13/2003

INHALT

Lesejahr B

Priestertum der Solidarität

Hans Rapp zu Hebr 5,7-9

 

Auf den Text zu

Nach einem Vortrag in einer Gemeinde zum Markusevangelium bin ich darauf angesprochen worden, dass ich Jesus doch etwas zu menschlich beschrieben hätte und dadurch die eine oder den anderen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in ihren religiösen Gefühlen nicht ernst genommen hätte. Es werde heute von Jesus ohnehin nur noch als Mensch gesprochen. Wie aber sollte ein Mensch für uns heute noch Bedeutung haben? Diese Bemerkung hat mich sehr betroffen gemacht. Markus hat tatsächlich bewusst einen sehr menschlichen Jesus gezeichnet, um einer zu starken Vergeistigung Christi entgegenzuwirken. Wenn der Glaube zu vergeistigt ist, verlieren die Gläubigen leicht den Boden unter den Füssen bzw. die geschichtlichen Realitäten aus den Augen. Das ist gerade in einer Zeit, da man die Kriegserklärungen wieder mit dem Namen Gottes ziert, von entscheidender Bedeutung. Mit dem Hebräerbrief haben wir nun einen Text vor uns, der das Überzeitliche an der Wirklichkeit Jesu Christi hervorhebt. Hebr 5,7­10, die Lesung dieses Sonntags, erdet den Sohn Gottes in der Angst jedes Menschen vor einem gewaltsamen und sinnlosen Tod.

Mit dem Text unterwegs

Um das Jahr 70 n. Chr. war der Jerusalemer Tempel zerstört worden, und damit war auch der letzte Hohepriester arbeitslos geworden. Das rabbinische Judentum, das sich als wichtigste und geschichtsmächtigste Strömung des Judentums langsam durchsetzte, hatte weder für das Priestertum noch für das Hohepriestertum eine Verwendung, solange der Tempel zerstört war. Auch das Christentum, wie es sich vor allem in den heidenchristlichen Gemeinden formte, hatte sich längst vom Kult und dem traditionellen israelitischen Priestertum getrennt. Das hatte seine geschichtlichen Gründe. Das traditionelle Priestertum mit dem Hohepriester an der Spitze hatte zwar seit dem Exil eine wichtige Rolle für die religiöse und politische Identität des Judentums innegehabt und für eine kurze Zeit sogar eine Art Priesterkönigtum gebildet. Melchisedek, der Priesterkönig von Salem, war daher eine Art Vorbild für diese religiös-politischen Potentaten.
In den letzten beiden Jahrhunderten vor der Zerstörung des Tempels hatte das Ansehen allerdings vor allem unter den Frommen stark gelitten. Das Amt war zu einer käuflichen Institution der jeweiligen griechischen, römischen oder jüdischen Machthaber geworden und war tief in die politischen Intrigen der Zeit verstrickt. Dennoch hatte der Hohepriester eine wichtige Funktion: Einmal im Jahr, am Versöhnungstag, dem Yom Kippur, vollzog er die kollektive Versöhnung zwischen dem Volk und Gott. Er war damit eine Art Scharnier, der die Beziehungen zwischen Gott und Mensch sakramental wieder ins Lot brachte.
Auf diesem Hintergrund entwickelt der Hebräerbrief ­ entstanden am Ende des ersten Jahrhunderts ­ seine Christologie. Für ihn ist das, was durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi geschehen ist, nur auf dem Hintergrund des Ersten Testaments versteh- und ausdrückbar. Er versteht den Tod und die Auferstehung Jesu als Opfertod im Rahmen eines einmaligen und definitiven Versöhnungstags (Hebr 9,11­28) und Jesus gleichzeitig als Opfer und als dessen hohepriesterlichen Darbringer. Gott und Mensch sind endgültig miteinander versöhnt, und Jesus Christus ist der ewige Hohepriester dieser Versöhnung. Dieses Priestertum steht gleichzeitig in Kontinuität und Diskontinuität mit dem Alten Testament. Der Verfasser des Hebräerbriefes findet dafür in der Gestalt Melchisedeks das Vorbild. Er rekurriert damit auf eine rätselhafte Gestalt, die im Ersten Testament nur an zwei Orten erscheint (Gen 14,18­20; Ps 110,4), die aber in frühjüdischer Zeit als eine Art himmlisches Wesen verehrt wurde (vgl. 11Q Melchisedek) und die Menschen sehr faszinierte. Als nichtisraelitischer König-Priester wurde er für christliche Leser und Leserinnen eine ideale Identifikationsfigur.
In Hebr 5,7f. geht es aber noch um mehr. Es geht um die Frage nach den inneren Gründen für das Hohepriestertum Jesu Christi. Auch diese Frage geht der Verfasser zunächst über das ersttestamentliche Hohepriestertum an. Für ihn liegt die innere Qualität des Amtes darin, dass der Träger nicht jenseits aller menschlichen Erfahrungen steht, sondern wesentliche menschliche Erfahrungen teilt: Er fühlt mit der Schwachheit des Menschen mit, er wurde in Versuchung geführt (2,18; 5,15), er kennt die Angst vor einem grausamen und sinnlosen Tod (5,7) und das Leiden (5,8). Gerade weil er diese negativsten menschlichen Erfahrungen durchlebt hat, wird er für Menschen relevant. Nur ein im Leben «geerdeter» Christus kann für uns bleibende Bedeutung haben. 5,7­8 deuten diese Angst Jesu vor seinem Tod intensiver und emotionaler als die Getsemani-Perikopen der synoptischen Evangelien, möglicherweise ist der Blick auf die Traditionen des leidenden Gerechten in der ersttestamentlichen Literatur erweitert (vgl. Ps 39,13). Damit drückt das Schicksal Jesu eine Grunderfahrung aus, die Israel in seiner Geschichte gemacht hat.
Der Verfasser bringt dies durch die beiden Begriffe des «Sohnes» (5,8) bzw. des «Urhebers des ewigen Heils» (5,9) zum Ausdruck. Was mit dem «Sohn» gemeint ist, faltet der Text in den Eingangskapiteln aus: Durch ihn wurde die Welt erschaffen, und er ist zum Erben des Alls eingesetzt (1,2), er trägt durch sein Wort das All (1,3). Dass dieser umfassende Grund der Schöpfung und der Geschichte für die Menschen und ihre Beziehung zu Gott Relevanz haben kann, hat seinen Grund in der Solidarität des Sohnes mit den Geschöpfen (vgl. auch Hebr 2,17). Erst im Durchgang durch das Leiden wird Jesus für uns relevant und zum «Urheber des ewigen Heils» (5,9). Das Hohepriestertum Jesu ist ein Priestertum der Solidarität.

