12/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Wer diesen Text liest und hört, kann aufatmen: Es ist die Gnade, die unser Leben bestimmt. Sogar die guten Werke, die wir tun, sind vorbestimmt. Wir können gut sein, weil wir in Gottes Güte hineinschlüpfen wie in bequeme Hosen. Fremd und zugleich vertraut an diesen Versen ist die Schwarzweissmalerei. Fremd ist die Abwertung des Lebens ohne Christus in einer nachchristlichen Welt: Tod wegen unserer Sünden, jetzt in Christus Leben und Rettung. Das klingt wie eine charismatische Erweckungspredigt. Ob die Freikirchen vielleicht doch näher an den Schriften sind? Nicht fremd, sondern erschreckend vertraut klingt dieser Kontrast zwischen Tod und Leben aus der politisch-militärischen Propaganda, die wir in diesen Tagen von zwei Seiten fast identisch hören. Wenn wir «Gott» und «Christus» ersetzen würden durch Namen von irdischen Heilsbringern, dann hätten wir für sie eine ebenso charismatische wie entlarvende Predigt entworfen. Wie kann man angesichts der heutigen Weltsituation so positiv vom bereits erfolgten Heilshandeln Gottes (Indikativ, präsentische Eschatologie) sprechen?
Der Autor oder die Autorin ja, es gab einflussreiche Frauen in
der frühen Kirche! schrieb den Brief im Namen des Apostels Paulus.
Diese Persönlichkeit war jüdischer Abstammung und lebte, lehrte
und schrieb wahrscheinlich in und um Ephesus. Die Empfänger und Empfängerinnen
waren wohl religiös in Mysterienkulten beheimatet, bevor sie zur christlichen
Kirche fanden. Auffällig an unserem Abschnitt ist der Wechsel zwischen
«wir/uns» und «ihr/euch». Der Wechsel leuchtet ein,
wenn die unterschiedlichen Herkünfte ernst genommen werden. «Ihr»
ist immer verbunden mit dem Gedanken der Gnade. Die Erlösungstat Gottes
in Christus gilt «uns» allen. Die Christen und Christinnen
heidnischer Herkunft gehören nun aus Gnade zu Gott, Menschen jüdischer
Herkunft schon vorher durch ihre Zugehörigkeit zum Bund am Sinai. Unterschiede
dürfen also sein; vielleicht müssen sie sogar benannt werden,
damit das Gemeinsame so gesagt werden kann, dass sich das Reden von der
Liebe Gottes nicht in Bevormundung kehrt.
Auffällig am Text ist die Zeitstruktur. Wir sind jetzt schon lebendig
gemacht und zusammen mit Christus auferweckt und zusammen auf den Thron
gestiegen in den Himmel. Mit Christus in die himmlischen Bereiche auferweckt
sein heisst: aufatmen dürfen, keine Angst mehr vor den Mächten
und Gewalten dieser Erde haben, in den Freiheitsraum Gottes versetzt sein.
Dabei geht es nicht (nur) um Hoch-Zeiten und Hoch-Stimmung. Es geht um gelingendes
Leben jetzt! Wer in diesen Freiraum der Liebe Gottes eintritt, kann
nicht anders, als selber eine Liebende, ein Liebender sein. Aufatmen dürfen
die Hörer und Leserinnen, weil sie sich nicht mehr um ihren guten Namen
bemühen und sich selber rühmen müssen. In diesem Freiraum
können sie das Gesicht gar nicht mehr verlieren, weil sie alle das
Antlitz Christi tragen. Dieser Ortswechsel in den Himmel und die Neuschöpfung
sind nicht etwas Zukünftiges, Jenseitiges, sondern eine Wirklichkeit,
die wir heute schon erfahren und Menschen zusprechen können.
Im antiken jüdischen Roman «Joseph und Arseneth» betet
Joseph um die Aufnahme seiner Liebsten, einer Heidin, in das Volk und den
Freiraum Gottes. Dieses Gebet zeigt, wie sinnlich und liebevoll diese Neuschöpfung
gemeint sein und erbittet werden kann.
«Herr, Gott meines Vaters Israel,
der Höchste, der Starke Jakobs,
der alles lebendig machte
und von der Finsternis in das Licht rief
und vom Irrtum in die Wahrheit
und vom Tod in das Leben,
du, segne diese junge Frau,
und erneuere sie mit deinem Geist,
forme sie neu mit deiner verborgenen Hand,
und mache sie lebendig mit deinem Leben,
und sie esse Brot deines Lebens
und trinke den Kelch deines Segens,
und zähle sie zu deinem Volk,
das du erwähltest,
bevor alles entstand,
und sie gehe hinein in deine Ruhe,
die du deinen Auserwählten bereitet hast,
und sie leben in deinem ewigen Leben bis in Ewigkeit.»(Übersetzung nach Theobald, 68).
Von charismatischen Gruppen wäre zu lernen, dieser Einladung in die Freiräume Gottes zu trauen: Gottes Liebe ist erfahrbar! Unser Text gibt uns Worte, die frohe Botschaft von der Gnade Gottes uns selber und anderen zu verkünden. Die Gnade Gottes ist radikal und revolutionär. Sie erlaubt Unterschiede zwischen Menschen und verlangt keine Gegenleistung. Wenn wir in die guten Werke hineinschlüpfen, dann passen sie und dürfen nicht mit unausgesprochenen Bedingungen beladen sein. Von diesem Freiraum aus zeigt sich, wo Vorsicht am Platz ist. Das Heil kann auch allzu gewiss sein in einer solchen präsentischen Eschatologie. Da muss vor allem, wenn sie sich in politischer Propaganda einschleicht vehement und deutlich widersprochen werden. Gott aber, so beginnt unser Text. «Gott aber» klingt wie ein kurzes Gebet, das Selbstverständlichkeiten und Sachzwänge aufbricht.
Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.
Einen Ort suchen, der den Übergang und die neue Schöpfung symbolisiert (Türschwelle, Seeufer, Berg, Altarraum in der Kirche...). Übung zum Ankommen anbieten, zum Beispiel durch Stille. Den Text vorlesen. Frage an die Hörerinnen und Hörer: Was habe ich gehört? Wie kommt der Text bei mir an? In den Arbeitsraum zurückkehren.
Textblatt verteilen, mit verschiedenen Farben die Begriffe kennzeichnen lassen, die zusammengehören (Wiederholungen und Oppositionen). In Gruppen die Botschaft des Textes in drei kurze Sätze fassen und auf grosse Papiere notieren. Im Plenum die Sätze vergleichen, besprechen. Offene Fragen zur Zeitstruktur oder zur antiken Schreib/Hörsituation sammeln und klären.
Das Gebet des Joseph beten. Einladen, gemeinsam einen «Freiraum Gottes» oder die «Ruhe Gottes» gestalten. Daraus könnte ein Raum für den Frieden werden vor oder in der Kirche.