15/2003

INHALT

Lesejahr B

Kommen sehen

Regula Grünenfelder zu Offb 1,5-8

 

Auf den Text zu

Für die meisten Menschen ist das letzte Buch der Bibel wirklich das Letzte, ein Buch mit sieben Siegeln. In einem grossen Drama werden bizarre Tiere vorgeführt. Dann geht die Welt unter, und die grossen Tiere, die Menschen und Schöpfung quälen, müssen einer neuen, heilen, befreiten Welt weichen. Befreiungstheologisch und feministisch ist dieses Buch wichtig. Die grossen Tiere werden entlarvt und Bilder gewagt für das, was wir uns so schlecht vorstellen können: eine Welt des Friedens.
Die wichtigste Person in diesem Drama ist Jesus Christus. Unsere Lesung stellt ihn den Leserinnen und Hörern am Anfang der Offenbarung vor. Wer ist Jesus Christus ­ in den Worten der Apokalypse?

Mit dem Text unterwegs

Unsere Lesung könnte ursprünglich ein liturgisches Gespräch gewesen sein. Es begann mit dem Eingangsgruss: Den Leserinnen und Hörern der Offenbarung wird Gnade und Frieden gewünscht, von «Ihm, der ist und der war und der kommt», den sieben Geistern vor dem Thron und von Jesus Christus. Bei der dritten Person bekennt der Autor Christus in einem liturgisch-politischen Manifest. Dieses Manifest ist die Lesung zum Gründonnerstag.
Jesus Christus ist zuerst der treue Zeuge. Das griechische Wort ­ martys ­ bezeichnet den Menschen, der deutlich ist in seinem Handeln und Reden, notfalls bis in den Tod. Die ganze Johannesoffenbarung zeugt davon, dass in der Gegenwart der grossen Tiere das Martyrium der Gläubigen eine bittere Realität war.
Jesus Christus wird zweitens als Erstgeborener der Toten bezeichnet. Auch diese Aussage hat direkt mit dem Leben der Adressaten und Adressatinnen zu tun. Wenn Christus der Erstgeborene ist, dann werden auch seine toten Geschwister aus dem Tod neu geboren werden.
Drittens ist Jesus Christus Herrscher über die Könige der Erde. Er gehört also nicht in die Sphäre einer neuen Anderswelt, sondern steht in einem Herrschaftsverhältnis mit den Herrschaften auf Erden.
Auf diese dreifache Bezeichnung Christi drückt die Gemeinde aus, dass sie sich geliebt weiss und zum Leben befreit.
Die Formulierung «und von unseren Sünden erlöst durch sein Blut» ist zumindest missverständlich. Im damaligen jüdisch-apokalyptischen Verständnis konnten Märtyrerinnen und Märtyrer Menschen erlösen. Durch den Blutpreis, den sie zahlten, wachten andere auf. Sie konnten die Opfer einer ungerechten Weltordnung sehen, wie sie das Imperium Romanum für die junge christliche Gemeinde um 95 n. Chr. war, und sich erst noch eine ganz andere, eine gerechte Welt vorstellen.
Auf dieses eindrücklich passiv formulierte Liebes- und Erlösungsbekenntnis wird den Glaubenden Macht zugesprochen. Auch hier bleibt die Formulierung passiv; das Wichtigste ist nicht machbar: Jesus Christus hat uns zu Königen und Königinnen, Priestern und Priesterinnen erhoben. Ein Volk aus Königen und Königinnen bedeutet, nein, nicht Chaos, sondern: ein ganzes Volk mit grosser Macht. Das Buch Exodus zitierend (Ex 19,6) wird auch die religiöse Macht demokratisch wahrgenommen. Priesterinnen und Priester vor Gott, dem Vater, sind deutliche Abweichler/Abweichlerinnen in einem Imperium, das Kaiser als Götter verehren lässt.
Das Bekenntnis zu diesen anderen Machtverhältnissen werden im abschliessenden Lob und Amen bekräftigt.
Nun fordert eine Erzählstimme dazu auf, zu sehen. Jesus Christus kommt auf den Wolken. Das ist keine Zukunftsvision, sondern Gegenwart für die Glaubenden, die sehen können. In Dan 7 ist es nach all den grossen Tieren der Menschensohn, der auf den Wolken kommt und die Macht übernimmt. Für die Menschen bedeutete dies: Endlich kommt einer, der regiert wie ein Mensch, nämlich menschlich!
Dieses gegenwärtige Kommen verdeutlicht die Gottesbezeichnung am Anfang und in Vers 8: Nicht Gott wird verehrt, der war und ist und sein wird, sondern Gott ist, war und kommt. Es geht hier zuerst um die Gegenwart, die aber ohne die Hoffnungen der Toten unkenntlich ist, und die Hoffnung geht auf Gott, der hereinbricht, um dem Leiden ein Ende zu machen.
Das gegenwärtige Kommen zu sehen ist den Glaubenden vorbehalten. Aber dann wird jedes Auge sehen. Auch jene werden nicht darum herumkommen, ihn zur Kenntnis zu nehmen, die ihn durchbohrt haben. Hier klingt Sach 12,10 an. Dieser Satz könnte ­ gerade in der Karwoche ­ zu einem antijudaistischen Missverständnis Anlass geben. Hier ist festzuhalten, dass nicht die Juden und Jüdinnen Jesus ermordet haben. Jesus ist am Kreuz als Aufständischer von römischen Soldaten exekutiert worden. Dass die Nutzniesser ihre faktische Entmachtung nicht kommen sehen wollen, leuchtet ein. Aber warum werden alle Völker klagen und jammern? In Sach 12,10 wird ein Geist des Mitleids und des Gebetes ausgegossen, der den Menschen die Augen öffnet für die Gewalttaten, die sie begangen und geduldet haben. Diese Totenklage um die Geopferten vereinigt nun nicht nur alle Sippen, sondern alle Völker.
Das A und O der Welt, der Herrscher über die ganze Schöpfung ist in der Apokalypse kein abstrakter oder fernheiliger Gott. Der Pantokrator wird in der Johannesoffenbarung immer im liturgischen Kontext und immer mit politischer Tönung angerufen. Es ist der Allherrscher, den die Menschen kommen sehen, die irdische Herrschaften als grosse Tiere erleben und fürchten müssen.

