13/2003 | |
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Lesejahr B |
Nach einem Vortrag in einer Gemeinde zum Markusevangelium bin ich darauf angesprochen worden, dass ich Jesus doch etwas zu menschlich beschrieben hätte und dadurch die eine oder den anderen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in ihren religiösen Gefühlen nicht ernst genommen hätte. Es werde heute von Jesus ohnehin nur noch als Mensch gesprochen. Wie aber sollte ein Mensch für uns heute noch Bedeutung haben? Diese Bemerkung hat mich sehr betroffen gemacht. Markus hat tatsächlich bewusst einen sehr menschlichen Jesus gezeichnet, um einer zu starken Vergeistigung Christi entgegenzuwirken. Wenn der Glaube zu vergeistigt ist, verlieren die Gläubigen leicht den Boden unter den Füssen bzw. die geschichtlichen Realitäten aus den Augen. Das ist gerade in einer Zeit, da man die Kriegserklärungen wieder mit dem Namen Gottes ziert, von entscheidender Bedeutung. Mit dem Hebräerbrief haben wir nun einen Text vor uns, der das Überzeitliche an der Wirklichkeit Jesu Christi hervorhebt. Hebr 5,710, die Lesung dieses Sonntags, erdet den Sohn Gottes in der Angst jedes Menschen vor einem gewaltsamen und sinnlosen Tod.
Um das Jahr 70 n. Chr. war der Jerusalemer Tempel zerstört worden,
und damit war auch der letzte Hohepriester arbeitslos geworden. Das rabbinische
Judentum, das sich als wichtigste und geschichtsmächtigste Strömung
des Judentums langsam durchsetzte, hatte weder für das Priestertum
noch für das Hohepriestertum eine Verwendung, solange der Tempel zerstört
war. Auch das Christentum, wie es sich vor allem in den heidenchristlichen
Gemeinden formte, hatte sich längst vom Kult und dem traditionellen
israelitischen Priestertum getrennt. Das hatte seine geschichtlichen Gründe.
Das traditionelle Priestertum mit dem Hohepriester an der Spitze hatte zwar
seit dem Exil eine wichtige Rolle für die religiöse und politische
Identität des Judentums innegehabt und für eine kurze Zeit sogar
eine Art Priesterkönigtum gebildet. Melchisedek, der Priesterkönig
von Salem, war daher eine Art Vorbild für diese religiös-politischen
Potentaten.
In den letzten beiden Jahrhunderten vor der Zerstörung des Tempels
hatte das Ansehen allerdings vor allem unter den Frommen stark gelitten.
Das Amt war zu einer käuflichen Institution der jeweiligen griechischen,
römischen oder jüdischen Machthaber geworden und war tief in die
politischen Intrigen der Zeit verstrickt. Dennoch hatte der Hohepriester
eine wichtige Funktion: Einmal im Jahr, am Versöhnungstag, dem Yom
Kippur, vollzog er die kollektive Versöhnung zwischen dem Volk und
Gott. Er war damit eine Art Scharnier, der die Beziehungen zwischen Gott
und Mensch sakramental wieder ins Lot brachte.
Auf diesem Hintergrund entwickelt der Hebräerbrief entstanden
am Ende des ersten Jahrhunderts seine Christologie. Für ihn ist
das, was durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi geschehen ist,
nur auf dem Hintergrund des Ersten Testaments versteh- und ausdrückbar.
Er versteht den Tod und die Auferstehung Jesu als Opfertod im Rahmen eines
einmaligen und definitiven Versöhnungstags (Hebr 9,1128) und Jesus
gleichzeitig als Opfer und als dessen hohepriesterlichen Darbringer. Gott
und Mensch sind endgültig miteinander versöhnt, und Jesus Christus
ist der ewige Hohepriester dieser Versöhnung. Dieses Priestertum steht
gleichzeitig in Kontinuität und Diskontinuität mit dem Alten Testament.
Der Verfasser des Hebräerbriefes findet dafür in der Gestalt Melchisedeks
das Vorbild. Er rekurriert damit auf eine rätselhafte Gestalt, die
im Ersten Testament nur an zwei Orten erscheint (Gen 14,1820; Ps 110,4),
die aber in frühjüdischer Zeit als eine Art himmlisches Wesen
verehrt wurde (vgl. 11Q Melchisedek) und die Menschen sehr faszinierte.
Als nichtisraelitischer König-Priester wurde er für christliche
Leser und Leserinnen eine ideale Identifikationsfigur.
