11/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Überall, wo Menschen sich zu Gemeinschaften zusammenfinden, gibt es auch Konflikte: in Politik und Gesellschaft, in Vereinen und auch in der Kirche. Jeder, der mit viel ehrenamtlichem Engagement schon in Vereinen oder Kirchengemeinden mitgearbeitet hat, weiss ein Lied davon zu singen: Auch dort gibt es Rivalitäten, Eifersüchteleien, Verteilungskämpfe um bestimmte «Ämter», oft auch regelrechtes Mobbing. Und, was fast am schlimmsten ist: Gerade im Zusammenhang mit der Kirchengemeinde scheinen Verletzungen oft tiefer zu gehen, als in anderen Gruppierungen wahrscheinlich, weil die Ideale so hoch gehängt werden nach dem Motto: Eigentlich dürfte es bei uns ja keinen Streit geben. Genau das zeigt aber erfahrungsgemäss eher die gegenteilige Wirkung: Es knallt ganz gewaltig!
Auch der Apostel Paulus weiss davon ein Lied zu singen. In seinen eigenen
Gemeinden gab es unablässig Streit, wie wir aus seinen Briefen erfahren,
die oft diesen Streit zu schlichten versuchten. Die Korinther zum Beispiel
fochten nach seinem Weggang er hatte die Gemeinde gegründet und
war eineinhalb Jahre später weitergezogen einen harten Konkurrenzkampf
aus. Es gab Fraktionen (1 Kor 1,12): Die einen hielten die Erinnerung an
Paulus hoch und fühlten sich als seine «Sachwalter». Ich
stelle mir das so ähnlich vor, wie wenn heute Leute zum «alten
Pfarrer» halten und damit dem neuen das Leben schwer machen. Andere
natürlich hielten es mit dem Nachfolger des Paulus als Gemeindeleiter,
mit Apollos. Und wieder andere hielten sich an Petrus, warum, wissen wir
nicht. Ob Petrus auf seinen Missionsreisen auch einmal in Korinth gewesen
war, ist Spekulation. Vielleicht sammeln sich um seinen Namen aber auch
Judenchristen, die von der palästinischen Tradition geprägt sind.
Paulus jedenfalls hält nichts von diesen Auseinandersetzungen. Er hält
diese Art von «Personenkult» schlicht für anmassend: «Wurde
etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus
getauft worden?» (1,13) Er sieht seine Aufgabe auch nicht darin, irgendwelche
Fanclubs zu gründen, in welche die Menschen durch eine persönliche
Taufe durch ihn aufgenommen würden, sondern darin, «das Evangelium
zu verkünden.» Dies wiederum tut er auf seine ganz besondere
Art: «nicht mit gewandten und klugen Worten» (1,17). Was soll
das nun wieder heissen?
Paulus spricht hier ein ganz persönliches Problem an: seine Redegabe.
Offensichtlich war Paulus alles andere als ein gewandter Redner. Das mag
uns erstaunen, kennen wir doch seine brillanten Briefe. Aber ein guter Briefeschreiber
muss noch lange kein guter Redner sein. Genau dies machen ihm aber manche
zum Vorwurf: «Ja, die Briefe (...), die sind wuchtig und voll Kraft,
aber sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind armselig»
(2 Kor 10,10). Apollos hingegen scheint ein begnadeter Redner gewesen zu
sein, geschult in der Weisheitsphilosophie Alexandriens (Apg 18,24ff.),
der sicher viele Gemeindemitglieder fasziniert hat.
Paulus nun lässt sich auf diese Konkurrenz gar nicht direkt ein. Er
argumentiert grundsätzlich: Würde das Evangelium «mit gewandten
und klugen Worten verkündet», das heisst gewänne es seine
Überzeugungskraft aus seiner Klugheit und Vernünftigkeit, dann
brächte das «das Kreuz Christi um seine Kraft». Worauf
will Paulus hinaus?
Er sagt: Die Botschaft vom Kreuz ist ganz und gar «unvernünftig».
