11/2003

INHALT

Lesejahr B

Ein Lob der Torheit?

Dieter Bauer zu 1 Kor 1,22-25

 

Auf den Text zu

Überall, wo Menschen sich zu Gemeinschaften zusammenfinden, gibt es auch Konflikte: in Politik und Gesellschaft, in Vereinen und auch in der Kirche. Jeder, der mit viel ehrenamtlichem Engagement schon in Vereinen oder Kirchengemeinden mitgearbeitet hat, weiss ein Lied davon zu singen: Auch dort gibt es Rivalitäten, Eifersüchteleien, Verteilungskämpfe um bestimmte «Ämter», oft auch regelrechtes Mobbing. Und, was fast am schlimmsten ist: Gerade im Zusammenhang mit der Kirchengemeinde scheinen Verletzungen oft tiefer zu gehen, als in anderen Gruppierungen ­ wahrscheinlich, weil die Ideale so hoch gehängt werden nach dem Motto: Eigentlich dürfte es bei uns ja keinen Streit geben. Genau das zeigt aber erfahrungsgemäss eher die gegenteilige Wirkung: Es knallt ganz gewaltig!

Mit dem Text unterwegs

Auch der Apostel Paulus weiss davon ein Lied zu singen. In seinen eigenen Gemeinden gab es unablässig Streit, wie wir aus seinen Briefen erfahren, die oft diesen Streit zu schlichten versuchten. Die Korinther zum Beispiel fochten nach seinem Weggang ­ er hatte die Gemeinde gegründet und war eineinhalb Jahre später weitergezogen ­ einen harten Konkurrenzkampf aus. Es gab Fraktionen (1 Kor 1,12): Die einen hielten die Erinnerung an Paulus hoch und fühlten sich als seine «Sachwalter». Ich stelle mir das so ähnlich vor, wie wenn heute Leute zum «alten Pfarrer» halten und damit dem neuen das Leben schwer machen. Andere natürlich hielten es mit dem Nachfolger des Paulus als Gemeindeleiter, mit Apollos. Und wieder andere hielten sich an Petrus, warum, wissen wir nicht. Ob Petrus auf seinen Missionsreisen auch einmal in Korinth gewesen war, ist Spekulation. Vielleicht sammeln sich um seinen Namen aber auch Judenchristen, die von der palästinischen Tradition geprägt sind.
Paulus jedenfalls hält nichts von diesen Auseinandersetzungen. Er hält diese Art von «Personenkult» schlicht für anmassend: «Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?» (1,13) Er sieht seine Aufgabe auch nicht darin, irgendwelche Fanclubs zu gründen, in welche die Menschen durch eine persönliche Taufe durch ihn aufgenommen würden, sondern darin, «das Evangelium zu verkünden.» Dies wiederum tut er auf seine ganz besondere Art: «nicht mit gewandten und klugen Worten» (1,17). Was soll das nun wieder heissen?
Paulus spricht hier ein ganz persönliches Problem an: seine Redegabe. Offensichtlich war Paulus alles andere als ein gewandter Redner. Das mag uns erstaunen, kennen wir doch seine brillanten Briefe. Aber ein guter Briefeschreiber muss noch lange kein guter Redner sein. Genau dies machen ihm aber manche zum Vorwurf: «Ja, die Briefe (...), die sind wuchtig und voll Kraft, aber sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind armselig» (2 Kor 10,10). Apollos hingegen scheint ein begnadeter Redner gewesen zu sein, geschult in der Weisheitsphilosophie Alexandriens (Apg 18,24ff.), der sicher viele Gemeindemitglieder fasziniert hat.
Paulus nun lässt sich auf diese Konkurrenz gar nicht direkt ein. Er argumentiert grundsätzlich: Würde das Evangelium «mit gewandten und klugen Worten verkündet», das heisst gewänne es seine Überzeugungskraft aus seiner Klugheit und Vernünftigkeit, dann brächte das «das Kreuz Christi um seine Kraft». Worauf will Paulus hinaus?
Er sagt: Die Botschaft vom Kreuz ist ganz und gar «unvernünftig». Und wer etwas anderes behauptet, hat sie nicht verstanden. Wer klug und weise da stehen möchte, hat von der Botschaft nichts kapiert. Gott offenbart sich nicht in den Klugen, Weisen und Starken, sondern in den Schwachen. Das mag paradox sein und sehr «unvernünftig» klingen, aber das ist die feste Überzeugung des Paulus: «wenn ich schwach bin, so bin ich stark» (2 Kor 12,10).
Diese Lebenserfahrung des Paulus, der nicht nur unter seiner mangelnden Redegabe, sondern auch furchtbar unter einer uns nicht näher bekannten Krankheit gelitten haben muss, wird von ihm ins Grundsätzliche gewendet: «Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft» (1 Kor 1,18).
In diesem Zusammenhang steht unser heutiger Lesungstext: «Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit» (1,22­24).
Dass die Verkündigung eines Gekreuzigten als Messias für die Juden ein Ärgernis sein musste, war klar. Für sie galten Gekreuzigte als von Gott Verdammte (Dtn 21,23; 2 Kor 5,21; Röm 8,3). Dass der Lebensweg Jesu durch Leiden und Sterben ihn als Messias beglaubigen könne, war auch für seine eigenen Jünger unverständlich gewesen (Mk 8,29­33).
Und dass die Griechen mit dieser Botschaft nichts anzufangen wussten, hatte Paulus am eigenen Leibe erfahren. Nach der Erzählung der Apostelgeschichte (Apg 17,18) blitzte er in der alten Metropole griechischer Philosphie schlichtweg ab: «Was will denn dieser Schwätzer?».
Paulus ficht das nicht an. Er ist überzeugt, und zwar aus eigener Erfahrung, dass das «Schwächliche» seiner Verkündigung und seines persönlichen Auftretens nichts mit der Schwäche an Argumenten oder Vernunft in seiner Botschaft zu tun hat, sondern dass das Gegenteil der Fall ist: «Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen» (1 Kor 1,25).