In Hebr 5,7f. geht es aber noch um mehr. Es geht um die Frage nach den inneren
Gründen für das Hohepriestertum Jesu Christi. Auch diese Frage
geht der Verfasser zunächst über das ersttestamentliche Hohepriestertum
an. Für ihn liegt die innere Qualität des Amtes darin, dass der
Träger nicht jenseits aller menschlichen Erfahrungen steht, sondern
wesentliche menschliche Erfahrungen teilt: Er fühlt mit der Schwachheit
des Menschen mit, er wurde in Versuchung geführt (2,18; 5,15), er kennt
die Angst vor einem grausamen und sinnlosen Tod (5,7) und das Leiden (5,8).
Gerade weil er diese negativsten menschlichen Erfahrungen durchlebt hat,
wird er für Menschen relevant. Nur ein im Leben «geerdeter»
Christus kann für uns bleibende Bedeutung haben. 5,78 deuten diese
Angst Jesu vor seinem Tod intensiver und emotionaler als die Getsemani-Perikopen
der synoptischen Evangelien, möglicherweise ist der Blick auf die Traditionen
des leidenden Gerechten in der ersttestamentlichen Literatur erweitert (vgl.
Ps 39,13). Damit drückt das Schicksal Jesu eine Grunderfahrung aus,
die Israel in seiner Geschichte gemacht hat.
Der Verfasser bringt dies durch die beiden Begriffe des «Sohnes»
(5,8) bzw. des «Urhebers des ewigen Heils» (5,9) zum Ausdruck.
Was mit dem «Sohn» gemeint ist, faltet der Text in den Eingangskapiteln
aus: Durch ihn wurde die Welt erschaffen, und er ist zum Erben des Alls
eingesetzt (1,2), er trägt durch sein Wort das All (1,3). Dass dieser
umfassende Grund der Schöpfung und der Geschichte für die Menschen
und ihre Beziehung zu Gott Relevanz haben kann, hat seinen Grund in der
Solidarität des Sohnes mit den Geschöpfen (vgl. auch Hebr 2,17).
Erst im Durchgang durch das Leiden wird Jesus für uns relevant und
zum «Urheber des ewigen Heils» (5,9). Das Hohepriestertum Jesu
ist ein Priestertum der Solidarität.
Die Vorstellungen des Hebräerbriefes mögen für moderne Menschen mitunter sehr esoterisch erscheinen und dass Jesus als ewiger Hohepriester gedeutet wird, ist vor dem Hintergrund der Evangelien ein kühner Gedanke. Dieses Priestertum wird aber gerade nicht als etwas abgehobenes und welt-fremdes verstanden. Es hat sein Wesen gerade in seiner Weltlichkeit und seiner Boden-Ständigkeit. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist für Hebr 5,710 solidarisch mit dem Menschen in seiner Angst und seinem Leiden. Dadurch gewinnt er für uns Bedeutung. Denkt man während der Lektüre der Textstelle noch an die Erzählungen über den Menschen Jesus, wie sie in den Evangelien überliefert werden, lässt sich diese Erdung noch weiter verstärken. Die Solidarität Jesu mit den Menschen erweitert sich dann auch zu einer heilenden und beglückenden Solidarität. Jesus, wie es die Evangelien bekennen, zeigt seine Liebe zu den Menschen nicht nur in den negativen Aspekten des Menschseins, sondern zeigt auch Wege geglückten Lebens auf.
Der Autor: Hans Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).
Literatur: Franz Laub, Hebräerbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 14), Stuttgart 1988; Claus-Peter März, Hebräerbrief, (Die Neue Echter Bibel NT 16), Würzburg 21990.
Lesen Sie den Text, und gliedern Sie ihn in einzelne Gedankenschritte. Welche Denkbewegung verrät der Abschnitt? Welche Funktion haben die Zitate in den Versen 56 und 10 für den ganzen Text?
«Als er auf Erden lebte...» (Hebr 5,7). Der Hebräerbrief betont die Solidarität Jesu mit den Menschen in ihren negativen Erfahrungen. Sammeln Sie auf Plakaten die Assoziationen, die Sie mit dem Wirken Jesu verbinden und «ergänzen» Sie Hebr 5,78 entsprechend.
Nehmen Sie einen Satz oder ein Wort aus Hebr 5,710 mit in die Woche und nehmen Sie sich täglich einige Minuten Zeit, ihn zu meditieren.