Über den Text hinaus

Man kann ihn kommen sehen, den Herrscher, der den Frieden bringt. Man kann aber auch die Augen verschliessen und riskiert dabei, dass es zu spät ist, wenn das Mitleid die Augen für die Menschenopfer öffnet. Man kann es mit den grossen Tieren halten. Man kann aber auch die Ermächtigung ernst nehmen und heute schon üben, König und Priesterin im Namen des menschlichen Allherrschers zu sein.

 

Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Pablo Richard, Apokalypse. Das Buch von Hoffnung und Widerstand. Ein Kommentar, Luzern 1996; Elisabeth Schüssler Fiorenza. Das Buch der Offenbarung. Vision einer gerechten Welt, Stuttgart 1994.


Er-lesen

Text vorlesen. Eindrücke austauschen. In verteilten Rollen nochmals lesen. Mögliche Widerstände gegen die Herrschaftssprache ernst nehmen: Die Liebe, der Opfertod und der Name des Pantokrators sind durch die Zeiten von weltlichen und kirchlichern Herren (zu) oft missbraucht worden.

Er-hellen

Impuls und Gespräch: Hintergrund der Johannesapokalypse aufzeigen: Verfolgung unter Kaiser Domitian. Verknüpfung von religiöser und politischer Macht im Widerstand beleuchten.

Er-leben

Passivität als Ausgangspunkt befreiten Lebens. Der Eingangsmeditation zum Gottesdienst den Zuspruch zu Grunde legen. Im Alltag eine Haltung einüben, die Christus gegenwärtig sieht als jener, der die Macht der Herren entlarvt und bricht: Gott ist, war und kommt!


Sicherheit im Osterglauben?

Detlef Hecking zu Apg 10,34a.37-43

 

