18/2003

INHALT

Lesejahr B

Vom Sein und vom Schein

Hans A. Rapp zu 1 Joh 3,1-2

 

Auf den Text zu

Die Unterscheidung von Sein und Schein ist vielleicht eine der wichtigsten Fragen unseres Lebens. Das beginnt im Supermarkt vor dem Gemüsestand mit der Frage, welche der knallgelben Peperonis oder leuchtend roten Tomaten nach Peperoni oder Tomate schmecken könnte. Schicksalhaft wird die Frage nach Sein und Schein, wenn es um Beziehungen oder Partnerschaft geht: auf diesem Gebiet mag der eine oder die andere sich vielleicht selbst nicht ganz so sicher sein, wie viel Sein er seinem Gegenüber unter allem Schein zu bieten hat. Existentiell ist die Entscheidung für die Art des Lebens: welcher Weg ist der richtige für mich, welcher Weg vermag mich im Alter und am Ende meines Lebens noch zu tragen? Um Sein und Schein geht es auch in der Frage der Gotteskindschaft, die der Verfasser des ersten Johannesbriefes am Anfang des dritten Kapitels thematisiert. Bei der Gotteskindschaft liegt die Sache allerdings anders als bei den Peperoni: sie schaut nach aussen nach weniger aus als sie wirklich ist. Bei der Gotteskindschaft steht das Sein vor seiner Wirkung nach aussen. Das ist nicht zufällig so.

Mit dem Text unterwegs

Die heutige Lesung aus dem ersten Johannesbrief ist aus der liturgischen Einleitung zum Herrengebet bekannt. «Wir heissen Kinder Gottes und wir sind es» (1 Joh 3,1). Wie so oft bei Texten, die wir täglich oder wöchentlich hören, ist ein näheres Hinsehen spannend. 1 Joh 3,1­2 sollte zusammen mit 3,3 gelesen werden. Der Vers nimmt auf den vorhergehenden Bezug. 1 Joh 3,4 bringt mit dem Stichwort Sünde einen neuen Gedanken. Die Verse 1­2 spielen mit einer Reihe von verwandten Verben. Es geht um genannt werden, erkennen, wissen, offenbar werden und sehen. Der Gegensatz von nicht offenbar sein ­ offenbar sein, nicht erkennen ­ erkennen prägt den Text. Auf der Sachebene steht der Begriff der Kinder Gottes im Mittelpunkt. Diese Wortwahl verweist auf den Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1,12­13), wo der Gegensatz zwischen erkennen ­ nicht erkennen bzw. das Wort aufnehmen ­ das Wort nicht aufnehmen im Mittelpunkt steht. In Joh 1,12 findet sich auch das Schlüsselwort der Kinder Gottes.
Den Hintergrund von 1 Joh 3,1­3 bildet die Frage nach der wahren Zugehörigkeit zu Gott. Diese Frage dürfte in der Gemeinde sehr virulent gewesen sein. Im ersten und zweiten Kapitel des Briefes wird die Gemeindesituation deutlich spürbar, auch wenn wir heute nicht mehr genau nachvollziehen können, um welche Konflikte es sich handelte und welche Gegner der Verfasser vor Augen hatte. Das wichtigste Kriterium der Gotteserkenntnis war für den Verfasser die konkrete Praxis der Nächstenliebe. In dieser Praxis gipfeln die Gebote Gottes (2,7­8; 4,7­8.20f.). Die Nächstenliebe ist weniger der Beweis des Glaubens nach aussen. Sie ist eher ein Indikator der Nähe zu Gott für den Glaubenden ­ der Verfasser würde eher sagen: für den Gott erkennenden ­ selbst (2,3). Sie ist der Ernstfall der Gotteserkenntnis (2,9­11). Der erste Johannesbrief verrät aber auch eine Verunsicherung in Glaubensfragen vor dem Horizont einer heranbrechenden Endzeit (2,18ff.). Er spricht von der Erwartung des Antichristen (2,18) und davon, dass in der Gemeinde Menschen aufgetreten sind, die «die Wahrheit» verfälschen «und den Vater und den Sohn» leugnen (2,22; vgl. auch 4,2.14f.; 5,1.5.6.9­13). Es wird deutlich, dass das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, dem Sohn Gottes in der Gemeinde problematisch geworden und ­ vielleicht im Zusammenhang damit ­ die konkrete Praxis des Glaubens in den Hintergrund gerückt ist.
Die «Kinder Gottes» sind vor diesem Hintergrund diejenigen, die an ihrem Glauben an Jesus Christus, den Fleisch gewordenen Sohn Gottes, und an der Praxis der Nächstenliebe festhalten. Sie sind im geistlichen Sinne wahre Kinder Gottes, weil sie aus Gott gezeugt sind (2,29).1 Joh 5,1­2 fasst diesen Zusammenhang nochmals zusammen. 3,1­3 steht allerdings nicht unter dem Vorzeichen des Appells, sondern unter dem Vorzeichen des Geschenktseins. Diese enge ­ verwandtschaftliche ­ Beziehung zu Gott ist nicht unser Verdienst, sondern das Geschenk Gottes (3,1). Die Kinder Gottes, von denen in 3,1­2 die Rede ist, sind wahre Söhne und Töchter Gottes, auch wenn das in der momentanen Situation der Gemeinde noch nicht so offensichtlich ist. Das Sein der Kinder Gottes kommt vor ihrer Wirkung nach aussen.
Diese Unsicherheit über die Gotteskindschaft der Briefadressaten und -adressatinnen hat ihren Grund nicht allein in der turbulenten Situation der Gemeinde. Der Grund liegt tiefer, er liegt in Gott selbst und in seiner Heilsgeschichte. Die Welt (kosmos) erkannte Gott nicht. Das ist der Grund, weshalb auch die, die zu Gott gehören, nicht erkannt werden können (3,1). Die Zugehörigkeit zu Gott und die Bedeutung dieser Zugehörigkeit ist in dem Mass verschleiert, in dem Gott selbst noch nicht offenbar ist. Dieser Gedanke wird in 3,2 noch weiter geführt und zugespitzt: erst mit dem Offenbarwerden Gottes werden wir in vollem Ausmass Gottes Kinder, dann erst wird die Unsicherheit vollends vom Sein weggenommen. Wenn Gott ganz offenbar wird, werden wir ihn sehen. Dann werden wir ihm gleich/ähnlich werden (homoios). An diesem Punkt wird die Schöpfung zu ihrem Abschluss kommen: der letzten und endgültigen und unverstellten Schau Gottes entspricht für den Verfasser des ersten Johannesbriefes auch die letzte und endgültige Menschwerdung. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments, gibt den hebräischen Text von Gen 1,26 folgendermassen wieder: «Und Gott sprach: Wir werden einen Menschen nach unserem Bild und nach Ähnlichkeit (homoiosin) machen». Diese vollendende Gottesschau ist für den Verfasser des Briefes allerdings keine mystische Schau, die der Mensch in der Versenkung erlangen könnte, sondern sie steht noch aus. Die Gotteskinder leben aus der Hoffnung auf diese Schau (3,3). Das Leben aus dieser Hoffnung macht sie rein und dadurch mit Gott gemeinschaftsfähig.

