19/2003 | |
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Lesejahr B |
Das Herz ist in unserer Kultur allgegenwärtig. Es begegnet wohl in Verbindung mit jedem nur irgend denkbaren Ort der Welt: I Untergrossklein. Es ist zu einer kulturellen Ikone geworden, deren Akzeptanz umso grösser ist, je kleiner der Inhalt. In der Form des pfeildurchbohrten Herzens mit einem oder zwei Namen von Menschen auf Bäumen, Bänken, Telefonzellen oder Klosetten verweist es auf die mehr oder minder romantischen Anfänge menschlicher Beziehungen. Mehr als die meisten anderen Symbole steht es unter dem Verdacht des Kitsches. Das Herz bildet aber auch die Schwachstelle des menschlichen (oder eher männlichen) Körpers. Gerade für Männer im besten Alter stellt sein Aussetzen die häufigste Todesursache dar. Die Lesung dieser Woche führt zum grossen Herzen Gottes. Was meint der Briefschreiber mit dieser Metapher?
Dem Verfasser des ersten Johannesbriefes ist die Praxis des Glaubens
ein wichtiges Anliegen. Ein positives Verhältnis zwischen Gott und
Mensch lässt sich nur in dieser Praxis leben. Die Umsetzung des Glaubens
in die Nächstenliebe und umgekehrt das Verstehen der Nächstenliebe
aus dem Vertrauen auf die Wirklichkeit Jesu Christi stellen die Hauptanliegen
des Briefes dar. Beides ist auch in der heutigen Lesung 1 Joh 3,1824
enthalten und eng miteinander verwoben.
Der Verweis auf die Praxis begegnet gleich zu Beginn des Textes in V. 18:
«Kinder, lasst uns nicht durch das Wort lieben und auch nicht durch
die Zunge, sondern durch Tat und Wahrheit». Es ist typisch für
den Brief, dass die Praxis nicht nur als Folge des Glaubens gesehen wird
und auch nicht unter Androhung von Strafen durchgesetzt werden soll, sondern
dass diese Tat-kräftige Liebe zur Erkenntnis führt. Dieser Ausdruck
ist für den Verfasser des ersten Johannesbriefes sehr wichtig. Er bedeutet
mehr als ein bloss kognitiver Vorgang. Erkenntnis ist in ihrer höchsten
Form die existentielle Ausrichtung des Menschen auf Gott hin und das subjektive
Bewusstsein, bei Gott aufgehoben zu sein. Neben dieser existentiell verstandenen
Gotteserkenntnis steht die nicht minder fundamentale Gottes-Liebe, die Metapher
tiefen und ganzheitlichen Verbundenseins des Menschen mit Gott. Die Fähigkeit
zur konkreten Nächstenliebe ist für den Verfasser des Johannesbriefes
der Weg, auf dem der Mensch seine Verbundenheit mit Gott zu erfahren vermag
(2,3): Wer seinen Nächsten lieben kann, der ist aus der Wahrheit. Diese
Überlegungen führen den Briefschreiber zum Kerngedanken des Abschnittes,
nach dem ich die ganze Lesung benannt habe:
«Denn wenn das Herz uns auch verurteilt,
Gott ist grösser als unser Herz
und weiss alles» (3,18).
Das Herz ist in der antiken Tradition nicht die Metapher für das
Gefühl des Menschen, zu der es heute geworden ist. Im Herzen konzentriert
und verdichtet sich die menschliche Existenz und die Existenz Gottes.
In seinen Gedanken zum selbstkritischen Herzen des Menschen und dem Herzen
Gottes vertritt der Verfasser ein sehr positives und gleichzeitig realistisches
Menschen- und Gottesbild. Realistisch ist das Bild des Menschen insofern,
als er sich an das Gebot der Nächstenliebe hält, wenn auch unvollständig.
Gott hingegen steht dem Menschen uneingeschränkt positiv gegenüber,
gerade dort, wo sich sogar der Mensch selbst «das Herz»
skeptisch beurteilt. Gottes Herz ist grösser als das Herz des
Menschen. Der Mensch weiss um seine Grenzen und um seine Schwächen.
Das gilt für die Antike genau so wie es für die Gegenwart gültig
ist. Für 1 Joh kann die eigene Existenz und das vertrauende Verhältnis
zu Gott nur dann gelingen, wenn diese Grenzen und Schattenseiten in die
Persönlichkeit des Glaubenden integriert sind: «Wenn wir sagen,
dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre,
und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen,
ist er treu und gerecht. Er vergibt uns die Sünden und reinigt uns
von allem Unrecht» (1,89). Das Christusereignis hat den Kreislauf
der Schuld durchbrochen (2,1).