Über den Text hinaus

Paulus hat Jesus nicht persönlich gekannt. Und wir wissen nicht einmal, ob er viel vom Leben Jesu von Nazaret gewusst hat. In seinen Briefen jedenfalls kommt er höchst selten auf den Menschen Jesus zu sprechen. Und doch geht Paulus sein Leben in derselben Konsequenz bis zum Ende wie der Prophet aus Nazaret. Was für die anderen den Wert des Lebens ausmacht, Macht und Anerkennung durch Reichtum und Bildung, gilt ihm nichts. Er verkündet und lebt das Paradox, dass die Letzten die Ersten sein werden, dass die Kinder das Gottesreich erben werden, dass die Armen, Hungernden und Trauernden selig zu preisen sind, weil sie vor Gott nichts vorzuweisen haben ausser sich selbst. Der Glaube weiss: Das genügt.
Aber: Eine solche Lebensmaxime gilt auch heute noch ­ auch in unserem gerade wieder viel beschworenen christlichen Abendland ­ als unvernünftig. Und wer sie konsequent zu leben versucht, wird die Konsequenzen tragen müssen: für dumm und unvernünftig erklärt zu werden, an den Rand gedrängt und marginalisiert mit allen anderen Armen, Hungernden und Trauernden. Dort aber war der Ort, wo Jesus seine Freundinnen und Freunde suchte. Mich macht das nachdenklich.

 

Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 7), Würzburg 1987.


Er-lesen

Sprechen Sie miteinander darüber: Wie wird in Ihrer Gemeinde mit Konflikten umgegangen? Wer hat das Sagen, wer nicht?

Er-hellen

Miteinander 1 Kor 1,10­17 lesen. Worin besteht der Konflikt in Korinth? Was tadelt Paulus? Welche Argumente hat er? Dann 1 Kor 1,18­25 hinzunehmen: Wie kann Schwachheit Stärke sein?

Er-leben

Suchen Sie miteinander Jesusworte oder -erzählungen, in denen das von Paulus Gesagte ebenfalls zum Ausdruck kommt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003