Über den Text hinaus

Die Vorstellungen des Hebräerbriefes mögen für moderne Menschen mitunter sehr esoterisch erscheinen und dass Jesus als ewiger Hohepriester gedeutet wird, ist vor dem Hintergrund der Evangelien ein kühner Gedanke. Dieses Priestertum wird aber gerade nicht als etwas abgehobenes und welt-fremdes verstanden. Es hat sein Wesen gerade in seiner Weltlichkeit und seiner Boden-Ständigkeit. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist für Hebr 5,7­10 solidarisch mit dem Menschen in seiner Angst und seinem Leiden. Dadurch gewinnt er für uns Bedeutung. Denkt man während der Lektüre der Textstelle noch an die Erzählungen über den Menschen Jesus, wie sie in den Evangelien überliefert werden, lässt sich diese Erdung noch weiter verstärken. Die Solidarität Jesu mit den Menschen erweitert sich dann auch zu einer heilenden und beglückenden Solidarität. Jesus, wie es die Evangelien bekennen, zeigt seine Liebe zu den Menschen nicht nur in den negativen Aspekten des Menschseins, sondern zeigt auch Wege geglückten Lebens auf.

 

Der Autor: Hans Rapp, im Fach Judaistik promovierter Theologe, ist Bildungsleiter im Haus Gutenberg in Balzers (Fürstentum Liechtenstein).

Literatur: Franz Laub, Hebräerbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 14), Stuttgart 1988; Claus-Peter März, Hebräerbrief, (Die Neue Echter Bibel NT 16), Würzburg 21990.


Er-lesen

Lesen Sie den Text, und gliedern Sie ihn in einzelne Gedankenschritte. Welche Denkbewegung verrät der Abschnitt? Welche Funktion haben die Zitate in den Versen 5­6 und 10 für den ganzen Text?

Er-hellen

«Als er auf Erden lebte...» (Hebr 5,7). Der Hebräerbrief betont die Solidarität Jesu mit den Menschen in ihren negativen Erfahrungen. Sammeln Sie auf Plakaten die Assoziationen, die Sie mit dem Wirken Jesu verbinden und «ergänzen» Sie Hebr 5,7­8 entsprechend.

Er-fahren

Nehmen Sie einen Satz oder ein Wort aus Hebr 5,7­10 mit in die Woche und nehmen Sie sich täglich einige Minuten Zeit, ihn zu meditieren.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003