16-17/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Frisch verliebte Menschen brauchen sich ihre Liebe nicht gegenseitig zu beweisen. Sie spüren ihr Verliebtsein unmittelbar, weil es gar nichts anderes gibt als die Geliebte oder den Geliebten. Bekanntlich währt der glückselige Zustand des Verliebtseins nicht das ganze Leben. Wie schwer dieser Prozess unter den Bedingungen des realen Lebens ist, davon sprechen die Scheidungsraten der Industrieländer eine deutliche Sprache. Taugt die Liebe zur Begründung einer tragfähigen Beziehung? Und was bedeutet das für das Gottesverhältnis, das der erste Johannesbrief als ein Liebesverhältnis zu begreifen versucht? Der Lesungstext dieser Woche kann einige Denkanstösse liefern.
1 Joh 2,15 besteht aus zwei Teilen, die auf den ersten Blick wenig
miteinander zu tun haben. 2,12 sprechen von Sünde und Sühne,
2,35a von Gotteserkenntnis und dem Halten der Gebote. Literarisch gehören
die Abschnitte nicht direkt zusammen. 2,12 würde besser in den
Zusammenhang der Verse 1,810 passen, 2,35 ist im Zusammenhang
mit 2,711 besser aufgehoben. Ich meine allerdings, dass diese Zusammenstellung
durchaus ihren Reiz hat, da sie uns auf den inneren Zusammenhang der ersten
beiden Kapitel des ersten Johannesbriefes führt.
Der Verfasser des so genannten ersten Johannesbriefes geht in 1,810
das Phänomen der Sünde pastoral und realitätsbezogen an:
«Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir
uns selbst in die Irre» (1,8). Auch wenn moderne westliche Menschen
heutzutage selten von Sündigkeit sprechen, bleibt der damit gemeinte
Sachverhalt dennoch eine zentrale Kategorie menschlicher Existenz. Sündhaftigkeit
meint nicht, dass der Mensch von Grund auf schlecht ist und sich ununterbrochen
schlecht machen soll. Die Erfahrung des Versagens gegenüber den nächsten
Menschen und der Umwelt gehört aber zum Menschen, und es ist wichtig,
diese Tatsache nicht zu übersehen und dazu zu stehen. Vielleicht lassen
sich hinter diesen Gedanken die Gegner des Briefschreibers vermuten, die
eine elitäre, perfektionistische Lesart christlichen Glaubens vertreten.
Der Verfasser des Textes beginnt in 2,1 fast so, als ob er vor seiner radikalen
Forderung, zu den Sünden zu stehen, etwas zurückschreckte. Wenn
er seinen «Kindern» beteuert, dass er schreibe, damit sie nicht
sündigen, so möchte er vermeiden, 1,810 als einen Freibrief
zur Sünde zu verstehen. Dass ihm im Gegenteil das Verhalten der Menschen
sehr wohl am Herzen liegt, verrät der zweite Abschnitt (2,35a).
2,12 vertritt ein anderes Anliegen: Ein Gefühl eigener Sündlosigkeit
und Vollkommenheit verfälscht den Blick auf die condition humaine,
aber auch auf die Wirklichkeit Jesu Christi. Die Kernbotschaft des Glaubens
an Jesus, den Christus, ist gerade das bedingungslose Ja Gottes zum unvollkommenen
Menschen und das solidarische Leiden des Gottessohnes am Kreuz (2,2). In
diesem Sinn kann er Christus als Für-Sprecher bzw. als Rechtsbeistand
(parakletos) deuten, ein Begriff, der im Neuen Testament nur noch im Johannesevangelium
begegnet und dort als «Geist der Wahrheit», als Beistand der
Jünger verstanden wird (Joh 14,16f.; 15,26; vgl. 16,7). Was erstaunen
kann, ist die universale Bedeutung dieses Geschehens. Nicht nur die Sünden
der «Erkennenden» werden im Christusereignis gesühnt, sondern
die Sünden des gesamten Kosmos (2,2). Die Gemeinde ist sich bewusst,
Teil eines weltumspannenden Zusammenhanges zu sein, auch wenn sie dieser
Welt (kosmos) keinen Eigenwert zubilligt (vgl. 1 Joh 2,1517; 4,46;
5,4.19).
Mit einem provokanten Gedanken eröffnet der zweite Abschnitt: «Wenn
wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben»
(2,3). Was ist damit gemeint?
«Erkennen» (ginoskein) begegnet in diesem Abschnitt mehrmals.
Ebenso das Verb «befolgen» (terein) bezogen auf «seine
Gebote» (V. 3.4) bzw. «sein Wort» (V. 5). Zweimal klingt
«Wahrheit» an (4.5). Im Abschnitt geht es um die «Erkenntnis
Gottes». Gemeint ist nicht ein philosophisches, spekulatives Erkennen.
