14/2003

INHALT

Lesejahr B

Verzichten

Regula Grünenfelder zu Phil 2,6-11

 

Auf den Text zu

Das Lied, das zum Palmsonntag gehört, singt vom Kreuzestod eines Juden, der von der Militärmacht als Aufständischer hingerichtet wurde. Es singt vom Leben, von einem anderen Leben, das die Herren entlarvt. Es singt eine Welt herbei, die einen Herrn kennt, der loslassen kann und deshalb kein Leid über die Menschen bringen muss. Das frohe Lied ist eine Herausforderung an unseren Glauben, der ja von abgewischten Tränen und Brot für alle spricht, an unsere Sprache, die herrschaftskritisch sein muss, wenn sie unsere Lesung ernst nimmt, und an unsere Phantasie, vom Leben so zu sprechen, dass nicht Sachzwänge und Verlustangst regieren.

Mit dem Text unterwegs

Unser Text, ein Lied, stammt aus frühester Gemeindeliturgie. Es könnte das älteste Christuslied der Urkirche sein. Wahrscheinlich hat Paulus lediglich die Formulierung «bis zum Tod am Kreuz» eingefügt. Dieser Christus, der auf den allerhöchsten Status (Gott gleich sein!) verzichtet, wird bei Paulus zum Vorbild und zum Grund eines solidarischen und achtsamen Umgangs miteinander (12­18). «Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht», heisst es in der Einleitung zum Hymnus (5).
Aber Paulus wird diesen «Praxisbezug» nicht erfunden haben. Wenn es um einen Retter geht, der auf alle Macht verzichtet und den Foltertod von Sklaven, Sklavinnen und Aufständischen in Kauf nimmt, dann liegt die Zuwendung der Glaubenden zu den Ausgebeuteten und Gefolterten zumindest nahe.
Das Lied spricht zuerst von einem Urzustand. Die genaueren Umstände dieser Präexistenz bei Gott interessieren nicht. Sogleich entsteht Bewegung und Verwandlung durch Loslassen, nicht Festhalten. Die Bewegung führt in konkretes Menschenleben hinab. Dieser Mensch ruht nicht als Krone in einer guten Schöpfung. Er wird auch nicht als Idealmensch vorgeführt. Dieser Mensch ist von den politischen Umständen seiner Zeit gezeichnet, vom versklavten Leben und gewaltsamen Tod durch die Pax Romana. Dieser Mensch ist einer von sehr vielen.
«Gehorsam» ist ein wichtiges und immer schwieriges, weil missbrauchtes und missbrauchbares Wort. In diesem Lied bleibt (glücklicherweise) offen, wem oder was Gehorsam geschuldet wird ­ Gott? ­ der Absage an die Privilegien? ­ dem Verwandlungsweg?
Nach diesem aktiven Loslassen ändern sich die Kraftverhältnisse: Gott handelt jetzt und «übererhöht» nun dieses Häufchen Mensch über alle. Besungen wird dieser Weg zurück zu Gott oder in den Bereich der Privilegien im Bild einer kaiserlichen Throneinsetzung, die über drei Stationen verläuft: Präsentation (Erhöhung), Proklamation (Namensverleihung) und Akklamation (Kniebeuge und Bekenntnis).
Wie der Palmsonntagsbericht der Evangelien (Mk 11,1­10) bricht unser Lied selbstverständlich gewordene Werte: Da kommt einer auf dem Esel statt hoch zu Ross, heisst es in der Passionsgeschichte. Und im Philipperbrief: «Nicht als Beute für sich dachte er das Sein wie Gott» (Phil 2,6 in der Übersetzung von Fridolin Stier). Der Kyrios, der Herr, der loslassen kann, steht in einem provozierenden Kontrast zu den Herren, die sein wollen wie Gott und über Leben und Tod herrschen.
Angesichts der politischen Grossmacht Rom, die ihre Interessen in einer Weltordnung mit dem verführerischen und schönfärberischen Namen «Pax Romana» auf Kosten von zahllosen Menschen durchsetzte, war dieser Kontrast für die frühesten Gottesdienstgemeinden unmittelbar einsichtig, gefährlich, aber not-wendig. Dieser andere «Herr», ausgehend von unserem Lied und den Passionserzählungen der Evangelien, muss einer sein, der die gewalttätigen Macht-Nehmer und Macht-Haber entlarvt. Es muss einer sein, der weiss, was es heisst, beutegierigen Herren ausgeliefert zu sein. Ein Herr, der freiwillig loslässt ­ was für ein heilsamer Widerspruch! Er könnte auf die Normalität des Reiches Gottes hindeuten, in dem alle Menschen einander ihr Lebensrecht lassen.
Ausgehend von diesem uralten Christushymnus wäre unsere religiöse Sprache zu prüfen: Wo ähnelt unser «Herr» den mächtigen Herren der Welt? Da muss anders gesungen werden. Wie finden wir zu einer Sprache, die ausdrücken kann, dass Solidarität und Mitgefühl selbstverständlich ist? Die Bibel stellt uns dazu nicht nur die nötigen herrschaftskritischen Bilder zur Verfügung wie unser Hymnus, sondern auch viele Bilder vom guten Leben: Der blutbefleckte Soldatenmantel wird verbrannt ­ endgültig. Tränen werden abgewischt. Menschen und Tiere leben friedlich zusammen. Der Herr kommt auf dem Esel.

Über den Text hinaus

wer verspricht uns
nicht sieg unter einem himmel
der immer schöner schimmernden kampfflugzeuge
aber wenigstens tränen
wer stärkt uns
mit waffenlosigkeit
wer bittet für uns

(Dorothee Sölle)

 

Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Bernhard Mayer, Philipperbrief/Philemonbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 11), Stuttgart 1986; Dorothee Sölle, Das Fenster der Verwundbarkeit. Theologisch-politische Texte, Stuttgart 1987, S. 285 (aus dem Gedicht: als heinrich böll starb).


Er-hellen

Lied vorlesen, Eindrücke sammeln.

Er-lesen

Hin- und Rückweg miteinander nachzeichnen.
Fragen diskutieren, die den Kern des Liedes betreffen: Was ist ein Herr, der diesen Weg auf sich genommen hat? Haben wir überhaupt Bilder und ein Empfinden für einen herrschaftskritischen Herrn? ­ Oder ist er doch einfach einer von den gewohnten Herren, nur noch besser?
Ist das Wort «Herr» angesichts der Herren über Leben und Tod überhaupt noch zu brauchen?
Gibt es Bilder, die heute ausdrücken könnten, was damals mit dem Begriff «Herr» gemeint war und damals als konkrete Absage an die Pax Romana verstanden wurde?

Er-leben

Loslassen dort üben, wo ich Macht habe: Als Leiter in der Gemeinde, als Mutter in der Familie... Gemeinsam in der Karwoche ein Friedenszeichen setzen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003