Und wer etwas anderes behauptet, hat sie nicht verstanden. Wer klug und
weise da stehen möchte, hat von der Botschaft nichts kapiert. Gott
offenbart sich nicht in den Klugen, Weisen und Starken, sondern in den Schwachen.
Das mag paradox sein und sehr «unvernünftig» klingen, aber
das ist die feste Überzeugung des Paulus: «wenn ich schwach bin,
so bin ich stark» (2 Kor 12,10).
Diese Lebenserfahrung des Paulus, der nicht nur unter seiner mangelnden
Redegabe, sondern auch furchtbar unter einer uns nicht näher bekannten
Krankheit gelitten haben muss, wird von ihm ins Grundsätzliche gewendet:
«Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber,
die gerettet werden, ist es Gottes Kraft» (1 Kor 1,18).
In diesem Zusammenhang steht unser heutiger Lesungstext: «Die Juden
fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen
Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis,
für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen,
Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit» (1,2224).
Dass die Verkündigung eines Gekreuzigten als Messias für die Juden
ein Ärgernis sein musste, war klar. Für sie galten Gekreuzigte
als von Gott Verdammte (Dtn 21,23; 2 Kor 5,21; Röm 8,3). Dass der Lebensweg
Jesu durch Leiden und Sterben ihn als Messias beglaubigen könne, war
auch für seine eigenen Jünger unverständlich gewesen (Mk
8,2933).
Und dass die Griechen mit dieser Botschaft nichts anzufangen wussten, hatte
Paulus am eigenen Leibe erfahren. Nach der Erzählung der Apostelgeschichte
(Apg 17,18) blitzte er in der alten Metropole griechischer Philosphie schlichtweg
ab: «Was will denn dieser Schwätzer?».
Paulus ficht das nicht an. Er ist überzeugt, und zwar aus eigener Erfahrung,
dass das «Schwächliche» seiner Verkündigung und seines
persönlichen Auftretens nichts mit der Schwäche an Argumenten
oder Vernunft in seiner Botschaft zu tun hat, sondern dass das Gegenteil
der Fall ist: «Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen,
und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen» (1 Kor
1,25).
Paulus hat Jesus nicht persönlich gekannt. Und wir wissen nicht
einmal, ob er viel vom Leben Jesu von Nazaret gewusst hat. In seinen Briefen
jedenfalls kommt er höchst selten auf den Menschen Jesus zu sprechen.
Und doch geht Paulus sein Leben in derselben Konsequenz bis zum Ende wie
der Prophet aus Nazaret. Was für die anderen den Wert des Lebens ausmacht,
Macht und Anerkennung durch Reichtum und Bildung, gilt ihm nichts. Er verkündet
und lebt das Paradox, dass die Letzten die Ersten sein werden, dass die
Kinder das Gottesreich erben werden, dass die Armen, Hungernden und Trauernden
selig zu preisen sind, weil sie vor Gott nichts vorzuweisen haben ausser
sich selbst. Der Glaube weiss: Das genügt.
Aber: Eine solche Lebensmaxime gilt auch heute noch auch in unserem
gerade wieder viel beschworenen christlichen Abendland als unvernünftig.
Und wer sie konsequent zu leben versucht, wird die Konsequenzen tragen müssen:
für dumm und unvernünftig erklärt zu werden, an den Rand
gedrängt und marginalisiert mit allen anderen Armen, Hungernden und
Trauernden. Dort aber war der Ort, wo Jesus seine Freundinnen und Freunde
suchte. Mich macht das nachdenklich.
Der Autor: Dieter Bauer leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar, NT 7), Stuttgart 1993; Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Neue Echter Bibel, NT 7), Würzburg 1987.
Sprechen Sie miteinander darüber: Wie wird in Ihrer Gemeinde mit Konflikten umgegangen? Wer hat das Sagen, wer nicht?
Miteinander 1 Kor 1,1017 lesen. Worin besteht der Konflikt in Korinth? Was tadelt Paulus? Welche Argumente hat er? Dann 1 Kor 1,1825 hinzunehmen: Wie kann Schwachheit Stärke sein?
Suchen Sie miteinander Jesusworte oder -erzählungen, in denen das von Paulus Gesagte ebenfalls zum Ausdruck kommt.