenntnishaft festgelegte Seite ist jedoch nur ein Aspekt des Glaubens. In der heutigen Lesung geht es um eine tiefere Dimension. Der Text versteht Glauben als die Teilhabe an der Liebe Gottes und entwickelt dabei eine tiefe Mystik solidarischer Praxis.
«Liebe Brüder» liest die Einheitsübersetzung die
Anrede, die den Lesungstext eröffnet. Das klingt nach Sonntagspredigt.
Abgesehen davon, dass dies für den vorliegenden Kontext durchaus zuträfe,
wurden Predigerinnen und Prediger heute nicht mehr den grössten Teil
der anwesenden Gemeinde aussen vor lassen. Die Schwestern nämlich.
Wir sollten daher in der Übersetzung eher «Liebe Brüder
und Schwestern» formulieren und dem Verfasser des ersten Johannesbriefes
getrost unterstellen, dass er den weiblichen Teil seiner Gemeinde mitgemeint
hat. Die Wendung ist dennoch zu brav bzw. missverständlich. Sie gibt
den eigentlichen Sinn der Anrede nicht wieder. Im griechischen Text steht
lediglich agapetoi, Geliebte. Es ist nicht von einem Höflichkeitsverhältnis
die Rede, wie es in einem Brief an den «lieben Herrn Meyer»
oder die «liebe Frau Kunz» vorliegt, sondern von einem Liebesverhältnis.
Es sind die geliebten Brüder und Schwestern, die der Johannesbrief
anspricht. Dieses Geliebtsein ist für den Verfasser des Briefes keine
Floskel, sondern die Anrede, die den Status seines Gegenübers richtig
wiedergibt.
Der Verfasser des ersten Johannesbriefes verwendet diese Form der Anrede
mehrmals (vgl. 2,7; 3,2.21; 4,1.7.11). Im Text der heutigen Lesung erschliesst
sich der volle Sinn der Anrede. Anders als in einem Liebesbrief ist mit
dem Geliebten oder der Geliebten nicht nur das Verhältnis von Verfasser/Verfasserin
und Adressat/Adressatin gemeint. Angesprochen ist in erster Linie das Verhältnis
Gottes zu den Adressaten und Adressatinnen. Der Verfasser von 1 Joh spricht
zu Menschen, die von Gott geliebt werden und deshalb selbst liebesfähig
sind.
Der Abschnitt selbst steht in einem grösseren Kontext. 4,16 spricht
vom Bekenntnis, dass Jesus im Fleisch gekommen ist (4,2). Jeder Geist, der
dies bekennt, ist aus Gott. Wer es nicht bekennt, ist nicht aus Gott (4,3).
Das Glaubensbekenntnis ist dem Verfasser des ersten Johannesbriefes also
durchaus wichtig. Manche Stellen des Briefes verraten eine tiefe Verunsicherung
hinsichtlich der begrifflichen Deutung des Glaubens (2,1827). Ein Bekenntnis
kann vor allem in diesen Zeiten wichtig und notwendig sein. Es wirkt vor
allem gegen aussen und ermöglicht uns, die Geister zu unterscheiden.
Es stellt eine Aussenseite des Glaubens dar.
1 Joh 4,710 befasst sich demgegenüber mit der Innenseite des Glaubens.
Die drei Verse enthalten eine Dynamik, die nicht überlesen werden sollte.
Da ist zunächst die Aufforderung zur gegenseitigen Liebe. Das Gebot
der Nächstenliebe ist das Gebot schlechthin im ersten Johannesbrief
(1 Joh 2,711). In 4,710 erfährt dieses Gebot seine letzte
theologische Begründung: Die Nächstenliebe ist deshalb das oberste
Gebot, weil die Liebe selbst aus Gott ist. Die Nächsten zu lieben bedeutet
daher, in den Strom der göttlichen Liebe einzutauchen und in diesem
Sinn selbst aus Gott zu stammen.
Die umfassende göttliche Liebe führt den Menschen nicht von seinem
Mitmenschen weg, sondern auf ihn hin und damit zu Gott.
Die Liebe, die der Verfasser des ersten Johannesbriefes meint, ist kein
Abstraktum. Er umschreibt den Kern dieser Liebe in zwei Formulierungen:
Beide drehen sich um die Sendung von Gottes einzig geborenem Sohn in die
Welt. Sie ist die Grundlage unseres künftigen Lebens (4,9) und der
Sühne unsere Sünden (4,10). Diese Sendung Jesu ist selbst die
Liebe Gottes und sein innerstes Wesen. Gottes Liebe hat ein menschliches
Gesicht. Diese Liebe Gottes zum Menschen ist bedingungslos. 4,10 formuliert,
dass die Liebe nicht in unserer Liebe zu Gott bestehe, sondern umgekehrt
in der Liebe Gottes zu uns, die sich im Geschenk Jesu manifestiert. Diese
Liebe nimmt den Menschen ohne Vorbedingungen an. Sie kommt seiner Liebe
zuvor. Wer diese Liebe annimmt und sich im Strom Gottes zum Nächsten
hin mittragen lässt, trägt den Ehrentitel gerechtfertigt: Geliebter/Geliebte
Gottes und Geliebter/Geliebte seiner Nächsten.
Wir wissen nicht, ob der Verfasser des Briefes die esoterische Literatur seiner Zeit gekannt hatte. In dieser Literatur, den frühen Formen der Gnosis, führt der Weg zu Gott aus der Welt hinaus. Die Welt muss überwunden werden. Erlösung kann nur als Flucht gedacht werden. Es gibt sie nur für die Einzelnen. Erlösung führt für diese esoterischen Bewegungen vom Nächsten weg. Diese Gedanken sind gar nicht so weit von den Strömungen der modernen Esoterik entfernt. Für den Verfasser des ersten Johannesbriefes hat der Strom der Liebe, der aus Gott ausströmt, eine andere Folge. Wer den Nächsten und die Nächste liebt, der stammt selbst aus Gott. Diese Zuwendung zum Nächsten hat aber auch eine andere Richtung: Wer sich dem nächsten Menschen zuwendet, erkennt gleichzeitig Gott: «jeder, der liebt, stammt aus Gott und erkennt Gott». Den Nächsten zu lieben bedeutet, Gott zu erkennen. Gott erkennen heisst nicht, etwas für wahr halten. Es bedeutet, den Nächsten zu sehen und auf ihn zuzugehen. Der Weg zu Gott führt über den nächsten Menschen.
Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Jörg Augenstein, Das Liebesgebot im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen, (BWANT 7. Folge, Heft 14), Stuttgart u.a., 1993; Hans-Josef Klauck, «Die Liebe ist konkret oder Die Grenzen des Liebesgebots», in: BiKi 53 (1998) 176182.
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