Auf den Text zu

Der Glaube an die Auferweckung Jesu ist Kernbestandteil des Christentums ­ und doch so umstritten wie wenige andere Glaubensfragen. Die Auferweckung von den Toten will so gar nicht in unser aufgeklärt-esoterisches Zeitalter hineinpassen, und der traditionelle Hinweis auf das unbegreifliche Handeln Gottes vermag kritische Geister nur schlecht zu befriedigen. Die (fiktive) Predigt des Petrus in Apg 10, die als Lesung für den Ostersonntag vorgesehen ist, sucht keine rationale Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen. Sie will stattdessen Zuversicht vermitteln und im Auferstehungsglauben bestärken. Doch sie kann zugleich eine Tür zur Vielfalt frühchristlicher Ostererfahrungen aufstossen, in der sehr wohl auch tastendere, fragende Stimmen ihren Platz haben. Und diese kritische Auseinandersetzung mit dem Osterglauben ist gerade heute unabdingbar: Angesichts einer hegemonialen weltpolitischen Situation, die dem römischen Imperialismus des 1. Jh. n. Chr. nicht unähnlich ist, könnte die Hoffnung auf eine Auferstehung der Toten und die Entmachtung der Mächtigen neues, gesellschaftskritisches und glaubensvertiefendes Potential freisetzen.
Die übrigen neutestamentlichen Lesungen für die Osternacht und den Ostersonntag sind bereits früher an dieser Stelle ausgelegt worden: Röm 6,3­11 in SKZ 12/2002 und 25/2002, 1 Kor 5,6b­8 ebenfalls in SKZ 12/2002 und Kol 3,1­4 in SKZ 29­30/2001.

Mit dem Text unterwegs

Apg 10,34a.37­43 ist der Hauptteil einer Predigt, die Lukas dem Simon Petrus in den Mund legt. Die Predigt steht ­ nach Lukas ­ an einem einschneidenden Wendepunkt des Glaubens des Petrus. Petrus lernt in Apg 10 nämlich zu seiner eigenen Überraschung am Beispiel des römischen Hauptmanns Kornelius, dass Gottes Heil sich nicht nur auf toratreue Juden beschränkt (vgl. Sabine Bieberstein zur selben Lesung in SKZ 51­52/2001). Mit seiner Predigt will Petrus dem «heidnischen» Kornelius und seiner Familie nun einige Grundzüge des jüdisch-christlichen Glaubens nahe bringen. Eine anschliessende Geisterfahrung führt zur Taufe der ganzen Familie.
Lukas lässt Petrus in grosser Selbstverständlichkeit vom Leben, Tod und Auferweckung Jesu erzählen; die Ereignisse nach dem Tod Jesu klingen dabei genauso historisch-real wie die davor. Von der tief greifenden Verunsicherung, die Petrus noch kurz zuvor ergriffen hatte (vgl. Apg 10,9­23a), findet sich keine Spur mehr. Diese grosse, bergende Sprache des Glaubens passt gut zu dem Ziel, das Lukas sich gesteckt hat: Er will «Zuverlässigkeit» vermitteln, wie er schon in der Einleitung zu seinem Evangelium schreibt (Lk 1,4). Das griechische Wort aspháleia, das er dabei verwendet, hat dem «Asphalt» den Namen gegeben und löst weitere Assoziationen zum rhetorischen Programm des Lukas aus: festen Boden unter die Füsse für den Glauben! Und so setzt Lukas in seinem Evangelium und in der Apostelgeschichte seine ganze gläubige Schreibkunst daran, allfällige Zweifel an der Auferweckung Jesu zu zerstreuen. Bei Lukas zeigt sich der Auferstandene seinen Jüngerinnen und Jüngern sehr viel konkreter als bei Matthäus und Markus; er ist ­ wie auch bei Johannes ­ körperlich fassbar, ja er isst sogar mit ihnen. Die Predigt des Petrus in Apg 10 passt gut in dieses Programm: Auch sie lässt keine Zweifel erkennen. Dass Jesus auch schon vor seinem Tod Widerspruch erregte und Konflikte auslöste, dass ihn sogar seine Jüngerinnen und Jünger zeitweise nicht mehr verstanden und dass die Auferstehung keineswegs ein selbstverständliches Ereignis ist ­ von all dem lässt Lukas Petrus nicht erzählen. Der Tod Jesu wird nur als kurze, dreitägige Durchgangsstation gestreift; die Geschichte Jesu wird zur Erfolgsgeschichte, die von den Propheten vorherbezeugt (Apg 10,43) und von Gott vorherbestimmt ist (10,41). Für manche Menschen mag das glaubensfördernd sein. Doch das Unzeitgemässe, Widerständige im Leben Jesu gerät dadurch in den Hintergrund. Die Botschaft von der Auferweckung der Toten droht ihr gesellschaftskritisches Potential zu verlieren, kritische Fragen zur Auferstehung Jesu perlen an dieser narrativen Theologie ab. So glaubensfördernd die Predigt des Petrus für manche Menschen sein kann ­ bei vielen anderen dürfte sie mehr Fragen offen lassen als sie beantwortet.
Gut zu wissen, dass es neben der selbstverständlichen, Sicherheit vermittelnden Rhetorik des Lukas auch zur Zeit des Neuen Testaments ganz andere Wege gab, mit der Frage nach der Auferstehung umzugehen. Der Evangelist Markus ist in dieser Hinsicht zum Beispiel viel vorsichtiger. So vorsichtig sogar, dass Markus den Frauen am Grab zwar die Auferweckung Jesu ausrichten und ihnen ankündigen lässt, Jesus werde sich seinen Jüngerinnen und Jüngern in Galiläa zeigen ­ doch von einer tatsächlichen Begegnung erzählt Markus dann nichts. Erscheinungsberichte kennt das Markusevangelium nicht, die Begegnung mit dem Auferstandenen bleibt «Galiläa» vorbehalten. In Galiläa ­ das heisst: im Alltag der Jüngerinnen und Jünger, aus dem heraus Jesus sie zur Nachfolge eingeladen hatte, wird sich zeigen, ob Jesus tatsächlich weiterhin als Lebendiger unter ihnen wirkt. Ob die Auferstehung Jesu wahrhaftig stattfindet oder zur kraftlosen rhetorischen Leerformel wird, bleibt dem Leben und dem Alltag der Jüngerinnen und Jünger vorbehalten ­ jedenfalls im Markusevangelium. Erst ein späterer Redaktor hat, wohl weil ihm diese Auferstehungstheologie unzureichend erschien, in einem Zusatz (Mk 16,9­20) verschiedene Erscheinungsberichte zusammengefasst und an den ursprünglichen Schluss des Markusevangeliums angehängt.
Markus und Lukas ­ zwei Auferstehungstheologien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gegeneinander ausspielen sollte man sie nicht. Die selbstbewusste, lebendig und packend erzählte Perspektive des Lukas hat aber sehr viel mehr Eingang in Theologie und Liturgie gefunden als die suchende, verhaltenere des Markus. Und deshalb tut Gegensteuer Not. Denn die offenere Theologie des Markus, die interessierten und kritischen Fragen mehr Raum lässt, steht wohl vielen Menschen heute näher als die Theologie des Lukas, bei dem die Auferstehung bisweilen fast zur Selbstverständlichkeit wird. Das jedoch ist sie gerade nicht.