Über den Text hinaus

Gotteskindschaft ist ein Geschenk. Sie ist notwendigerweise mehr Sein als Schein. Damit ist nicht gemeint, dass Glaube auf eine rein spirituelle Innerlichkeit beschränkt wird. Für den Verfasser des ersten Johannesbriefes ist genau das Gegenteil der Fall, wenn er immer wieder auf die Bedeutung der praktischen Nächstenliebe zu sprechen kommt. Die Wirklichkeit des Glaubenden und seiner Gemeinschaft wird in ihrer vollen Wahrheit und Bedeutung erst mit dem letzten Offenbarwerden Gottes sichtbar. Umgekehrt ist mit dieser Gotteskindschaft kein Staat zu machen. Gottes Kind zu sein bringt in dieser Welt kein soziales Prestige. Es gehört dazu, schief angeschaut zu werden. Das sollte uns in einer Zeit leerer werdender Kirchen zu denken geben: vielleicht können wir dann diesen Prozess auch als Chance begreifen. Gottes Kinder stehen wie Gott selbst unter einem eschatologischen Vorbehalt.

 

Der Autor: Hans A. Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, istBildungsleiter imHaus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).

Literatur: Johannes Beutler, Der erste Johannesbrief als Zeugnis der johanneischen Schule, in: Bibel und Kirche 53 (1998) 170­175; Hans-Josef Klauck, Der Erste Johannesbrief, (EKK XXIII/1), Zürich und Neukirchen 1991, 178­185.


Er-lesen

Lesen Sie den Text durch und streichen Sie die Wörter, die vorkommen, mit jeweils einer eigenen Farbe an. Finden Sie für diese Wörter jeweils drei bis vier Begriffe mit ähnlicher Bedeutung. -Notieren Sie sich die Wörter in grosser Schrift und gut lesbar auf Zettel.

Er-hellen

Welche Bedeutung hat das für uns als Christen und Christinnen, dass noch nicht offenbar geworden ist, was wir sein werden? Für uns selbst? Gegenüber Christen anderer Konfessionen oder gegenüber Menschen anderer Religionen?

Er-fahren

Verteilen Sie die Zettel mit den wichtigen Wörtern aus 1 Joh 3,1­3 so im Raum, dass ein Weg entsteht. Dabei müssen Sie sich nicht an die Reihenfolge des Vorkommens im Text halten. Probieren Sie unterschiedliche Reihenfolgen aus. Gehen Sie die verschiedenen dabei entstehenden Wegeab, indem Sie bei jedem Zettel stehen bleiben und Ihre Gedanken zum jeweiligen Begriff kommen lassen. Welche Wege entstehen in diesem Prozess? Welche Reihenfolge war die fruchtbarste. Fallen Ihnen Geschichten zu den jeweiligen Wegen ein?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003