Dieses Gottesbild ist tief in der alttestamentlich-jüdischen Tradition
verankert und lebt aus ihr heraus. Wenn man Texte wie Hos 11,111 liest,
wird man bemerken, dass Teile des Ersten Testament diese unbedingte und
uneingeschränkte Liebe Gottes noch weit radikaler dachten als dies
in 1 Joh der Fall ist. Gott hat sein grosses Herz nicht erst im Neuen Testament
entdeckt!
Der Mensch kann auf das Herz Gottes zählen, das immer grösser
ist als sein eigenes. Wir täten dem Verfasser des Johannesbriefes allerdings
Unrecht, wenn wir glaubten, dass unsere Praxis damit irrelevant würde.
Das ist sie auch in der ersttestamentlichen Tradition an keiner Stelle.
Wiein den Schriften Israels gibt es auch im ersten Johannesbrief eine Art
Dialektik zwischen menschlicher Verantwortung und der Gnade und Liebe Gottes.
Die Treue zur Weisung Gottes wurde immer als Weg konkreter Gottesliebe verstanden
(vgl. Dtn 6,15). Auch in der heutigen Lesung ist der Begriff der Gebote
Gottes von besonderer Bedeutung. Er steht für den Weg des Menschen
zum Bewusstsein der Liebe und Vergebung Gottes. Er wiederholt den Begriff
im zweiten Teil der Lesungsperikope (1 Joh 3,2124) viermal und gibt
in V. 23 eine sehr schöne Definition dessen, was er unter diesem Gebot
verstehen will: «Und dieses ist sein Gebot, dass wir glauben dem Namen
seines Sohnes Jesu Christi und einander lieben». Damit ist genau das
in eine christliche Sprache gebracht worden, was innerhalb des israelitisch-jüdischen
Kontextes etwa in Dtn 6,15 gemeint war. Es ist vielleicht auch kein
Zufall, dass in beiden Abschnitten vom Herzen, also vom ganzen Menschen,
die Rede ist (vgl. Dtn 6,5).
Der letzte Vers der Lesung schlägt den Bogen zurück zum Beginn
(3,1820): das Vertrauen in Jesus, den Christus und der Weg zum Nächsten
stellen den Weg des Menschen zur Versöhnung mit sich selbst und mit
Gott dar. In diesem Vers tritt nochmals die Metapher der Erkenntnis hervor,
die in den Versen 1820 so prominent ist:
«Wer seine Gebote hält,
bleibt in Gott
und Gott in ihm.
Und dass er in uns bleibt,
erkennen wir an dem Geist,
den er uns gegeben hat.»
Systematik mag nicht die Stärke und wohl auch nicht Absicht des Verfassers des Ersten Johannesbriefes gewesen sein. Mich beeindruckt jedoch, wie beharrlich er auf dem Zusammenhang von glaubender Praxis und praktischem Glauben besteht und wie er beide Seiten in den grossen Zusammenhang der Leidenschaft Gottes für den Menschen einbettet. Wir leben in einer Welt der Sieger, der Erfolgreichen, die die Fehler und Schattenseiten des Menschen, seine Bedürftigkeit nach Erlösung und Versöhnung entweder nicht wahrnehmen oder nicht verzeihen will. Die Metapher vom Herzen Gottes, das immer grösser als das Herz des Menschen ist und dessen Zweifel und Ängste in sich aufhebt, wird in der Zukunft unserer Kirche in dieser Welt wieder an Aktualität zunehmen.
Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, istBildungsleiter imHaus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Hans-Josef Klauck, Der Erste Johannesbrief, (EKK XXIII/1), Zürich und Neukirchen 1991, 214226; Franz-Joseph Ortkemper, «Gott ist grösser als unser Herz...» (1 Joh 3,1820), in: Bibel und Kirche 53 (1998) 197199.
Gliedern Sie für sich den Text in einzelne Abschnitte und geben Sie diesen eigene Überschriften. Tauschen Sie sich untereinander über Gliederung und Überschriften aus. Versuchen Sie, zu einer Einigung in der Gruppe zu kommen.
1 Joh 3,1824 spricht über das Verhältnis der Grenzen des Menschen und der Möglichkeiten Gottes. Versuchen Sie, je für sich einige dieser wichtigsten Gedanken aufzunehmen und in einer Sprache zu formulieren, die Ihre Kinder oder Enkel verstehen. Stellen Sie sich gegenseitig diese Texte vor. Sind sie gelungen? Hängen Sie die Texte an einem gut sichtbaren Ort in der Kirche oder der Pfarrei auf, und legen Sie Stifte bei, damit andere Menschen ihre Erfahrungen und Gedanken dazu schreiben können.
Wählen Sie den Satz aus der Lesung aus, der Sie am meisten anspricht, lernen Sie ihn auswendig und nehmen Sie sich am Morgen oder am Abend jeweils fünf Minuten Zeit, um über ihn nachzudenken. Notieren Sie sich jeweils einen Gedanken und bringen Sie die Sammlung der Gedanken der Woche in die nächste Bibelrunde ein.