Über den Text hinaus

Manchmal müssen wir den Mund voll nehmen, wenn wir von unserem Glauben sprechen ­ gerade angesichts von Krieg und Not auf der Welt. So wie Lukas, der unter den Augen von Kaiser Domitian, zu dessen Titeln auch der Kyrios-Titel gehörte, vom wahren kyrios, Christus, erzählt. Lukas legt Petrus eine Predigt voller Selbstsicherheit und Glaubensüberzeugung in den Mund, die auch den Herren der Welt einen «Richter der Lebenden und der Toten» ankündigt (Apg 10,42). Gegen Diktatoren und Kriegstreiber hilft oft nichts anderes. In «alltäglicheren» Situationen dürfte aber vielfach die vorsichtigere Auferstehungstheologie des Markus angemessener sein, weil sie den Fragen und Zweifeln vieler Menschen heute vermutlich besser entspricht. Welcher dieser beiden Grundtöne in der Osterpredigt am Platz ist, ist wohl von Gemeinde zu Gemeinde verschieden.

 

Der Autor: Der Theologe Detlef Hecking ist als Präsident des Diözesanverbandes Basel Mitglied des Zentralvorstands des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Wilhelm Bruners, Und die Toten laufen frei herum. Ein Begleiter durch die österliche Zeit. Mit Bildern von Hans Krammer, Düsseldorf 1994.


Er-lesen, Er-hellen, Er-leben

Apg 10,34a.37­43 laut vorlesen. Nachklingen lassen, den inneren Bewegungen nachspüren. Dann Mk 16,1­8 vorlesen. Ebenfalls nachklingen lassen.
Anschliessend Austausch: Welche der beiden Auferstehungstheologien ist Ihnen ­ jetzt ­ näher? Welcher Text bringt Sie stärker in Bewegung, löst tiefere Fragen aus, regt Sie stärker zum Handeln an? In welchen Lebens- oder Glaubenssituationen würden Sie den jeweils anderen Text vorziehen?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003