Im Hintergrund steht der Begriff der Gotteserkenntnis in der hebräischen
Bibel. Er bedeutet eine grundsätzliche existenzielle Ausrichtung des
ganzen Menschen auf Gott hin (Jer 31,34). In der späteren Strömung
der Gnosis auch sie leitet sich vom Verb ginoskein ab wird das
mystische Erkennen des absolut jenseitigen Gottes zum Weg der Erlösung
des Menschen. Das Verhalten in einer als vorläufig und durch und durch
schlechten Welt wird gegenüber dieser erlösenden Erkenntnis nebensächlich.
Glauben wird in dieser Strömung zur Weltflucht. Diese Haltung lässt
sich auch in manchen esoterischen Strömungen innerhalb und ausserhalb
des modernen Christentums beobachten. Die Erkenntnis Gottes, von dem Joh
2,35 spricht, ist demgegenüber fest in der Praxis verankert. Dies
wird durch den wiederholten Verweis auf die Gebote (entolas) signalisiert.
Damit ist in erster Linie das Gebot der Liebe zu den Brüdern und Schwestern
gemeint (1 Joh 2,911; 3,1118; 4,11.12.20f.; 5,2). Wer diese Gebote
nicht hält, ist ein Lügner, die Wahrheit ist nicht in ihm (2,4).
In dem, der sie hält, ist die Liebe Gottes zu ihrer Vollendung gekommen
(2,5). Gotteserkenntnis und Gottespraxis sind für den Verfasser des
ersten Johannesbriefs untrennbar miteinander verbunden. In dieser Hinsicht
lebt auch hier das alttestamentliche Erbe weiter (vgl. etwa Hos 4,1f.).
1 Joh 2,3 geht einen Schritt weiter. Gemeint ist nicht nur, dass sich der
Glaube in Taten manifestieren muss. Mit dem Bild der Liebe gesprochen: Verliebtsein
ist trügerisch. Erst im täglichen Umgang der Partner/Partnerinnen
untereinander bewährt sich die Liebe. In dieser Praxis spürt die
Partnerin oder der Partner meine Liebe. Die Liebe wird darin aber auch für
mich konkret. Theologisch gesprochen: Ich selbst als Glaubender finde mein
Gottesverhältnis in meiner Haltung zum Nächsten. Gotteserkenntnis
ist gerade keine Flucht vor Mensch und Welt, sondern wird darin spürbar.
Der tiefere Zusammenhang, durch den die beiden Abschnitte verbunden sind, sind die Bande der Liebe, die für den Johannesbrief Gott und Mensch zusammenhalten. Diese Bande sind für den Verfasser des Textes asymmetrisch: Der unvollkommene und gebrochene Mensch weiss sich umfasst von der vergebenden Liebe Gottes, die ihren Ausdruck in der Person Jesu Christi gefunden hat. Umgekehrt hat der Mensch nur über sein Verhältnis zum Bruder und zur Schwester Zugang zu seiner «Gotteserkenntnis». Für den ersten Johannesbrief ist die Praxis des Menschen, sein Verhältnis zu anderen Menschen der Schlüssel für dessen eigenes Gottesverhältnis. Kann ich meine Nächsten nicht lieben, sollte mir das zu denken geben, dann stimmt etwas mit meiner Existenz nicht mehr. Theologisch ausgedrückt: Bin ich zur Nächstenliebe nicht fähig, lüge ich mir etwas vor, wenn ich mich für einen gläubigen Menschen halte. Das sollte jedem Christen und jeder Christin unabhängig von seiner Position und seinem Amt zu denken geben.
Der Autor: Hans Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Wolfgang Baur, 1., 2. und 3. Johannesbrief, Stuttgart, Verlag Katholisches Bibelwerk, 1991, 3550; Hans-Josef Klauck, «Die Liebe ist konkret oder: die Grenzen des Liebesgebots», in: Bibel und Kirche 53 (1998) 176182.
Lesen Sie den Text durch. Welcher Gedanke scheint Ihnen für sich der wichtigste zu sein? Notieren Sie den Satz auf ein Blatt und legen ihn vor sich auf den Boden. Begründen Sie in der Runde ihre Wahl.
«Gebote» sind für den ersten Johannesbrief ein sehr wichtiger Begriff. Er taucht im Brief immer wieder auf. Schlagen Sie die Stellen nach und notieren Sie auf ein grosses Blatt, was der Verfasser jeweils damit meint: 1 Joh 2,3.7.8; 3,22.23.24; 4,21; 5,2.3. Welche Bedeutungen des Wortes stellen Sie fest?
Nehmen Sie sich in der Gruppe eine halbe Stunde Zeit. Setzen Sie sich bequem hin oder legen Sie sich auf eine Wolldecke. Entspannen Sie sich. Jemand aus der Gruppe liest 1 Joh 2,3 mehrmals ruhig und langsam vor. Sprechen Sie im Anschluss an die Meditation über Ihre Assoziationen und Gefühle zum Vers.